Sommerkrimi: «Nebel über Seenried» (1)

Das Geheimtreffen

März 2008

Es ist Sonntagabend, kurz vor 21 Uhr. Draussen ist es bereits dunkel. Und es regnet in Strömen. Bei diesem Wetter begegnet man draussen niemandem mehr – oder fast niemandem mehr.

Denn in einer zufällig erscheinenden Reihenfolge treffen in Kürze gleich drei Gestalten in der Bieler Obergasse vor der «Alten Krone» ein. Wüsste man nicht, dass sie zusammengehörten, würde wohl niemand etwas Aussergewöhnliches vermuten. Doch sie kennen sich und sie haben alle das gleiche Ziel: Ein geheimes Treffen im Dachgeschoss der Alten Krone.

Der ausgewählte Ort ist kein Zufall, liegt er doch fernab des politischen Berns und seinen Beobachtern. Trotzdem liegt er nahe genug am politischen Zentrum, um dieses schnell zu erreichen. Und der Dachstock der Alten Krone kennt und beachtet kaum jemand. Wer davon weiss, vermutet darin bestenfalls eine Besen- oder Abstellkammer.

Ein unbeobachteter Fleck also und dies obwohl vor über 200 Jahren unter anderem auch Goethe hier Halt gemacht hatte. Auch der Zeitpunkt dieser Geheimtreffen – sie finden jeweils immer am Sonntagabend statt – ist nicht zufällig gewählt, denn im nebenan liegenden «Théatre de poche» mit seinen 64 Sitzplätzen finden an einem Sonntagabend ohnehin nie eine Vorführung statt.

Bewaffnet mit einem schwarzen Regenschirm nähert sie sich zu Fuss dem Gebäude. Wie immer nimmt sie dazu die wenig einsehbare Treppe von der Untergasse zur Obergasse. Trotz «Schleichweg», trotz Dunkelheit und Regen und trotz fast leeren Gassen hat sie sich so be- oder verkleidet, dass niemand erkennen kann, wer sich dahinter verbirgt. Der Regenschirm ist dazu auch eine gute Hilfe.

Kaum hat sie sich schliesslich dem Eingang zur Alten Krone genähert, öffnet sich fast wie von Geisterhand die Tür, sodass sie unbemerkt ins Haus huschen kann. Offensichtlich wurde sie erwartet.

Keine Minute später hält ein Taxi unter dem grossen Baum vor dem gleichen Eingang. Ihm entsteigt eine zweite Person, ähnlich unkenntlich gekleidet wie die erste Person. Ohne einen Schirm zu öffnen wartet sie kurz im Schutz des Baumes, bis das Taxi weggefahren ist. Dann huscht auch sie zielstrebig zum Eingang. Und auch ihr wird schnell und wortlos die Türe geöffnet und hinter sich gleich wieder geschlossen.

Vom Juraplatz her steigt schliesslich noch die dritte Person unter den Lauben der Obergasse hoch. Auch sie ist inkognito unterwegs. Auch sie nähert sich mit eiligen Schritten dem Eingang, nachdem sie sich vorgängig vergewisserte, dass sie niemand beobachtet. Und auch bei ihr wiederholt sich das Spiel mit der schnell öffnenden und sich wieder schliessenden Tür.

Die Treppen zum Dachstock erklommen begrüssen sich die Anwesenden in leisem Ton und bei schummrigem Licht. Das einzige kleine Fenster zur Obergasse ist mit schwarzem Stoff abgedeckt. Niemand soll etwas zu sehen oder zu hören bekommen. Darum fällt auch die Begrüssung schon leise aus.

Das Ritual bei diesen regelmässigen Geheimtreffen ist immer dasselbe: Man trifft getrennt voneinander und halbwegs verkleidet ein, steigt die Treppe hoch, begrüsst sich leise, setzt sich in einen der ausgeleierten Leder-Fauteuils, welche dem Raum den Grund geben, als Abstellkammer bezeichnet zu werden, und wartet schliesslich ab, bis der Gastgeber allen ein Glas Rotwein servierte, um mit der Diskussion zu beginnen.

Der Gastgeber des unbeachteten Dachstockes, das ist der Präsident der Bieler Ortspartei der NLS, der «Neuen Linken Schweiz». Das ist kein Zufall, denn auch seine Gäste gehören zur NLS. Der Erstankömmling ist Christophe Leclerc, Präsident der Neuen Linken der Schweiz. Der Gastgeber deutet ihm an, dass sein aufgeklebter Schnurbart vermutlich wegen des Weinglases schief hängt, worauf dieser ihn wieder richtet.

Ihm folgte Catherine Palmy-Gey, ihres Zeichens Aussenministerin der Schweiz. Sie hat inzwischen ihre grosse, schwarze Sonnenbrille und das dunkelblaue Kopftuch abgenommen.

Und der letzte Ankömmling ist Max Leuenbacher, auch er sitzt in der Landesregierung. Er mag es nicht, sich zu verkleiden, darum hat auch er inzwischen seine Perücke mit den braunen, flachen Haaren abgenommen.

Leuenbacher nippt kurz an seinem Weinglas und kommt ohne grossen Umweg gleich auf den Punkt: «Ihr wisst alle worum es heute geht», beginnt er.

«Wir müssen endlich die nötige Transparenz schaffen. Es kann so nicht weiter gehen!», wird Leuenbacher etwas lauter und erntet dafür prompt ein «Pssst» seitens des Dachstock-Gastgebers.

