Balsiger: «Viele wählen nicht, weil sie zufrieden sind»

In zwei Wochen hat die Schweiz ein neues Parlament gewählt. Obschon bei genauerer Betrachtung einige Kandidierende inzwischen etwas müde wirken, wird noch immer eifrigst um die Stimmen der Wählenden gekämpft.

Werfen wir darum einen Blick auf den aktuell laufenden Wahlkampf. Der zum Thema Wahlkampf kundige Blogger-Kollege Mark Balsiger hat sich freundlicherweise bereit erklärt, zahlreiche Fragen aus der Augenreiberei zu beantworten.

Titus Sprenger: Bereits anfangs September meinte Iwan Rickenbacher, dass die Meinungen zu den kommenden Wahlen bereits gemacht seien. Teilst Du diese Meinung sowohl in Bezug auf die National- wie auch auf die Ständeratswahlen?

Zur Person

Bild: Mark Balsiger (zvg)

Mit seiner breiten Ausbildung in den Bereichen Journalistik, Politologie, Geschichte und PR bewegte sich Mark Balsiger schon früh an der Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit, Medien und Politik. Mit diesem «Rucksack» arbeitete er in verschiedenen Redaktionen, baute in Bosnien im Auftrag der DEZA eine Radiostation auf, fungierte als VBS-Mediensprecher, probierte mit dem «Wahlbistro» Neues aus und setzte sich mit der Aktion «Rettet den Bund» erfolgreich auch für Bestehendes ein.

Im nächsten Sommer kann der Dozent (MAZ), Coach (MIKA) und SRG-Publikumsrat mit seiner eigenen Kommunikationsagentur «Border Crossing» sein 10-Jahr-Jubiläum feiern. In dieser Zeit entstanden auch zwei Bücher zum Thema Wahlkampf sowie sein «Wahlkampfblog».

Mark Balsiger: Die Meinungen sind zwei Wochen vor dem Wahltermin in der Tat bei 80 bis 90 Prozent der Wählenden gemacht. Offen bleibt aber, ob sie dann auch wirklich wählen gehen. Das ist die oft zitierte Mobilisierung, die für die Parteien in der jetzigen Phase eine entscheidende Bedeutung hat.

Wie lange lohnt es sich überhaupt, um Wählerinnen und Wähler zu kämpfen? 

Für ambitionierte Kandidierende und unermüdliche Partei-Supporter – vor ihnen ziehe ich meinen Hut! – lohnt es sich bis am Wahlsonntag um 12 Uhr zu kämpfen. Zuweilen machen wenige Stimmen den Unterschied, der zu einem Sitzgewinn führt. Die Wahlentscheidung eines jeden Individuums basiert auf vielen Faktoren, die teilweise bis in die Kindheit zurückgehen, Stichwort Sozialisierung.

Lässt sich eine Faustregel definieren, innerhalb welchen Zeitraums das Wahlvolk am empfänglichsten ist für Argumente für eine Person oder Partei?

Die Stimmberechtigten bilden sich eine Meinung aufgrund von allem, was sie in den letzten Jahren mitbekommen haben, massenmedial, im direkten Kontakt mit Politikerinnen und Politikern, Diskussionen im Freundeskreis usw. Dabei steht nicht Ratio im Vordergrund, sondern Emotionen und weiche Faktoren. Zwei Beispiele: Partei X findet man gut, weil zwei ihrer Schlüsselfiguren überzeugend und einfach verständlich argumentieren, Kandidat Y fällt durch, weil er eine unangenehme Stimme hat.

Können dabei Unterschiede zwischen kommunalen, kantonalen und nationalen Wahlen ausgemacht werden?

Ich vermute, dass in Wahlkreisen mit über 15’000 Stimmberechtigten der Faktor Massenmedien am wichtigsten ist. Der direkte und systematische Kontakt mit den Leuten ist in solchen Gemeinden kaum mehr zu schaffen. Mithin ist es wichtig, über eine längere Zeitspanne regelmässig in den Medien vorzukommen, im Idealfall mit Bild.

