Sommerkrimi: «Nebel über Seenried» (11)

Überraschende Post

Freitag, 29. Mai 2009

Hürlimann ist wieder einsatzbereit. Den halben Vormittag hat er damit zugebracht, sein durchwühltes Büro aufzuräumen und nicht zuletzt auch sich selbst zu pflegen.

Ihm ging es ähnlich, wie es wohl auch Benjamin Luginbühl Ende April ergangen sein muss: Ihm wurde schwarz vor Augen, fiel hin und trug schliesslich einen blauen Flecken am Hinterkopf davon. Auch er wachte mitten in der Nacht zum Freitag auf dem Rücken auf und konnte nicht genau sagen, ob der blaue Fleck von einem Schlag auf den Hinterkopf oder vom Hinfallen stammte.

Auf jeden Fall sitzt Hürlimann nun wieder an seinem Schreibtisch und weiss erneut nicht, wie es weiter gehen soll. Der Fall seiner unbekannten Auftraggeberin ist ihm inzwischen zu gefährlich geworden, zumal seine Ermittlungen offensichtlich so viel Staub aufwirbeln, dass sie zu unberechenbaren Aktionen führen.

Auch die versprochene Zahlung reizt ihn nicht mehr. Er möchte einfach nur zu gerne wissen, worum es geht und wer hinter der ganzen Sache steckt. Genau diese Neugier lässt ihn darum den Fall nicht einfach so aufgeben, auch wenn er sich nun erneut mit der Frage quälen muss, wo und wie er denn weiterfahren will.

Er beschliesst, sich erst einmal seiner Post zuzuwenden, welche er nun schon seit bald einer Woche vernachlässigt hat. Viel ist da zwar nicht, es sind vor allem einige Rechnungen für die üblichen Gebühren.

Doch ein leicht gewölbter Umschlag, er traf heute Morgen ein, weckt sein Interesse. Abgestempelt wurde er am Mittwoch in Fribourg, B-Post. Vorsichtig öffnet er ihn, da darin offensichtlich mehr drin ist als bloss ein Brief.

Er blickt hinein, erkennt einen handgeschriebenen Brief sowie einen kleinen, fingergrossen Gegenstand, rot mit einem Schweizerkreuz drauf. Er dreht den Umschlag um, sodass beides auf seine Schreibtischplatte fällt. Und er beginnt den Brief in zittriger Handschrift zu lesen:

Seine Unterschrift konnte Hürlimann nicht genau lesen, ebenso war selbst auf dem Umschlag auch keine Absenderadresse vorhanden. Aber er wusste ja, wo er den älteren Herrn im Zweifelsfall finden würde.

Hürlimann schaut sich dieses rot-weisse Ding an. Doch da er in technischen Angelegenheiten nicht sehr versiert ist, weiss er damit nichts anzufangen. Immerhin hat er nun etwas in der Hand, im wahrsten Sinne des Wortes.

Doch was soll er nun seiner Auftragsgeberin erzählen? Er sollte doch das Objekt nicht an sich nehmen? Seine Gedanken wurden vom Klingeln des Telefons unterbrochen.

«Hürlimann, private Ermittlungen»

Zuerst ein Schweigen. Er wusste sofort, dass es wieder seine Auftraggeberin war.

Dann, wiederum ohne Begrüssung, stellt die weibliche, tiefe und verrauchte Stimme gleich eine Frage: «Wie steht es mit Ihren Ermittlungen?»

«Ich habe das Objekt», frohlockt er schon beinahe.

«Was?! Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen es nicht an sich nehmen!», brüllt die tiefe, weibliche und verrauchte Stimme ihn augenblicklich an.

«Es liess sich nicht verhindern, es wurde mir zugeschickt», rechtfertigt er sich. «Oder wollen Sie es nun nicht mehr?», reizt er sie etwas, jetzt, wo er für einmal in der überlegeneren Position ist.

«Doch, natürlich. Es verkompliziert die Sache nur.»

In der Tat, jetzt brauchte es eine Übergabe.

«Können Sie mir das Objekt in einem eingeschriebenen Brief zustellen?»

«Ausgeschlossen», antwortet Hürlimann prompt. «Das erscheint mir zu gefährlich. Zudem erwarte ich vorgängig Ihre Zahlung». Es ist für ihn das übliche Vorgehen bei anonymen Auftraggebern: Übergabe der Sache erst bei vollständiger Bezahlung.

