Vieles ist Interpretationssache. Manches sind jedoch harte Fakten, die keine Interpretation zulassen. Leider wird aber zunehmend mit falschen oder ungenauen Fakten «hausiert». Und niemand muckt auf.

Wikileaks ist zurzeit in aller Munde. Hierzulande stehen im Moment allerdings weniger irgendwelche «Enthüllungen» im Bereich der Kommunikation zwischen den diplomatischen US-Vertretungen und Washington im Vordergrund.

So war bis anhin das Überraschendste vor allem die ungeschminkte Art der Berichte, welche einige Staatschefs wenig charmant aussehen lässt. Trotzdem: Es glaubt wohl schon lange niemand mehr daran, dass man das Verhältnis zweier Staaten nur am Gesichtsausdruck oder am Händeschütteln zweier Staatschefs vor dem Blitzlichtgewitter der Fotografen beurteilen kann. Diplomatie ist schliesslich auch die Kunst, Dinge beschönigt auszudrücken und zwar auch dann, wenn sie nicht so schön sind.

Wer kontrolliert die Inhalte?

Darum erregt der Kampf im Sinne von «David gegen Goliath», die private Organisation Wikileaks gegen das mächtigen Land USA, wohl mehr Aufmerksamkeit. Es geht dabei weniger um die Inhalte an sich, denn: Die Harmlosigkeit dieser Inhalte zeigt sich auch darin, dass bis anhin noch niemand zurücktreten musste.

Es geht vielmehr um die Kontrolle über die Inhalte. Nur wer diese kontrolliert, kann sie beschönigen oder allenfalls auch ganz unterdrücken.

Dass es die USA nicht immer so genau nehmen mit den Inhalten beziehungsweise mit Fakten, zeigt sich sehr schön im so genannte Welt-Faktenbuch der CIA («The World Factbook»), also des Auslandnachrichtendienstes der USA.

Gemäss CIA-Angaben erschien dieses erstmals im August 1962 als Geheimdokument und war für die US-Regierungsangestellten gedacht. Im Juni 1971 war es erstmals auch öffentlich zugänglich. 1975 folgte die erste gedruckte Version und seit Juni 1997 ist es auch via Internet zugänglich. Die Internet-Version, monatlich von Millionen von Besuchern aufgerufen, soll angeblich alle zwei Wochen aktualisiert werden.

Vordergründig ist es ein erstklassiges Werk mit den wichtigsten Angaben über alle Länder der Welt. Es scheint vor allem deshalb erstklassig, weil es oft schwierig ist, über die eine oder andere «Bananenrepublik» verlässliche Angaben zu erhalten. Ein zweiter Blick lässt einem jedoch bezüglich Verlässlichkeit stutzen – womit wir wieder bei der Frage der Kontrolle über gewisse Inhalte wären und damit auch bei der Frage, wie etwas wahrgenommen wird.

Um zu verdeutlichen, was gemeint ist, hat man in der Augenreiberei einige ausgewählte, vor allem quantitative Angaben aus diesem Faktenbuch betreffend der Schweiz mit den Angaben der von Freiwilligen erstellten Wikipedia-Einträgen sowie mit den Angaben der offiziellen Bundesstellen wie Bundesämter und Bundeskanzlei (nachfolgend «Bund» gennant) verglichen. Auf eine Würdigung des geschichtlichen Hintergrunds («Background») wurde verzichtet, da zu viele wichtige Ereignisse unter dem CIA-Eintrag fehlen…

Der «Fakten»-Vergleich

Hier das Ergebnis:

Angabe CIA World Factbook Wikipedia Bund
Geografische Lage «Central Europe, east of France, north of Italy» (Anm.: Da steht nicht mehr.) «…ist ein Binnenstaat und Alpenland in Mitteleuropa. Sie grenzt an Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Italien und Frankreich.»

