Was vordergründig wie eine relativ harmlose Volksinitiative aussieht, welche an den Öffnungszeiten im Detailhandel herumschrauben will, könnte eine Tragweite haben, an die wohl nur wenige denken.

Am kommenden Wochenende stimmt das Zürcher Stimmvolk unter anderem auch über die kantonale Volksinitiative «Der Kunde ist König» ab. Sie will freie Ladenöffnungszeiten für alle Geschäfte auf zürcherischem Boden.

Eine Art «Aufhebungsinitiative»

Rein inhaltlich ist es eine etwas spezielle Initiative, denn sie enthält keinen Text im Sinne einer sonst üblichen Initiative. Vielmehr sollen mit ihr die folgenden drei Paragraphen oder Absätze des Zürcher Ruhetags- und Ladenöffnungsgesetz aufgehoben werden:

§ 4. Von Montag bis Samstag können die Läden der Detailhandelsbetriebe ohne zeitliche Beschränkung geöffnet sein.

§5. An öffentlichen Ruhetagen sind die Läden der Detailhandelsbetriebe geschlossen zu halten.

Vom Ladenschluss gemäss Absatz 1 ausgenommen sind Läden in Zentren des öffentlichen Verkehrs sowie Apotheken. Weitere Ausnahmen werden durch Verordnung geregelt, die der Genehmigung des Kantonsrates bedarf.

An höchstens vier öffentlichen Ruhetagen im Jahr, hohe Feiertage ausgenommen, wird den Läden das Offenhalten durch die Gemeinde bewilligt.

§5. Abs. 2 Die Gemeinden dürfen die Öffnungszeiten der Läden im Einzelfall bei Missständen einschränken.

Die Initianten, allen voran die FDP.Liberalen, sagen es auf ihrer Abstimmungswebsite unmissverständlich: «…alle einschränkenden Bestimmungen betreffend Ladenöffnungszeiten (sollen) verschwinden» Und: «Die Nachfrage soll entscheiden, wann und wie lange die Läden geöffnet haben wollen.»

Die Argumente der Initianten sind relativ schwach, sodass sich jedes in zwei, drei Sätzen widerlegen liesse. Zum Beispiel das erste Argument, wonach der Kunde dann einkaufen können soll, wann es gerade in seinen Tagesablauf passe: Da die Aufhebung der oben stehenden Paragraphen keinen Ladenbesitzer zwingen, sein Geschäft 24 Stunden offen zu halten, ist es bestenfalls eine Annahme, dass der bevorzugte Laden eines Kunden gerade dann offen hat, wenn es ihm in den Tagesablauf passt.

Oder das letzte Argument, wonach sich Touristen in Zürich dank freien Ladenöffnungszeiten noch willkommener fühlen sollen: Japanische Touristen sollen sich tatsächlich willkommener fühlen, wenn Aldi am Sonntag geöffnet hat? Ein warmes, sympathisches Lächeln an der Hotelreception trägt wohl mehr dazu bei, sich willkommener zu fühlen als ein geöffneter Detailhandelsbetrieb.

Doch auf die einzelnen Argumente soll hier gar nicht eingegangen werden. Es geht vielmehr um das «Mehr», das sich hinter dieser Initiative verbirgt und das Auslöser dafür ist, dass hier für einmal eine kantonale Initiative angesprochen wird – auch weil sie einen nationalen Massstab setzen könnte.

Sonntagsarbeit gehört zum «courant normal»…

Aber machen wir zuerst einen «Ausflug» zu verschiedenen Branchen, bevor von diesem «Mehr» die Rede ist. Wenn wir uns nämlich einmal überlegen, ob heute das Leben an einem Sonntag ganz still steht, dann stellen wir fest: Nein, dem ist nicht so.

Die Kranken und Verletzten in den Krankenhäusern oder Pflegeheimen wollen auch an einem Sonntag versorgt werden. Auch wer an einem Sonntag verunfallt, will nicht bis Montag warten müssen, bis die Ambulanz eintrifft.

Ein ausbrechendes Feuer nimmt ebenfalls keine Rücksicht auf den Wochentag, weshalb auch die Feuerwehren sich nicht vollständig ins Wochenende abmelden können. Ähnlich ist es mit den Polizeikräften, welche vermutlich an manchen Wochenenden mehr zu tun haben als zu jenen Zeiten, während denen viele konzentriert einer Arbeit nachgehen.

