Sommerkrimi: «Nebel über Seenried» (5)

Der fingierte Vorfall

Dienstag, 26. Mai 2009

Nach den irritierenden Erkenntnissen aus dem Telefongespräch mit Meier lehnt sich Hürlimann vorerst in seinem Bürostuhl zurück und blickt dabei durchs Fenster den blauen und wolkenfreien Himmel an. Wie und wo sollte er denn nun eigentlich beginnen?

Ruckartig setzt er sich wieder auf, öffnet die zweite Schublade seines Schreibtisches und ergreift daraus das Kursbuch. Auch dieses ist ähnlich den Telefonbüchern zwar veraltet, aber mit dem Fahrplan 2006/2007 doch etwas jünger.

Seit dem grossen Fahrplan-Wechsel im Dezember 2004 ändern ihm die Fahrpläne zu wenig, um jedes Jahr ein neues Kursbuch zu kaufen. Stattdessen trägt er die Änderungen – es geht jeweils um ein oder zwei Minuten – jeweils von Hand ein und dies obschon er im Besitz eines Generalabonnements ist. Und dort, wo es schon so viele Änderungen gibt, dass er sie nicht mehr lesen kann, überklebt er diese einfach mit einem Stückchen Papier und schreibt die aktuelle Abfahrtszeit neu hin.

Sein Ziel ist Fribourg, denn kurz vor Fribourg geschah jener Vorfall, von welchem seine Auftraggeberin sprach. Darum schlägt er nun die Seite mit dem Fahrplan der Strecke 303 für Biel – Bern auf, die schnellste Variante um nach Fribourg zu gelangen. Kaum aufgeschlagen blickt er zur Uhr. Wenn er sich beeilt, erreicht er noch den Interregio um neun Uhr zweiundzwanzig – gemäss seinem Fahrplan.

Hastig wirft er sich seine Jacke um, hängt sich den Lederbändel seiner Tasche um, in welcher er zum ständig eingepackten Notizblock und den unzähligen Kugelschreibern noch das Kursbuch hinzupackt und eilt zur Türe in Richtung Bahnhof hinaus.

Dort angekommen merkt er bald, dass ihm das Glück diesen Morgen nicht mehr hold ist. Nachdem er die Treppe zum Perron hochgehechtet ist, muss er nämlich feststellen, dass sein Zug bereits rollt. Er sieht gerade noch «09.21» auf der blauen Anzeigetafel, bevor sich deren Inhalt für die Abfahrt des nächsten Zuges ändert. «Mist!», grollt es zwischen seinen Lippen heraus.

Etwas verzweifelt blickt er um sich und damit auch aufs Perron nebenan. «Das ist es!», fährt es ihm durch den Kopf. Erneut hechtet er die Treppe hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf, immer in der Hoffnung, er möge die S3 noch rechtzeitig erreichen, welche normalerweise drei Minuten nach dem Interregio den Bahnhof in Richtung Bern verlässt.

Tatsächlich – kaum ist er im Wageninnern von einem dieser modernen Regionalzüge in grellem Grün und traditionellem Blau, piepst es auch schon ziemlich aggressiv, schliessen sich die Türen und setzt sich das Gefährt schliesslich in Bewegung.

Jetzt muss sich Hürlimann erst einmal hinsetzen und verschnaufen. Er greift dabei in seine Ledertasche und holt sein Kursbuch und einen Kugelschreiber hervor, schlägt erneut die Seite mit der Linie 303 auf, streicht die Zahl 22 durch und ersetzt sie am Rande mit einer 21, welche allerdings wegen des Rüttelns des Zuges kaum lesbar ist. Das nächste Mal wird er pünktlich sein – vielleicht…

Nach unzähligen Halten, wie es für Regionalzüge üblich ist, trifft er in Bern schliesslich mit zwei Minuten Verspätung ein. Wenn er jetzt rennen würde, könnte er den Interregio von zehn Uhr vier nach Fribourg noch erreichen.

