«Les welsch» – nur faule Säcke und Schmarotzer?

Mit der bekannten Oberflächlichkeit wettert die «Weltwoche» wieder einmal gegen eine Minderheit. Weil das auf so dilettantisch vereinfachende Weise geschieht, lassen sich deren Aussagen auch leicht ins Gegenteil drehen. On y va?

Der Deutschschweizer «Weltwoche», nur dem Namen nach ein Blatt von Welt, scheinen langsam die Feindbilder auszugehen. Oder besser gesagt: Die klassischen Feindbilder. Zu ihnen gehört alles Fremde und Ausländische im Inland und mögliche «Bedrohungen» aus dem Ausland.

Hurra, ein neues Feindbild: «Les welsch»

Weil inzwischen wohl bald alle Minderheiten mit ausländischem Hintergrund schon mindestens einmal im Fadenkreuz der «Weltwoche» auftauchten und sich dies langsam abnutzt, sucht man eben nach anderen Minderheiten, diesmal allerdings mit inländischem Hintergrund: «Les welsch».

Ganz neu ist diese Masche aber nicht: Die Rätoromanen waren bereits vor fünf Jahren an der Reihe. Dies führte damals zu einem juristischen Hickhack wegen angeblicher Verletzung der Rassismus-Strafnorm, wobei der betroffene Journalist schliesslich aber freigesprochen wurde.

Damals ging es um die Subventionierung der rätoromanischen Sprache. Um Geld geht es diesmal auch bei den Romands. Sie, die Romands, seien nämlich die Griechen der Schweiz, verbreitete der Autor dieses Zürcher Blatts, Andreas Kunz, vor knapp zwei Wochen. So würden die Spitzenplätze in Sachen Arbeitslosigkeit, Verschuldung oder etwa Zinsbelastung immerzu von Westschweizer Kantonen belegt. Als Beweis für diesen «mediterranen Schlendrian» dienten dem Autor einige ausgewählte Statistiken.

Kennen tut Kunz die Romandie offensichtlich nur aus diesen gewissen Statistiken. Deutlich wird das in seinem Folgeartikel von letzter Woche, in welchem er anscheinend glaubt, dank einem Reisli von Zürich nach Lausanne und Villeneuve die Unterschiede zwischen Romands und Deutschschweizer erforschen zu können. Klischeehafter hätte sein Reisebericht seine «Spurensuche» nicht ausfallen können.

Sätze wie «auf die Fakten gingen die Angegriffenen kaum ein» zeigen, dass sich Kunz trotz vermeintlicher «Spurensuche» in seinem Urteil über die Romandie bestätigt sieht. Ja was hatte er denn erwartet? Dass sie besser sind als die Deutschschweizer und darum nur den Wald trotz lauter Bäume sehen?

Wirtschaftlich im Rückstand?

Nun denn: Wenn einer nur aufgrund von Statistiken über einen Fünftel der Schweizer Bevölkerung urteilt und nicht wirkliches Interesse daran zeigt, mehr über die Hintergründe dieser «Fakten» zu erfahren, dann packen wir am besten auch ein paar Statistiken aus – und zwar solche, über welche niemand redet.

Beginnen wir mit dem angeblich «wirtschaftlichen Rückstand» der Romandie. Die nachfolgende Grafik, erstellt auf der Basis offizieller Zahlen seitens Bundesamt für Statistik (BFS), zeigt die nominelle Zu- oder Abnahme der Anzahl Vollzeitstellen im Zeitraum zwischen 1995 und 2008:

Wie oben unschwer zu erkennen ist, belegen die Kanton Genf und Waadt die Plätze zwei und drei. Bemerkenswert ist auch, dass es nur Deutschschweizer Kantone gibt, in denen die Anzahl Vollzeitstellen im besagten Zeitraum abgenommen hat.

Betrachtet man diese Zu- oder Abnahmen prozentual in Bezug auf die Vollzeitstellen im Jahr 1995 im jeweiligen Kanton, so liegen die Kantone Genf und Waadt klar über dem Schweizer Mittel von 8,2 Prozent. Sie haben somit stärker mehr zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen als der Durchschnitt.

In den sechs lateinischen Kantonen (also inklusive Tessin) nahm im besagten Zeitraum die Anzahl Vollzeitstellen um rund 93‘000 zu. Über alle schweizweit zusätzlichen Vollzeitstellen (rund 265‘000) entspricht dies einem Anteil von rund 35 Prozent.

Oder anders gesagt: Da in der lateinischen Schweiz «nur» um die 21 Prozent der Schweizer Bevölkerung leben, hat dort der Anteil Vollzeitstellen verhältnismässig stärker zugenommen.

Hinter diesen 93‘000 zusätzlichen Vollzeitstellen stehen ungefähr rund 200‘000 Personen, also Alleinstehende, Väter, Mütter oder Kinder. Sie alle benötigen Wohnraum, Einkaufsmöglichkeiten, eine öffentliche Infrastruktur wie Verkehrsmittel, Strassen oder Schulen und vieles mehr.

