Sind Sie Wikipedia-gläubig?

Die Online-Wikipedia ist heute kaum mehr wegzudenken. Tagtäglich schlagen Tausende von Benutzern in ihr Themen nach, welche ihnen bis anhin unbekannt waren. Doch hohe Besucherzahlen alleine sind keine Rechtfertigung für die Richtigkeit und Vollständigkeit der darin aufgeführten Informationen…

Wikipedia ist wirklich eine «gäbigi Sach» wenn man über etwas nicht Bescheid weiss. Trotzdem: Mehr als eine ungefähre Idee über die bis anhin unbekannte Sache sollte man daraus nicht ziehen.

In der Augenreiberei ist man nämlich schön häufig über Artikel gestossen, die zwar nicht grundsätzlich falsch, doch aber unvollständig sind oder unvollständig erscheinen und deshalb zu einem völlig falschen Bild führen können. Hier einige Beispiele:

Widersprüchlich und wenig informativ

Ob Markenprodukte wie «Coca Cola» oder «Ovomaltine» in einer Enzyklopädie überhaupt etwas zu suchen haben ist höchst umstritten. Findet sich trotzdem ein Eintrag über ein Markenprodukt, mag man das allenfalls mit dem jeweiligen Kult-Status rechtfertigen. Was «Kult-Status» hat, ist nochmals eine andere Frage…

So oder so, die schweizweit bekannte Ovomaltine ist drin. Woher allerdings die Informationen stammen, auf welchen der Wikipedia-Eintrag beruht, bleibt dem Leser in diesem wie auch in vielen anderen Fällen unbekannt. Nur ein einziger Einzelnachweis wurde beim aktuellen Eintrag angegeben.

So findet sich unter «Geschichte» der folgende von insgesamt nur zwei Sätzen:

Dr. Albert Wander, der Sohn des aus Osthofen in Rheinhessen stammenden Georg Wander, der in Bern das Unternehmen Wander AG gegründet hatte, entwickelte zusammen mit Dr. W. Lanwer einen löslichen Malzextrakt, was 1904 zur Entwicklung von Ovomaltine führte.

Auf der Firmen-Homepage der Wander AG ist über die eigene Firmen-Geschichte nichts zu Dr. W. Lawner zu lesen. Sollte er bei Wander aus irgendwelchen Gründen in Ungnade gefallen sein, dann gehört dieser Umstand doch gewiss auch in den Wikipedia-Eintrag. Google scheint diesen Dr. W. Lawner von damals auf jeden Fall auch nicht zu kennen…

Besonders frappant ist auch, dass man im Wikipedia-Eintrag nichts über den Entstehungsgrund der Ovomaltine erfährt, namentlich über die seinerzeit vorhandenen Mängel in der menschlichen Ernährung.

Immerhin erfährt der Leser, dass es von der Ovomaltine inzwischen auch einen Brotaufstrich und ein Eiscreme gibt, womit wir wiederum bei der Frage angelangt sind, ob Markenprodukte in eine Enzyklopädie gehören…

Falsch, unvollständig, zweifelhafte Quellen

Speziell stossend sind falsche oder unvollständige Angaben über Personen. Einigen ist vermutlich der Fall des aktuellen Wirtschaftsministers Deutschlands, Karl-Theodor von Guttenberg, bereits bekannt, welcher «unverhofft» zu einem weiteren Vornamen kam – aufgrund eines bewusst verfälschten Wikipedia-Eintrags.

Auch Bundesrat Moritz Leuenberger hatte sich im Februar 2008 als «Opfer» der Wikipedia geoutet, indem er in seinem Blog zum Thema «Manipulation im Internet» davon sprach, dass sein Eintrag doch recht verzerrt daher komme.

Und wer den Eintrag über den libyschen «Revolutionsführer» Gaddafi liest, kann gar nicht verstehen, weshalb in diesen Tagen hierzulande so böse über ihn geschrieben und gesprochen wird: Der Mann ist ein Unschuldslamm – gemäss Wikipedia.

Oder haben Sie in seinem Eintrag etwas von «Diktator» oder über seine «Schreckensherrschaft» in Libyen gelesen?