Einige Kandidierende haben bereits im Mai vor allem mit Plakaten auf sich aufmerksam gemacht. Bringt das etwas, zumal von ihnen heute kaum mehr etwas zu hören ist?

Wer den sichtbaren Wahlkampf bereits im Frühling lancierte, stand bloss in Konkurrenz mit Grossverteilern, Automarken und Kleiderlabels usw. Andere «Köpfe» hingen aber noch nicht. Seit Ende August hingegen ist die Konkurrenz riesig: In den grösseren Kantonen sind nun Hunderte von Köpfen sichtbar – überall. Das macht sie austauschbar.

Ironie des Schicksals: Der Kopf, der zurzeit am meisten an den Plakatwänden hängt, gehört Ex-Miss-Schweiz Melanie Winiger. Dieses Beispiel zeigt auch auf, dass politische Werbung gegenüber der kommerziellen Werbung mit klammen Budgets operieren muss.

Bedeutet dieser frühe Wahlkampf-Beginn, dass wir langsam auf amerikanische Verhältnisse zusteuern, unter welchen ein Wahlkampf über Monate läuft? Wird zum Beispiel auch beim Nominationsverfahren früher begonnen?

Der permanente Wahlkampf ist kein Mythos, sondern auf nationaler Ebene eine Tatsache. Der Wahlkampf 2011 begann am 13. Dezember 2007, am Tag als Christoph Blocher aus dem Bundesrat flog und an seiner Stelle Eveline Widmer-Schlumpf gewählt wurde.

In der Tendenz werden Nominationen inzwischen früher vorgenommen, allerdings haben viele Parteien Mühe, ihre Listen überhaupt zu komplettieren.

Der Rekord an Listen (über 300) und Kandidierenden (fast 3500) führt zu einer Verwässerung des Wahlkampfs. Ein Drittel aller Kandidierenden gibt seinen Namen und kommt ans Fotoshooting – und damit hat es sich. Viele der Unterstützerlisten sind bloss Seitenwagen für etablierte Parteien, mit dem einzigen Ziel, der Hauptliste Nullkomma-Irgendöppis-Prozentli zuzuführen (klar, das kann entscheidend sein für Restmandate). Gerade in den grossen Kantonen wird das Stimmvolk regelrecht mit Listen und Kandidierenden «erschlagen» – das ist keine gute Entwicklung.

Was schätzt Du: Werden durch den früheren Wahlkampf-Beginn die Websites der Kandidierenden nach den Wahlen nicht mehr so häufig verwaisen wie heute?

Nein, die meisten Politisierenden haben ihre Websites und Social-Media-Kanäle nicht ins Herz geschlossen. Sie werden als notwendiges Übel betrachtet. Entsprechend werden wieder Hunderte von Internetruinen herumstehen. Ich bin kein Pessimist, aber bis der Online-Wahlkampf wirklich in der Breite greift, wird es noch einige Jahre dauern.

Ich habe einige Kandidierende bei Facebook als «Freunde». Hören beziehungsweise lesen tue ich von ihnen kaum etwas. Wie sollen oder können sie mit diesem Mittel umgehen?

Sie sollten stetig «posten», auch über Privates, Fragen stellen, Diskussionen lancieren, ihre Standpunkte klarmachen. Das braucht Zeit und Fingerspitzengefühl – und die Bereitschaft, sich in Onlinemedien hineinzudenken. Social Media sind eine Geisteshaltung.

Es heisst, nach den Wahlen sei vor den Wahlen. Für bereits Gewählte mag das stimmen. Aber wann beginnt der Wahlkampf für solche, die noch nicht im Parlament sitzen?

