Kantönligeist-Passepartout

Heute Nachmittag fand im Departement des Innern die symbolische Schlüsselübergabe von Pascal Couchepin an Didier Burkhalter statt. Es war ein Schlüssel, welcher Didier Burkhalter als frisch gewählter Bundesrat erhielt.

Doch eigentlich sollte er nebst seinem Büro-Schlüssel noch 26 andere erhalten, je einen pro Kanton – oder aber man gibt ihm einen Passepartout. Denn als neuer Gesundheitsminister steht er auch vor der Herausforderung, dem Kantönligeist im Gesundheitswesen entgegenzutreten.

Gesundheit ist kantonsgrenzenlos

Gesundheit kennt nämlich keine Kantonsgrenzen. Wir nehmen letztere auch kaum mehr wahr. Darum befremdet auch heute noch die Erwähnung «Behandlung im Wohnkanton» in der Versicherungspolice für die Grundversicherung, so als ob es darauf ankommt, wo man ein Bein bricht und sich dafür behandeln lässt.

Doch ja, es kommt tatsächlich darauf, denn für den Zusatz «in Schweizer Spitäler» braucht es auch eine Zusatz-Versicherung – auch wenn das nächstgelegene Spital in einem anderen Kanton liegt. Dass die Mobilität vieler Bürgerinnen und Bürger dieser Unterscheidung nicht Rechnung trägt, wurde bis anhin sträflich vernachlässigt.

Das ist Kantönligeist pur. Eigentlich fehlt dazu nur noch, dass an den Kantonsgrenzen jeweils steht: «Sie verlassen hier das Abdeckungsgebiet Ihrer Grundversicherung. Weiterfahrt auf eigene Gefahr und Rechnung! Ihr kantonaler Gesundheitsdirektor.»

Die grossen «Brocken»

Gemäss dem Krankenkassen-Dachverband santésuisse fallen vier Fünftel der Kosten in der Grundversicherung bei den Spitälern, den Medikamenten und den Ärzten an. Im Gegensatz dazu entfallen nur gerade 2,2 Prozent auf Laboratorien. Da erscheint es schon wie «Pflästerli-Politik», wenn der Bundesrat die Tarife für Labor-Untersuchungen senkt und damit glaubt, einen grossen Wurf erzielt zu haben.

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Relevanter dürften die grossen Kostenblöcke sein. Die rechte Mehrheit des Parlaments hat mit ihrer kürzlich entschiedenen Verweigerung für Parallelimporte von Medikamenten zugunsten tieferer Prämien dem teuren Gesundheitswesen einen Bärendienst erwiesen. Dies ist umso unverständlicher, als dass Parallelimporte für andere Produkte seit dem 1. Juli dieses Jahres zulässig sind.

Tiefere Prämien bei ausserkantonaler Behandlung

Und im Spitalbereich tut sich zwar etwas, aber offensichtlich nicht genug, denn gemäss santésuisse stiegen die Spitalkosten im 2008 um satte 12 Prozent auf 3,6 Mia. Franken an. Interessant hierbei ist, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Prämienhöhe und Ort des behandelnden Spitals. Diesen sieht man aus den folgenden beiden Grafiken sehr gut:

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Fazit: Je mehr Behandlungen ausserhalb des Wohnkantons stattfinden, desto günstiger die Prämien. Die Durchschnittsprämie eines Erwachsenen ab 26 Jahre waren in den Kantonen Appenzell Innerhoden, Nidwalden und Obwalden am günstigsten. Sie gehören auch zu denjenigen, welche sich am häufigsten ausserkantonal behandeln liessen.

Genau umgekehrt das Bild für die Berner, Tessiner und Genfer: Sie zahlen die höchsten Prämien, lassen sich aber auch am häufigsten im eigenen Kanton behandeln.

Heisst das nun, dass die Ortsansässigen an die Behandlung der ausserkantonalen Patienten mitzahlen?

Diese Frage ist wohl zu bejahen. Schuld daran haben jedoch nicht die ausserkantonalen Patienten, sondern die Sicht- und Rechnungsweise nach Kantonen. Würden die Kantonsgrenzen im Gesundheitswesen fallen und stattdessen vielmehr logische Einzugsgebiete definiert, dürften die Kosten gerechter verteilt werden.

Schliessung – oder Spezialisierung

Grund für die tieferen Prämien in den genannten Kantone könnte auch sein, dass das spielt, was eigentlich mit dem aktuellen Krankenversicherungsgesetz (KVG) erreicht werden wollte: Tiefere Kosten dank Konkurrenz. Denn in der Regel trägt der Versicherte einen Selbstbehalt.

So wird er sich – wenn er schon nicht im eigenen Kanton behandelt werden kann – sicher eher ein Spital aussuchen, welches die gleiche Leistung günstiger erbringt. Das hat nicht mit Preis-Dumping zu tun, sondern mit einer besseren Auslastung und damit einer besseren Rentabilisierung der vor allem teuren technischen Geräte. Das hat aber auch mit erfahrenerem und damit «effizienterem» Personal dank häufigeren Behandlungen zu tun. Dieses weiss eher, wie es welches Leiden am besten behandeln muss.

