Zurückhaltung, Respekt, Anteilnahme

Die Art und Weise, wie vor allem die Medien – aber nicht nur sie – mit der Naturkatastrophe in Japan umgehen, kann einem schon ziemlich anwidern.

Immerhin haben ARD, ORF und das Schweizer Fernsehen darauf verzichtet, die Jubiläumssendung «30 Jahre Musikantenstadl» auszustrahlen. Wenn das aus Rücksichtnahme für die Betroffenen geschah – und nicht um mittels Sondersendungen reisserisch und publikumswirksam über die Geschehnisse in Japan berichten zu können – dann verdient das Respekt.

Einseitige, mediale Steigerungen

Trotzdem: Das «ZDF heute-journal» liess sich am Freitag dazu hinreissen, einen Beitrag über die wirtschaftlichen Folgen dieses Erdbebens zu senden. Der Nikkei-Index war ebenso ein Thema wie der Aktienkurs der Rückversicherer oder die längerfristigen Folgen für die Anleger.

Noch immer liegen Menschen in Trümmern. Ausländische Helfer sind erst unterwegs. Die Glückskette «verfolgt die Ereignisse» und hat sich zur Stunde noch nicht für eine Sammelaktion entschieden.

Und die beim ZDF wissen keine 24 Stunden nach dem Beben über nichts Gescheiteres zu berichten als über die wirtschaftlichen Folgen?

Mit dem ZDF allein hat das allerdings nichts zu tun. Auch das Schweizer Fernsehen hatte für die Sondersendung am Samstag Abend (anstelle des Musikantenstadl) einen UBS-Vertreter eingeladen um über die gleichen Fragen und die möglichen Folgen auf die Weltwirtschaft zu diskutieren. Auf anderen Sendern dürfte es ähnlich laufen.

Daneben ist auch sonst die Berichterstattung äusserst einseitig. Man zeigt uns kaum Bilder über die Folgen des Erdbebens selbst. Man zeigt uns vor allem Bilder über die Folgen des Tsunamis, welcher aber eigentlich «nur» die küstennahen Gebiete betrifft. Da merkt man, wie unspektakulär offensichtlich die ganz «normalen» Bilder der Folgen von Erdbeben geworden sind.

Doch auch die Bilder der überfluteten Landstriche mit davon schwimmenden Häuser reichen bei uns im Westen nicht mehr. Es gibt noch eine Steigerung: Die Vorgänge im AKW Fukushima.

Dieses Thema, und nur dieses Thema, interessiert die Medien im Westen zurzeit brennend. Denn was sich dort ereignet, könnte sich auch anderswo ereignen und könnte auch noch Folgen für andere Regionen haben. Derweil können das Erdbeben und der dabei ausgelöste Tsunami als relativ isoliert betrachtet werden. Deren Folgen lassen sich auch relativ rasch «wegräumen» oder «wieder aufbauen».

Abwarten aus Rücksichtnahme

Trotzdem: Unser Augenmerk sollte mindestens ebenso den Hunderttausenden von Menschen gelten, welche kein Dach mehr über dem Kopf haben, welche ohne Strom sind, welche alles verloren haben oder nun als Folge des Erdbebens anderweitig beeinträchtigt sind.

Und vor allem gehört den Angehörigen, welche den Verlust einer nahe stehenden Person zu beklagen haben, unsere volle Anteilnahme. Sie müssen nebst den materiellen Verlusten und nebst der ohnehin prekären Situation «irgendwie» auch noch mit dem Verlust des Ehepartners, eines Kindes, eines Verwandten oder eines guten Freundes klar kommen.

Darum ist es pietätlos, jetzt schon über die wirtschaftlichen Folgen zu sprechen. Darum ist es falsch, nur den Blick auf den AKW-Unfall zu richten. Und darum ist es auch taktlos, wenn eine SP Bern vor dem Hintergrund dieses AKW Unfalls jetzt schon die Stilllegung des AKW Mühleberg fordert.

Eine Naturkatastrophe dieser Grössenordnung ist kein mediales Ereignis, ist kein Anlass, für politische Forderung und ist kein Anlass, sich über die wirtschaftlichen Folgen Sorgen zu machen. Es ist vor allem eine Tragödie für Mensch und Natur.

Etwas Zurückhaltung, Respekt und Anteilnahme seitens Medien, Politik, Wirtschaft und von uns allen wäre besonders nach so kurzer Zeit angebracht. Über alles andere kann man auch noch später berichten, diskutieren oder Forderungen stellen.

