Eine Muslima kommt zu Wort

Gemessen an den Medien ist es ruhiger geworden in Sachen «Islam-Debatte». Das ist vielleicht gar nicht so schlecht, denn so kann darüber weniger emotional diskutiert werden. Zum Beispiel anhand des nachfolgenden Interviews mit einer Muslima.

Die Gefahr der «Islamisierung der Schweiz» ist gebannt. Dies könnte man meinen, wenn es nach der aktuellen Medien-Präsenz des Themas «Islam» geht. So gross kann diese Gefahr allerdings nicht gewesen sein wenn heute kaum mehr jemand darüber spricht…

Trotzdem: Muslime unter uns sind eine Realität. Die bisherigen Debatten haben vor allem gezeigt, dass es – Religionsfreiheit hin oder her – noch einen grossen Graben gibt zwischen den Religionen und nicht zuletzt auch bezüglich der Auslegung der jeweiligen Religion.

Was bisher aber auch zu kurz kam, waren Stimmen von Direktbetroffenen. Darum hat die Augenreiberei ein Gespräch mit einer Muslima geführt. Es ist eine Stimme von vielen möglichen Stimmen. Sie ist natürlich nicht automatisch repräsentativ für alle. Aber sie gibt einen Einblick über das Leben einer Muslima in der Schweiz.

Steckbrief von A. B.
A. B. (vollständiger Name der Augenreiberei bekannt) ist eine sunnitische Muslima, 34 Jahre alt, verheiratet und Mutter von vier Kindern. Zusammen mit ihrer Familie lebt sie im Kanton Aargau.

Die hier geborene Schweizerin bosnischer Herkunft arbeitete zehn Jahre lang in ihrem erlernten Beruf als Damen- und Herrencoiffeuse, ein Jahr davon als Selbständigerwerbende. Nach einem Kantonswechsel gab sie ihre berufliche Tätigkeit auf.

Heute widmet sie sich ausschliesslich ihrer Familie.

Titus: In was für einem weltlichen und religiösen Umfeld bist Du aufgewachsen?

A. B.: Meine Familie praktizierte den Glauben nicht, also keine Gebete, kein Fasten, keine Pilgerfahrt, keine Zekah, also keine Vermögensreinigung.

Hier möchte ich ganz kurz auf die Zekah (Vermögensreinigung) eingehen:

Der Muslim schaut sein Vermögen an. Hat er ein ganzes Jahr lang eine gewisse Reserve dauerhaft halten können – im Moment sind das zirka 1400 Franken, es wird aber in Gold gerechnet – so gibt er 2,5 % von diesem ungebrauchten Vermögen an Arme weiter.

Beispiel: Wenn ich einen regelmässigen Lohn habe und im Juni 2000 Franken auf die Seite legen konnte und wenn ich im Juni des nächsten Jahres diese Reserve nicht gebraucht habe, so ist es «zu viel», also helfe ich den Armen. Jemand, der das nicht erreicht, gibt auch nichts ab.

Viele Menschen haben aber zu viel. Auch wenn ich zum Beispiel im Dezember auf null war und im Juni bei 3000 Franken, gebe ich nichts,  denn ich war ja zeitweise auf null. Und so wird jedes Jahr abgerechnet. Jeder macht das selber. Wer betrügt, der betrügt sich selbst.

Heute sieht es in der Welt ja leider so aus, dass einige Menschen sehr viel haben und andere vor Hunger sterben. Würden diejenigen, die so viele Häuser, Hotels, Autos usw. besitzen einen kleinen Teil abgeben, würden sie es wahrscheinlich nicht sehr stark spüren. Die anderen hätten aber zu essen.

Erinnerst Du Dich noch, wann Du zum ersten Mal Deine Religion wirklich wahrgenommen hast? Wie war das damals für Dich?

Das erste Mal war, als ich mich gefragt habe, was nach dem Tod passiert. Das war, als meine Lieblingstante starb. Ich ging an ihre Beerdigung, machte einfach das mit, was die anderen machten – und die taten wohl das Gleiche, was der Imam machte.

Ich fühlte aber, dass ich nichts für sie getan hatte. Ich wollte auch so ein Gebet für sie lernen, denn ich wusste, dass es da etwas nach dem Tod gibt, und der Imam erzählte auch davon. Ich kannte aber nicht einen einzigen Satz aus dem Koran.

Meine Worte erschienen mir so leer. Ich hörte mir damals das erste Mal Koranverse ganz bewusst an. Als Kind hörte ich sie auch einmal, aber da war ich sehr klein. Und ich liebte sie sofort. Es beruhigte mich. Das wollte ich auch können.

Was hat sich seitdem für Dich bezüglich dem Praktizieren Deines Glaubens verändert?

Aus dem Wunsch, etwas für meine Tante zu tun, wuchs der Wunsch immer mehr, mehr über meine Religion zu erfahren.

Bis ich dann das Gebet lernte und anfing den Koran zu lesen. Von da an war es einfach eine jahrelange Entwicklung. Und heute bin ich eine Kopftuch tragenden, betende, Ramadan fastende Muslima, habe die Pilgerfahrt gemacht und kann es kaum abwarten, wieder zu gehen. Ich kann den Koran auf Arabisch lesen und kann davon ein wenig auswendig.

Gab es bisher bestimmte Reaktionen Deiner Eltern oder Deines Umfelds zu Deiner Religion, allenfalls zu religiösen Symbolen und falls ja, welche?

Meine Eltern waren nicht sehr glücklich darüber. Ein Onkel machte auch ziemlichen Druck und sagte ganz klar, was er davon hielt. Da war bei meinen Eltern einerseits das mangelnde Selbstbewusstsein, die Scham, Muslim zu sein und die Furcht davor, was wohl anderen sagen würden.