Doch er mag nicht. Sein Kontingent an sportlichen Leistungen ist für heute bereits ausgeschöpft. So setzt er sich schliesslich in einen ähnlich grellgrün-blauen Regionalzug, welcher um viertel vor elf in Fribourg einfährt.

Und jetzt?

Hürlimann tritt erst einmal aus dem Bahnhofsgebäude und erblickt dabei ein Bistro gleich neben dem Bahnhofseingang. Da setzt er sich erst einmal auf einen Barhocker am Tresen und will sich bei einem Kaffee in Ruhe den nächsten Schritt überlegen.

«Sie haben es nicht eilig?», spricht ihn nach kurzer Zeit ein älterer, grauhaariger und ausgemergelter Mann mit krächzender Stimme an, der gleich neben ihm sitzt und den er vorher kaum beachtete.

«Nicht mehr», meint Hürlimann in Gedanken an seine morgentliche Sprint-Aktion und setzt nun zum ersten Mal die Kaffeetasse an, welche er nach seiner Bestellung soeben erhalten hat. «Ein erstes Ziel habe ich erreicht», präzisiert sich Hürlimann nach dem Hinunterschlucken, wohlwissend dass er noch immer nicht weiss, was sein nächstes Ziel sein wird und wonach er denn genau suchen soll.

«Ja, hier gehen viele Leute ein und aus und alle haben sie nur ein Zwischenziel erreicht», sinniert der ältere Mann vor sich hin.

Diese Bemerkung hat blitzartig Hürlimanns Aufmerksamkeit geweckt: «Sitzen Sie denn jeden Tag hier?», dreht er sich schliesslich ganz zum älteren Herrn um.

«Fast jeden Tag. Seit meine Frau vor fünf Jahren verstarb, setze ich mich täglich hierhin und schaue den Leuten beim Kommen und Gehen zu, von morgens bis abends. Nur zweimal hatte ich auslassen müssen, weil mich eine Grippe ins Bett legte.»

«Dann bekommen Sie hier sicher einiges mit?», spurt Hürlimann seine ihm auf der Zunge brennende, nächste Frage schon vor.

«Ja, doch, da gibt es einiges zu erzählen…», macht eine Pause und fährt fort, «…und auch einiges zu vergessen.»

«Dann erinnern Sie sich auch noch an den Tag, an dem im Intercity zwischen Bern und Fribourg ein Behälter mit Schweinegrippe-Viren explodierte?», stellt er nun ganz direkt seine brennende Frage.

«Ooohh jaaa», nickt dazu der ältere Herr und fügt sogleich mit einem Schunzeln hinzu: «Nur ging es damals nicht um Schweinegrippe-Viren.»

Hürlimann spitzt augenblicklich seine Ohren noch mehr. «Sondern?»

«Sind Sie von der Polizei oder so?», will der unbekannte Witwer von Hürlimann wissen, ohne auf seine letzte Frage zu antworten.

«Nein, ich bin privater Ermittler.» Er kramt in seiner Ledertasche herum und fischt eine Visitenkarte hervor, welche er seinem Gesprächspartner überreicht.

«Na dann erzähl’ ich es ihnen» und legt vertrauenvoll seinen gebrechlichen Arm um Hürlimanns Schultern, um seinen Ohren – und nur seinen Ohren – näher zu sein. In leisem Ton beginnt er zu erzählen:

«An jenem Tag trat hier ein junger, aufrichtig wirkender Mann herein, etwa dreissig, eins achzig gross, dunkle Haare. Er blickte nervös hinter sich und drückte eine halbwegs offen stehende Tasche gegen seinen Oberkörper, fast so als ob ihm diese jemand entreissen wolle.

Er fragte mich ziemlich ausser Atem, ob er sich neben mich setzen könne, was ich natürlich bejahte. Ich sah ihm sofort an, dass ihm etwas auf dem Herzen lag und so sprach ich ihn direkt an: Was denn sein Problem sei, dass er so ausser Atem sei, wollte ich von ihm wissen.»

