50 wasserdichte Riesen

Es war einmal… eine Welt, in welcher das «Wir» noch als Gemeinschaft, auch als Zeichen der Solidarität zu anderen verstanden wurde. Doch die Zeiten ändern sich eben und mit ihnen auch die Bedeutung des «Wir»…

Die (etwas andere) Geschichte zum Sonntag…

«Pssst», höre ich da in dem Moment etwas psssten, als ich via Treppe im Untergeschoss angekommen bin und nun unmittelbar vor der Türe zur Tiefgarage stehe. Ich zögere einen Moment, den Türgriff nach unten zu drücken, unsicher darüber, ob ich tatsächlich ein merkwürdiges Geräusch hörte.

Die Unsicherheit schwindet in dem Moment, als ich es nochmals höre, diesmal jedoch etwas länger: «Pssssssst». Ich drehe den Kopf nach links in die Richtung, von welcher das Geräusch kam.

Und tatsächlich, im Halbdunkeln meine ich in einiger Entfernung eine Gestalt ausmachen zu können. Trotz des dürftigen Lichts der dortigen Glühbirne erkenne ich die typische Zeigefinger-Bewegung, welche mir zu verstehen gibt, dass ich näher herantreten soll.

Genau das tue ich dann auch und durchquer den vorgelagerten, vollständig im Dunkeln liegenden Kellerteil. Das Licht, welches aus dem hinteren Türrahmen strahlt, führt mich, wird quasi zum berühmten «Licht am Ende des Tunnels».

Je mehr ich mich dieser Gestalt näher, um so klarer wird mir: Es ist sie, Frau Habermacher, Hausfrau, Mutter und Nachbarin zur Augenreiberei.

Ich stehe im Türrahmen, oder besser gesagt im Betonrahmen, denn ab hier beginnt der typisch schweizerische, unverwüstliche Bunker des Hauses mit seinen unermesslich dicken Mauern, genannt «Luftschutzkeller», obschon die Luft darin eher ein Gefühl von Panik als von Schutz auslöst. Er ist ein Relikt jener Bauvorschriften, welche noch geprägt sind von den Zeiten des Kalten Krieges.

Würde nicht die Glühbirne etwas Licht geben, so wäre es Frau Habermacher, denn sie strahlt mich an bis über beide Ohren. «Was zum T…» will ich loslegen, als ich die Unordnung vor ihrem leer geräumten Kellerabteil sehe. Denn erneut pssstst sie mich an und hält den Zeigefinger ihrer rechten Hand im Kreuz zu ihren Lippen, um mir so zu verstehen zu geben, ich solle bloss leise sein.

Ich versuche es erneut, diesmal flüsternd und weitaus weniger emotional: «Was ist denn hier los?»

«Brrr», bekomme ich kurz darauf zur Antwort, was mich veranlasst flüsternd nachzufragen, ob ihr denn kalt sei. Sie schüttelt den Kopf.

«E-W-S», höre ich sie dann weiter mit leiser, aber wichtig klingender Stimme sagen. Das erinnert mich an unser letztes Gespräch über ach so wichtig klingende Begriffe, weshalb die Fragegstellung dann auch ähnlich lautet: «Sie meinen wohl EWR?» Sie schüttelt wieder den Kopf.

«Das ist der Codename», erklärt sie mir. «Der Codename wofür?», erkunde ich mich immer noch flüsternd.

Sie antwortet mir darauf jedoch nicht, sondern tritt ins Kellerabteil, welches doch noch nicht ganz leer geräumt ist und ergreift die auf einem aufgestellten Karton liegenden, zirka zehn mal zehn Zentimeter grossen Buchstabenschilder «A» und «Z» und hält sie mit je einer Hand in die Höhe. Dabei strahlt sie stolz übers ganze Gesicht, so als ob sie gerade die Besteigung des Matterhorns geschafft hätte.

«Und schauen Sie mal…», bevor sie sich umdreht und ein «T» in die Finger nimmt, welches allerdings doppelt so gross ist wie die beiden anderen Buchstaben.