Andererseits machten sie den Islam für den Krieg in Bosnien verantwortlich. Sie wollten einfach unauffällige Muslime sein.

Im Rahmen der so genannten «Islam-Debatte» wird viel mit angeblichem Wissen über den Islam hantiert. Gestatte mir die Gegenfrage: Wie gut kennst Du andere Religionen?

Ich sehe, dass sogar diejenigen, die über sich sagen, Muslim zu sein, Falschaussagen machen. Ich denke da vor allem an Saïda Keller-Messahli. Sie sagt immer, sie sei Muslima, sie vertrete mit ihrer Meinung viele Muslime, es gäbe grosse Diskussionen über (klare) Angelegenheiten unter den Gelehrten. Und dann hört das jemand und denkt, sie weiss wovon sie spricht.

Ich frage mich, was ihr Ziel ist. Warum steht sie in der Öffentlichkeit, woran soll man erkennen, dass sie Muslima ist? Hat sie je etwas Positives über den Islam gesagt? Liebt sie den Islam?

Sind sich denn Saïda Keller-Messahli als Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam und Nicolas Blancho als Präsident des IZRS in ihrem Verhalten nicht ziemlich ähnlich: Beide debattieren öffentlich über den Islam in der Schweiz, nur dass sie die fortschrittliche Seite vertritt und er die konservative Seite?

Für einen Nicht-Muslim mag das so aussehen. Für mich sieht es aber so aus, dass Nicolas Blancho sich und die Muslime, die er vertritt, verteidigt. Frau Keller versucht mit den Aussagen einzelner Gelehrter den ganzen Islam auf den Kopf zu stellen. Schlussendlich ist die Aussage eines Gelehrten nichts im Gegensatz zu den Aussagen des Propheten, passe es wem es wolle.

Wie viele Mitglieder hat dieses Forum? Ich denke, sie steht ziemlich alleine da. Ein paar Orientalisten und das wär’s.

Nochmals zurück zur ursprünglichen Frage: Wie gut kennst Du andere Religionen?

Ich kenne von anderen Religionen das, was ich im Religionsunterricht mitbekommen habe und was ich in meiner jahrelangen Arbeit als Coiffeuse, in Gesprächen mit christlichen Missionaren und einer Vorsteherin einer Freikirche erfahren konnte.

Und dann noch von Ahmed Didat. Ahmed Didat war ein muslimischer „Missionar“. Er hat Diskussionen mit christlichen Missionaren geführt, öffentlich, hat ihnen jeweils die Bücher und die Stellen aus den christlichen Schriften rezitiert. Und diese konnten oft einfach nichts mehr sagen, wenn er die Widersprüche aufgezeigte. Er nannte genau das Kapitel, den Vers und las direkt aus den Schriften vor.

Sollten wir nicht alle mehr über die Religion des jeweils Anderen erfahren um ihn besser verstehen zu können?

Wir Moslems glauben, dass das Christentum, das Judentum und der Islam den gleichen, einen Gott angebeten. Wir glauben an die Geschichte von Adam (aber nicht an die Erbsünde), an Noah und die Überschwemmung, Moses und seine Wunder usw.

Wir glauben, dass Jesus einfach ein Prophet war, seine Mutter Maria war und der Erzengel Gabriel zu ihr gekommen ist. Und der Unterschied ist der letzte Prophet Muhammad. Wir glauben, dass die Menschen die zwei anderen Religionen verändert haben, dass das Christentum und das Judentum nicht mehr dem Original entsprechen.

Ich bin aber vor allem der Meinung, dass diejenigen die jemanden angreifen wollen, Bescheid wissen sollten über das, was sie angreifen. Und zuhören, denn wie oft haben die vom IZRS gesagt, wir sind gegen Zwangsheirat oder Frauenbeschneidung, wir wollen kein eigenes Gericht hier.

Aber genau das wird ihnen immer wieder in den überhitzten Diskussionen an den Kopf geworfen. Und dann sagt zum Beispiel Frau Keller-Messahli «ihr wollt einen Fatwarat – das ist ein Gericht». Ein Fatwarat hat nichts mit einem Gericht zu tun!

Es wäre doch einfach schön, wenn man dem Gegenüber mal was glauben würde. Leider herrscht im Moment so eine «Muslime-lügen-sowieso»-Stimmung.

Sind da die gegensätzlichen, abweichenden Äusserungen in der Öffentlichkeit von muslimischen Vertretern nicht auch ein Grund dafür? Wem sollen denn die Nicht-Muslime Glauben schenken?

Ja, das spielt sicher auch eine Rolle. Darum «nerven» uns ja auch die, die versuchen, den Islam so zu ändern, dass er anderen Menschen gefällt. Im Koran sagt aber Allah/Gott sinngemäss, dass die Juden und Christen nur mit uns zufrieden sein werden, wenn wir von unserem Glauben abfallen.

Zum Alltag: Welche Probleme ergeben sich für Deine Familie und Dich beim Praktizieren Eures Glaubens?

Es ist schwierig, eine gute Arbeit zu finden, denn man muss alles regeln können: Dass man beten kann, dass man am Freitag die Mittagspause so legen kann, dass man ans Freitagsgebet kann und natürlich will man eine «Halal»-Arbeit.

Dass heisst, ich arbeite nicht in einer Brauerei, fahre kein Bier durchs Land, arbeite nicht in einer Metzgerei usw. Also ist man gezwungen, sehr hart zu arbeiten, einiges hinzunehmen, dass andere Mitarbeiter nie akzeptieren würden. Das zeigen die vielen Kündigungen. Die Leute flüchten aus der Firma.

Wie meinst Du das? Wer flüchtet weshalb aus der Firma?

