Comeback

Es war einmal… eine Welt, bestehend aus unzähligen Nationen, in welchen wiederum unzählige Sprachen gesprochen wurden. Das hat die Verständigung untereinander nicht vereinfacht. Doch die Tendenz in Richtung einer «Vereinheitlichung» der Sprache birgt auch so ihre Gefahren…

Die (etwas andere) Geschichte zum Sonntag

Eines dieser Länder mit unzähligen Sprachen ist die Schweiz. Sie kennt vier Landessprachen, drei Amtssprachen und zahlreiche weitere Sprachen aufgrund ihres Ausländeranteils von einem Fünftel der gesamten Bevölkerung.

Und die Schweiz kennt das Absurdum, dass die meist gesprochene Sprache der Schweiz, das Schweizerdeutsch, weder Landessprache noch Amtssprache ist. Diese Sprache ist wohl zu facetten- respektive zu dialektreich als dass sie je Einzug in die Schweizerische Bundesverfassung gefunden hätte.

Doch diese «Geheimsprache des trotzigen Alpenvolkes», wie es böse Zungen auch nennen, wird unter den Geheimsprachigen in eben dieser Schweiz meistens am besten verstanden. Meistens.

Denn wie im Hochdeutschen halten auch im Schweizerdeutsch neue Begriffe Einzug, welche nicht immer von allen sofort verstanden werden, so auch nicht von Frau Habermacher, Hausfrau, Mutter und Nachbarin zur Augenreiberei. Daraus ergeben sich dann ganz merkwürdige Gespräche…

«Haben Sie die richtige Lösung für Ihre aktuelle Li-, Liii-feee-sügle-Phase» höre ich da um die Ecke sie, die Frau Habermacher, sich selber draussen vor dem Briefkasten fragend, währenddem sie irgendeinen bunten Prospekt vor sich hält. Noch einmal wiederholt sie sich, «Liii-feee-sügle-Phase», steckt dann kopfschüttelnd den Prospekt wieder in den Umschlag, bevor sie schliesslich mich – um die Ecke kommend – erblickt.

«Sie!», schreit sie mir schon beinahe entgegen und zielt dabei mit dem Umschlag auf mich. «Grüezi Frau Habermacher», versuche ich zu meiner Verteidigung zu sagen und überlege mir, ob ich wohl noch die Hände in die Höhe halten soll.

«Sie, sagen Sie mal», beginnt sie erneut, ohne meine Begrüssung auch nur mit einem Wimpernschlag erwidert zu haben. «Haben die da einen Schreibfehler gemacht», fragt sie mich mit einem ansatzweise süffisanten Lächeln in den Mundwinkeln, den fraglichen Umschlag schon beinahe triumphierend in die Höhe haltend, so als ob es sich dabei ums Ernennungsschreiben zur englischen Queen handeln würde.

Unter den gegeben Umständen erscheint jede Rückfrage rhetorisch, so auch jene über das Wer-denn-was-wo-gemacht-habe-soll.

«Na die, unsere Bank. Schauen Sie mal» und packt den soeben versorgten Prospekt wieder aus. «Die schreiben hier Liii-fee-sügle-Phase. Da hat aber jemand gar nicht aufgepasst, als er in die Tasten trat, gälled Si*», und hält mir diesen ominösen Prospekt unter die Nase.

«Ach so, Sie meinen Lifecylce-Phase», gebe ich von mir. «Leiiif-Seigl-Phaaase», wiederholt sie langsam und fragend den ihr offensichtlich unbekannten Begriff. Mit einer hochgezogenen Augenbraue will sie dann – ich ahnte es schon – wissen, was das denn zu bedeuten hätte.

Die Antwort wüsste ich ja schon, doch weiss ich nicht, wie ich das sich anbahnende Gespräch verkürzen könnte, denn ich wollte ja nur schnell den Briefkasten leeren. Den Gedanken einer Abkürzung gebe ich aber schnell wieder auf und erkläre ihr deshalb, dass das auf gut deutsch «Lebenszyklus» heisse. «Lebenszyklus?», wiederholt sie mich verwundert.

Ja, Lebenszyklus, wiederhole ich mich selbst und füge hinzu, dass das Leben aus unterschiedlichen Abschnitten bestünde und die Gesamtheit aller Abschnitte als Lebenszyklus bezeichnet werde.