Eine Art Hochsaison erleben besonders an den Sonntagen viele Ausflugsziele, denn selten besteigen so viele Menschen ein Schiff, eine Bergbahn oder einen Aussichtsturm wie eben an einem Sonntag – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

Mit diesem Fremdenverkehr verbandelt ist einerseits das Gastgewerbe, andererseits aber auch der öffentliche Verkehr. Schliesslich befinden sich der See, der Berg oder der Turm nicht gleich vor der eigenen Haustür um sich zu Hause verpflegen oder um diese Orte zu Fuss erreichen zu können, ergo haben auch zahlreiche Angestellte des Gastgewerbes und der öffentlichen Verkehrsbetriebe sonntags zu arbeiten.

Viele Medien und deren Angestellte scheinen am Sonntag auch nicht zu ruhen. Und da es in den Bäckereien am Montag Morgen nicht etwa Brot zu kaufen gibt, das noch am Freitag oder Samstag gebacken wurde, stehen viele Bäcker bereits am Sonntag Abend wieder in ihren Backstuben.

Wenn der Internetanschluss bei Ihnen zu Hause nicht läuft, wenn der Strom bei Ihnen ausfällt oder Gas und Wasser nicht mehr fliessen, dann finden Sie bestimmt eine Hotline, bei welcher auch sonntags jemand Ihren Anruf erwidert um anschliessend Ihr Problem aufzunehmen oder sogar zu lösen.

Ob so vielen Beispielen – und die Auflistung oben ist sicher nicht abschliessend – ist man versucht zu sagen, dass das Arbeiten an Sonntagen schon längst normal sei und es darum höchste Zeit wäre, endlich auch die Ladenöffnungszeiten den aktuellen Gegebenheiten anzupassen.

…und ist doch nicht «courant normal»

Doch ganz so einfach ist es dann doch auch wieder nicht. Ein genaues Hinschauen offenbart teilweise Überraschendes und macht deutlich, dass eine Beurteilung der Verfügbarkeit oder eben der Öffnungszeiten von Fall zu Fall notwendig ist.

So gibt es Berufsfelder wie etwa jene bei den Blaulichtorganisationen oder jene im Gesundheitswesen, bei denen eine Verfügbarkeit zwingend notwendig ist. Dennoch gibt es selbst da Dienste oder Dienstleistungen, welche nicht an den Wochenenden verfügbar sind. Planbare Operationen finden beispielsweise kaum an einem Wochenende statt. Auch das Entfernen eines Wespennests durch die Feuerwehr oder die Räumung eines Lokals oder einer Wohnung durch die Polizei finden nie an einem Wochenende statt, Notfälle ausgenommen.

Zahlreiche redaktionelle Leistungen von Medienunternehmen entstehen auch nicht erst an einem Sonntag, sondern bereits in den Tagen zuvor. Somit ist auch deren «sonntägliche» Leistung zu relativieren.

Nicht wenige Unternehmen, welche bei einem Problem zwar am Sonntag erreichbar sind, betreiben eigentlich nur einen Piquetdienst um eine Basis-Leistung sicherzustellen. Es arbeiten also bei weitem nicht alle Mitarbeitende solcher Unternehmen an einem Sonntag. Ähnlich ist es bei Angestellten von öffentlichen Verkehrsbetrieben: Der Fahrplan ist an den Sonntagen in der Regel so sehr ausgedünnt, sodass nur ein Bruchteil der Angestellten an diesen Tagen zu arbeiten hat.

Es lässt sich deshalb nicht pauschal sagen, dass es «normal» sei, an Sonntagen zu arbeiten. Wo dennoch gearbeitet wird, lassen sich die verschiedenen Organisationen in (mindestens) die folgenden drei, teilweise überschneidende Gruppen einteilen:

  • Organisationen, für welche eine gewisse Notwendigkeit besteht um grösseres Unheil zu vermieden (zum Beispiel Baulichtorganisationen, gewisse Bereiche im Gesundheitswesen oder in der Altenpflege usw.)
  • Organisationen, deren Leistungen gefragt sind gerade weil viele Menschen nur an einem Sonntag die Gelegenheit haben, sie in Anspruch nehmen zu können, die aber – weil es Sonntag ist – dennoch nur ein begrenztes beziehungsweise reduziertes Angebot bereitstellen (zum Beispiel öffentliche Verkehrsbetriebe, Medienunternehmen, Hotlines usw.).
  • Organisationen, deren Leistungserbringung an einem Sonntag relativ isoliert erfolgen kann, die also sehr unabhängig von der Verfügbarkeit Dritter agieren (zum Beispiel Museen, Theater, Kinos usw.).