Doch wen wundert’s, wenn man sieht, auf was für Quellen sich die Autoren berufen…

Es würde die Glaubwürdigkeit der Wikipedia erhöhen, wenn

  • man bedeutende Aussagen häufiger mit einer Quellenangabe hinterlegen würde und
  • man sich auch nicht nur auf eine, sondern mehrere unabhängige Quellen berufen würde und
  • es sich dabei nicht nur um Zeitungsartikel handeln würde. Denn nur weil einmal ein Journalist etwas nach seiner Façon geschrieben hatte, muss das nicht der absoluten Wahrheit entsprechen…

Ohne Einhaltung strikter Vorgaben ist es bedauerlich, dass dadurch die Glaubwürdigkeit jener Artikel leidet, welche wirklich fundiert und begründet verfasst wurden.

10 Antworten auf „Sind Sie Wikipedia-gläubig?“

  1. Ich glaube, du hast die Funktionsweise eines Wikis nicht ganz begriffen. Appelle im Sinn von „man sollte“ schiessen völlig am Ziel vorbei. Es sind nämlich gerade eben Besucher wie du, die für die Qualität und Glaubwürdigkeit der Beiträge zuständig sind. Wenn dir ein Text nicht gefällt, dann korrigiere ihn! Ich mache das auch so, wenn mich ein Fehler extrem stört.

  2. Mir ist die Funktionsweise eines Wikis durchaus bekannt und ich bemängle ja nicht, dass ich nicht selber ändern/ergänzen könnte.

    Würde der Atomphysiker X oder der Historiker Y etwas ohne Angabe von Quellen schreiben, dann glauben wir ihm weil wir ihn kennen und davon ausgehen, dass sein Geschriebenes auf Erfahrungen beruht. Bei der Wikipedia schreiben jedoch nicht anerkannte Persönlichkeiten, die mit ihrem Namen für die Richtigkeit einer Sache einstehen. Das bedeutet aber nicht, dass man sich nicht auf diese Persönlichkeiten beziehen könnte. Darum erscheint es mir so wichtig, dass Quellen angegeben werden.

    Wenn es aber möglich ist – wie im Beispiel der Ovomaltine oben – dass man mehrere Abschnitte verfassen kann und man dazu gerade einmal einen Einzelnachweis findet (welcher wiederum wenig relevant ist), dann orte ich ein konzeptionelles Problem. Eine mögliche, technische Lösung könnte hier zum Beispiel sein, dass pro Abschnitt mindestens ein Einzelnachweis vorhanden sein muss. Alles andere ist einfach nicht seriös.

    Du und ich wissen beide, dass da jeder mitmachen kann. Doch viele sind sich dessen nicht bewusst und nehmen für bare Münze, was in der Wikipedia steht… Es wird auch häufig daraus zitieren (ich nehme mich da nicht aus), so als ob es sich immer um harte und vollständige Fakten handeln würde. Darum scheint es mir auch wichtig, sich möglichst auf verschiedene unabhängige Quellen abzustützen, denn wenn mehrere das Gleiche wahrnehmen, muss ja was dran sein.

  3. Wir müssen lernen: Es gibt keine gesicherten Quellen. Alle schreiben einander ab und verweisen gegenseitig auf sich als Quelle. So auch geschehen bei Guttenberg, dessen falscher Name mit Verweis auf die Zeitungen erneut im Wikipediaartikel landete.

    Die Chance, dass in der Wikipedia mit der Zeit die Wahrheit ans Licht kommt, ist aber einiges grösser als z.B. in Zeitungen. Anhand der Diskussionsseite und der Versionsgeschichte kann man feststellen, ob über es über den Artikelinhalt schon wirkliche Auseinandersetzungen gegeben hat. Wenn es solche gibt, dann gewinnt meist die korrekte Version. Gerade bei umstrittenen Themen sind Wikipedia-Artikel deshalb verlässlicher als manch andere „verlässliche“ Quelle. Bei Artikeln, die von wenigen Personen bearbeitet, kaum Quellen angegeben und kaum darüber diskutiert wurde, muss man tatsächlich vorsichtig sein. Aber das muss man bei einem gekauften Brockhaus auch.