Diejenigen Arbeiter, die eine gute Ausbildung haben, die andere Möglichkeiten haben, die gehen in andere Firmen. Das heisst, schlussendlich bleiben in der Firma oft «Hilfsarbeiter» zurück, die mit der vielen Arbeit überfordert sind. Denn wohin sollen sie schon, vor allem im Moment. Mein Mann zum Beispiel hat ein Studium in Bosnien abgeschlossen, aber in der Schweiz ist es nicht anerkannt. Das heisst, auf einmal ist man der «Gang-go».

Gibt es sonst noch Probleme im Alltag?

Im Kindergarten gibt es manchmal Vorwürfe, weshalb unsere Kinder gewisse Sachen nicht dürfen. Dadurch stünden die Kinder abseits. Andere stehen wegen ihrer Hautfarbe oder Brille abseits. Aber eben…

Man wird manchmal beim Einkaufen usw. angegriffen, verbal. Ich hoffe es bleibt bei dem oder hört ganz auf.

Wie könnte man den oben angesprochenen Problemen begegnen?

Ich denke es wäre von Vorteil, Vorurteile abzubauen. Die Arbeitgeber sollten wissen, dass Ihnen ein praktizierender Muslim nicht schaden würde.

Er betet in seinen Pausen oder arbeitet länger, um die Zeit aufzuholen. Er arbeitet oft freiwillig an christlichen Feiertagen, dann wenn alle anderen frei wollen. Er stiehlt nichts, nicht einmal die kleinste Schraube wird je fehlen. Er lügt nicht, macht nicht «blau».

Das wären einige gute Gründe um Muslime einzustellen. Leider sind aber Ängste und Vorurteile oft der Grund, dass man nicht mal ein Gespräch führt.

Ich denke, die Muslime müssen bereit sein Gespräche zu führen und zu erklären. Aber die Fragenden sollten bitte Fragen stellen, die hier aktuell sind und um etwas zu erfahren – nicht um zu provozieren.

Du gehörst dem IZRS an. Was gefällt Dir daran, was war Dein Beweggrund, ihm beizutreten?

Der Grund, weshalb ich glücklich bin, dass es den IZRS gibt und weshalb ich beigetreten bin, ist, dass sich eeendlich einmal einer traut, den Mund aufzumachen. Die anderen Dachorganisationen – hat je jemand was von ihnen gehört? Dass sie sagen, ja wir wären froh, eine Lösung für das Schwimmen zu finden usw.?

Nicolas Blancho studiert Islamwissenschaften. Er kann uns, so hoffen wir mal, helfen, wenn es um Fragen wie das Kopftuch oder andere Themen geht, die uns wichtig sind, die man uns wegnehmen will und die der IZRS den Nicht-Muslimen besser erklären möchte.

Endlich will jemand für den Islam einstehen und erklären. Dass der IZRS jetzt die ganze Zeit in den Medien ist, das wird ja von denen verlangt. Sie müssen sich erklären, beweisen dass sie nichts Schlimmes im Schilde führen.

Hier finde ich es einfach gut, wenn man erklärt, dass nicht der IZRS die Medien sucht, denn sie müssen sich ja rechtfertigen.

Und sie organisieren in Zukunft Ausflüge, Zeltlager, usw. Die meisten Muslime lieben das Wandern, die Natur. Ein weiterer Pluspunkt, aber sicher nicht der Hauptgrund.

(Anmerkung der Augenreiberei: Siehe diesen Auszug zum «Muslim-Camp am Bielersee»)

Was fehlt Dir bei anderen muslimischen Verbänden? Oder gehörst Du auch anderen Verbänden an?

Es gibt eine Organisation, die MFOS, die find ich gut. Das ist ein Dachverband für die Frauenorganisationen, den find ich gut.

Aber eben wie vorher schon gesagt, die anderen „modernen“ Verbände, was haben die schon getan? Ich will, dass mich jemand vertritt, der den Islam kennt, lebt und somit weiss, auf welche Schwierigkeiten man dabei stösst. Manchmal geht es leider auch dort nur um die Funktion: Moschevorstand, Präsident usw.

Mir scheint, dass es unter den Muslimen auch Spannungen insbesondere zwischen modern-moderaten und konservativen Kräften gibt. Täuscht mich mein Eindruck? Was ist Deine Einschätzung?

Doch, es gibt diejenigen, die den Islam so leben wollen wie die ersten Generationen, wie der Prophet das gelebt hat. Das passt natürlich den moderneren Muslimen nicht, denn sie wollen rauchen, Koran für Geld lesen, nicht beten, Alkohol trinken.

Wir sagen einfach, Gott hat es verboten. Die meisten wissen es auch, aber sie wollen keine Probleme, sie wollen nicht auffallen. Und dann gibt es leider auch im Islam diejenigen die ihre Religion für Geld und eine gute Position verkaufen. Nebenbei haben sie ein schlechtes Gewissen wenn sie sehen, dass es jemand doch praktiziert, denn alle Gebote sind praktizierbar, alle Verbote sind Sachen die uns eh Schaden würden.

Du praktizierst einen eher konservativen Islam, kennst aber auch «das moderne Leben». Kannst Du uns erklären, was es ist, das Dich am eher konservativ gelebten Islam «begeistert»?

Ja, ich bin begeistert, ich liebe den Islam und ich sehe ganz klar, dass es das ist, was mich glücklich macht.

Ich habe das moderne Leben gelebt, mit Ausgang usw. Aber ich habe einfach gesehen, dass das alles oberflächlich ist. Von zirka 50 Freunden findest Du eine oder eventuell zwei Personen, die wirklich mit Dir durch dick und dünn gehen.