Es kann darum nicht überraschen, dass für die verhältnismässig höhere Anzahl Vollzeitstellen auch ein grösserer Finanzbedarf besteht. Und wehe, es kommt eine Wirtschaftskrise, dann sind die, welche in den letzten Jahren einen stärkeren Boom an zusätzlichen Vollzeitstellen erlebt haben, auch stärker von Arbeitslosigkeit und ähnlichen sozialen Folgen betroffen.

Faulenzende Romands?

Die jungen Romands würden das Faulenzen schätzen, lautet eine weitere pauschale Verdächtigung der Weltwoche. Letztere stützt sich auf eine vier Jahre alte Befragung des Bundesamts für Sport (BASPO) bei 1‘500 Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren, wonach die jungen Deutschschweizer wöchentlich mehr Sport leisten als die Romands.

Aufgrund des sportlichen Engagements dieser Altersgruppe aber gleich auf alle Romands zu schliessen, ist nicht nur dumm, sondern auch falsch.

Beim Bundesamt für Statistik gibt es noch eine weitere Statistik, diesmal aus dem Jahre 2007 und zwar betreffend Body Mass Index (BMI). Im Gegensatz zu einer Befragung (wie vom Bundesamt für Sport durchgeführt) ist der BMI klar messbar. Das heisst, das Resultat hängt nicht vom Abwägen seitens der Befragten ab.

Der BMI wird an dieser Stelle deshalb aufgegriffen, weil er indirekt auch etwas über das Essverhalten und die körperlichen Aktivitäten aussagt. Wenn nämlich die Romands tatsächlich nur faulenzten, nur Weisswein trinkten und in der Sonne lägen, dann müsste sich dies bestimmt über den BMI bemerkbar machen. Die Statistik besagt jedoch, dass es kaum wesentliche Unterschiede zwischen den Sprachregionen gibt:

Arbeitsscheu?

Weil die Romands anlässlich verschiedener Abstimmungen in Sachen Arbeitszeit zugunsten einer Verkürzung stimmten – die Resultate des vergangenen Abstimmungswochenendes passen da zwar nicht hinein – sollen die Romands generell weniger arbeiten wollen. Sie seien zudem gestresster, meint die «Weltwoche», gestützt auf eine einmalig erhobene Studie.

Das kann durchaus sein, aber nicht etwa, weil sie «faule Säcke» sind, sondern – weil sie mehr Arbeiten als viele andere in der Schweiz! Die nachfolgende Statistik zeigt über beide Geschlechter die tatsächliche Jahresarbeitszeit nach Nationalität und Grossregion:

Unter den Schweizern gehören die Genfersee-Anrainer (Bassin lémanique) zu den Tüchtigsten, gefolgt von den Tessinern. Auch die ausländische Bevölkerung um den Genfersee herum ist pro Person insgesamt länger an der Arbeit als beispielsweise in Zürich – also da, wo die Weltwoche herausgegeben wird…

Über beide Bevölkerungsgruppen arbeitet man am Genfersee länger als andernorts. Auf Platz zwei liegen die Tessiner. Die Jurassier, Neuenburger und Freiburger gehen leider im Topf der anderen Regionen unter.

Wie ist das nun mit der höheren Arbeitslosigkeit vereinbar?

Es scheint, als ob mindestens in der Genfersee-Region die anfallende Arbeit einfach auf wenige Schultern verteilt wird. Man spart demnach Arbeitsplätze ein, indem andere Mitarbeiter (zeitlich) stärker belastet werden als dies in anderen Regionen mit tieferen Arbeitslosenzahlen der Fall ist (was volkswirtschaftlich als schlecht, aber betriebswirtschaftlich als gut gilt). Die Folgen davon könnten dann tatsächlich Stress und der Wunsch nach einer Verkürzung der Arbeitszeit sein.

Langweilige Schwarz-weiss-Malerei

Die nachfolgende Grafik des Schweizer Fernsehens zeigt den Ja- und Nein-Stimmenanteil zur Abstimmung über die Buchpreisbindung. Der vermeintliche Röschtigraben könnte nicht deutlicher hervortreten:

Die Darstellung oben ist heute zwar gängig, sie entspricht aber auch einer Schwarz-weiss- beziehungsweise einer Rot-grün-Malerei. Das gleiche Ergebnis kann man auch wie folgt darstellen:

Was dabei deutlich wird, ist, dass noch lange nicht alle in der Deutschschweiz und dem Tessin gegen die Buchpreisbindung gestimmt haben. Ebenso haben auch nicht alle in der Romandie für die Buchpreisbindung votiert.

Welcher Bezug haben diese Resultate und ihre Darstellungsform zur «Weltwoche»-Polemik betreffend Romandie?