«Ich verstehe nicht», lasse ich sie mit einer wohl ziemlich verdutzten Miene und wieder in normaler Lautstärke wissen, was sie natürlich sofort veranlasst, ihren Zeigefinger wieder vor die Lippen zu halten.

«Haben Sie denn die 1. August-Rede von Bundesrätin Leuthard nicht gehört?», flüstert sie mir zu. Teilweise, gebe ich offen zu. «Na dann wissen Sie ja: Mehr WIR statt ich». Ja, so was in der Art hätte ich auch verstanden. «Eben!», quittiert sie mein Eingeständnis.

«Aber was hat das mit Ihrem Kellerabteil zu tun?», krächze ich vor mich hin. «Brrr E-W-S», höre ich wieder die zwei mir nichtssagenden Laute von vorhin. Ich ziehe die rechte Augenbraue hoch und blicke sie an, um ihr nochmals zu signalisieren, dass ich nicht verstanden hätte.

Dann tritt sie aus dem Kellerabteil heraus und an mich heran, formt ihre rechte Hand zu einer Muschel, um so sicherzustellen dass das, was sie mir nun ins Ohr flüstern will, ja niemand mitbekommt: «Bundesrätin Evelyn Widmer-Schlumpf. B-R E-W-S».

Herrje, ich verstehe noch immer nicht: «Ja was hat die denn mit ihrer Kollegin Leuthard zu tun?»

Ob ich denn nichts von den Tinner-Akten mitbekommen hätte, fragt sie nun nach und was ich sofort mit Kopfnicken bejahe. Na dann wisse ich ja auch, dass selbst dem Bundesrat manchmal die Verfügungsgewalt über äusserst geheime Akten abhanden komme.

«Deshalb haben mein Mann und ich beschlossen, unser gut gesichertes Kellerabteil dem Bundesrat zu vermieten.» «Aha», kann ich nur perplex  von mir geben. «Wissen Sie…» und gestikuliert irgendwie in der schlechten Luft herum, bevor sie weiterfährt, «…in diesen schwierigen Zeiten sind wir dankbar, wenn etwas mehr in die Haushaltskasse reinkommt.»

Es folgt nochmals ein Aha meinerseits, bevor ich nach einer kurzen Pause nachfrage: «Und das nennen Sie dann WIR statt ich?». Wieder mit einem triumphierenden Lächeln nickt sie energisch mit ihrem Kopf und fügt in wichtigem Ton hinzu: «WIR müssen den Bundesrat in dieser heiklen Angelegenheit unterstützen – meint übrigens auch mein Mann». Mir bleibt nur, nochmals ein erstauntes Aha von mir zu geben…

«Und wo oder wie wollen Sie denn die Akten lagern?», will ich nun von ihr wissen. Da erhebt sie ihren Zeigefinger zu einem «Achtung», welcher jedoch sogleich wieder das Zeichen von sich gibt, mich ihrem Mundwerk zu nähern. Erneut flüstert sie mir ins Ohr: «Unser Sohnemann hat soeben auf Ebay einen Tresor ersteigert. Ein nicht sehr grosser, aber für ein paar hundert Seiten sollte er reichen». Aha.

«Und die hier», beginnt sie und hält nun erneut die drei Buchstaben in die Höhe, «passen da genau hinein. Und das grosse T hier…», «…steht für Tinner», beende ich ihren Satz. «Genau!», bestätigt sie meine Äusserung.

«Weshalb haben Sie denn kein H?», frage ich mit gespielter Habe-keine-Ahnung-Miene in Bezug auf die Buchstaben. «Wozu sollten wir ein H haben?», schaut sie mich verwundert an. «Naja…», druckse ich mich herum, «…vielleicht hat der Bundesrat ja auch einige Habermacher-Akten…?».