In der muslimischen Gemeinschaft sind wir alle Brüder und Schwestern. Es ist sogar eine Pflicht zu helfen. Wenn man den Islam praktiziert, praktiziert man das alles. Das heisst, ich kann nicht sagen «helft mir», aber wenn ich helfen soll sage ich «ich mag nicht».

Bleiben wir beim Thema des konservativ ausgelegten Islams, weil das viele Menschen hierzulande bewegt. Wo denkst Du sind heute Kompromisse zu machen, weil ein Leben wie zu Mohammeds Zeiten auch gar nicht mehr möglich ist? Wir leben heute beispielsweise in festen Bauten, haben Einkaufszentren, moderne Kommunikationsmittel wie Telefon, Internet usw.

Interessante Frage. Denn genau das sagen auch die modernen Muslime. Verboten ist die Neuerung im Islam. Es geht aber um die Religion, alles was an den Glauben wie zum Beispiel Gebete, Pilgerfahrt, das Fasten usw.  gebunden ist. Ansonsten dürften wir ja auch kein Internet usw. nutzen.

Sonst ist das Leben wie damals möglich, auch wenn es manchmal schwierig ist. Ein Beispiel: Wir dürfen keine Zinsen nehmen und geben. Dass heisst, solange ein Haus nur «über die Bank» kaufbar ist, solange werde ich in der Schweiz kein Haus kaufen können, auch wenn ich alles bar in der Hand habe. In der Bank richte ich ein Konto ein, auf dem ich keine Zinsen erhalte usw.

Ebenso die Bestechung. In einigen Ländern musst Du sehr viel Geduld haben, wenn Du zum Beispiel einen Pass haben, aber kein «Bestechungsgeld» zahlen willst.

Was hältst Du von der Annahme, dass Religionen eine frühe Form von Rechtssystemen sind («Du sollst nicht dies-und-das tun» / «Du sollst dies-und-das tun»), welche vor allem ein friedliches Zusammenleben bezwecken wollen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass derjenige, der die Menschen geschaffen hat, am besten weiss, was für den Menschen gut und was schlecht für ihn ist. Deshalb die Gebote und Verbote. Und so beweist man, dass man ein «Gottergebener» ist.

Das ist gleich wie wenn eine Firma eine ganz neue Maschine erfindet und in der Gebrauchsanweisung schreibt, was man darf und was nicht. Der Erfinder kennt alle Funktionen und weiss, was schadet und was die Lebensdauer verlängert.

Kennt man denn einen Fall, wo ein praktizierender Muslim jemanden angegriffen hat, damit dieser Muslim wird? Wir werden aber angegriffen. Letzthin wurde jemandem der Reifen aufgeschlitzt, weil er Muslim ist. Wann hat ein Muslim jemandem den Reifen aufgeschlitzt, weil jemand nicht zum Islam konvertieren wollte?

Seit Menschengedenken wurden viele Kriege unter dem Namen einer bestimmten Religion geführt, wobei es nicht immer nur um die Religion ging. Wie denkst Du über Menschen, welche heute unter dem Namen des Islams Furcht und Angst auslösen?

Das ist absolut falsch! Ich kann dazu ein Beispiel nennen: Seinerzeit hatte der Prophet es verboten, Häuser anzuzünden, Ernten zu zerstören, Frauen, Kinder und Alte zu töten. Dieses Verbot gilt während dem Krieg. Was denkst Du, wie es in Nichtkriegszeiten ist?

Darum ist es auch falsch, Menschen beispielsweise in einer U-Bahn zu töten, da dort eben oft Kinder, Frauen und Alte sind, die absolut nichts damit zu tun haben, was den Muslimen in den Islamischen Ländern von «fremden» Soldaten angetan wird.

In Russland zum Beispiel sind scheinbar auch Muslime durch Muslime ums Leben gekommen. Wenn jemand den Islam praktiziert, weiss er, dass es bei Allah/Gott grösser (schlimmer) ist, die Ehre eines Muslims anzugreifen, als wenn die Kaaba in Mekka zerstört würde. Das Töten eines Muslims ist ja schlimmer als die Verletzung der Ehre. Soviel für diejenigen, die sagen, dass nur Muslime nicht angegriffen werden dürfen.

Viele Menschen haben Angst vor dem Islam. Hast Du eine Vorstellung, warum das so ist? Kannst Du Angst dieser Menschen verstehen?

Da kann ich nur sagen, dass die Medien viel dazu beigetragen haben. Dann kommt dazu, dass man den Islam nicht kennt und ein wenig kritischer sein sollte, wenn man zum Beispiel Zeitung liest.
Wie oft steht da, dass die Armee gewisser Länder ein ganzes Wohnquartier zerstört haben und dabei nur Soldaten getötet und Fabriken zerstört haben sollen, weil sie die Information hatten, dass dort jemand war, der wahrscheinlich dies und das gemacht haben soll.

Gewisse Sachen wurden nie bewiesen wie zum Beispiel «9/11». Die ganze Welt meint, dass es die Muslime waren. Es gibt aber viele Menschen, die nicht daran glauben – vor allem Muslime – und einige, die forschen. Nicht umsonst gibt es so viele Dokus zum Beispiel auf Youtube, die über die Widersprüche in der ganzen Sache aufklären.

Für mich kommt also die Angst vor allem durch Fehlinformationen, aufgebauschte Szenen und durch das Kennenlernen des Islams durch fragwürdige «Muslime».

Da Du selber dem islamischen Glauben angehörst, funktioniert das weit verbreitete «Angst-vor-dem-Islam-Schema» bei Dir natürlich nicht. Trotzdem: Gibt es auch Dinge, vor denen Du Dich fürchtest?