«Die Schweiz liegt in Westeuropa.» (1)

«Die Schweiz grenzt im Norden an die Bundesrepublik Deutschland, im Osten an Österreich und das Fürstentum Liechtenstein, im Süden an Italien und im Westen an Frankreich.» (2)

Gesamtfläche 41‘277 km2 41‘285 km2 41‘284 km2 (4)
davon Land 39‘997 km2 k. A. 39‘545 km2 (3)
davon Wasser 1‘280 km2 «…ungefähr vier Prozent der Oberfläche der Schweiz von Seen bedeckt» 1‘740 km2 (3)
Länge der Landesgrenzen Total: 1‘852 km

D: 334 km
A: 164 km
F: 543 km
I: 740 km
FL: 41 km

Total: 1‘858 km

D: 346 km
A: 165 km
F: 572 km
I: 734 km
FL: 41

Total: 1‘899 km (4)

D: 362 km
A: 180 km
F: 572 km
I: 744 km
FL: 41 km

Höchster Punkt Dufourspitze:
4‘634 m. ü. M.
Dufourspitze:
4‘634 m. ü. M.
Dufourspitze:
4‘634 m. ü. M. (1)
Tiefster Punkt Lago Maggiore:
195 m ü. M.
Lago Maggiore:
193 m ü. M.
Lago Maggiore:
194 m ü. M. (5)
Landwirtschaftliche Nutzfläche 9,91 % 23,9 % 15‘251 km2: 36,9 % (3)
Bevölkerungszahl 7‘623‘438
(07/2010, gesch.)
7‘785‘800
(2009/BFS)
7‘831‘200
(prov. 09/2010, BFS Aktuell)
Altersstruktur (2010, gesch.) (BfS 2008) (2009) (3/xls)
0 – 14 Jahre: 15,6 % nicht vergleichbar 15,2 %
15 – 64 Jahre: 68,1 % nicht vergleichbar 68,0 %
65 Jahre plus: 16,3 % 16, 6 % 16,8 %
Geburten pro 1000 Einwohner 9,56
(2010, gesch.)
k. A. 10,1
(2009) (3)
Verstorbene pro 1000 Einwohner 8,65
(07/2010, gesch.)
k. A. 8,1
(2009) (3)
Lebenserwartung bei Geburt in Jahre Frauen: 83,95
Männer: 78,14
(2010, gesch.)
Frauen: 84,4
Männer: 79,7
(2008/BFS)
Frauen: 84,4
Männer: 79,8
(2009) (3)
Religionen (2000) (2000) (3)
Römisch-kath. 41,8 % 41 % 41,8 %
Protestantisch 35,3 % 40 % 35,3
Islamisch 4,3 % k. A. 4,3 %
Christl.-orthodox 1,8 % k. A. 1,8 %
andere christliche 0,4 % 2,5 % 0,4 %
Andere Religionen 2,8 % 5,5 % 2,8 %
Ohne Angabe 4,3 % k. A. 4,3 %
Ohne Religion 11,1 % 11 % 11,1 %
Schienennetz in km Normalspur: 3‘397
Schmalspur: 1‘491
Normalspur: 3‘652
Schmalspur: 1‘383
Normalspur: 3‘652
Schmalspur: 1‘383 (6)
Strassennetz in km 71‘384
(2009)
71’289
(2006/CIA-Factbook)
71‘454
(2009) (3)
davon Autobahn 1‘793 1’758 1‘789
Erklärungen:
(1) www.ch.ch (Bundeskanzlei), (2) swissworld.org (Präsenz Schweiz / Bundeskanzlei), (3) Bundesamt für Statistik BFS, (4) Bundesamt für Landestopografie swisstopo, (5) Eidgenössissches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA, (6) Bundesamt für Verkehr BAV, «gesch.» = geschätzt («est.»), Jahreszahl = angegebenes Bezugsjahr

Namhafte «Fakten-Verdreher»

Auch wenn es sich nicht um die weltbewegendsten Angaben handelt und auch wenn die Differenzen nicht überall so gross sind wie bei der Bevölkerungszahl (die CIA liegt rund 200‘000 Personen unter den Angaben des Bundesamts für Statistik), überrascht es doch, dass ein Faktenbuch, welches angeblich alle zwei Wochen aktualisiert wird und dies nicht etwa von einer Gruppe Amateure, sondern von einem der bedeutendsten Nachrichtendienste der Welt, nicht genauere Angaben enthält.

