Sommerkrimi: «Nebel über Seenried» (10)

Notruf beim NDB

Donnerstag, 28. Mai 2009

Mühlemann freut sich aufs kommende Wochenende. Vier nervlich anstrengende Wochen liegen hinter ihm. Zwar hat er den Auftrag des Sicherheitsausschusses des Bundesrats schon vor Wochen abgeschlossen, sodass es keinen Grund gab, dass erst der heutige Tag als Abliefertermin gilt.

Doch der «Zwischenfall» vor einem Monat hatte ihn arg mitgenommen. In kürzester Zeit, das heisst auf der Bahnstrecke zwischen Fribourg und Lausanne, hatten er und seine zwei Unterstellten die verpatzte, nicht-stattfinden-dürfende Übergabe von vertraulichen Informationen zu vertuschen.

Welch Glück, herrschte damals viel Aufregung um die Schweinegrippe, sodass er dank viel Improvisationstalent seiner unterstellten Aussenmänner einen Vorfall vortäuschen konnte, den bis heute niemand je hinterfragt hatte und von dem nicht einmal sein Vorgesetzter wusste, dass er nur vorgetäuscht war.

Er ist noch immer überrascht, wie leichtgläubig viele Menschen sind und doch tatsächlich glaubten, dass Schweinegrippe-Viren in einem Intercity-Zug quer durch die halbe Schweiz transportiert würden…

Doch seine Vorfreude fürs kommende Wochenende wird ihm mit dem nachfolgenden Anruf jäh genommen:

«5418 am Apparat», meldet sich Mühlemann wie üblich.

«Hier Habermacher. Müli, bist Du es?» Habermacher nennt seinen alten Schulfreund seit je her einfach nur kurz «Müli».

«Verdammt, Viktor, Du sollst mich hier doch nicht anrufen», reagiert der NDB-Mann verärgert.

«Ausser in Notfällen, hattest Du mir gesagt, als Du mir Deine Direktwahlnummer gegeben hattest», entgegnet ihm der Seenrieder Schützenvereinspräsident.

«Was liegt denn schon für ein Notfall vor?», fragt Mühlemann ungeduldig nach.

«Soeben war so ein privater Schnüffler bei mir und wollte von mir wissen, ob ich einen gewissen Benjamin Luginbühl kenne.»

Mühlemann erbleicht. Habermacher sollte Luginbühl nicht kennen, zumindest nicht beim Namen. Zwar stand der Seenrieder damals im Bahnhof Bern direkt hinter Luginbühl, doch seinen Namen konnte er nicht wissen.

Doch nun scheint jemand Luginbühl ausfindig gemacht zu haben – und aus für ihn unerklärlichen Gründen führte ihn Luginbühl zu Habermacher.

Wie war das möglich? Er und seine beiden Unterstellten hatten doch damals, als sie Luginbühls Wohnung auf den Kopf stellten, keine Spuren hinterlassen. Oder etwa doch?

Etwas ratlos fragt Mühlemann zurück: «Ja und?»

«Er wollte auch wissen, ob mir der Begriff ‚die Bank’ etwas sagen würde.» Mühlemanns Gesicht wird noch weisser. Wie konnte jemand so viel über eine – zugegebenermassen – inoffizielle NDB-Operation wissen?

«Das hat mich aber noch nicht beunruhigt», fährt Habermacher weiter. «Aber dass er dann nach dem 27. April 2009 fragte, an jenen Tag mit der gescheiterten Übergabe, machte mich dann doch stutzig. Verdammt, Müli, was läuft hier ab?»

Mühlemann schweigt, eine schnelle Antwort ist gefragt. «Was hast Du ihm geantwortet?» Eine Gegenfrage verschafft ihm einige Sekunden Zeit zum Nachdenken.

«Nichts. Ich hatte ihm gesagt, dass mir weder ‚die Bank’ noch eine Person namens Benjamin Luginbühl etwas sagen würde und dass ich an diesem Tag ganz normale Termine wahrzunehmen hatte.»

«Wie hiess denn der Mann?»

«Das weiss ich nicht», gibt Habermacher zurück.

«Verdammt, Viktor!», verliert nun Mühlemann kurz die Fassung über die Ahnungslosigkeit seines alten Schulfreunds. «Also, Du erzählst niemandem von dieser Begegnung. Ich kümmere mich um alles Weitere!»

Mühlemann legt ohne Verabschiedung auf, um sogleich einen seiner Unterstellten anzurufen. Nach dem Verstummen des Klingeltons legt er gleich los: «Habt Ihr die neue Adresse von Benjamin Luginbühl?»

«Ja, natürlich», antwortet A-312, nachdem er sich blitzartig in Erinnerung gerufen hatte, von wem sein Chef sprach.

«Dann macht Euch sofort auf und sucht in seiner Wohnung nach einem Hinweis zu einem privaten Schnüffler. Und bitte: Diesmal ohne Aufsehen oder Fehler!»

Mühlemann hängt auf. Es ist viertel nach fünf und er sollte – trotz unerwarteter Ereignisse – noch seine einjährige Arbeit abliefern. Zwei USB-Sticks, rot mit einem Schweizerkreuz drauf, wollen noch mit allen Informationen beschrieben werden. Einer ist fürs Archiv, der zweite für seinen Vorgesetzten beziehungsweise den Sicherheitsausschuss des Bundesrats. Und irgendwo gibt es noch einen Dritten, von dem er immer noch nicht weiss, wo er sich befindet…

Als er den USB-Stick einschieben will, merkt er, wie seine Hand zittert. Er ist noch zu aufgebracht und beschliesst daher, zuerst eine kurze Pause in der Cafeteria einzulegen, auch wenn dies für diese Zeit eher unüblich ist. Für den Fall, dass ihn jemand auf die unübliche Pausenzeit anspricht, legt er sich noch schnell eine Antwort zurecht. Darin ist er geübt…

Doch schliesslich braucht er diese nicht. 15 Minuten später sitzt er bereits wieder an seinem Schreibtisch und ist nun bereit, die beiden USB-Sticks zu beschreiben. Das Ganze dauert auch nur wenige Minuten und just in dem Moment, als auch der zweite beschrieben ist, klingelt erneut sein Telefon.

«5418 am Apparat», meldet er sich abermals.

«Hier A-312. Wir haben es: Hans Hürlimann, privater Ermittler aus Biel.»

«Na dann sofort weg da und hin zu diesem Hürlimann. Sucht nach ‚der Bank’», instruiert Mühlemann einen der beiden Männer.

«OK, alles klar», quittiert ihm A-312 den neuen Befehl.

«Was für ein Ärger mit diesen kleinen Dingern», denkt Mühlemann für sich, als er beide soeben beschriebenen USB-Sticks in seiner Hand hält. Auch dass er sie ‚die Bank’ nennt, in Anlehnung an die umgedrehte Schreibweise ‚UBS’, ändert nichts an seinen Problemen…

Teil 11: «Überraschende Post».

Über diesen Beitrag

Währenddem in der Augenreiberei normalerweise Tatsachen dominieren, ist «Nebel über Seenried» für einmal eine erfundene Geschichte – ohne Anspruch auf einen literarischen Höhenflug, dafür aber mit einem kräftigen Augenzwinkern.

Die Geschichte stützt sich auf die hier via Kommentarfunktion mitgeteilten Ideen sowie auf gewisse wahre Begebenheiten ab. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind teilweise fliessend.

Alle Personen sowie die Ortschaft «Seenried» sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder mit «Seenried» können nicht ausgeschlossen werden… 😉

Einen Überblick über die verschiedenen Personen und Organisationen liefert diese Seite.

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