Die Gesamtheit der Läden des Detailhandels passen unter keine der drei Gruppen. Aber müssen sie denn das oder fehlt ganz einfach eine vierte Gruppe?

Weit verzweigte Abhängigkeiten

Das Problem beim Detailhandel liegt in seiner Natur: Er stellt selber nichts her, sondern vertreibt nur, was andere geschaffen haben. Das heisst, hinter dem Detailhandel stecken nicht bloss ein paar Angestellte, welche Regale auffüllen und Geld einkassieren. Hinter dem Detailhandel steckt eine der komplexesten und wichtigsten Wertschöpfungsketten.

Wenn nun einige wenige Läden auch am Sonntag geöffnet haben, so wie das etwa bereits heute der Fall ist, dann fällt das nicht sonderlich ins Gewicht. Diese Läden werden «auf Reserve» betrieben, das heisst, sie beziehen ihre Waren ab einem (zumeist kleinen) eigenen Lager.

Wenn nun aber sämtliche Läden des Detailhandels geöffnet haben können – und dies auch tun – dann reicht der Betrieb «auf Reserve» nicht mehr aus, dies nicht zuletzt auch deshalb, weil es kaum mehr grosse Lagerflächen gibt. Es wird darum notwendig, dass auch die vorgelagerten Prozesse wie etwa der Transport von Waren und vor allem deren Herstellung sieben Tage die Woche am Laufen sind.

Das betrifft dann nicht mehr bloss nur die Angestellten des Detailhandels. Dennoch ist auch das erst die halbe Miete, denn hinter der Transport- oder Herstellungsleistung stecken wiederum andere.

So will ein LKW, der am Sonntag auf dem Rückweg ins Verteilzentrum ausfällt, möglichst rasch repariert sein, schliesslich wird er am Montag wieder benötigt. Auch Zulieferbetriebe von Fabrikationsunternehmen müssten ihre Leistung an einem Sonntag erbringen.

Insgesamt sind wohl weitaus mehr vom Detailhandel abhängig oder mit diesem verwandt, als sich viele bewusst sind. Wenn der Detailhandel nun in einem grösseren Umfang auch sonntags zur Verfügung zu stehen hätte, dann zieht das noch weitere Kreise, welche weit über das Arbeiten am Sonntag hinaus gehen.

Dazu gehört der Sonntag als Ruhetag. Wenn eine Mutter oder ein Vater sonntags zu arbeiten hat, dann fällt der Ruhetag innerhalb der Familie ins Wasser. Es wird für die anderen Familienmitglieder zu einem Unruhetag.

Gemeinsame Familienausflüge sind ebenfalls kaum mehr möglich, ausser beide Elternteile hätten unter der Woche am gleichen Tag frei und die Kinder müssten an diesem Tag ebenfalls nicht in die Schule. Das wird schwierig.

Selbst wer keine Familie hat, wird es schwerer haben, mit Freunden gemeinsam das zu machen, was bisher an einem Sonntag gemacht werden konnte, weil alle gleichzeitig frei hatten: Dem Nachgehen eines gemeinsamen Hobbys, eine Bergwanderung, ein Jass- oder Spielnachmittag usw.

Nebst diesen Aspekten aus dem sozialen Umfeld kommen weitere, ganz allgemeine hinzu. Die Garage, welche den ausgefallenen LKW zu reparieren hätte, würde neuerdings auch an einem Sonntag Lärm verursachen. Ähnlich ist es bei Fabrikationsbetrieben, welche bisher am Sonntag stumm blieben. Die bisher vielfach verordnete Sonntagsruhe im akustischen Sinne könnte gar nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Das Sonntagsfahrverbot für LKWs müsste wohl ebenfalls gelockert werden. Dann befänden sich auch sonntags «Brummis» auf den Strassen. Der allgemeine Ruhetag würde dadurch auch für jene zu einem Unruhetag, die weiterhin am Sonntag nicht arbeiten müssten.

Der Kunde ist König – und Bediensteter

Die fragliche Volksinitiative ist aber auch noch äusserst einseitig ausgerichtet. Sie betrifft nämlich nur die Läden des Detailhandels. Wenn der Kunde aber tatsächlich König sein soll, dann sollten konsequenterweise Banken, Versicherungen, Reisebüros, Immobilienverwaltungen und zahlreiche weitere Dienstleistungsbetriebe auch am Sonntag geöffnet haben. Damit wäre der Sonntag definitiv kein Ruhetag mehr.

