Offener Brief an Karin Keller-Sutter

Sehr geehrte Frau Keller

Hans Fehr und ich haben politisch das Heu nicht auf der gleichen Bühne. Ebenso ist mir sein Stil des Politisierens zu unsachlich, zu plump und zu populistisch, ich nehme da kein Blatt vor den Mund.

Trotzdem: Die Attacke von vergangenem Freitag gegen ihn wie auch jede andere Attacke gegen eine Politikerin oder gegen einen Politiker – und seien es nur fliegende Gummistiefel – verurteile ich genauso wie wohl die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer. Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey fand dazu im Albisgüetli die richtigen Worte: «Wir sind hier um mit Worten zu kämpfen, nicht mit Fäusten.»

Gegenüber «tagesschau.sf.tv» liessen Sie verlauten, dass Blogs, soziale Netzwerke wie Facebook oder E-Mails Hasstiraden begünstigen würden. Dem möchte ich nachfolgend widersprechen.

Noch heute betrachten gewisse politische Kreise Internet so, als ob es sich um einen anderen Planeten handeln würde. Internet ist kein anderer Planet. Was sich im Internet abspielt, ist ein Abbild unserer Gesellschaft.

Internet bringt hingegen Öffentlichkeit mit sich. Was sich bisher in kleinen Kreisen oder im Verborgenen abspielte, kann (muss aber nicht) einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich gemacht werden. Möglich ist das auch deshalb, weil Internet ebenfalls Unabhängigkeit bezüglich Informationsverbreitung mit sich bringt – zumindest in demokratischen Staaten wie der Schweiz.

So ist es möglich, dass der politische Diskurs dank Blogs, Foren und sozialen Netzwerken nicht mehr nur den Politikerinnen und Politikern in den Ratssälen oder via Massenmedien vorbehalten bleibt. Jetzt können wir Stimmbürgerinnen und Stimmbürger aktiv und unabhängig vom Wohlwollen irgendeiner Leserbrief-Redaktion uns auch an den Diskussionen beteiligen, uns untereinander austauschen und uns dabei unsere Meinung fernab der bisherigen Medienkanäle bilden. Wir können uns sogar mit Politikern austauschen, wie beispielsweise mit Ihrem Parteikollegen Michael Jäger aus Diepoldsau. Das gehört zur Demokratie, das ist Teil der Demokratie im 21. Jahrhundert.

Wenn wir keine Maulkörbe verteilen und die Meinungsäusserungsfreiheit nicht beschneiden wollen, gehören dazu leider auch negative, destruktive und oftmals dumme Äusserungen auf Stammtisch-Niveau. Ich mag diese nicht, und so ergeht es wohl noch vielen.

Doch wie der Ausdruck «Stammtisch-Niveau» schon andeutet: Neu sind derartige Äusserungen nicht. Früher fielen sie im «Frohsinn», «Bären» oder «Löwen» von Hintertupfingen, heute fallen sie in gewissen Blogs, Foren oder sozialen Netzwerken. Früher bekamen jene davon etwas mit, welche in der jeweiligen Gaststube sassen, heute bekommen sie jene mit, welche die verschiedenen Online-Plattformen besuchen.

Insofern könnte man sagen, dass die Gaststube einfach nur grösser geworden ist. Aber gegeben hat es das Poltern oder das Äussern von Hasstiraden gegen Personen oder gegen allerlei Begebenheiten schon immer, und zwar ohne dass jemand sich bisher veranlasst sah, dagegen etwas zu unternehmen und sich darüber zu beschweren.

Das liegt vielleicht auch daran, dass es immer die gleiche Hand voll Leute sind, welche am Stammtisch sitzen und ihre Parolen auf die immer gleiche niveaulose Weise von sich geben. Das ist im Internet, dem Abbild unserer Gesellschaft, nicht viel anders.

Und – auch das muss hervorgehoben werden: Nicht alles in Blogs, Foren oder sozialen Netzwerken ist dummes Geschwafel, genauso wie auch nicht alles in einer Gaststube nur dummes Gerede wäre. In keinem der Blogs, welche Sie am rechten Rand unter «Anderswo geschrieben» finden (um nur einige Beispiele zu nennen), hatte ich je eine Zeile gelesen, welche ich als «Hasstirade» bezeichnen würde. Begründete Kritik: Ja, dumpfe Hasstiraden: Nein.

Wird heute häufiger und lauter gepoltert als noch vor zehn oder zwanzig Jahren, was nach Ihrer Auffassung – wenn ich Sie richtig verstanden habe – auch zu mehr «Hasstiraden» führen soll?