Protestierend schaut sie mich an: «Aber ein Zyklus ist doch ein Kreis!». «Ich drehe mich doch nicht im Kreis!», fährt sie fort. «Oder meinen die gar etwa, dass ich am Ende meines Lebens wieder gleichviel auf dem Konto habe wie bei der Eröffnung und ich somit wieder von vorne beginnen kann?» In Anbetracht der aktuellen wirtschaftlichen Situation hat sie da vielleicht gar nicht so Unrecht, fährt es mir durch den Kopf.

Derweil schweift ihr Blick in die Höhe, irgendwo ins Nichts. Was sich dann gedanklich abspielt, kann ich nur erahnen: Sie visualisiert ihr Sparbüchlein, welches sie im Kleiderschrank, dritte Schublade rechts, unter den Socken ihres Mannes versteckt hält und fragt sich, wie sie im Falle ihres Todes diesen Ort vor dem Zugriff ihrer Bank schützen könne, was dann wohl ihr «Bankgeheimnis» wäre…

Ich unterbreche sie in ihren Gedanken: «Wahrscheinlich geht Ihre Bank einfach nur davon aus, dass Sie reinkarniert werden. Nur so lässt sich plausibel erklären, dass die von einem Zyklus sprechen.»

«Re-, re-wieviel?», fragt sie zurück. «Reinkarniert – wiedergeboren», liefere ich ihr das verständlichere Wort nach und füge hinzu: «So wie der Dalai Lama». «Der Dalai Lama wurde wiedergeboren?!», schaut sie mich ungläubig an. Ich nicke.

Erstaunen zeigt sich in ihrem Gesicht. «Ob der vielleicht weiss, wie es mit dem Kontostand steht nach meinem Tod?» Ich ziehe die Schultern zu einem Ich-weiss-nicht hoch und ergänze, dass ich auf jeden Fall nie etwas bezüglich meines Vermögens bloss in einem Schrank und unter irgendwelchen Socken verstecken würde. Jetzt errötet sie. Ha! Hatte ich also gar nicht so Unrecht, denke ich für mich.

Um ihrem verräterischen Ausdruck zu entweichen meint sie dann: «Also mein Mann sagt immer, die bei der Bank kennen nur eine Religion: Die des Geldvermehrens. Aber dass die sooo religiös sind und an Wiedergeburt glauben, hätte ich nun aber wirklich nicht erwartet…» und wird nachdenklich.

Diesen Moment des Schweigens nutze ich, um mich meinem Briefkasten zuzuwenden in der Hoffnung, darin etwas vorzufinden hinter dem ich anschliessend mein Gesicht vergraben kann – so von wegen Abkürzung des Gesprächs…

Doch damit wird nichts: «Apropos Bank: Haben Sie gestern auch vernommen, wie viele Unternehmen kurz vor der Dekadenz stehen?»

Da würde ich ihr gerne in dem Sinne widersprechen, als dass das Verhalten vieler Unternehmen schon lange dekadent ist. Doch vermutlich meint sie wohl etwas anderes. «Sie meinen wohl Insolvenz», frage ich zurück. «Nein! Dekadenz…oder Demenz?»

Nun wird sie unsicher. «Ist ja egal, einfach dass viele Unternehmen bald eingehen werden und dabei die Banken schuld dran sind». Ich entnehme die Post aus dem Briefkasten und antworte mit einem knappen «Yep» auf ihre Frage, womit diese Diskussion eigentlich auch bereits wieder abgeschlossen ist – oder sein könnte.

Denn sie knüpft gleich an: «Da ist es doch schön, wieder einmal etwas Gutes zu hören, so wie etwa das Game over von Schumi und Lambiel». «Sie meinen das Comeback?» Sie bleibt dabei: «Nein, das Game over!» Wie sie denn auf diesen Begriff komme, will ich natürlich von ihr wissen.

Das hätte sie von ihrem Sohnemann gelernt, beginnt sie. Denn jedes Mal, wenn ihr Sohn am Computer irgendein Spiel spiele, stehe dann manchmal in grossen Lettern «Game over» auf dem Bildschirm geschrieben. Dann müsse er wieder von vorne beginnen, erkläre er ihr dann – genauso wie Schumi und Lambiel, die nun ja auch wieder von vorne beginnen müssen.