«Et comment veux-tu y arriver», fragt Leclerc nach und hebt sein Weinglas zu seinen Lippen, bevor er daraus einen Schluck nimmt.

Leuenbacher deutet mit seinem Kopf wortlos zu Palmy-Gey hinüber. Sie hebt verwundert die Augenbrauen und zeigt mit dem Finger auf sich: «Moi?» Leuenbacher nickt. «Et comment?», hackt sie schulterzuckend nach.

Sechs Augenpaare sind nun wieder auf Leuenbacher gerichtet. Überzeugt von seinem Plan, geniesst er den Moment und baut eine rhetorische Pause ein, indem er erneut kurz an seinem Weinglas nippt und dann die Kurzversion seines Plans liefert: «Über den Sicherheitsausschuss des Bundesrats».

«Den Sicherheitsausschuss des Bundesrats?» fragt Leclerc ungläubig und in gebrochenem Deutsch nach.

«Genau, den Sicherheitsausschuss». Bevor ein weiteres Nachfragen nötig wird, fährt er gleich fort: «Du, Catherine, meldest den anderen beiden Mitgliedern des Ausschusses, dass Du von einem Botschafter von Zahlungen im sechsstelligen Bereich aus dem Ausland in die Schweiz erfahren hättest.

Aufgrund der speziellen Natur der Empfänger gefährde dies die Innere Sicherheit, da ein politisches und schwer kalkulierbares Ungleichgewicht entstünde. Um der Sache nachzugehen, solle der Nachrichtendienst des Bundes eingesetzt werden und diese Zahlungen durchleuchten.»

Schon nach wenigen Sekunden des Nachdenkens winkt Palmy-Gey ab: «Ca ne va pas fonctionner.»

«Warum nicht?», will Leuenbacher wissen.

Leclerc liefert an ihrer Stelle die Antwort: «Weil Justizministerin Bodmer-Schlup eher die Bundesanwaltschaft einschalten würde.»

Darauf hatte Leuenbacher gewartet und entgegnet sofort: «Aber die Bundesanwaltschaft ist erstens nicht für die Innere Sicherheit zuständig. Zweitens ist sie im Ausland im Gegensatz zum NDB schlecht vernetzt. Drittens liegt ja keine Straftat vor, also gibt es für sie nichts zu ermitteln. Und schliesslich», schnappt Leuenbacher endlich nach Luft, «hat sich die Bundesanwaltschaft in den letzten Jahren schon so oft die Finger verbrannt, dass sie es ohne gesicherten Verdacht lieber sein lässt statt gegen ‚Unbekannt’ irgendeine Anklage zu erheben.»

«Und Holzer?», will Leclerc zur möglichen Reaktion des VBS-Chefs und damit dem dritten Mann im Sicherheitsausschuss wissen.

Leuenbacher zuckt mit den Schultern. «Da dürfte die Frage, ob er oder seine Partei etwas zu befürchten hätten, ausreichen, um ihn auch von einer Untersuchung durch den NDB zu überzeugen».

«Mais on doit informer tous les collègues au conseil fédéral sur cette enquête», versucht es nochmals ablehnend die Aussenministerin.

«Ja – aber erst wenn Ergebnisse vorliegen. Vorher würde ich Deine Kollegen davon überzeugen, das Kollegium nicht unnötig zu beunruhigen und das Ganze so geheim wie nur irgendwie möglich zu halten.

Denn so lange die Anderen offiziell nichts davon wissen, können sie auch nicht dagegen sein. Und sollten sie inoffiziell etwas erfahren, können sie sich dazu auch nicht äussern, da sie sich ansonsten bezüglich ihrer Quellen erklären müssten…», schliesst Leuenbacher ab.

«Wann findet die nächste Sitzung des Sicherheitsausschusses statt?», erkundigt sich Leclerc. Palmy-Gey greift in ihre Handtasche, entnimmt ihr eine papierene Agenda, blättert darin etwas herum und antwortet schliesslich: «Dans deux semaines».

«Also ich würde sagen, einen Versuch ist es wert. Wir riskieren dabei nicht viel, ausser dass sich dann der ursprüngliche, fingierter Anfangsverdacht von wegen Auslandsüberweisung als falsch erweisen wird», meint Leclerc, bevor er sich sein Weinglas nochmals halb füllt. «Dafür erhalten wir aber andere ‚unerwartete Erkenntnisse’», schmunzelt er vielsagend vor sich hin…

«D’accord», willigt schliesslich auch die Aussenministerin ein und prostet den anderen Anwesenden zu. Diese nehmen noch alle schweigsam einen Schluck, bevor sich jeder in Abständen von einigen Minuten auf den Weg zu seiner Nachtstätte macht – natürlich wiederum inkognito…

Teil 2: «Die missglückte Übergabe».

Über diesen Beitrag

Währenddem in der Augenreiberei normalerweise Tatsachen dominieren, ist «Nebel über Seenried» für einmal eine erfundene Geschichte – ohne Anspruch auf einen literarischen Höhenflug, dafür aber mit einem kräftigen Augenzwinkern.

Die Geschichte stützt sich auf die hier via Kommentarfunktion mitgeteilten Ideen sowie auf gewisse wahre Begebenheiten ab. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind teilweise fliessend.

Alle Personen sowie die Ortschaft «Seenried» sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder mit «Seenried» können nicht ausgeschlossen werden… 😉

Einen Überblick über die verschiedenen Personen und Organisationen liefert diese Seite.

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