Ganz klar nein. Nichts aus dem Islam macht mir Angst. Mir machen eben eher diese Muslime Angst, die ihren Glauben nicht kennen, denn diejenigen, die sich nicht mit dem Glauben beschäftigen, das ist in erster Linie ihr Problem. Meins ist es, dass viele Schweizer nicht verstehen, warum die anderen «Muslime» dürfen, ich aber nicht. Also kommt die Schlussfolgerung, dass ich extrem bin.

Mehr Schaden können aber die anrichten, die den Islam kennenlernen, und nach kurzer Zeit das Gefühl haben, alles zu kennen. Das sind oft diejenigen, die wirklich extrem werden. Niemand wünscht sich, dass sich (hier) jemand in die Luft sprengt und unschuldige Menschen mit in den Tod reisst. Am meisten würde das uns Muslimen schaden. Darum denke ich, dass die Islamischen (Privat-)Schulen, von denen die Rede ist, ein grosses Plus haben. Sie könnten solche Sachen verhindern.

Das Thema Kopftuch hatte ich bereits einmal aufgebracht. Was denkst Du über die aktuelle Debatte um die Kopfbedeckungen, Ganzkörperverschleierungen und deren Verbot?

Ich denke ein Verbot bringt absolut nichts. So wie wir schon gehört haben, bleiben die Frauen dann einfach zu Hause, sie wollen sich nicht zeigen. Also nicht die Spur von Frauenbefreiung. Auch wenn ich persönlich nicht daran glaube, dass das das Hauptmotiv ist. Vielmehr will man den Islam nicht.

Eine eher religiöse Frage: Barmherzigkeit ist eine wichtige Tugend im Islam sowie im Juden- und Christentum, wahrscheinlich sogar ein zentrales, verbindendes Element. Die Bedeutung kann jedoch abweichend sein. Was bedeutet für Dich Barmherzigkeit?

Die Barmherzigkeit Gott gegenüber den Menschen. Er, Rahman = der Barmherzige ist einer der 99 Namen von Allah/Gott, die wir kennen.

Die Barmherzigkeit der Mutter ihrem Kind gegenüber, das ist für mich auch Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit zwischen Mann und Frau, allgemein zwischen den Menschen.

Und natürlich hoffe ich, dass Gott mit mir barmherzig sein wird, wenn ich es am meisten brauche – am «Jüngsten Tag».

Was ist für Dich das Wichtigste im Leben?

Für mich ist schon der Islam das Wichtigste. Dazu gehört für mich aber auch meine Familie, die mit mir den Glauben praktiziert und meine Gesundheit, dank welcher ich all das verrichten kann.

Worüber ich mir zum Beispiel keine Sorgen mache, sind die Finanzen, denn auch dort glaube ich an die Vorherbestimmung, dass jeder Mensch erst dann sterben wird, wenn er sein «Soll» verbraucht hat.

Also bringt es nichts dem Geld nachzurennen – was aber nicht heisst,  dass man nicht arbeiten soll, denn viele Muslime missverstehen auch das. Dazu gibt es die Aussage «Binde dein Kamel an – und danach vertraue auf Gott».

Du hast nun Antworten von Deinem Standpunkt aus gegeben. Es ist ein Standpunkt, den man sicher nicht auf alle Muslime verallgemeinern darf. Trotzdem die Frage: Was schätzt Du, wie andere Muslime, so unterschiedlich auch deren Ausrichtung ist, über die ganze «Islam-Debatte» in der Schweiz denken? Ist es ihnen egal? Tut sich da Unmut breit? Halten sie es für förderlich, dass ihre Religion thematisiert wird?

So wie ich das sehe, ärgern sich viele (moderne) Muslime, denn so wird zusätzlich auch ihnen der Islam so erklärt, wie sie es bisher nicht gehört haben oder aber für den sie sich schämen.

Für mich als praktizierende Muslima ist es aber auch zu viel. Vor allem finde ich die Fragen der privaten TV-Sender gehen oft zu weit. Geht es darum, den Islam kennen zu lernen oder eine Person aus dem IZRS? Was bringt es zu wissen, ob eine Person keusch in die Ehe gegangen ist oder nicht und wie sie aufgewachsen ist?

Was wünschst Du Dir bezüglich dieser «Islam-Debatte»? Muss sich daran etwas ändern? Was müsste sich ändern? Wie könnten nach Deiner Auffassung Vorurteile abgebaut und Vertrauen aufgebaut werden?

Braucht es diese Islam–Debatte denn so sehr? Viele Punkte, die man uns vorwirft, treffen auch auf andere zu.

Wir lassen unsere Kinder nicht in Lager, ins Schwimmen, das Gleiche machen zum Teil auch gewisse Freikirchler und Juden. Wir Muslimas haben zum Beispiel Schwimmbäder, die wir besuchen und es muss jedes Mal eine dabei sein, die einen speziellen Kurs absolviert hat.

Man könnte den Kindern erlauben wöchentlich dort schwimmen zu lernen, Schwimmziele zu erreichen usw.

Es schadet ja weder Staat noch Schule, wenn ein Kind nicht ins Lager oder schwimmen geht – ausser dass sie sparen. Es soll in dieser Zeit einfach den Unterricht in einer anderen Klasse besuchen.

Live and let live… solange es niemandem schadet. Es wäre schön, wenn die Menschen uns einfach ohne Vorurteile zuhören könnten.

Und die Muslime müssten halt auch offen sein für Gespräche

Vielen Dank für Deine Antworten!

(Die oben eingebundenen Links stammen vom Autor. Sie sind nicht Teil der Aussagen von A. B.)

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Abschliessende Bemerkung

Über die Aussagen von A. B. kann man genauso geteilter Meinung sein wie über die Aussagen von Politikern.

