Klimaschonende AKWs?

Die Stromkonzerne haben plötzlich den Klimaschutz entdeckt – um die angeblich CO2-freien AKWs als die Lösung im Kampf gegen die Klimaveränderungen anpreisen zu können. Das löst viel Stirnrunzeln aus.

«Leute, lernt wieder rechnen!», steht da in ziemlich spöttisch-arrogantem Ton auf einer Seite einer Präsentation vom heutigen Alpiq-CEO Gionvanni Leonardi. Der Spott rührt von den relativ bescheidenen Produktionsmengen an erneuerbaren Energien her, welche im Jahre 2005 einige wenigen Pioniere ohne Unterstützung irgend eines mächtigen Stromkonzerns erreichten und welche eben auf der fraglichen Seite dargestellt wurden.

Eine glatte Lüge

Doch in der gleichen Präsentation findet sich auch diese Aussage zum Atomstrom:

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«Kein CO2-Ausstoss». Da kommt man nicht darum herum im gleichen arroganten Ton zu sagen: Herr Leonardi, lernen Sie wieder, den gesunden Menschenverstand einzusetzen!

Wer heute noch behauptet, Atomstrom verursache kein CO2, scheint doppelverglaste Scheuklappen zu tragen. Wenn schon allein der Bau eines AKWs vier bis sechs Jahre in Anspruch nimmt, ist die Aussage «Kein CO2-Ausstoss» blanker Hohn.

Beim Uranabbau in Afrika resultieren aus einem Kilogramm (oder 1000 Gramm) Uranerz gerade einmal 0,4 Gramm Uran. Dafür müssen Berge von Gestein umgewälzt werden – was logischerweise auch CO2 verursacht.

Immerhin: Die Aussage von wegen «Kein CO2-Ausstoss» stammt nicht von heute, sondern aus dem Jahre 2007. Auch die AKW-Befürworter sind inzwischen dazu übergegangen, von «praktisch CO2-freien Strom» zu sprechen.

Dabei werden auch gerne die immer wieder gleichen Zahlen vom Paul-Scherrer-Institut (PSI) hervorgeholt, wonach Atomstrom unmittelbar nach Wasserkraft den Platz 2 in Sachen «Klimaschonung» belegt.

Das Ganze wird auch noch so übertitelt: «Kernenergie schont das Klima». Etwas zu schonen bedeutet aber nicht, es nicht zu beanspruchen. Die Grafik zeigt nämlich nichtsdestotrotz eine Verschmutzung des Klimas mit acht Gramm Treibhausgasen pro Kilowattstunde. Schön geschont…

Viele offene Punkte

Zugleich bestätigt diese von den AKW-Befürwortern vorgebrachte Grafik aber auch definitiv, dass man uns im 2007 von wegen «Kein CO2-Ausstoss» angelogen hatte. Es sollte nicht das erste Mal gewesen sein. Aus dem gleichen Haus wurde nämlich unter Angabe des PSI als Quelle auch diese Darstellung gezeigt:

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Ist es nicht erstaunlich, wie sich diese Zahlen seither verändert haben (Oben: Grafik vom Pro-Mühleberg-Komitee. Unten: Grafik aus einer Atel-Präsentation)?

Natürlich gibt es auch Studien aus anderen Quellen, welche ein wesentlich schlechteres Bild vom Atomstrom abgeben. Ohne sie namentlich zu nennen, stellte deshalb das PSI diese anderen Studien vorsorglich in Abrede, da ihnen «teilweise unrealistische und nicht plausible Annahmen und Methodiken» zu Grunde liegen. Welche Annahmen und Methodiken das PSI im Gegensatz zu diesen anderen, «schlechtereren» Studien verwendet hatte, bleibt allerdings auch unbekannt.