Es ist immer Wahlkampf. Ich arbeite am liebsten mit Politisierenden zusammen, die das verinnerlicht haben. Es ist kräfteschonend, wenn man den eigenen Wahlkampf auf vier Jahre hinaus plant. Er stärkt auch die inhaltliche Arbeit. Wer substanziell politisiert, sich einen Namen in einem oder mehreren Politikfeldern schafft, kann schliesslich am Wahltag eher ernten.

Auffällig sind in diesem Jahr auch viele Kandidaturen von bekannten Persönlichkeiten in fast allen Parteien (SVP: Accola; FDP: Carrel; SP: Aebischer, …). Ist das nicht eher ein demotivierender Faktor für solche, welche die so genannte Ochsentour durchmachen müssen? Provokativ gefragt: Sollte man sich bald eher darauf konzentrieren, ein Promi zu werden um dann in die Politik wechseln zu können?

Quereinsteiger hat es schon immer gegeben. Der Entscheid, auch auf solche zu setzen, liegt bei den Parteien. Im Grundsatz belebt das den parteiinternen Konkurrenzkampf. Übrigens: bislang schafften es nur Promis von bürgerlichen Parteien, auf Anhieb ins eidgenössische Parlament gewählt zu werden (u.a. Maximilian Reimann, Werner Vetterli, Hans-Rudolf Merz, Pius Segmüller).

Bei linken Parteien ist das bislang nicht geschehen, woraus sich durchaus eine Hypothese formulieren liesse. 
Promi wird man nicht über Nacht… auch das braucht in der Regel eine Ochsentour, egal auf welchem Gebiet man unterwegs ist.

Täuscht der Eindruck, dass auch die Nationalratswahlen immer häufiger zu Personenwahlen werden und darum auch ein dementsprechend personalisierter Wahlkampf geführt und kaum mehr gemeinsam aufgetreten wird?

Die Profile der nationalen Parteien sind mehrheitlich unscharf, entsprechend werden die Köpfe wichtiger. Die Personalisierung ist in der Schweiz ein relativ neues Phänomen, und wir wissen noch nicht recht, wie damit umzugehen.

Die Schweiz ist nicht bekannt für «erdrutschartige Siege» oder «niederschmetternde Wahlniederlagen» der einen oder anderen Parteien. Was für ein «Verschiebungsanteil» hältst Du bei einem gut geführten Wahlkampf für realistisch?

Jahrzehntelang gab es in der Schweizer Parteilandschaft kaum Bewegung, international wurde die «Frozen Party System»-These der beiden Politologen Lipset und Rokkan allerdings kontrovers diskutiert. In den Achtzigerjahren entstand zuerst die grüne Bewegung, kurz darauf die Autopartei.

Seither erodieren die historischen Parteien, die SVP verwandelte sich von einer kleinen gewerblich-bäuerlich geprägten Partei zu einer Massenbewegung, die top-down geführt wird und ein für Schweizer Verhältnisse hochprofessionelles Marketing durchzieht. Veränderungen von 2 bis 3 Prozentpunkten gelten bei uns schon als Erdrutsche.

Ein grosses Potential läge bei all jenen, welche nicht (mehr) wählen geht. Aber wie könnte man Nicht-(mehr)-Wählende an die Urne holen?

Es gibt weltweit kein Volk, das sich politisch so oft und so stark einbringt wie das Schweizer Volk. Im Verlauf einer Legislatur von vier Jahren nehmen 80 Prozent der Stimmberechtigten mindestens einmal an einer Abstimmung oder Wahl teil. Das ist ein sehr hoher Wert, das stumpfsinnige Lamento von Politikern und Medienschaffenden über die angeblich tiefe Wahlbeteiligung ist zu relativieren. Wenn es um wichtige Fragen geht, ist eine Mehrheit des Souveräns dabei – und er ist mündig. Was auch nie thematisiert wird: Viele Stimmberechtigte partizipieren nicht, weil sie zufrieden sind mit dem, was geschieht.

Zunehmend wird seitens Parteien vor allem auch mit Volksinitiativen Wahlkampf betrieben. Ist das nicht Ausdruck der eigenen Unfähigkeit, im demokratisch gewählten Parlament Mehrheiten finden zu können?

