Sommerkrimi: «Nebel über Seenried» (8)

Ein Schuss voll ins Schwarze

Donnerstag, 28. Mail 2009

Auch an diesem Morgen wird Hürlimann durch den Wurf der «Seeländer Nachrichten» an seine Bürotür geweckt. Seine Armbanduhr verrät ihm, dass es sieben Uhr zwanzig ist, also regnet es nicht. Gestern Abend ist es spät geworden, darum dreht er sich noch einmal um.

Erst zwei Stunden später wacht er erneut auf, weil sein Telefon klingelt. Ihm ist so, als ob er es bereits schon einmal früher klingeln hörte, sicher ist er sich dessen aber nicht.

Er ist zu groggy um ins Vorzimmer zu rennen und den Hörer abzunehmen, bevor sein alter Anrufbeantwortet loslegt. Diesen hört er dann auch tatsächlich, doch wie schon vor einigen Tagen spricht auch dieses Mal niemand aufs Band.

Schliesslich überwältigt er den inneren Sauhund doch noch, steht auf und führt seine Morgenroutine aus – einfach zwei Stunden später als an anderen Tagen.

Dann holt er den Papierschnipsel hervor und zieht aus einer Schreibtischschublade eine Lupe heraus. Nach dem ersten Blick schüttelt er den Kopf und spricht mit sich selbst: «Nein, das geht jetzt nicht. Später.»

Er legt beides beiseite, holt sich die Zeitung vor seiner Bürotür, schenkt sich eine Tasse des inzwischen gebrauten Kaffees ein und setzt sich für seine Morgenlektüre hin.

Nach wenigen Minuten – er studiert gerade die Veranstaltungsseite – setzt er sich ruckartig in seiner ansonsten eher liegenden Position auf, denn ein Inserat hat es ihm besonders angetan: Der Schützenverein Seenried kündigt an, dass heute ab siebzehn Uhr das Schützenhaus fürs Training der Jungschützen geöffnet sei. «Schützenverein Seenried», fährt es ihm durch den Kopf.

Er greift nach dem beiseite gelegten Papierschnitzel und vergleicht. Die Buchstaben würden passen, wenn man die beiden Wörter untereinander schreibt, so wie eben auf dem Papierschnitzel. «Das muss es sein!», ruft Hürlimann laut aus.

Er blickt auf die Uhr. Noch rund sechs Stunden bleiben ihm, um nach Seenried zu fahren. In einem Regal grübelt er eine Karte hervor und findet darauf auch schon bald den Schiessstand und den Weg dahin.

Hürlimann ist zufrieden. Gestern noch glaubte er an eine Sackgasse, doch nun kommt er weiter voran. Das will belohnt werden, meint er zu sich selbst, und beschliesst daher, heute für einmal nicht seinen ohnehin fast leeren, kleinen Kühlschrank nach etwas Essbarem zu durchsuchen, sondern für einmal in einem Restaurant essen zu gehen.

Just als er sich die Jacke umwirft, um sein Büro zu verlassen, klingt erneut sein Telefon.

«Hürlimann, private Ermittlungen»

Zuerst ein Schweigen.

Dann, ohne Begrüssung die Frage: «Haben Sie die Anzahlung erhalten?»

Er erkennt die weibliche, tiefe und verraucht klingende Stimme sofort. Seine unbekannte Auftraggeberin ist am Apparat.

«Ja, das habe ich», gibt er ihr zur Antwort.

«Machen Sie Fortschritte?»

«In der Tat. Ich verfolge eine heisse Spur», rechtfertigt er sich.

«Dann haben Sie den Inhaber des Objekts noch nicht gefunden?»

«Ähm, nein», hört man ihn schon fast entschuldigend.

«OK, kein Problem. Vergessen Sie einfach nicht, mir nur zu sagen, wer das Objekt hat. Sie haben es nicht an sich zu nehmen. Haben Sie das verstanden?»

«Ja klar.»

«Gut. Ich melde mich wieder. Sie erhalten das Doppelte der Anzahlung, sobald Sie mir die gewünschte Antwort geliefert haben.»