16 Antworten auf „Zurückhaltung, Respekt, Anteilnahme“

  1. Die Sache mit den Aktienkursen nervt mich mitunter auch, aber es menschelt halt. Allerdings konnte ich nicht feststellen, dass diese Kurse generell im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen. Aber sah diese Sondersendungen heute nicht. Und SP Bern, da fand ich keine Mitteilung, Jenk hat da selbst etwas geschrieben. Eine Person alleine macht noch keine Partei aus. Aber ich habe auch keine besondere Bindung zu den SP-Parteileitungen.

  2. die alten und populistischen forderungen von sp und grünen nerven mich am heutigen tag irgendwie auch. es wäre aber auch naiv zu erwarten, dass sich die politiker erstmal zurückhalten. als alter anti-akw-aktivist habe auch ich als erstes gedacht: sagen wir ja schon seit 30 jahren, dass das nicht gut geht, ihr pfeiffen.

    auch die frage nach den wirtschaftlichen konsequenzen ist nichts als normal, finde ich. ich wunder mich sogar ein wenig, dass man gerade darüber noch quasi nichts liest, vermutlich deshalb, weil niemand einen überblick hat. gut kann das ja für die hochlabile weltwirtschaftssituation nicht sein. ich habe zumindest momentan schwer den eindruck, dass die katastrophe von den mainstreammedien noch heruntergespielt wird. ob bewusst oder mangels überblick, ist eine andere frage.

  3. @ Ursula Schüpbach
    Eine Medienmitteilung muss nicht immer online abrufbar sein. Harald wird sich diese sicher nicht selber ausgedacht haben.

    @ Bugsierer
    Ich habe kein Problem damit, wenn aus diesem Unfall politisches Kapital geschlagen wird oder wenn man auf mögliche wirtschaftliche Folgen zu sprechen kommt. Auch ich werde noch insbesondere auf den AKW-Unfall zurückkommen.

    Die Frage ist nur nach dem richtigen Zeitpunkt. Praktisch im gleichen Atemzug vom Beben und den wirtschaftlichen Folgen zu reden, ist sicher nicht der richtige Zeitpunkt. Und am Tag 1 nach „the big one“ oder am Tag 0 nach der Explosion beim Reaktion 1 politische Forderungen zu stellen ist sicher auch nicht der richtige Zeitpunkt.

    Ich bin Dir nicht böse, wenn Du mich als naiv bezeichnest, vielleicht bin ich es ja auch. Es ändert nichts daran, dass ich von einer Partei, welche das Wort „sozial“ in ihrem Namen trägt, etwas mehr Taktgefühl erwartet hätte. Das gilt natürlich auch in gleicher Weise für die Grünen.

  4. Vielleicht liegt es auch einfach an der totalen Überforderung – weil das Ganze ja ein Mega-Ereignis darstellt, das niemand noch wirklich fassen kann und das so, in dieser Kombination, noch kaum je geschah: 1. Erdbeben, 2. Tsunami, 3. massive AKW-Störfälle.

  5. @ Tin
    Was die Politik betrifft, ist es weniger Überforderung. Der Vorsitzende der deutschen SPD, Sigmar Gabriel, liess am Samstag Abend (sinngemäss) verlauten, dass es zweifellos noch eine Diskussion um AKWs geben müsse, auch auf internationaler Ebene. Doch jetzt sei vorerst einmal die Stunde der Katastrophenhilfe. Es geht also auch taktvoller.

    Was die Medien betrifft: Ja, da herrscht wohl Überforderung aus den verschiedensten Gründen (Gebiete unzugänglich, Sprachschwierigkeiten, Ortsunkenntnis usw.). Trotz diesen Schwierigkeiten braucht man deswegen nicht (Sonder-)Sendungen mit mehr Mutmassungen statt Fakten zu füllen…

  6. Zu den Medien: Bei jedem Unglück, bei jeder Katastrophe werden zu Beginn Spekulationen verbreitet, aus Null-Information „Information“ generiert oder sogenannte Experten konsuliert. Das ist leider auch hier nichts Neues – wie sollte es hier, bei diesem Mega-Ereignis plötzlich anders sein?