Ganz so unwahrscheinlich erscheint das nicht: Der Rummel, welcher geöffnete Läden des Detailhandels verursachen, vermittelt einen allgemeinen Eindruck von Geschäftigkeit selbst am bisherigen Ruhetag Sonntag.

In einer solchen Situation fällt es dann schwer zu erklären, weshalb das Reisebüro, die Textilreinigung oder der Bankschalter, welche sich ebenfalls in einem Einkaufszentrum oder in einer Einkaufsmeile befinden, nicht ebenso geöffnet haben sollen oder dürfen.

Es ist darum wohl nur eine Frage der Zeit, bis nach dem Detailhandel weitere Dienstleistungsbetriebe hinzukommen werden, die sonntags geöffnet haben dürfen. Dies verschärft noch einmal zusätzlich die weiter oben angesprochenen Probleme eines nicht mehr gemeinsamen Ruhetags in der Familie oder unter Freunden.

Letzten Endes wären wir schliesslich alle auf die eine oder andere Weise betroffen. Wir, die Könige. Doch was ist das für ein Königsein, bei dem man wieder den Status eines Bediensteten erlangt, sobald man (sonntags) arbeiten muss?

Es gibt wohl nicht umsonst keine Könige in der Schweiz… ;-)

3 Antworten auf Von Kunden, Königen und Bediensteten

  • Chris sagt:

    Soweit ich weiss gibt es bei Sonntagarbeit auch 200% Lohn, oder? Und das ist woanders geregelt also gilt das doch noch, so muss dann jeder selber wissen ob sich das dann lohnt. Wird sich wohl kaum für jeden Laden lohnen, nur für solche die Sonntags auch wirklich grossen Kundenandrang haben.

  • Titus sagt:

    @ Chris
    So viel ist es dann doch auch wieder nicht. Ich meine, es handle sich grundsätzlich immer um mindestens 1/4 zusätzlich zum sonst üblichen Gehalt bzw. zur sonst üblichen Zeit. Das ist aber in unterschiedlichen Gesetzen (je nach Branche) geregelt, weshalb ich das jetzt auch nicht im Detail überprüfen mag.

    Im zweiten Punkt stimme ich Dir zu: Es ist in jedem Fall eine Massnahme, die sich nur die grösseren Geschäfte leisten können.

  • Chris sagt:

    Also ich habe keine Ahnung wie es im Verkauf ist, doch in meiner Branche war es +100% für Sonntagsarbeit und +50% für Nachtarbeit unter der Woche, sehe nicht ein warum das beim Verkauf anders sein sollte. Ausser natürlich die haben in weiser Voraussicht dafür gesorgt, dass sie günstig wegkommen wenn dann ein Sonntagsarbeit zum «courant normal» wird.

    Ich fände es aber fairer wenn das beibehalten bzw. auch für den Verkauf gelten würde, dann wird das nämlich automatisch reguliert und die Verantwortlichen überlegen dann auch eher ob es sich tatsächlich lohnt, als wenn Sonntagsarbeit einfach als normaler Arbeitstag gilt.

    Denn ich finde Sonntagsarbeit soll etwas spezielles bleiben und auch dementsprechend entlohnt werde, genau so wie Nachtarbeit etwas spezielles ist und dementsprechend speziell entlohnt wird. Ansonsten geht es nämlich meiner Meinung nach bald mal in Richtung Sklavenarbeit, ist in gewissen Bereichen jetzt schon so, doch wenn das dann «courant normal» wird, dann geht es für mich dann in Richtung Sklavenaufstand und Revolution.

    Zudem ist es schon heute so das auch die Kunden nicht gerne in Geschäfte gehen, bei welchen bekannt wurde dass sie ihre Belegschaft malträtieren und ausbeuten, siehe Lidl und andere, es dürfte also auch in deren Interesse sein das es nicht so kommt, sonst verlieren sie dann die “Könige”. Es gibt womöglich immer noch zu wenige Kunden die so denken und darauf sensibilisiert sind, doch es werden immer mehr, daher dürfte es in Zukunft ein immer wichtigeres Kriterium werden.

    Ich jedenfalls meide Geschäfte bei denen bekannt wurde, dass sie ihre Belegschaft ausbeuten und schlecht behandeln und meine Freundin meidet sogar sämtliche Produkte bei denen so was bekannt wurde. Ich bin “noch” nicht so weit auch die Produkte ganz zu meiden, doch versuche es wenn ich gute Alternativen zu solchen finde. Wenn das dann mal zum «courant normal» wird, dann werden solche Geschäfte und Hersteller dann auch zum umdenken gezwungen, wenn sie keine Verluste einfahren wollen.

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