Zu gerne hätte ich ihr gesagt, dass sie das auch gleich Reinkarnation nennen könne, denn da beginne man auch wieder von vorne. Doch ich verbeisse mir diesen Kommentar. «Na so betrachtet haben Sie natürlich recht…». Nun verziehen sich ihre Mundwinkeln zu einem jubilierend wirkenden Lächeln, mit dem sie mir indirekt zu verstehen geben will, dass sie auch eine Ahnung über wichtig klingende Wörter habe.

Sogleich relativiert sie aber wieder ihr Ich-weiss-Bescheid-Lächeln, indem sie mir mit abwinkender Handgeste erklärt, dass sie ja eigentlich keine Ahnung von Computern habe. Es erstaune sie aber immer wieder, wie dieses Ding ihren Sohnemann in die unterschiedlichsten Emotionen versetzen könne, zumal – wie sie das gelesen hätte – Computer ja irgendwie nach dem Prinzip von Strom fliest/Strom fliest nicht funktionieren würden.

Wenn sie bei ihrem Staubsauber den Strom fliessen lasse, dann gerate sie schliesslich auch nicht in solche Emotionen und wenn, dann höchstens dann, wenn sie nach erfolgtem Saugen den Strom nicht mehr fliessen lasse.

Sie, die Frau Habermacher, erstaunt mich doch immer wieder mit ihren plausibel klingenden Erklärungen, sodass mir nichts anderes übrig bleibt als zustimmend zu erklären, dass ich das auch nicht verstehen könne.

Dank dieser Zustimmung zeigt es sich nun wieder, dieses jubilierend frohlockende Lächeln in ihren Mundwinkeln, was in mir wiederum den inneren Schweinehund befreit: «Nun, das Know how haben die beiden ja in ihrer jeweiligen Sparte, doch vielleicht wäre es wohl besser, es sein zu lassen.»

Jetzt, nachdem sie nun wohl innerlich an den Kabelaufroll-Mechanismus ihres Staubsaugers denkt, hatte ich sie auf dem linken Fuss erwischt. «Wie meinen?», fragt sie etwas hilflos zurück, inzwischen den Staubsauger gedanklich in irgendeinem Schrank versorgt. «Na Schumi und Lambiel», gebe ich zur Antwort.

«Ach so…» höre ich zuerst ihre Stimme, bevor sie blitzartig nachschiebt: «Wie?! Was?! Sportler haut man doch ohnehin niiieee!»

Wie sie denn darauf komme, dass man sie haue, frage ich nun mit unschuldiger Miene nach, wohlwissend woher ihr Missverständnis kommt. «Na Sie haben doch soeben von No hau…»

Bevor sie ihren Satz zu Ende sprechen kann, klingelt ihr Handy. «Ja hallo Petra», lächelt sie etwas kitschig in ihr winziges, ans rechte Ohr haltende Dingsda rein.

«Ja…ja, verstehe, Du möchtest unser Meeting beim Coffee Point canceln…», lässt sie auch mich wissen, nickt weiter mit dem Kopf und antwortet schliesslich: «Ja, klar, verstehe, dass Dein Mann mit dem CEO an diese HiTech-Expo gehen muss, um Impressionen über die neusten Highlights zu gewinnen, über welche er dann dem Steering Comittee berichten kann…»

Ihr Lächeln ist inzwischen verschwunden und ihr Gesicht hat sich zu jener Miene entwickelt, welche bei Kleinkindern signalisiert, dass sie gleich losheulen werden.

Noch bevor ihr Gespräch zu Ende ist, entschwinde ich schnell mit der Post in der Hand in den Lift und überlasse es ihr, diese ach so wichtig klingenden Wörter zu interpretieren…

* «Gälled Si», schweizerdeutsch für: «gell» oder «nicht wahr»?
Die Geschichten und Orte rund um «Frau Habermacher» (siehe entsprechende Kategorie rechts) sind frei erfunden. Die Meinung des Autors («ich») widerspiegelt sich nicht unbedingt in diesen Texten.

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