Ich habe nicht nach einer wissenschaftlichen Studie gegoogelt, da es wohl auch keine gibt. Dieses Poltern – manche nennen es auch «seine Unzufriedenheit zum Ausdruck bringen» – ist auch schwer messbar um es wissenschaftlich erheben zu können.

Zudem ist ein Vergleich nur beschränkt möglich, da es noch nicht so lange möglich ist, via Internet beziehungsweise via Web 2.0 seine Meinung zu äussern. Da ich ein lausiger Stammtischgänger bin, wage ich mir auch kein Urteil zu, ob an den hiesigen Stammtischen gegenüber früher häufig und lauter gegen allerlei Dinge gewettert wird.

Mir ist hingegen aufgefallen – rein subjektiv empfunden – dass sich so manches Sendegefäss am Fernsehen und dass sich so manches andere klassische Massenmedium zunehmend aufs Stammtisch-Niveau hinzubewegt hat. Insofern könnte man sagen: Ja, es wird mehr gepoltert.

Nur: Das hat nichts mit Blogs und sozialen Netzwerken zu tun.

Vielmehr prasselt immer mehr dieses tiefen Stammtisch- und Boulevard-Niveaus via Massenmedien auf uns herunter. Und dabei hat – wiederum rein subjektiv empfunden – eine Verrohung der Umgangsformen zwischen den Politikern stattgefunden. Auch wenn selten davon die Rede ist, so haben Politikerinnen und Politiker doch auch eine Vorbildfunktion.

Wenn ein Nationalrat an die Adresse einer Bundesrätin die Worte «Dir verzellet ein Seich am angere» richtet oder wenn ein ehemaliger Bundesrat einen hoch angesehenen EU-Politiker mit Hitler vergleicht oder wenn ein anderer Nationalrat die Aussenministerin mit despektierlichen Bezeichnungen betitelt und wenn in all diesen (und unzähligen weiteren) Fällen von kaum einer Person aus der Politik ein Aufbegehren gegen solche Äusserungen zu hören ist, dann darf es Sie nicht überraschen, wenn in der Bevölkerung auf dem gleich tiefen Niveau diskutiert wird, am Küchentisch wie auch am Stammtisch oder vor dem Schreibtisch. Solche Aussagen, und der fehlende Einspruch durch Dritte, machen diese Wortmeldungen und diesen Umgangston salonfähig und liefern damit der Bevölkerung die Legitimation, sich auf gleich dumpfe Weise zu äussern.

Und nochmals: Das hat nichts mit Blogs und sozialen Netzwerken zu tun. Sie sind nur ein Abbild unserer Gesellschaft, welches wiederum geprägt ist durch das Verhalten von Politikerinnen und Politikern in der Öffentlichkeit, insbesondere in den Medien.

Was mir deshalb zu denken gibt, ist der Fingerzeig weg von sich auf die vermeintlich bösen Blogs und sozialen Netzwerke. Zielführend in Sachen Vermeidung von Hasstiraden wären wohl eher einige Gedanken und vor allem einige Regeln darüber, was Politikerinnen und Politiker in der Öffentlichkeit miteinander diskutieren. In einigen politischen Kreisen scheint es nämlich inzwischen mehr ums Poltern zu gehen als ums sachliche Diskutieren von Argumenten zu konkreten Lösungsvorschlägen.

Zielführend wären dabei auch Regeln, wie Politikerinnen und Politiker in der Öffentlichkeit miteinander verbal umspringen – weil sie eben auch eine Vorbildfunktion haben. Kurz: Wenn in der Bevölkerung weniger gepoltert und stattdessen hart, aber sachlich diskutiert werden soll, dann haben dies die Politikerinnen und Politiker vorzumachen. Wenn es aber Letztere schon nicht (mehr) tun, wie können Sie da erwarten, dass es aus der Bevölkerung keine Hasstiraden gibt?

Aber mir ist schon klar: Mit dem Finger auf die eigene Gilde zu zeigen schafft keine Freunde und auch keine Mehrheiten. Da ist es einfacher, auf etwas zu zeigen, das man nicht kennt und darum auch fürchtet…

Freundliche Grüsse
Titus Sprenger

P.S.: Eine Reaktion via Kommentarfunktion unten ist herzlich willkommen.