Die Appenzell Innerhoder, als Beispiel, sind nicht unbedingt weniger häufiger krank und werden für bestimmte Leiden nicht überhaupt nicht behandelt. Sie sind – um es salopp auszudrücken – einfach nur intelligenter, weil sie selber nicht jede (teure) Abteilung für irgendeine Spezialbehandlung im eigenen Kanton haben müssen…

Dass die Spezialisierung für gewisse Behandlungen auf einzelne Orte Wirkung auf die Kosten zeigt, beweist auch dieses innerkantonale Beispiel aus dem Wallis («Schweiz Aktuell»-Beitrag vom 21. Oktober 2009):


 
Immerhin: Wie bereits erwähnt tut sich langsam etwas. So diskutieren die Kantone Luzern und Nidwalden darüber, ob und wie sie die Spitäler zusammenlegen können. Es bleibt zu hoffen, dass andere Kantone sie nachahmen mögen.

Per Ende 2007 gab es 130 allgemeine Krankenhäuser und 191 Spezialkliniken. Daher überrascht es auch nicht, dass auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) fordert, es bräuchte 100 Spitäler weniger:

Allerdings: Das BAG hat hier nichts zu vermelden. Die Spitäler sind Angelegenheit der Kantone…

Züri Geschnetzeltes aber kein Züri H1N1-Virus

Übrigens, die H1N1-Grippe kennt weder Kantonsgrenze noch weiss sie, was Föderalismus ist. Den entsprechenden Viren ist es ziemlich egal, ob der Infizierte ein Bündner, Solothurner oder Waadtländer ist.

Trotzdem gibt es 26 Pandemie-Pläne, je einen pro Kanton. Das heisst, 26mal hat sich eine kantonale Behörde mit der Frage auseinandergesetzt, wie dieser Grippe auf den Leib zu rücken ist – oder besser gesagt von ihr abgerückt werden kann. Die Kosten für dieses «26mal» tauchen dabei nicht auf der Prämien-, dafür aber in der Steuerrechnung auf…

Sinnvoll ist das nicht. Aber eine Änderung zu verlangen ist unpopulär, denn es könnten ja Arbeitsplätze gefährden werden. Und mit dem Image eines Arbeitsplatzkillers gewinnt man keine nächsten Wahlen. Eine Verlagerung der Arbeitsplätze in andere, sinnvollere Bereiche kommt allerdings auch niemanden in den Sinn.

Gleicher Tabak – unterschiedliche Schädlichkeit?

Jüngstes Beispiel für den Kantönligeist im Gesundheitswesen ist das Rauchverbot. Da erlässt der Bund ein Gesetz mit Mindeststandards zum Schutz vor dem Passiv-Rauchen, währenddem bereits die meisten Kantone eine entsprechende Gesetzgebung haben, welche zum Teil noch weiter geht.

Fragwürdig ist hierbei nicht, dass es ein Bundesgesetz gibt, sondern dass es unzählige kantonale Gesetzgebungen gibt. Das schreit danach, an den Kantonsgrenzen ähnlich grosse Tafeln anzubringen, wie wir sie von den Grenzübergängen kennen und auf welchen darüber informiert wird, was im anderen Land gilt.

Natürlich ist das grotesk. Dass jedoch ein Zürcher besser oder anders geschützt werden muss als ein Berner – oder umgekehrt – ist ebenso grotesk und wenig verständlich.

Vormachtsstellung vs. Gemeinsinn

Der Kantönligeist, welcher in unterschiedliche kantonale und nur schwer nachvollziehbare Regelungen mündet, wiehert noch vielerorts. Für den Moment wäre es schon ein Erfolg, wenn ihm im Gesundheitsbereich Einhalt geboten würde.

Dafür ist es notwendig, dass sich die kantonalen Gesundheitsdirektoren am Riemen reissen und endlich beginnen, interkantonal zusammenzusarbeiten statt weiterhin die eigene Vormachtsstellung zu verteidigen.

Tun sie dies nicht, ist wohl eine Verfassungsänderung notwendig, um die Zuständigkeiten zu ändern. Damit erhielte dann Bundesrat Burkhalter den heute wünschbaren, aber wenig realistischen «Kantönligeist-Passepartout» fürs Gesundheitswesen…

2 Antworten auf „Kantönligeist-Passepartout“

  1. Danke für den Artikel.

    Beim Abschnitt: „Tiefere Prämien bei ausserkantonaler Behandlung“ steht da die Zahl „12“ etwas alleine da. Ich nehme nich an dass es um 12 mia auf 3.6 mia steigt. satte 12% vielleicht?

  2. Besten Dank für den Hinweis, Brockhaus.

    Da 12 Prozent ohnehin schon viel sind, wollte ich wohl etwas sparen.

    Ist korrigiert und sämtliche gedruckten Exemplare dieses Artikels wurden soeben eingestampft – ach das gibt’s ja bei einem Blog gar nicht 😉

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