Sommerkrimi: «Nebel über Seenried» (6)

Der verschwundene Zeuge

Mittwoch, 27. Mai 2009

Der neue Tag beginnt mit viel Sonnenschein und blauem, fast wolkenlosen Himmel. Ein idealer Tag für all jene, welche einen Tagesausflug irgendwo am Bielersee machen wollen und dafür nach Twann reisen, um sich in der malerischen Kulisse und mit Blick auf den See irgendwelche frittierten Fische mit einem Glas Weisswein aus dem eigenen Ort servieren zu lassen.

Auch Hürlimann steht nun auf Twanner Boden, allerdings nicht wegen der frittierten Fische. Auch nicht wegen des Weines. Er sucht vielmehr jenen rund 30-jährigen Mann, von welchem ihm gestern der ältere Herr im Bistro des Bahnhofs Fribourg sprach und welcher ihm hoffentlich bei der Suche eines mysteriösen Objekts, von dem er noch immer nicht weiss, worum es sich handelt, helfen könnte.

Bei der ersten Weinkellerei brennt er bereits an. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen und nirgends steht eine Türe offen. Hier scheint man den Wein in Ruhe reifen zu lassen, denkt sich Hürlimann.

Emsiges Treiben hingegen vor der zweiten Weinkellerei, vor welcher gerade einige in Kartons abgepackte Flaschen in einen Lieferwagen verladen werden. Hürlimann fragt nach dem Chef, worauf hin ihm ein Angestellter den Weg ins Innere zu einem Büro weist.

In solchen Situationen zückt der private Ermittler immer seinen Ausweis des Schweizerischen Privatermittler-Verbands. Die wenigsten kennen die offiziellen Ausweise der Polizei, darum hinterlässt sein Ausweis immer den Eindruck, er käme von der Polizei.

Zwar steht auf dem Ausweis klar und deutlich «Privater Ermittler». Doch Hürlimann hat inzwischen gelernt, seinen Daumen aufs Wort «Privater» zu halten, sodass nur «Ermittler» zu sehen ist. Und dass sich darauf kein Kantonswappen befindet, hat bisher im Vornherein auch noch keiner gemerkt. Die meisten reagieren ohnehin nervös, wenn ihnen jemand entgegen tritt, der zuerst seinen Ausweis zeigt und bei dem es sich dann noch um einen «Ermittler» handelt.

Auch der Winzer wirft nur einen kurzen Blick auf den Ausweis, bevor er breitwillig auf Hürlimanns Fragen antwortet.

«Ja, ich kenne einen Mann, der auf Ihre Beschreibung passt. Hat er denn etwas verbrochen?» fragt er nach und bestätigt dessen Aufrichtigkeit mit dem nachgeschobenen Satz «ich könnte mir das nämlich nicht vorstellen.»

«Nein, nein», entschärft Hürlimann die Frage sofort. Er wäre aber vielleicht ein wichtiger Zeuge für eine laufende Ermittlung.

«Nun, Benjamin Luginbühl hiess der Mann», rückt der Weinbauer schliesslich den Namen heraus.

«Warum ‚hiess’?», horcht Hürlimann auf.

«Luginbühl arbeitete acht Jahre lang sehr gut und sehr fleissig bei mir. Und dann kreuzte er anfangs Monat auf, sagte, es wäre etwas Wichtiges passiert und er deshalb per sofort kündige. Ich hatte kaum Gelegenheit, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, da hatte er bereits seine Sachen gepackt und war verschwunden. Seither habe ich ihn nie wieder gesehen.»

«Sie wissen also nicht, wo er heute lebt?»

«Nein. Ich habe ihm soeben noch sein letztes Gehalt überwiesen, das war sozusagen der letzte Kontakt.»

Hürlimann spürt, dass hier wohl nicht mehr zum mysteriösen Verschwinden des Angestellten zu erfahren ist. Darum verabschiedet er sich und macht sich auf den Weg zurück in sein Büro.

Dort angekommen greift er sich sofort aus den 24 veralteten Telefonbuch-Bänden jenes hervor, welches fürs Berner Mittelland gilt. Unter Twann findet er auch einen Benjamin Luginbühl. Er arbeitete offensichtlich nicht nur dort, sondern lebte auch dort. Doch wo befindet er sich heute?

Seine veralteten Telefonbücher werden es ihm sicher nicht verraten, das weiss Hürlimann. Er braucht dringend neue. So eilt er einmal mehr aus seinem Büro, um sich bei der Post mit jüngerem Material einzudecken.

«Welchen Band hätten Sie denn gerne», fragt ihn ein junger Postangestellte. Gute Frage, denkt sich Hürlimann. Welche Region soll er abklappern? Gleich die ganze Schweiz?

«Geben Sie mir…» und blickt zögernd nochmals auf die Übersichtskarte «…die Bände vier bis acht». Damit wird er das halbe Mittelland abdecken. Das sollte für den Anfang reichen, mehr kann er ohnehin auch nicht auf einmal tragen.

Zurück in seinem Büro und halbwegs schweissgebadet ob des Gewichts lässt Hürlimann schliesslich die vier Bände auf seinen Schreibtisch fallen. Da wartet eine Menge Arbeit auf ihn, denkt er sich.

Die Sonne ist schon bald verschwunden, als Hürlimann endlich den letzten der vier Bände zu durchforsten beginnt. In seinem Kopf kreisen inzwischen unzählige Fragen: Hat er vielleicht gar kein Telefon mehr? Hätte er sich vielleicht doch alle 24 aktuellen Bände besorgen sollen? Oder hat er sich vielleicht nicht mehr eintragen lassen, denn wer so schnell aus- und wegzieht, möchte vielleicht gar nicht mehr gefunden werden?

Nicht mehr gefunden werden – diese Frage durchfährt ihn wie ein Blitz. Wie konnte er das bloss ausser acht lassen? «Noch nicht gefunden werden», spricht Hürlimann mit sich selbst und korrigiert seine letzte Frage gleich selbst. Luginbühl ist ja erst vor wenigen Wochen weggezogen, wie soll er da schon in einem Telefonbuch enthalten sein?

Mit einem lauten Knall schliesst er den letzten Band, ohne ihn ganz durchforstet zu haben. Sein Augenmerk richtet sich nun auf sein Telefon. Könnte ihm die Auskunft weiterhelfen? Warum hat er sie nicht gleich von Anfang an angerufen? Verärgert über sich selbst wählt er schliesslich deren Nummer.

«Ja, einen Benjamin Luginbühl gibt es. Seine Telefonnummer lautet…» erzählt ihm die Dame am anderen Ende der Leitung, bevor sie von Hürlimann unterbrochen wird: «Ich brauche nicht seine Nummer, ich bräuchte nur seine Adresse.»

Auch damit kann ihm die Dame helfen. Kaum notiert und den Hörer wieder aufgelegt, macht er sich auf den Weg – nach Lyss…

Teil 7: «Eine neue Spur».

Über diesen BeitragWährenddem in der Augenreiberei normalerweise Tatsachen dominieren, ist «Nebel überSeenried» für einmal eine erfundene Geschichte – ohne Anspruch auf einen literarischenHöhenflug, dafür aber mit einem kräftigen Augenzwinkern.Die Geschichte stützt sich auf die hier via Kommentarfunktion mitgeteilten Ideen sowie auf

gewisse wahre Begebenheiten ab. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind teilweise fliessend.

Alle Personen sowie die Ortschaft «Seenried» sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder mit «Seenried» können nicht ausgeschlossen werden… 😉

Einen Überblick über die verschiedenen Personen und Organisationen liefert diese Seite.

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