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15 Antworten auf „Offener Brief an Karin Keller-Sutter“

  1. Ich habe mich durch das Internet auch schon aggressiver gefühlt als ev. ohne. Das Medium hat schon beide Seiten, finde ich. Im Alltag würde man dann ev. auch mal über das Wetter oder sonst was Unmittelbares reden mit doch eher Fremden. Aber dort, wo es im Internet im engen Sinne um Politik geht, geht es ja rasch zu und her wie in der SF-Arena. Niemand muss ja dann konkret vor Ort und lokal zusammen mit anderen etwas Konkretes lösen oder gestalten, in welcher Funktion auch immer, in Verantwortung. Im Internet kann ich oder man Irgendwas behaupten, ohne selbst den Beweis erbringen zu müssen, es besser zu können. Und vieles würde wohl nie geschrieben werden, wenn zuerst noch ein Brief zur Post gebracht werden müsste. Die weite Welt des Internets hat etwas Faszinierendes, aber kennt halt wohl auch Abgründe, die sich auftun.

  2. @ Ursula Schüpbach / Bruno
    Nun, in einer „Arena“ werden ja manchmal auch kunterbunt und wild durcheinander Behauptungen aufgestellt, welche niemand während der Sendung belegt. Amstutz‘ Aussage „Dir verzellet ein Seich am angere“ ist ein guter Beleg dafür (wer von den beiden nun allerdings recht hat, entzieht sich dem Zuschauer).

    Und ja, es wird vieles kund getan, das wohl nicht kund getan würde, müsste man dafür erst ein Blatt Papier hervor nehmen und einen Leserbrief schreiben. Aber das heisst ja nicht, dass die Unzufriedenheit über eine Sache nicht vorhanden wäre, wenn man dafür einen grösseren Aufwand betreiben müsste als dies online notwendig ist.

    Nun kann man solche Äusserungen einfach in den Wind schlagen – oder sie wenigstens zur Kenntnis nehmen. Bruno hat dafür ein gutes Beispiel geliefert. Auch hier wäre der Frust und die Enttäuschung über die drohende Schliessung des „Kugl“ auch ohne Facebook & Co. vorhanden. Nur kann man nun dank derartigen Plattformen sein Meinung auf einfache Weise kund tun. Und 6000 Gruppen-Mitglieder kann man nicht einfach ignorieren, genauso wie man auch das „alte“ Mittel einer Petition nicht einfach in den Wind schlagen kann. Die Politik täte gut daran, diese Bewegung nicht zu ignorieren sondern nach einer Lösung zu suchen, denn Wahltag ist auch Zahltag. Und unter den 6000 Gruppen-Mitgliedern hat’s bestimmt auch hunderte Wählerinnen und Wähler von St. Gallen selbst…

    Zur angeblichen Todesdrohung: Da sind wir halt wieder auf dem bereits angesprochenen Stammtisch-Niveau. Wir kennen alle die umgangssprachliche und auch an Stammtischen gemachte Äusserung „ich chönnt der Siech umbringe“, und wir wissen dabei genau, dass diese „Drohung“ nicht ernst gemeint ist. Selbst wenn sie es wäre, dann haben Blogs und die sozialen Netzwerke damit nichts zu tun. Der Auslöser, welcher zu dieser Frust-Äusserung führte, liegt schliesslich ganz woanders.

  3. Ich gehe mit Ursula Schüpbach überein. Manch einer, müsste er zuerst zum Griffel greifen und sein Geschriebenes zur Post bringen, würd sich fragen, ob denn sein Geschriebenes auch poltisch korrekt ist, ob er das was er ausdrücken will auch so ausdrücken darf.
    Und dennoch liebe ich das Spontane, dass einem grad aus dem Herzen und dem Gemüt raus entspringt, ohne vorher abwägen zu müssen, ob man sich nun in ein Wespennetz setzt. Frei seine Meinung äussern, dass sollten wir doch, obs nun via Internet, Leserbriefen, Facebook oder weiss ich was sonst noch, dürfen.

    Ja, die Stammtischäusserung, die auch ansonsten gern angewandt wird: „Ich könnt der Siech umbringe“ hat weder Hand noch Fuss, ist ne unsinnige Floskel.

    Stammtischbrüder grümmeln halt ihre Meinung im kleinem Kreis laut, doch halt, dürfen sie ja auch nicht mehr, denn sogenannte rassistische Äusserungen, darf man nur in den eigenen vier Wänden aussprechen. Schwerpunkt auf „sogenannte“, denn was ich in der Zwischenzeit, da Bluewin-Empfänger, auf diversen Sendern hörte, von Negern, die sich gegenseitig gerne Nigger nennen gegen die Weissen ausgesprochen haben, so muss ich unsere Stammtischbrüder in Schutz nehmen, denn aus deren Mündern, eben im Vergleich, kommt grad mal ein Wattebäuschengeplänkel raus.