Kaum hat sie dies gesagt, hat sie auch bereits wieder aufgehängt. Für Nachfragen blieb Hürlimann auch diesmal keine Zeit. Immerhin weiss er jetzt, was für ein Honorar ihn erwartet. Und das ist nicht schlecht, denkt er sich, bevor er zum Mittag aufbricht.

Zurück vom Mittagessen setzt er sich wieder in seinen Bürostuhl und starrt den Himmel vor seinem Fenster an. Wie sollte er vorgehen, wenn er in Seenried ist? Wird er da jemandem begegnen, der Luginbühl festgehalten, halbwegs ausgeraubt und ihn vielleicht vor seiner Wohnung niedergeschlagen hatte?

Die Euphorie vom Vormittag ist verflogen. Hürlimann mag solche unberechenbaren Situationen nicht. Doch ihm bleibt keine Wahl, ausser den Auftrag zurückzuweisen, jetzt, wo er es doch schon ziemlich weit gebracht hat. Und er könnte das Geld gut gebrauchen, schliesslich will er wie sein Zuger Kollege Meier auch bald in den Ruhestand treten – auch wenn noch einige Jahre vor ihm liegen.

Er wird einfach früh genug hinfahren, um sich vorher etwas genauer beim Schiessstand umzuschauen, beruhigt er sich gedanklich. Seine Uhr zeigt zwar erst vierzehn Uhr an, trotzdem erhebt sich Hürlimann, um mit seinem alten Volvo nach Seenried zu fahren.

Keine halbe Stunde später ist er vor Ort und parkiert beim Gasthof Bären. Durstig ist er zwar nicht, doch er möchte erfahren, wie die allgemeine Stimmung vor Ort ist.

Drei kauzige Männer sitzen am Stammtisch, jeder ein Glas Bier vor sich. Beim Hereintreten wird er von den dreien begutachten und mit Kopfnicken begrüsst. Mehr liegt für einen Fremden nicht drin. Dementsprechend setzt er sich an einen anderen Tisch.

Eine junge Serviceangestellte nimmt seine Bestellung entgegen und bringt ihm anschliessend das gewünschte Mineralwasser. Nach einem kleinen Schluck schaut er sich erstmals etwas genauer um und entdeckt beim Zeitungsständer auch eine Dorfbroschüre.

Er besorgt sich beides, die «Seeländer Nachrichten», welche er bereits gelesen hat, wie auch die Dorfbroschüre. Die Zeitung dient ihm aber nur dazu, die Broschüre zu verdecken. Es soll niemand merken, wie er sich über die lokalen Gegebenheiten informiert.

Wieder sitzend hält er die Zeitungsseiten senkrecht, damit keiner sehen kann, dass er darin eigentlich die Dorfbroschüre liest. Sie enthält in etwa das, was er in solchen Broschüren erwartet: Bilder von Seenried, eine Chronik der Ereignisse aus dem Dorfleben mit dem Höhepunkt des «Schnellsten Seenrieders» und Inserate der örtlichen Gewerbebetriebe.

Eine Seite hat es ihm aber besonders angetan. Sie enthält nämlich «Nützliche Informationen» über die Gemeindeverwaltung und das Gemeindeleben, so auch über die Vereine. Die Liste ist nicht besonders lang. Nebst der Damenriege, welche gemäss Broschüre jeden Dienstagabend trainiert und jede Dame herzlich willkommen heisst, gibt es noch die Herrenriege, für welche das gleiche gilt, allerdings am Mittwochabend.

Und es gibt den Schützenverein. Wie bei den anderen Vereinen ist der gesamte Vorstand aufgeführt. «Viktor Habermacher, Präsident», liest er da. Hatte er diesen Namen nicht schon bereits vorher irgendwo gelesen?

Hürlimann blättert zurück. Tatsächlich: Auf der Seite mit den «Politischen Parteien in Seenried» steht der gleiche Name und auch da ist er Präsident, allerdings von der Ortspartei der Schweizerisch-Konservativen Partei SKP.

«Aha, Ämterkumulation, wie üblich in ländlich geprägten Ortschaften», fährt es Hürlimann unmittelbar durch den Kopf. Er blättert weiter und erreicht schliesslich die letzte Umschlagsseite.