Schliesslich lässt auch die PSI-Studie einen wesentlichen Faktor offen: Wie viel CO2 wird dank mehr Energieeffizienz beziehungsweise dank weniger Verbrauch eingespart? Denn: Der klimaschonendste Strom ist noch immer jener, welcher gar nicht erst konsumiert wird.

Auch ein anderer Punkt bleibt unbeachtet: Die nachgefragte Menge. Alle Berechnungen dürften nämlich noch immer von den heute bekannten Zahlen ausgehen. Je grösser jedoch die Nachfrage ist, desto effizienter (und desto günstiger) wird die Herstellung von Produktionsanlagen für erneuerbare Energien ausfallen, auch in Bezug auf den CO2-Ausstoss.

Ob man Windturbinen von Norddeutschland heran pfercht oder wegen grosser Nachfrage ab einem in Süddeutschland neu erstellten Werk liefert, wird Auswirkungen haben – um nur einen Aspekt in Bezug auf den Transport zu nennen.

Vom Saulus zum Paulus?

Die PSI-Zahlen verbergen haben noch etwas anderes, wenn man es in Bezug zu einigen Ereignissen in jüngster Vergangenheit stellt: Den Stromkonzernen geht es gar nicht um den Klimaschutz, schliesslich ist das auch nicht ihre Aufgabe. Sie wollen nur Strom produzieren – und damit Geld verdienen.

Dass es ihnen gar nicht so sehr um den Klimaschutz geht, ist nicht bloss ein Behauptung. Zur Erinnerung: Erst im Dezember 2009 sah die BKW, Betreiberin des heutigen AKWs Mühleberg, davon ab, sich an einem Kohlekraftwerk im deutschen Dörpen zu beteiligen, also nicht etwa an einem «klimaschonenden» AKW.

Dabei waren es nicht einmal die Zahlen des PSI, welche die BKW-Verantwortlichen darüber zur Einsicht brachten, um was für eine «Dreckschleuder» es hier ging. Vielmehr wollte ein möglicher Partner sich nicht direkt daran beteiligen, woran schliesslich das gesamte Projekt scheiterte.

Und: Im Januar 2010 verkündeten BKW und Axpo, dass sie vorläufig nun doch keine Gaskombikraftwerke bauen wollten. Oder andersrum gesagt: Man hatte solche im Fokus, obschon – siehe PSI-Zahlen – es sich auch hierbei um «Dreckschleudern» handelt.

Resümieren wir: «Kein CO2-Ausstoss» war eine glatte Lüge; die PSI-Zahlen variieren je nach Präsentation; der CO2-Ausstoss variiert je nach Studie; die Stromkonzerne fahren einen Zickzack-Kurs bei ihren Engagements, biedern sich nun als Klimaschützer an und mutieren schliesslich vom Saulus zum Paulus.

Ob AKWs tatsächlich «klimaschonender» sind als andere Methoden, weiss der Laie letzten Endes nicht so genau. Sicher sind hingegen die Zweifel ob der Glaubwürdigkeit der Aussagen der Atomlobby und ob deren lauteren Absichten.

Das ist sicher nicht gut fürs Klima zwischen Stromproduzenten und Stromkonsumenten, zumal es inzwischen schon fast um eine Glaubensfrage geht. Und wer glaubt schon jemandem, der einem ein A-KW für ein B-edenkenlos vormachen will?

7 Antworten auf „Klimaschonende AKWs?“

  1. Naja, das mit dem CO2 und dem Klima ist so eine Sache … Tatsache ist aber in jedem Fall, dass mit CO2 unheimlich viel Geld verdient wird, sei es nun mit Klimazertifikaten, mit CO2-Reduktionsinvestitionen oder eben auch nur mit warmer Luft. Organisches Leben produziert nun mal naturgemäss CO2. Was mich aber ebenso ärgert wie Dich, sind Lügen für den eigenen (wenn auch zum Teil nur erhofften) Vorteil bzw. fürs Geschäft. Dazu passt dann wohl auch dieses Bild, das ich letztes Jahr auf der Autobahn hinter einem Kleinlaster aufgenommen habe:

  2. @ LD
    Naja, es beruhigt doch irgendwie das Gewissen, wenn andere für einem selbst CO2 vermeiden – und wir können so weiter machen wie bisher…

  3. Der Kanton Bern wird wohl mehrheitlich für neue AKWs sein, der ist doch rechtsbürgerlich.

  4. Und ich will endlich Kohle dafür, dass ich CO2 einspare (Nie ein Auto gehabt!), dürfte viele, viele Tonnen CO2 sein. Ich gebe gerne CO2-Zertifikate aus, aber die sollen was kosten. Wäre jedenfalls geil wenn das System mit dem CO2-Kontingent pro Individuum eingeführt würde. Dann wären die Viel-CO2-Macher nämlich ihre Kontingent durch abkaufen bei denen die es nicht benötigen auffrischen… Wäre wenigstens gerecht!

  5. @ Ursula Schüpbach
    Bei dieser Abstimmung lässt sich nicht eine so klare Linie zwischen rot-grün und den bürgerlichen Parteien ziehen. So ist die glp ganz klar gegen AKWs. Die EVP, welche wohl wegen ihrem Ständeratskandidat Marc Jost so ziemlich jenen mobilisieren wird, den sie kann, sagt ebenfalls klar Nein zu Mühleberg.

    Christa Markwalder sagt zwar auch ja zu einem neuen AKW, ist selber aber auch Präsidentin der parlamentarischen Gruppe erneuerbare Energien und begründet ihren Ja-Entscheid mit einigen Windungen… Ungeachtet dessen: Ihr Amt als Präsident der fraglichen Gruppe zeigt, dass selbst bei FDP-Politikern die Erneuerbaren kein Tabu mehr sind.

    Die CVP sprach sich auch „nur“ mit 20:7 Stimmen für ein neues AKW aus. Bei der Ecotax-Vorlage fiel der Entscheid mit 27:2 Stimmen wesentlich klarer aus. Doch ob die Basis bzw. die WählerInnen der CVP auch alle brav ein Ja einlegen, bezweifle ich.

    Schliesslich gibt es noch die unterschiedlichsten Gruppierungen wie KMU-Vertreter, Bauern, Ärzte usw., welche sich gegen ein neues AKW aussprachen.

    Kurz: Die Ablehnung zu Mühleberg reicht sicher bis in die Mitte. Wie stark dort die Ablehnung ist, werden wir sehen…

    @ Chris
    Damit könnten Bettler ja plötzlich noch zu einem Einkommen gelangen…

  6. Ja, genau so ist es, Bettler wären dann eine gute Möglichkeit um das bereits Mitte Jahr verbrauchtes Kontingent aufzustocken… 😉 Am besten macht man das dann so, dass wer sein Kontingent aufgebraucht hat einfach nicht mehr tanken kann, könnte man easy über eine CO2-Karte oder in EC-Karten eingebaute Funktionen lösen. Und dann geht man eben zum EC-Kasten der dann neu auch eine CO2-Funktion hat, vorausgesetzt man hat jemand der einem sein CO2-Kontingent verkauft, kann man dort dann den Transfer erledigen… Wäre eine saubere Sache und voll gerecht, so bekommen die armen-jedoch-kein-CO2-verbrauchenden von den reichen-CO2-fressenden Kohle, damit sie weiter tanken dürfen… Wobei natürlich nicht nur tanken zählt, sondern dann eben alles, also auch wenn man Lebensmittel kauft, wird einem CO2 angezogen, nur ist das insgesamt ziemlich wenig im Gegensatz zu Autofahren und solche Dingen, deshalb werden sich solche Kaufszenen wohl eher an Tankstellen abspielen, wenn man dann merkt „shit, leerer Tank und CO2-Kontingent aufgebraucht“… Also ich fände das voll cool!

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