    Dein offener Brief findet hoffentlich Gehör. Zu wünschen wäre es, dass er bis zu Frau Keller-Sutter durchdringt.

  4. Das Internet baut Hürden und gesellschaftliche Schranken ab und das ist gut so. Jeder kann im Internet so sein wie er ist. Natürlich gefällt das nicht jedem, aber lasst doch den Leuten ihren Spass, solange sich dieser im gesetzlichen Rahmen abspielt.

  5. Was mich in letzter Zeit wieder mal so richtig wütend machte: Die Tageszeitungen bestehen ja mehrheitlich bloss noch aus sda-Meldungen. Überall steht schier die gleiche Sache. Vielleicht ist es wirklich egal, wenn all die Tageszeitungen eingehen.

  6. „Die Universität Bayreuth hat jetzt eine Doktorklappe eingerichtet. Dort können ungewollt oder unlauter erworbene Doktorentitel anonym wieder abgegeben werden.“
    http://de.guttenplag.wikia.com/index.php?title=Forum:Guttenberg_Witze,_a_must_read!&t=2011022501272

    Dass „Augenreiberei“ GuttenPlag Wiki dermassen arrogant ignoriert, hätte ich vor ein paar Wochen noch nicht wirklich gedacht.- Zumindest habe ich kein Interesse mehr — von dieser Seite her (Augenreiberei), für etwas angefragt zu werden. Nebst Augen gibt es ja auch noch Hände, Füsse und vieles anderes.-

  7. @ Ursula Schüpbach
    Dass an mein privat geführtes Blog, in welches ich in meiner Freizeit einige Stunden investiere, gleich hohe Anforderungen gestellt werden wie an eine professionelle News-Plattform, um dann mainstream-mässig auch über das zu schreiben, was bereits schon hunderte andere gemacht haben, hätte ich vor Deinem Kommentar auch nicht gedacht.

    Und dass eine Anfrage um eine mögliche Verstärkung mit den Worten „es gibt schon so extrem viele (Blogs)“ in den Wind geschlagen wird, um sich dann darüber zu beklagen, dass hier nicht über alles geschrieben wird, ist selber der Gipfel der Arroganz.

    Gehe dahin und führe zuerst einmal selber ein Blog. Dann kannst Du hier wieder vorbeikommen und Dich über das beschweren, worüber ich hier noch nicht geschrieben habe. Ich mache es dann gleich auf Deinem Blog.

    Oder mache zuerst einmal selber bei GuttenPlag Wiki mit um zu spüren was es heisst, Zeit für eine Sache zu investieren ohne dafür irgendetwas erwarten zu können (ausser Kommentaren wie oben?). Gäbe es nur Leute mit einer so hohen Erwartungshaltung an andere Freiwillige ähnlich der Deinen, gäbe es weder ein GuttenPlag Wiki noch irgendwelche Blogs…

  8. Hallo Titus. Entschuldigung. Mein Kommentar war blöd. Wirklich blöd. Es geschieht einfach so vieles gleichzeitig. Von Libyen bis weiss ich wohin, dass ich mitunter gar nichts mehr verstehe. Dein Blog hier ist verdammt okay. Mein Wut-Kommentar war einfach nur doof. Sorry.

  9. Die ganze Guttenberg-Plagiats-Sache hat übrigens auch eine persönliche Komponente. Guttenberg hat auch bei Gret Haller selbstherrlich kopiert. Sie selbst war mal im Stadt-Berner Gemeinderat, in den 80gern. Es ging um Zaffaraya, Reitschule, aber auch Dampfzentrale. Gret Haller war im Stadtberner Gemeinderat (Exekutive) in der Minderheit. Damals, so um 1987, war ich selbst eine Jugendliche, Gret Haller, in der Minderheit, damals in der Exekutive, hat sich immer mehr von den groben Polizeieinsätzen distanziert. Als Jugendliche suchte ich damals nach weiblichen „Vorbildern“, die etwas zu bewirken versuchten, dazu gehörten unter anderen auch Gret Haller. Vielleicht reagiere ich deshalb ausgesprochen allergisch, wenn der dt. Verteidigungsminister einst bei Gret Haller heimlich abschrieb.
    Gret Haller ist ja unterdessen (wie ich) auch älter geworden, aber ich finde ihren Gesichtsausdruck sehr fein:
    http://www.grethaller.ch/

  10. Ja, Titus, aber er hat einfach bei ihr abgeschrieben, aber wollte doch gar nie etwas mit ihr, Gret Haller, sonst zu tun haben.

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