Um ein Haar hätte er sich verschluckt, als er erneut einen Schluck Wasser trinken wollte und dabei erstmals richtig beachtete, was diese letzte Umschlagsseite enthält: Es war ein Inserat der «Habermacher Bauunternehmung AG, Seenried», auf welchem auch ein Bild einer Person mit der Bildlegende «Viktor Habermacher, Inhaber» zu sehen war.

«So ist das also», denkt sich Hürlimann. Auch das hat ihn nicht wirklich überrascht, denn nach seiner Erfahrung haben viele Dörfer einen Viktor Habermacher.

Schliesslich trinkt Hürlimann aus, bringt beide Druckerzeugnisse wieder an ihren Ort, bezahlt sein Wasser und verlässt den Bären. Von dort aus ist der Weg zum Schiessstand beschildert, sodass er auf die mitgenommene Karte verzichten kann.

Seinen alten Volvo parkiert er neben der Zufahrt zum Schützenhaus und nähert sich diesem weiter zu Fuss. Weit und breit ist noch keine Menschenseele zu sehen, doch schliesslich ist er auch noch über eine Stunde zu früh.

Das Schützenhaus wie auch der dreihundert Meter entfernt gelegene Scheibenstand, welchen er ebenfalls inspiziert, sind beide noch verschlossen. Er setzt sich daher auf eine Bank neben dem Eingang.

Dabei kommt in ihm wieder ein mulmiges Gefühl auf. Er wird vermutlich gleich einem Mann begegnen, welcher höchstwahrscheinlich vor Gewalt nicht zurückschreckt und dies an einem Ort, an dem mit Waffen hantiert wird. «Wenn das nur gut kommt», brummelt er in sich hinein.

In seinen düsteren Gedanken wird er unterbrochen durch das Knirschen der Kieselsteine eines sich herannähernden Fahrzeuges. Es parkt direkt neben dem Schiessstand. Ihm entsteigt eine Person, welche dem Abbild auf der letzten Umschlagsseite der Dorfbroschüre entspricht.

«Das muss er sein», ist für Hürlimann sofort klar. Dass er und Habermacher aber noch die einzigen beiden sind, wirkt auf ihn nicht gerade beruhigend. Der Gedanke rauscht ihm kurz durch den Kopf, ob Habermacher – sofern er es denn ist – wohl genügend Zeit hätte, ihn niederzustrecken und verschwinden zu lassen, bevor die Jungschützen eintreffen. Ein dummer Gedanke, gesteht sich Hürlimann ein.

«Haben wir hier einen neuen Schützen-Interessenten?» fragt ihn lachend und begrüssend der Schützenvereinspräsident, welcher ihm auch gleich die Hand entgegenstreckt.

«Nein, nicht ganz. Ich habe es nicht so mit Waffen», erwidert Hürlimann und schüttelt seinem Gegenüber trotzdem die Hand.

«Sie sind aber hoffentlich auch nicht vom kantonalen Umweltinspektorat, um den Kugelfang auf Schwermetall zu untersuchen», scherzt der vermeintliche Habermachen.

«Auch das nicht. Ich suche vielmehr den Präsidenten des Schützenvereins Seenried.»

«Der steht vor Ihnen! Viktor Habermacher ist mein Name. Was kann ich denn sonst für Sie tun?»

«Nun, ich bin privater Ermittler und…»

«Oha!» unterbricht ihn Habermacher. «Ein Ehebrecher-Beschleuniger» grinst er ihn hämisch an.

«Wie bitte?», hakt Hürlimann nach, der nicht verstanden hat, was Habermacher meint.

«Wissen Sie, ich bin geschieden und dass es überhaupt dazu kam, habe ich einem wie Ihnen zu verdanken, der von meiner Frau, pardon, meiner ex-Frau engagiert wurde. Seither bin ich auf Schnüffler nicht gut zu sprechen.»

Die Argumentation, dass ein privater Ermittler an Habermachers gescheiterter Ehe schuld sein soll, leuchtet Hürlimann zwar nicht ein, doch er lässt sich davon ebenso wenig ablenken wie vom abschätzigen Begriff «Schnüffler».