Der ältere Herr griff nun seinerseits mit seiner freien Hand zu seiner Kaffeetasse und entnahm ihr den letzten Schluck, bevor er weiterfuhr:

«Nach einem weiteren, nervös wirkenden Blick zur Tür erzählte er mir, dass zwei Männer ihn kurz vor Fribourg ausrauben wollten. Der eine hielt ihn fest, währenddem der andere seine Tasche durchwühlte.

Dann, so der junge Mann, wäre ihm eine Frau zu Hilfe geeilt. Es kam zum Handgemenge, bei dem sich der junge Mann losreisen und über den oberen Stock in einen anderen Wagen fliehen konnte.

Die junge Frau wurde leicht verletzt – zumindest wenn das stimmt, was die Medien später berichteten» und deutet dabei auf den stummen, aber laufenden TV-Bildschirm in der rechten oberen Ecke hinter dem Tresen.

«Aber sie verletzte sich nicht wegen eines explodierenden Behälters, sondern wohl eher beim Handgemenge. Als der Zug dann in Fribourg einfuhr, verliess der junge Mann den Zug, versteckte sich innerhalb einer Reisegruppe und als diese hier vorbeikam», der ältere Herr deutet nun auf den Eingang, «löste er sich aus ihr heraus und kam schliesslich hierher.»

Hürlimann will seinen Ohren ob dieser Geschichte nicht trauen. Und doch zweifelt er keineswegs am Erzählenden. «Warum aber wurde der fragliche Zug vor Lausanne angehalten und schliesslich auf ein Abstellgeleis gestellt?» wundert sich Hürlimann kopfkratzend. «Und wer ist dazu in der Lage?»

Der alte Mann zuckt mit den Schultern. «Die Bahn selbst» und schiebt nach einer kurzen Pause noch nach: «Oder eine Behörde.»

«Eine Behörde?», wundert sich Hürlimann weiter. «Das würde dann ja bedeutet…»

«…dass die beiden Angreifer auch von einer Behörde stammten, beim jungen Mann aber nicht fanden, wonach sie suchten und offensichtlich davon ausgingen, dass er sich noch immer im Zug befand», schliesst der ältere Herr den angebrochenen Satz von Hürlimann ab. «Und damit er ihnen nicht entwischt, wurde der Zug vor Lausanne angehalten.»

«Heiliger Strohsack!», entwischt es Hürlimann, hakt aber gleich in wieder leiserem Ton nach: «Aber was ist mit den Bildern, die im Fernsehen gezeigt wurden?»

«Haben Sie darauf irgendwelche Virologen mit Ganzkörper-Schutzbekleidung gesehen?»

«Nein, nicht soweit ich mich erinnern kann.»

«Und haben Sie nur Fotos oder auch Filmaufnahmen gesehen?», bohrt nun der ältere Herr weiter nach.

«Da wurden glaube ich nur Fotos gezeigt.»

«Eben. Ist ja schon merkwürdig, nicht wahr?»

«Naja, das Fernsehen kann ja nicht überall sein», entgegnet ihm Hürlimann.

«Das Fernsehen nicht. Aber die Leute. Kürzlich präsentierte mir ein Geschäftsmann sein Handy. Wir unterhielten uns über die heutigen Wunder der Technik. Stolz präsentierte er mir ein kleines Filmchen, welches er fünf Minuten vorher von einem Arbeitskollegen erhalten hatte, der gerade auf St. Tropez in den Ferien weilt.

Als ich ihm sagte, dass dieses Gerät sicher sehr teuer sei und es sich wohl kaum jemand leisten könne, schüttelte er den Kopf und meinte, dass heute fast jedes Handy eine eingebaute Kamera hätte, mit welcher man etwas aufnehmen könne».

«Sie meinen also, dass es Filmaufnahmen geben müsste?»

«Ganz bestimmt! Schauen Sie sich doch nur hier einmal um», und dreht sich zu den Tischen hinter sich, «fast jeder hält heute so ein Ding in den Händen. Glauben Sie wirklich, dass es an einem so öffentlichen Ort wie einem Bahnhof und dies noch in der fünfgrössten Stadt der Schweiz niemanden gibt, der einen während Stunden blockierten Zug, umzingelt von Polizisten, filmen könnte?»