  4. Ein guter Gradmesser für fundierte Texte ist jeweils auch die Diskussionsseite. Also wenn da über wirres Zeugs diskutiert wird, wie im vorliegenden Fall (Polit-Tunten, Geschmack wie Kaba, hallo?), dann sind wohl fundierte Quellen auch ausser Sichtweite.
    😉

    Aber ich gebe David recht, die Selbstregulierung ist bei Wikipedia sicher höher als bei den Einwegmedien. Aaaaber, oft wird wirklich unkritisch rauskopiert, verlinkt und etwas manifestiert, ohne breite Abstützung. Obwohl im Endeffekt mehrere Quellenangaben auch nicht unbedingt die Echtheit garantieren müssen. Erst wenn die Links eine Sache aus verschiedenen Gesichtspunkten heraus beleuchten, kommt man der Wahrheit wahrscheinlich ziemlich nahe.
    Aber Hand auf’s Herz, wer folgt schon allen Quellangaben, wenn einem die Sache plausibel vorkommt?

  5. Besten Dank auch Euch beiden.

    @ David
    Da sich Zeitungsartikel häufig auch auf irgendwelche Quellen abstützen, wird somit eine Information schnell zu einer «Kopie von einer Kopie», was dann häufig zu dem von Dir besagten Abschreiben führen kann.

    Das wirft die Frage auf, ob Zeitungsartikel sinnvolle Quellenangaben für eine Enzyklopädie sind, die diesen Namen verdient oder ist es schliesslich nicht nur einfach eine Linksammlung im Sinne von «Das schreiben andere darüber»?

    Mir scheint manchmal, dass zu oft nur Zeitungsartikel als Quelle herhalten müssen. Es gibt aber durchaus auch andere Möglichkeiten wie z. B. Studien oder Analysen von Uni-Websites oder amtlichen Stellen (z. B. Bundesamt für Statistik).

    Zum Brockhaus: Würden diese ihre Bände kostenlos online stellen, dann wär‘ für mich klar, auf wessen Enzyklopädie ich mich berufen würde. Das hat auch damit zu tun, dass ein Brockhaus nach einheitlichen, bestimmten Prinzipien geschrieben wird und die Autoren darin geübt sind, so objektiv und fundiert wie möglich über eine Sache zu schreiben. Zudem verfügen diese über ein gewisses Hintergrundwissen, wissen also, worüber sie schreiben.

    @ Bobsmile & David
    Richtig, aus den Diskussionsseiten lässt sich vieles ableiten. Doch wie viele lesen sich da rein? Leider ist nicht immer für den ganz normalen Leser ersichtlich, ob ein Artikel umstritten ist…

    Mir geht’s ja vor allem darum, dass allzu viele sich gar nicht des Hintergrunds der Wikipedia bewusst sind. Das gesamte Werk an sich ist fantastisch, doch über kurz oder lang werden sich die Verantwortlichen schon noch einige Gedanken machen müssen, wie sie die Glaubwürdigkeit diese Werks erhöhen können.

  6. @Bruder Bernhard: Einfach ist es nicht, das stimmt. Aber genau das Beispiel zeigt doch exemplarisch, dass auf längere Sicht in der Wikipedia die Wahrheit siegt, selbst wenn die Falschmeldung x-fach in allen seriösen Zeitungen stand.

  7. @Titus
    Bruder Bernhards Beispiel unterstreicht auch schön deine Aussage im Kommentar: „[…]Das wirft die Frage auf, ob Zeitungsartikel sinnvolle Quellenangaben für eine Enzyklopädie sind, die diesen Namen verdient oder ist es schliesslich nicht nur einfach eine Linksammlung im Sinne von «Das schreiben andere darüber»?[…]“
    Ganze 16 Links zu Spiegel, Stern und co!

    Allerdings frage ich mich, ob es zum Trival Eintrag von Frau Fielding überhaupt andere „sinnvolle“ Quellangaben als Boulevard-Zeitungsmeldungen gibt.
    Bruder Bernhard ist ja mit dem Versuch gescheitert, den „Miss“-Griff gezielt zu recherchieren. 😉

  8. Klar gibt’s andere Quellen, Bobsmile.

    Einträge über Personen haben immer etwas Biografisches. Ich habe noch nie davon gehört, dass eine Biografie in Buchform ausschliesslich auf der Basis der Medienberichterstattung geschrieben wurde. Diese kann allenfalls Anhaltspunkte liefern, welchen weiter nachzugehen ist. Die beste Quelle ist immer noch die Person selbst. Und wenn man keine verlässlichen Infos hat, dann soll man es eben bleiben lassen statt etwas zusammenzureimen…

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