«Aber das hat nichts mit mir zu tun. Solche Aufträge lehne ich kategorisch ab», lügt er Habermacher brandschwarz, aber mit äusserst ernster Miene an.

Der Vereinspräsident beäugt ihn nun argwöhnisch. «Nun, dann rücken Sie heraus, was Sie wollen. Bringen wir es hinter uns…»

«Eigentlich wollte ich nur wissen, ob sie einen Benjamin Luginbühl kennen». Jetzt kneift sich Hürlimann seine Hinterbacken zusammen, denn das ist die wohl heikelste Frage.

«Benjamin Luginbühl, sagen Sie», wiederholt der Bauunternehmer den Namen und scheint zu überlegen.

«Nein, das sagt mir nichts. Tut mir leid.»

«Er ist etwa eins achzig gross und hat dunkel Haare», schiebt Hürlimann noch nach.

«Das kann auf viele Männer zutreffen, junger Mann», gibt der nicht viel ältere Habermacher in überheblicher Manier von sich.

«Sagt Ihnen denn ‚die Bank’ etwas?»

«Sie meinen, so wie eine Geschäftsbank?»

«Eher irgendwie im übertragenen Sinne», versucht Hürlimann etwas zu erklären, von dem er selber nicht weiss, was es zu bedeuten hat.

«Nein, auch damit kann ich nichts anfangen.»

«Und hat der 27. April 2009 in irgendeiner Form eine spezielle Bedeutung für Sie?»

«Sie wollen aber gar viel von mir wissen», ärgert sich der Bauunternehmer inzwischen, währenddem er sein Handy aus seiner Brusttasche zieht, auf welcher sich auch seine elektronische Agenda befindet.

Hürlimann hört es einige Male klicken, bis Habermacher offensichtlich den fraglichen Tag gefunden hat. «Öhm, nein, dieser Tag sagt mir auch nichts.» Der Instinkt des Ermittlers ist sofort hellwach, denn die Antwort des Schützenvereinspräsidenten kam – verglichen mit der selbstsicheren Person von vorhin – viel zu zögerlich und zu unglaubwürdig.

Das scheint auch Habermacher bemerkt zu haben und versucht zu retten, was noch zu retten ist: «Ich hatte damals einige ganz normale Termine, nicht einmal eine Vertragsunterzeichnung für einen Neubau stand an.»

«Na dann, ist wohl nichts zu machen», meint Hürlimann, bedankt und verabschiedet sich schliesslich. Währenddem Habermacher das Schützenhaus aufschliesst und sich ins Innere begibt, macht sich Hürlimann auf dem Weg zurück zu seinem Auto. Dabei kommen ihm auch einige Jungschützen entgegen, welchen er freundlich zunickt.

Kaum sitzt er wieder in seinem Auto, greift er ins Handschuhfach und entnimmt daraus ein Fernglas. Wenn ihn sein Instinkt nicht täuscht, wird der Vereinpräsident in Kürze wieder aus dem Schützenhaus treten.

Und tatsächlich fallen kaum die ersten Schüsse, als Habermacher das Gebäude verlässt, den Gehörschutz von seinem Kopf nimmt, nach seinem Handy greift, um dann wild gestikulierend ein Telefongespräch zu führen.

Ob er da soeben schlafende Löwen geweckt hat, fragt sich Hürlimann…

Teil 9: «Unerwartete Besuche».

Über diesen Beitrag

Währenddem in der Augenreiberei normalerweise Tatsachen dominieren, ist «Nebel über Seenried» für einmal eine erfundene Geschichte – ohne Anspruch auf einen literarischen Höhenflug, dafür aber mit einem kräftigen Augenzwinkern.

Die Geschichte stützt sich auf die hier via Kommentarfunktion mitgeteilten Ideen sowie auf gewisse wahre Begebenheiten ab. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind teilweise fliessend.

Alle Personen sowie die Ortschaft «Seenried» sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder mit «Seenried» können nicht ausgeschlossen werden… 😉

Einen Überblick über die verschiedenen Personen und Organisationen liefert diese Seite.

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