«Die haben aber vielleicht niemanden wegen der Viren-Bedrohung herangelassen», wendet Hürlimann ein.

«Ausser dem Fotografen, meinen Sie?», widerspricht ihm der ältere Herr sogleich. «Zudem trägt kein Polizist auf den Bildern irgendwelche Schutzkleidung. Das ist doch merkwürdig, nicht?»

«Aber was ist mit dem Bild des fraglichen Zugwagens, auf dem man eine ziemliche Sauerei an einer Scheibe kleben sieht?», versucht es Hürlimann noch einmal.

«Sind immer alle Züge blitzblank sauber?»

Hürlimann antwortet darauf nicht, denn beide kennen die Antwort. «Sie meinen demnach, dass es diesen Polizeieinsatz gar nie gegeben und die Bilder, allesamt Fotos, zu einem anderen Zeitpunkt gemacht wurden?»

Nun sieht er den Stammgast des Bistros den Kopf hin- und herschwenken, so als ob er Hürlimanns Suggestivfrage relativieren wolle. «Den Polizeieinsatz hat es ganz bestimmt gegeben, dass lässt sich so in aller Öffentlichkeit nicht vor den anderen Reisenden verbergen. Und es hat ihn eben gerade deshalb gegeben, weil sie noch immer nach dem jungen Mann suchten. Aber es war ganz bestimmt kein Einsatz von wegen ‚explodiertem Viren-Behälter‘.

Vergessen Sie nicht, dass nach offizieller Darstellung», der Witwer zeigt dazu stellvertretend wieder auf den TV-Bildschirm, «es vor Fribourg zur Explosion gekommen sein soll. Lässt man dann einen Zug dreiviertel Stunden lang weiterfahren, mitten in eine der grössten Städte? Die hätten ihn wohl besser in Romont oder Palézieux angehalten.»

Inzwischen muss sich Hürlimann eingestehen, dass auch er mehr Zweifel an der offiziellen Variante hat als an jener, welche ihm der ältere Herr da während der letzten Minuten erzählte. Er wird sich auf dem Rückweg das Ganze noch einmal in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Doch noch ist seine Neugier nicht gestillt: «Hat dem jungen Mann überhaupt etwas von seinen Sachen gefehlt?»

«Nein, eben nicht. Er durchsuchte alle seine Taschen, legte sogar alles auf den Tresen und kam schliesslich zum Schluss, dass ihm nichts fehle, nicht einmal seine Brieftasche. Gerade auch deswegen denke ich, dass dahinter eine Behörde stecken muss, die nach etwas ganz Bestimmtem gesucht hatte.»

«Wissen Sie auch etwas über diesen jungen Mann selbst? Wie kann ich ihn aufspüren?», kehrt der private Ermittler wieder zum Anfang zurück.

«Naja, er meinte eher beiläufig, dass er heute eigentlich seinen freien Tag hätte, den er besonders geniessen wollte, weil dies wohl der letzte sein werde, bevor die grosse Arbeit auf dem Weingut, auf welchem er in Twann arbeite, wieder losginge. Einen Namen nannte er hingegen nicht, auch einen Vornamen nicht.»

Hürlimann hat nun genug gehört. Er bezahlt seinen Kaffee und jenen des älteren Herrn, bedankt und verabschiedet sich von ihm und macht sich wieder auf den gedankenreichen Rückweg…

Teil 6: «Der verschwundene Zeuge».

Über diesen Beitrag

Währenddem in der Augenreiberei normalerweise Tatsachen dominieren, ist «Nebel über Seenried» für einmal eine erfundene Geschichte – ohne Anspruch auf einen literarischen Höhenflug, dafür aber mit einem kräftigen Augenzwinkern.

Die Geschichte stützt sich auf die hier via Kommentarfunktion mitgeteilten Ideen sowie auf gewisse wahre Begebenheiten ab. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind teilweise fliessend.

Alle Personen sowie die Ortschaft «Seenried» sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder mit «Seenried» können nicht ausgeschlossen werden… 😉

Einen Überblick über die verschiedenen Personen und Organisationen liefert diese Seite.

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