Volksinitiativen sind primär zu Vehikeln geworden, um das eigene Parteivolk auf die Strasse zu bringen; sie mobilisieren. Und im Idealfall bringen sie sogar Geld ein. Womöglich schaffen es nicht alle Initiativen, die Hürde von 100’000 Unterschriften zu erreichen. Viel Erfahrung damit haben SP und Gewerkschaften, seit wenigen Jahren auch die SVP. Andere Akteure müssen zuerst noch Lehrgeld und effektives Geld bezahlen.

Mark, vielen Dank für Deine Antworten!

Das Interview wurde schriftlich geführt. Der Interviewte und der Interviewer kennen sich aufgrund Ihrer Blogger-Aktivitäten, daher die Du-Anrede.

Als Blogger und Förderer von Social Media liest er hier mit und kennt keine Berührungsängste um auf allfällig via Kommentarfunktion gestellte Fragen zu antworten.

6 Replies to “Balsiger: «Viele wählen nicht, weil sie zufrieden sind»”

  1. Interessantes Interview, vielen Dank. Aber müsste zum Tipp, dass Politiker ständig «posten» sollten, nicht auch noch der Tipp dazu kommen, dass diese Postings für die Empfänger irgendwie relevant sein müssen? Ehrlich, mich langweilt nichts mehr als Politiker, die nichts mehr tun als die Werbetrommel in eigener Sache zu drehen, mich zB darüber informieren, dass sie heute abend einen Auftritt vor zehn Leuten in Hunzenschwil und dann morgen einen Auftritt vor zwölf Leuten in Merenschwand haben. Ich meine, Politiker sollten sich online vielmehr inhaltlich einbringen, sich in Diskussionen einschalten und dort ihre Standpunkte klar machen. Das Web ist doch die ideale Plattform für eine offene Debatte, in die sich jeder Bürger und jeder Politiker einschalten kann.

  2. Na gut, dann versucht der Interviewgast hier auf die gestellten Fragen einzugehen – eine neue Form, die ich durchaus reizvoll finde.

    Politikerinnen und Politiker sollten eben nicht „ständig“ posten, wie mir Ronnie Grob ins Maul legt, sondern stetig. Meine Antwort im Interview, die diesen Punkt weitgehend beleuchtet, nochmals, copy/paste:

    „Sie sollten stetig «posten», auch über Privates, Fragen stellen, Diskussionen lancieren, ihre Standpunkte klarmachen. Das braucht Zeit und Fingerspitzengefühl – und die Bereitschaft, sich in Onlinemedien hineinzudenken. Social Media sind eine Geisteshaltung.“

  3. Ich hoffe, Sie können trotz «Schawinski» noch ruhig schlafen … was ich aber eigentlich fragen wollte: Wie unterscheiden sich «ständig» und «stetig»?

  4. Ständig heisst doch «immer» (sprich: auch mengenmässig «viel») und «stetig» eher so «kontinuierlich» (über einen längeren Zeitraum vielleicht nicht ganz so viel, aber doch zuverlässig immer wieder)

    Würd ich mal so sagen…

  5. Ja, richtig, stetig, nicht ständig, mein Fehler. Aber zur Frage, gibt es für Dich nicht auch zu viele Politiker, die um jeden Preis zu mobilisieren versuchen?

  6. „Um jeden Preis mobilisieren“ tönt für mich verkrampft, und alles, was verkrampft ist, wirkt angestrengt, verliert mithin seine Wirkung.

    Wenn Politisierende verinnerlicht haben, dass Facebook & Co. nicht Werbung, also Einwegkommunikation, sondern Dialog bedeutet, ist schon einiges gewonnen. Dann haben sie auch Chancen, dank ihrer stetigen Präsenz in diesen Kanälen zusätzliche Stimmen zu holen.

    It’s a long way.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.