Wer nur schwarz und weiss malt, wer nur grün und rot malt, wer nur Statistiken und althergebrachte Klischees aufzeigt, wer nur Arbeitslosigkeit und Verschuldung thematisiert, wer nur einen einzigen Tag in der Romandie verbringt, der ignoriert einen bedeutenden Teil der schweizerischen Vielfalt und Buntheit. Die ist nicht immer einfach zu begreifen, aber sie ist spannend. Spannender jedenfalls als Statistiken…

Der Autor lebte bis 2007 an verschiedenen Orten der Romandie und hat noch heute Lausanne als Arbeitsort.

6 Replies to “«Les welsch» – nur faule Säcke und Schmarotzer?”

  1. Lieber Titus

    Wir die „Welschen“ sollten beginnen die Weltwoche zu ignorieren!

    Unterstürtzen wir lieber den Berner Stadtwanderer, der neulich dem staunenden Publikum im Berner Simmenthal verkündete, noch vor seiner Pensionierung die Weltwoche kaufen zu wollen.

    Notabene nicht am Kiosk, sondern für immer beim jetzigen Verleger.
    Bezahlen würde er das mit den Milionen, die er gemäss dem braunen Hetzblatt verdiene.

    Dann würden wir wahrscheinlich die Weltwoche wieder entignorieren.
    😉

    Hier die Aussage von CL: http://www.stadtwanderer.net/?p=14916

  2. @ Daniel
    Um die Romands mache ich mir keine Sorgen. Wie der Stadtwanderer ebenso schreibt: „denn was die weltwoche schreibe sei nicht egal, habe wirkung.“ Und weil die aus sprachlichen Gründen vor allem in der D-CH gelesen wird, ist auch klar, auf wen die Wirkung abzielt.

    Offen bleibt die Frage: Wie wollen wir da dem Stadtwanderer helfen?

  3. Klar ist, dass die WEWO wirkt – fragt sich nur bei wem und warum.

    Wenn wir uns darüber klar werden, scheint schon viel geholfen, oder nicht?

  4. @daniel
    Was mich als „Bourbine“ immer wieder erstaunt, wie es die Weltwoche mit ihrer Polemik ständig in die anderen Presseblätter, oder besser auf die anderen online newsnetz medien schafft. Dadurch habe ich in der Zwischenzeit eine richtige Aversion entwickelt, obwohl ich die WeWo gar nicht lese.

    @Titus
    Diese Presse initierte Grün-Rot-Malerei geht mir sowieso auf den Keks. Die meisten Deutschschweizer in meinem Umfeld bringen der Romandie Sympathie entgegen, nicht nur Wein und Landschaft, auch den dort lebenden „Landsleuten“. Klar gibt es kulturelle Unterschiede, diese lassen sich aber nicht, wie du es schön aufzeigst, in nackten Zahlen ausdrücken, und dieses Gepoltere gegen „les welsch“ ist auch nicht vereinbar mit der Sünneli-Prämisse „ein einig Volch“.
    😉

  5. @ Daniel
    Sie wirkt bei jenen ewiggestrigen Deutschschweizern, die sich mit dem fraglichen WEWO-Artikel in ihren Vorurteilen – egal ob sie sich deren sicher waren oder nicht – bestätigt sehen („ich habe ja schon immer gesagt, dass…“ / „Jetzt ist endlich klar, dass…“).

    @ Bobsmile
    Bedenklich an den anderen Medien scheint mir, dass sich kaum (mehr) jemand die Mühe nimmt, das zu kontern, was in der WEWO steht. Steter Tropfen höhlt den Stein – im beidseitigen Sinne: Wenn man lange genug etwas Falsches erzählt, glaubt man es irgendwann noch und wenn man lange genug aufzeigt, wie falsch etwas ist, kommen irgendwann Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Märchenerzählers auf…

  6. Ich meinte, jemand hätte in der WW eine Gegendarstellung geschrieben, der so alles widerlegt. Was ja die WW nicht hindern wird, den gleichen Sch… nochmals zu beschreibseln, einfach etwas anders.

    Das hat die WW nun schon x-mal mit der Fukushima-Katastrophe (die angeblich keine war) gemacht, mit der Oel-Katastrophe im Golf von Mexiko usw.

    Dafür verschont uns die WW, wie die UBS ihre „angesparten“ Aktiendividenden steuerfrei an den Mann bringt, der Unternehmenssteuerreform sei dank (notabene nachdem sie nun über Jahre keine Steuern zahlt, weil sie ihre früheren Verluste noch vorträgt).

    Und die WW verschont uns auch davor, wie die Versicherungen mit fondbasierten Produkten 3 mal Kasse macht, nämlich mit der Fondsverwaltung, mit den Risikoprämien und mit den Versicherungsverwaltungskosten. So werden z.B. 10’000 Einlagegelder statt wie prognostiziert zu 22’000 innnert 10 Jahren zu lächerlichen 2’800.-. Nur gut, dass sie sich mit der abgelehnten Bausparinitiative nicht noch dieses Geschäft ans Bein streichen kann.

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