Äussern Sie Ihre (geteilte) Meinung, dazu ist dieses Blog ja auch da. Aber äussern Sie Ihre Meinung bitte gemäss Hausregeln.

10 Replies to “Eine Muslima kommt zu Wort”

  1. tolles, weil unaufgeregtes interview.

    die vermögensreinigung ist ein spannendes „konzept“. da könnten wir uns eine menge abschauen.

    generell gehen mir aber diese diskussionen um die konservativen muslime langsam aber sicher auf den kecks – genauso wie diejenigen über die konservativen christen, juden… egal was.

    ein paar punkte, die mir immer wieder auffallen:

    die behauptung, es schade der schule ja nicht, wenn gewisse kinder nicht in lager oder zum schwimmunterricht gingen, ist nicht zu ende gedacht und von purem egoismus geprägt – den radikalen muslimen ist es schlicht egal, dass und welche veränderungen das für eine schule mit sich bringt. der vergleich mit den juden, die das auch machen, hinkt total. die juden sind schon viel länger hier und damit sehr gut integriert, sie haben eigene schulen (was auch nicht nur toll ist) und ihre anzahl ist im vergleich zu den moslems verschwindend klein.

    die verschwörungstheorien zu 9/11 sind ziemlich daneben, das hat mit religion nichts mehr zu tun (sondern mit politik) und es ist sehr naiv, mit solchem zeugs die situation der moslems verbessern zu wollen.

    die kritik an frau keller-messahli kommt ebenfalls sehr ideologisch daher und hat null fleisch am knochen. jemandem wie frau keller-messahli vorzuwerfen (zwischen den zeilen), er liebe den islam gar nicht, ist die billigste aller rhetorischen floskeln.

    so klar hat sich der zentralrat jetzt auch wieder nicht von sachen wie steinigung etc. distanziert, wie das die inerviewte hier glaubhaft machen möchte.

    der forderung der muslime, sie müssten am arbeitsplatz die betzeiten einhalten können, finde ich anmassend. wir leben hier in einem weitgehend säkularen ambiente und ich finde es nicht zu viel verlangt, dass sich die muslime ihre betzeiten so einrichten, dass sie die hier üblichen arbeitszeiten- und abläufe nicht tangieren. die aussage, kein muslim würde je eine schraube klauen oder blau machen, ist etwa gleich falsch wie die, jeder muslim sei ein terrorist.

    letztlich halte ich den wunsch, hierzulande einen so stockkonservativen islam leben zu wollen, für überhaupt nicht unterstützungswürdig. genausowenig unterstütze ich die erzkonservativen haltungen anderer religionen. als atheist halte ich die kostümshows der katholen für genauso lächerlich und unzeitgemäss wie den sonderbaren dresscode der zentralrätler. ansagen wie „verboten ist die neuerung im islam“ finde ich schlicht inakzeptabel, das widerspricht einer offenen gesellschaft fundamental.

    wer sich einem so radikalen, erzkonservativen und rückwärtsgerichteten leben verschreibt, muss mit den widerständen und nachteilen leben, die das in einer aufgeklärten gesellschaft mit sich bringt. staatliche institutionen und wirtschaftliche gepflogenheiten darauf abzustimmen halte ich für den falschen weg.

  2. Tolles Stück Bloggerei – so im klassischen Journalismus nicht zu lesen. Chapeaux!
    Inhaltlich wäre wohl an der einen oder anderen Stelle kurzes Einhalten und Nach- Haken nötig; die famose Integration stammt ja bekanntlich vom lateinischen „integratio“ ab, also dem Zusammenhalt / Zusammengehen der einzelnen Teilbereiche. Wenn mit der Position der Einzelfigur freilich die Debatte angeregt wird, tipp top.

  3. Schliesse mich den Vorrednern an.

    Zum Thema: Mich erschreckt bei Menschen, die ihre Religion auf wertkonservative Weise leben, immer diese absolute Gewissheit, das Richtige zu tun. Der Fehlen jegwelchen Zweifels. Die Antworten, die sich die Menschen in ihrem Sinne zurechtlegen. Weil heute in der Lokalzeitung ein feuriger Leserbrief eines Christen zu lesen war, beziehe ich mich mit dieser Aussage nicht ausschliesslich auf den Islam.

    Im Detail: Zu diesem Zurechtlegen der Antworten gehört in diesem Fall die Art und Weise wie Frau Keller-Messahli dargestellt wird. Es gehört die Aussage dazu, dass ein praktizierender Muslim keine Schraube stiehlt. Es gehören die Verschwörungstheorien um den 11. September dazu (wobei es nicht nur den 11. September gab, sondern u.a. auch die Anschläge in Madrid und London). Es gehört die Verharmlosung dazu.

    Mir scheint, die negativen Aspekte werden ausgeblendet oder es wird gesagt, dass gewisse Muslime keine richtigen Muslime sind. Also: Alles Negative, das im Namen des Islam geschieht, wird dann von „nicht richtigen“ Muslimen verantwortet.

    Probleme habe ich mit dem „nicht ins Lager gehen“ / „nicht in den Schwimmunterricht gehen.“ Mir geht es dabei weder um den Staat noch die Schule, sondern um die Kinder. Kinder möchten dazugehören. Kinder möchten teilhaben. Kinder sehen, wie andere Spass haben und möchten auch Spass haben. Ihnen das im Namen einer Religion zu nehmen, ist für mich nicht nachvollziehbar.

    Ich bin sicher, dass Frau A.B. eine sehr nette Frau ist. Mit ihrer Denkweise habe ich sehr viel Mühe. Wobei ich anfügen muss, dass ich allen extremen religiösen Denkweisen gegenüber sehr viel Mühe habe.

    Live and let live … bis dann die ersten Forderungen dann halt doch kommen (Zeit für das Gebet, Befreiuung vom Schwimmunterricht usw.)