  7. @ Tin
    Gerade wegen der Grösse des Ereignis. Je grösser das Ereignis, desto umsichtiger sollte meiner Meinung nach der Umgang mit Informationen sein, denn Mutmassungen können Verunsicherung und schlimmstenfalls sogar Panik auslösen, hüben wir drüben, und dürfte nur noch zu noch mehr Leid führen.

  8. Das Misstrauen in die Atomlobby hat schon seine Gründe:
    http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/die-tsunami-katastrophe/AKWBetreiberin-faelschte-schon-mal-Reparaturberichte/story/14374560?dossier_id=885

    Dass die AKW-Sache auch in der Schweiz wieder zu heftigen Diskussionen führt, nachdem sie lange eher verdrängt wurde, finde ich eigentlich nicht negativ. Ich persönlich jedoch habe eigentlich zu der Sache kaum ein Diskussionsbedürfnis, schaue eher zu. Stimmte Nein im Kanton, kürzlich. Und es geschehen halt so viele Dinge gleichzeitig und parallel, dass ich mitunter etwas sprachlos werde. Zudem gibt es auch für mich eine neue Dimension. Das sind diese Videos zu div. Ereignissen, die es so vorher nicht gab. Seien es Videos zu den sog. Revolutionen in den arabischen Ländern, seien es Videos zum Tsunami. Aufgenommen oft auch von Betroffenen vor Ort, landen sie bei TV-Stationen und bei YouTube.

  9. @ Ursula Schüpbach
    Ja, die Diskussion ist wichtig und gut und soll auch geführt werden. Auch ich komme noch darauf zurück.

    Nur: Das Wasser der Tsunamis hat sich noch kaum zurückgezogen, werden schon politische Forderungen laut. Das ist es, was ich kritisiere und weshalb ich mir so unmittelbar nach diesem Ereignis etwas Zurückhaltung gewünscht hätte.

  10. @Titus Ich mag mich an diesen Diskussionen auch nicht beteiligen. Sofort werden Ohnmacht und Betroffenheit mit tonnenweise Populismus gefüllt. Aber mit manchen SP-Leitungen hab ich schon längere Zeit eher Mühe.

  11. Die heutigen Medien, vor allem einige, sind eben wie Nutten, kaum ist ein Freier abgefertigt ab zum nächsten. Die alten, wenn sie denn wieder kommen, sind dann nicht mehr interessant. Aktuell ist Japan dran, Libyen ist bereits zweite Priorität, knallts nun woanders, ist dann Japan zweite Priorität usw. Und einige, die besonders schlimmen, wiederholen das selbe immer und immer wieder und reichern die sogenannte News, weil nichts neues nach kam, mit Spekulationen und Mutmassungen an, nur um weiter angebliche News zu berichten – traurig so was!

    Meine Freundin rief mich deswegen sogar in der Nacht an, es sei zum GAU gekommen aber noch nicht zum Super-Gau oder so ähnlich, es hiesse jedenfalls, es sei nun passiert. Dabei war es nur die alte News, dass es soweit kommen KÖNNTE und dass es dann zu einem Super-Gau kommen KÖNNTE, nicht ist! Aber eben typisch PRO7/RTL und co. wenn nichts neues bekannt ist, dann spekuliert man eben munter drauf los, bis es dann sogar heisst GAU nun eingetreten aber Super-Gau noch nicht, tönt ja interessanter als, die Lage ist nach wie vor unverändert kritisch.

    Mir kam es echt so rüber als hofften die regelrecht das es endlich knallt, damit sie wieder was geiles zu berichten haben – echt traurig!

    Deswegen schaue ich diese Sender auch nicht mehr, schaue generell lieber Sender die keine Werbung und keine News bringen, ist ruhiger, angenehmer und weniger stressig. Die echten News bekommt man so oder so irgendwie mit und ich muss ja auch nicht alles grad sofort wissen, ist manchmal besser. Vor allem wenn man ohnehin grad nicht so toll drauf ist, muss man nicht auch noch solche Dinge zu hören bekommen, ist dann besser man bekommt es am nächsten Tag mit, ist ja noch früh genug.

    Und eben, meist reicht ein bisschen Text und paar Bilder, dann weiss man Bescheid, kann sich selber Gedanken darüber machen, diese stundenlangen Wiederholungen die alle 30 Minuten mit irgendwelchen Spekulationen und Schein-News angereichert werden, brauch ich echt nicht!

  12. Auch wenn wir „uns“ Alten mit Jahrgängen wie +/- 1967 noch zu den Jungen zu zählen gedenken.-

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.