Wenn schon derart banale Angaben nicht stimmen (welche online leicht bei offiziellen Stellen abzurufen sind), wie verzerrt sind dann bedeutendere, nicht öffentlich zugängliche Angaben und wie sehr verzerren diese falschen oder überholten Angaben das Bild über ein Land?

Auch wenn die Angaben in der Wikipedia ebenfalls nicht immer stimmen – dies nicht zuletzt weil sie vielfach veraltet sind – sind sie doch häufig näher an den aktuellen Werten als das Faktenbuch der CIA (sofern man darin nicht Bezug nimmt aufs CIA-Faktenbuch, so wie beim Strassennetz).

Nebst diesem Faktenbuch führt die CIA auch eine Liste mit den Führungspersönlichkeiten aller Länder («World Leaders»). Auch da glänzt die CIA nicht besonders. Zwar wurden die vor zwei Monaten neu gewählten Bundesratsmitglieder Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Ammann eingetragen.

Da jedoch der zurückgetretene Moritz Leuenberger auch noch Vize-Bundespräsident war, wurde am gleichen Tag auch eine Ersatzperson für dieses Amt gewählt, nämlich Micheline Calmy-Rey (welche heute zur Bundespräsidentin fürs nächste Jahr gewählt wurde). Doch das scheint man in Washington noch nicht zur Kenntnis genommen zu haben, da an der Stelle von «Vice Pres.» nichts eingetragen ist.

Da spielt es dann auch keine Rolle mehr, dass seit bald einem Jahr Philipp Hildebrand Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank ist (so wie es in der Wikipedia auch richtig steht) und nicht mehr Jean-Pierre Roth…

Und schliesslich noch die Karten der CIA unter dem Eintrag für die Schweiz. Sie sieht so aus:

Dass da nicht alle 1‘500 Schweizer Seen drauf sind, ist noch nachvollziehbar. Dass man aber gleich Thuner-, Brienzer-, Bieler- und Walensee ebenso weglässt wie die Aare, die Limmat und die Reuss, ist wenig nachvollziehbar (man beachte auch die Schreibweise von St. Gallen und der kleine Pfeil, welcher auf die Dufourspitze zeigt). Da bedient man sich doch besser an der Karte der Wikipedia:

Übrigens, auch in der Schweiz nimmt man es nicht immer so genau mit Fakten: Hier können Sie hören, wie man etwas mit der Einwohnerzahl von Luzern mauschelt, hier ist die Rede von Thun als angeblich siebtgrösste Stadt der Schweiz (es ist nur die elftgrösste, aber vielleicht wurden da die Ausländer nicht mitgezählt). Hier bekommt man weiter zu hören, dass die Ausschaffungsinitiative mit «über 53 Prozent» angenommen wurde (gemäss vorläufigen amtlichen Ergebnissen waren es nur 52,9 Prozent).

Und weil genaue Fakten niemanden interessieren, ist die Augenreiberei per sofort das meistgelesene Blog der Schweiz ist. Könnte das noch jemand der CIA mitteilen? :-)

2 Antworten auf Amerikanische «Fakten» und andere Halbwahrheiten

  • dan sagt:

    Danke, lieber Titus für dieses investigativ hervorragend erarbeitete TitLeak!

    Und ich werde meine guten, freundschaftlichen Beziehungen mit den USA nutzen – schliesslich bin ich Inhaber einer gültigen US Drivers License und gelte für den normalen Ami als Inländer ;-), und deinen Blog für das Welt Faktbuch empfehlen…

  • Titus sagt:

    @ Dan
    Danke Dir. Wobei ich mir grad überlege, ob ich meine Bloghütte wirklich dieser breiten Masse aussetzen soll. Da dürfte es wohl einige Bretter aus dem Hintergrund hauen… :-)

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@f_schindler Zudem frage ich mich, was 1 Lokalpolitiker + Lehrer zum Sachverständigen in Sozialhilfe für die ganze CH macht?

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