  4. @Frau Zappadong:
    Dann wollen wir denn dem „ich bin gegen alles Fundamentalistische“ auch gerecht werden, gell. Denn seit wann ist es unsere / Ihre Aufgabe, zu definieren, ob „nicht zum Schwimmunterricht“ „nicht ins Lager“ richtig oder falsch wäre, und dann auch noch das Wohl des Kindes ins Feld zu führen. Pardon, Frau Zappadong — that’s none of your business, solange es nicht Tochter Zappadong betrifft.

    Und es greift ebenso kurz, kurzerhand jeden als Trümmel einzuordnen, der 9/11 in einen grösseren politischen Kontext stellt; das ist nicht einfach als Verschwörungstheorie abzutun, sondern Auslöser einer nie dagewesenen politischen Veränderung gewesen.

    Also,wollen wir doch ALLE Fundis gleich skeptisch begleiten, gell

  5. @andré:

    na ja, als vielgereister nahost-korrespondent hast du sicher eine ganz andere optik als wir hier in der lauschigen oase helvetien, aber dennoch, werter kollege:

    wo bitteschön sagt frau a.b. etwas zu 9/11 in einem „grösseren politischen kontext“? ich kann da nichts sehen ausser dieser aussage:

    „Gewisse Sachen wurden nie bewiesen wie zum Beispiel «9/11». Die ganze Welt meint, dass es die Muslime waren. Es gibt aber viele Menschen, die nicht daran glauben – vor allem Muslime – und einige, die forschen. Nicht umsonst gibt es so viele Dokus zum Beispiel auf Youtube, die über die Widersprüche in der ganzen Sache aufklären.“

    mit verlaub, das ist hochgradig naives verschwörungsgeschwurbel ohne jeglichen politischen kontext, geschweige denn einen „grösseren“. auf youtube gibt es bekanntlich auch videos, die behaupten, die erde sei eine scheibe.

    zum schwimmunterricht und schullager: es ist selbstverständlich frau zappadongs, deine, meine und unser aller aufgabe zu definieren, ob schullager und schwimmunterricht gut oder schlecht sind. wer soll das sonst definieren als die bürger dieses staates? diese beiden elemente der schule werden hierzulande als äusserst sinnvolle aktivitäten betrachtet, nicht zuletzt im dienst der integration. es gibt fast nichts in all den schwierigen schuldiskussionen, das so unumstritten ist wie das, es besteht ein über jahrzehnte gewachsener konsens dazu.

    es ist sehr wohl unser aller business darüber zu diskutieren, wie und ob unsere schulen den bückling vor erzkonservativen religionen machen. ich sehe überhaupt nicht ein, warum frau zappadong erst dann mitreden kann, wenn es ihre tochter betrifft. dann dürfte ich als kinderloser junggeselle ja gar nicht mitreden und das kann ja nicht dein ernst sein, oder?

  6. Mir persönlich ist es herzlich egal, ob jemand zum Schwimmunterricht oder ins Schullager mitgeht. ABER: dann müsste dieselbe Freiheit auch für alle anderen Kinder gelten. Und «keine Lust» zum Schwimmen müsste dann auch gelten… Denn in die selbe Kategorie stecke ich jeglich «religiös begründeten Sonderwünsche» – ich seh es nicht ein, weshalb manche Leute sich mit der Berufung auf die angeblichen Gesetze Gottes von irgend etwas dispensieren lassen können, während andere mit anderen Beweggründen das nicht können.
    Entweder jeder kann sich aus x-welchen Gründen Sonderrechte herausnehmen oder eben nicht. Ich bezweifle allerdings, dass unsere Schulen noch funktionieren würden, wenn niemand sich mehr verpflichtet fühlen würde, sich an irgendwelche Regelungen zu halten…

    «Mein Gott sagt mir, dass ich xy zu tun habe» ist zudem für mich eine Privatsache, denn sobald andere dies als Grund akzeptieren müssen, werden sie gezwungen, die Regelungen dieses Gottes anzuerkennen, an den sie aber selbst gar nicht glauben.

    Und genau das ist für mich der Punkt, der mich an stark religiösen Menschen befremdet (übrigens jeglicher Religionen, hat überhaupt nichts mit dem Islam zu tun). Dieses überhebliche «wie wir das machen, ist es richtig, weil unser Gott das so zu uns sagt und du hast das auch zu akzeptieren».

    Und wenn dann noch andere Menschen sogar des selben Glaubens als «nicht richtig gläubig» abgekanzelt werden, weil sie gewisse Dinge anders sehen als man selbst, finde ich das auch höchst befremdlich.

    Dieser Anspruch auf «Richtigkeit».

    Natürlich wissen wir auch nicht, ob unsere ganze gesellschaftliche Ordnung «richtig» ist – aber auf irgend etwas muss man sich ja einigen als Volk, damit das Zusammenleben funktioniert. Und da ist auch immer alles in Bewegung, ändert sich, wird neu angepasst – aber in der Regel halte ich Anpassungen aus Pragmatismus (es ist von Vorteil, wenn Kinder schwimmen lernen in einem Land mit sovielen Seen und Flüssen, deshalb gibt es Schwimmunterricht in der Schule) für gerechtfertigter, als Anpassungen aus religiösen Gründen, die (aus meiner ganz persönlichen Sichtweise) jeglicher «Beweislage« entbehren.

    Ich versteh zb. auch den Vorwürf «religiöse Gefühle» verletzen nicht – dann müsste man ja umgekehrt auch behaupten dürfen, durch die religiösen Sonderwünsche einzelner Glaubensvertreter würden die Gefühle der Nichtgläubigen verletzt. Wenn die sich aber verletzt oder provoziert fühlen, heisst es nur; sie wären eben nicht tolerant gegenüber anderen Religionen.