Erschrocken macht sie einen Schritt zurück und sieht mich ebenso einen Moment lang an. Doch dann entspannen sich ihre Gesichtsmuskeln wieder. «Aber nein doch, wir haben uns doch nie etwas zu Schulden kommen lassen», lächelt sie mich nun etwas gekünstelt an. Offensichtlich ist sie sich da doch nicht sooo sicher

«Hat denn die Bundesrätin schon zugesagt?» will ich weiter wissen und deute aufs fast leere Kellerabteil, in dem wohl bald ein Tresor stehen wird. Jetzt schwingt sie ihren Kopf von links nach rechts und wieder zurück, druckst sich herum und meint schliesslich, sie würden noch auf eine Antwort warten. «Sie wissen ja, bei denen in Bern geht alles immer ein bisschen langsamer…», beendet sie schon fast entschuldigend ihre Antwort, wozu ich ihr aber mit Kopfnicken zustimme.

Was sie denn machen werden, wenn «Bern» ihnen eine Absage erteilen werde, bohre ich nach. Jetzt trifft mich ihr Blick mit einer Leere, der dem Zustand des habermacherschens Kellerabteil gleichkommt.

«Wie meinen?», fragt sie nochmals nach, so als ob sie meine Frage nicht verstanden hätte. Dabei ist mir sofort klar, dass sie nur Zeit gewinnen will um sich schnell etwas auszudenken, an das sie bisher noch gar nicht gedacht hatte. «Ach so, Sie meinen, wenn B-R E-W-S ablehnt…». Ich nicke.

Nun, sie hätten ja selber immer etwas Geld zu Hause, antwortet sie mir, nicht ohne dass sich etwas Schamesröte trotz schummrigen Licht in ihrem Gesicht zeigt. Spontan denke ich da wieder an ihren Kleiderschrank, dritte Schublade rechts, unter den Socken ihres Mannes

Wenn das mit «Bern» nicht klappe, und holte dann einmal tief Luft, würden sie dann halt diese Reserve auf 50 Riesen aufstocken und hier unten im Keller bunkern. «Hier ist es ohnehin am Sichersten, gälled si*», meint sie wieder mit ihrem gekünstelten Lächeln.

«Naja…», beginne ich, «…ist denn der Tresor wasserdicht?» Beinahe schon protestieren und unlängst nicht mehr flüsternd gibt sie von sich: «Wozu braucht der denn Wasserdicht zu sein?! Hier drinnen ist es doch trocken wie in einer Wüste!» und zieht dabei ihren rechten Schuh über den trockenen, staubigen Bunkerboden.

Nun brauche ich ihr wohl den Grund meiner Frage über die Dichtheit des Tresors zu erklären: «Erinnern Sie sich denn nicht mehr an den Alarm der Grundwasser-Pumpe von vor zwei Wochen?»

Ihre Augen zur Decke gerichtet beginnt es jetzt in ihrem Kopf zu rotieren, was schliesslich in einem so bleichen Gesicht mündet, welches farblich jedem Schweizer Käse Konkurrenz machen könnte. Daran hatte sie offensichtlich nicht gedacht.

Ich nutze diesen Moment und verabschiede mich mit einem Wink, den sie, immer noch im Chaos vor dem leer geräumten Kellerabteil stehend, kaum zur Kenntnis nimmt, da sie nun völlig in Gedanken versunken nach einer entsprechenden Lösung zu suchen scheint…

* «Gälled Si», schweizerdeutsch für: «gell» oder «nicht wahr»?
Die Geschichten und Orte rund um «Frau Habermacher» (siehe entsprechende Kategorie rechts) sind frei erfunden. Die Meinung des Autors («ich») widerspiegelt sich nicht unbedingt in diesen Texten.

2 Antworten auf „50 wasserdichte Riesen“

  1. Chapeaux vor Frau Habermacher, die handelt augenreib…, äh, augenscheinlich mit Weitsicht.
    Wird dann in zwanzig Jahren die Tinneraktenaffäre von SF1, wie jetzt aktuell die Reduitsaga, an den Originalschauplätzen verfilmt,
    dann kann sie ihre Haushaltskasse aber ganz schön äufnen.

  2. Also so wie ich die Frau Habermacher kenne, will sie dann unbedingt sich selber in der Hauptrolle spielen. Mal schauen, ob sie dann noch rüstig genug ist…

    Zudem wird sie eine harte Verhandlungspartnerin sein, was die Gage betrifft. Unter 50 Riesen geht da wohl nichts… 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.