«Ohne Garantie, ob Sie mir das richtige Objekt abliefern, scheint das nun mir zu gefährlich zu sein. Ich schlage vor, Sie erhalten bei der Übergabe nochmals einen Betrag in der gleichen Höhe wie die Anzahlung und sobald ich das Objekt geprüft habe, überweise ich Ihnen den letzten Drittel.»

Hürlimann überlegt kurz. Selbst wenn sie ihr Wort nicht halten sollte, hätte er zwanzigtausend Franken erhalten. Und Einfluss auf die letzten zehntausend Franken kann er ohnehin nicht nehmen, da er selber nicht weiss, was es mit diesem Gegenstand auf sich hat und ob es der richtig ist.

«OK, einverstanden. Wann und wo?»

«Heute Abend, neun Uhr, im Stadtpark»

Noch wollte Hürlimann nachfragen, in welchem Stadtpark, noch wollte er fragen, woran er sie erkennt, doch sie hat bereits wieder aufgelegt. So bleibt ihm wohl nichts anderes übrig, als vom Bieler Stadtpark auszugehen.

Zur gleichen Zeit

«5418 am Apparat», informiert Mühlemann den Anrufenden.

«Mühlemann, sofort in mein Büro!», hört der Angesprochene seinen Vorgesetzten in militärischem Ton.

Das klingt nach Ärger, dessen ist sich Mühlemann im Klaren. Seine Handflächen werden feucht: Ob vielleicht doch etwas seiner in Eigenregie durchgeführten Aktionen bis nach oben durchgedrungen ist? Er wird es gleich erfahren.

Die Vorzimmer-Dame seines Chefs lässt Mühlemann direkt passieren, was soviel bedeutet, dass er tatsächlich sofort erwartet wird.

«Mühlemann!», schreit ihn sein Vorgesetzter an, «diese USB-Sticks sind unbrauchbar, alle beide. Keine Datei lässt sich öffnen, alle scheinen korrupt zu sein!»

Nach Sekunden der Überraschung stottert Mühlemann: «Nun, ich, ähm, ich habe keine Erklärung dafür.»

«Bringen Sie das sofort in Ordnung, ich erwarte beide so schnell wie möglich!» und wirft ihm die beiden rot-weissen Gegenstände zu.

«Jawohl», antwortet er laut, um seine Verunsicherung zu überspielen.

Kaum hat er das Büro verlassen, macht sich Erleichterung breit. «Nur die USB-Sticks sind nicht in Ordnung», freut er sich innerlich – und bleibt abrupt stehen. Und was ist, wenn auch jener nicht in Ordnung ist, welchen er für einen «Freundschaftsdienst» beschrieben hatte?

Er eilt in sein Büro, nimmt einen neuen USB-Stick, beschreibt ihn mit einer belanglosen Datei, eilt zum Arbeitsplatz eines Kollegen und prüft dort, ob diesmal der USB-Stick in Ordnung ist.

«Datei korrupt», liest er auch in diesem Fall. Einmal mehr erbleicht er, denn sein Verdacht, dass auch sein Freundschaftsdienst-USB-Stick nicht in Ordnung und damit unbrauchbar ist, erhärtet sich.

Da es offensichtlich an der Hardware seines Rechners liegt, stellt er seinem Kollegen alle Dateien über ein Netzwerkverzeichnis zur Verfügung. Diesmal beschreibt er von dessen Arbeitsplatz einen USB-Stick und prüft ihn auf einem dritten Arbeitsplatz: Alles in Ordnung!

Er wiederholt das Ganze, um seinem Chef die üblichen zwei Sticks bringen zu können, eilt erneut zu dessen Büro und verkündet schon beinahe triumphierend: «Jetzt ist alles Ordnung!»

Tatsächlich ist für ihn wieder alles in Ordnung und der ganze Stress der vergangenen Wochen scheint umsonst gewesen zu sein – für den Moment…

Teil 12: «Die Übergabe».

Über diesen Beitrag

Währenddem in der Augenreiberei normalerweise Tatsachen dominieren, ist «Nebel über Seenried» für einmal eine erfundene Geschichte – ohne Anspruch auf einen literarischen Höhenflug, dafür aber mit einem kräftigen Augenzwinkern.

Die Geschichte stützt sich auf die hier via Kommentarfunktion mitgeteilten Ideen sowie auf gewisse wahre Begebenheiten ab. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind teilweise fliessend.

Alle Personen sowie die Ortschaft «Seenried» sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder mit «Seenried» können nicht ausgeschlossen werden… 😉

Einen Überblick über die verschiedenen Personen und Organisationen liefert diese Seite.

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