    Da ist irgendwas ein bisschen in Schieflage.

    (Beim nochmaligen Durchlesen, erscheint mir mein Text grad ganz schön radikal. hm. ich finde es halt einfach befremdlich, wenn man sagt: GOTT hat gesagt, wir sollen das nicht tun, anstatt; ich will das nicht tun, (Zb. Stehlen) weil ich anderen Menschen nicht schaden möchte.)

  7. @bugsierer:

    Wir sind uns fast einig – wer würde etwas gegen Argumente einzuwenden haben, bloss aufgrund des persönlichen Lebensstils; überzeugte Solo- Tänzer trampeln anderen weit weniger auf die Latschen als zerstrittene Duette…

    Worum’s mir mit meinem Einschub lediglich geht: Mir fällt immer wieder der nicht nur, aber immer häufiger auch in (Deutsch-) Schweizer (Blog-) Diskussionen Einzug haltende westliche Überlegenheits- Anspruch auf; in der Politologie spricht sich’s seit längerem vom praktischen oder geistigen Neo – Kolonialismus. Als ob wir als einziger Kulturkreis wissen würden, was richtig und falsch, was zu tun und zu lassen sei.

    Ja, es gibt 9/11 – Verschwörungen; ja, die von @titus interviewte Muslima überzeugt in diesem und mehreren anderen Punkten nicht einmal ansatzweise. Aber stoppen wir deshalb nicht unsere eigene Denkarbeit, sondern gehen einen Schritt weiter; setzen also zum Beispiel 9/11 in einen grösseren Kontext.

    Und: Nein, es antwortet nicht der vielgereiste Nahost- Korrespondent – wäre schön, Headquarters in Züri hätte mehr Kohle für die Reisere bewilligt. Es lädt einer zum Nachdenken ein, der seit zehn Jahren im Aus- und nicht im Inland lebt, einer, der als Ausländer behandelt wird. Also so, wie die Interviewte Muslima das wohl in der CH ab und an erlebt (wobei: geht’s in der Schweiz schon so radikal zu und her? Wage ich doch zu beweifeln). Und es ist schon so, dass meine sechsjährige Tochter sich dafür bedankt, dass ihr sowohl Christen in Italien als Juden in Israel, Muslime im arabischen Raum ihre Gedanken mit auf den Weg geben – aber die Verantwortung für ihr Weiterkommen, das tragen halt eben ihre Eltern.

    Und es ist halt äben auch so, dass diese primär von Emotionen geprägten Stellvertreter – Diskussionen über Symbole wie die Burka, das Kopftuch etc. primär etwas über unsere Denkmodelle aufzeigen; das Vermischen von Religion, Ideologie weist primär darauf hin, dass unsere Suche nach Identität das Prägende im eben begonnenen Jahrtausend sein könnte.

    Henusode – die Diskussion läuft; und drum ist der Post von @titus tip top

  8. @André. Das denke ich mir manchmal auch: Es ist absolut „none of my business“. Und dann erlebst du im Kindergarten ein Kind von einer Religion (nicht dem Islam), das nicht wie alle seinen Geburtstag feiern kann. Bekommst mit, wie Kinder von kleineren und grösseren Ritualen bis hin zu Lagern ausgeschlossen sind (aufgrund irgendeines Glaubens). All dies ist tatsächlich „none of my business“. Tatsache ist aber auch, dass mir dann jeweils die Kinder leid tun. Und dann denke und fühle ich ein Stück weiter mit als nur bis zu Tochter Zappadong.

    Es ist für mich eine Sache, ob und wie sich ein erwachsener Mensch entscheidet. Kinder jedoch, die können viele Dinge nicht selbst entscheiden. Die Erwachsenen entscheiden für sie.

    Ganz generell habe ich manchmal ein wenig ein Problem mit dieser „none of my business“ Haltung. Es ist so eine Art „mir doch egal“ Haltung. Es ist mir aber nicht egal, welche Regeln die Gesellschaft, in der ich lebe, hat / sich gibt. Wenn es das wäre, dürfte ich in letzter Konsequenz weder abstimmen gehen, noch irgendwelchen Initiativen unterstützen. unterstützen. Warum aber ist alles in Ordnung, wenn ich mich lauthals für die 1:12 Initiative, die Minderinitiative oder eine PUK in Sachen Bankenkrise ausspreche – aber nichts mehr, wenn ich für Schwimmunterricht und gegen das Kopftuchtragen bei Kindern bin? Darf ich – sobald es um Religion geht – keine Meinung mehr haben? Eine Meinung übrigens, die ganz klar als meine Meinung formuliert ist. Und für die ich Argumente habe, die gerne widerlegt werden dürfen. Wenn sie mich überzeugen, habe ich kein Problem damit, meine Meinung zu ändern.

  9. Ich finde, in der staatlichen Volksschule ist es durchaus some of our business, wenn gewisse Eltern Sonderprivilegien beanspruchen. Bekanntermassen sind es ja die Freikirchler, die dies am meisten tun. Die Volksschule ist ein hervorragendes Angebot des Staates, und da ist es legitim, wenn an den Besuch auch gewisse Bedingungen geknüpft werden, die von der Mehrheit als sinnvoll erachtet werden (solange es sich dabei nicht um religiöse Handlungen handelt). Neo-Kolonialismus ist das (hoffentlich auch in Andrés Augen) nicht. Volksschulen sind kein Selbstbedienungsladen. In Privatschulen sehe ich das anders, dort können sie meinetwegen geschlechtergetrennten Schwimmunterricht machen oder ganz darauf verzichten (nicht aber auf die zentralen Fächer).

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