Schon 100 – und noch kein bisschen müde

Politiker ziehen nach 100 Tagen im Amt eine erste Bilanz – Blogger nach 100 Artikeln. Dies hier ist der 101. Artikel der Augenreiberei, also eine gute Gelegenheit für eine Nabelschau…

Die Idee, ein eigenes Blog aufzubauen, entstand schon vor zirka einem Jahr, als die Kommentarfelder in anderen Blogs einfach nicht mehr genügen wollten oder – nach eigener Einschätzung – zu häufig in Anspruch genommen wurden. Private Gründe verzögerten dann aber die Umsetzung.

Bevor es los ging, hatte man nächtelang Templates, Plugins und Widgets ausprobiert, sich autodidaktisch etwas mit php, css und html auseinandergesetzt und das Herumturnen auf einem Server durch die Installation von WordPress, das Anlegen einer Datenbank und das Anlegen von Backups geübt (es ist beabsichtigt, dass das für einige wie fachchinesisch klingt).

Die technische Hürden…

Das ist alles in allem etwa so wie wenn ein Journalist erst vom Aufbau einer Druckmaschine über die Aboverwaltung bis hin zum Aufbau eines Vertriebsnetzes alles selber machen müsste, um dann endlich mit dem Schreiben beginnen zu können…

Natürlich wäre es auch kostenlos und vor allem einfacher gegangen. Doch von den Möglichkeiten der GratisAnbietern abhängig zu sein, wollte einfach nicht so richtig ins Konzept passen (zum Beispiel wegen «Google behält sich das Recht vor, diese Nutzungsbedingungen und Richtlinien jederzeit nach eigenem Ermessen zu ändern und/oder zu ergänzen.»).

Schliesslich sollte der Name, «die Augenreiberei», auch Programm sein. Da traf es sich gut, dass man den Domain Name «augenreiberei.ch» reservieren konnte und – um nicht den Launen ausländischer Grossanbietern ausgesetzt zu sein – auf einem Schweizer Server nach dem hiesigen Recht und den hiesigen Sitten und Gebräuche zu hosten.

Da sich schon im Vorfeld abzeichnete, dass die Artikel hier für Blogs eher atypisch lang werden, bestanden auch gewisse Anforderungen ans Erscheinungsbild. Lesen Sie einmal einen längeren Artikel auf einem weiss-grellen Hintergrund… Und «mehr Luft», wie das nun die NZZ wie auch der Tages-Anzeiger eingeführt haben, wurde hier schon längst ins Schriftbild integriert.

…und die inhaltlichen

Am 5. Mai dieses Jahres ging es dann auch inhaltlich los. Auch hierfür bestanden und bestehen noch immer gewisse Anforderungen. Im Vordergrund standen meistens zwei Aspekte. Einerseits ging es darum, auf Themen hinzuweisen und in einen Bezug zu setzen, welche man andernorts kaum oder gar nicht findet oder – zumindest anfänglich – nur oberflächlich behandelt wurden (je länger Medien ein Thema «warm» zu halten versuchen, desto tiefer gehen dann auch sie).

Und andererseits war man darum bemüht, auch Neues zu kreieren, also nicht bloss eine Entdeckung weiter zu kommunizieren, sondern selber an den Entdeckungen beizutragen, indem man zum Beispiel Vergleiche anstellt oder mittels Fotoapparat gewisse Umstände aufzeigt.

«User generated content» nennt man das auf Neudeutsch. Das hört man in der Augenreiberei allerdings nicht gerne, weil es zu undifferenziert ist. Darunter kann alles fallen, auch das reine Abkupfern und neu Aufbereiten von Informationen. «User created content» trifft es da schon eher. Auch «Bürgerjournalismus» hört man nicht gerne. Zu anmassend erscheint der Begriff «Journalismus», wenn man als Bürger doch einfach nur kritisch die Dinge hinterfragt und gelegentlich auch nachfragt.

Beides, das Hinweisen auf nicht Beachtetes wie auch das Erstellen von Neuem, ergab sich in der Regel dadurch, indem man (s)einer Meinung oder einer Frage nachging, welche bisher unerklärt blieb. Das führte zu so mancher Erkenntnis, denn nicht immer sind die Dinge so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen…

Das fordert natürlich auch seinen zeitlichen Tribut. Horatio muss nun seine Fälle mit dem C.S.I-Team von Miami wieder selber lösen. Und auch Dr. House findet in der Augenreiberei keine Unterstützung mehr für seine immer so verzwickten, medizinischen Notfälle.

Zugegeben: Eine Folge dieser TV-Serien, einschliesslich Werbepausen, reicht häufig nicht aus, um einen Artikel zu schreiben. Horatio hat einfach die besseren Gerätschaften, währenddem in der Augenreiberei bestenfalls ein Küchenmixer zur Verfügung steht, welcher bis anhin jedoch keine Hilfe war.

Und Dr. House weiss, wovon er spricht, wenn er mit Fachausdrücken nur so um sich wirft. Demgegenüber muss man sich in der Augenreiberei häufig erst einmal kundig machen. Fehlbeurteilungen innerhalb eines Artikels sind zwar im Gegensatz zum fiktiven Dr. House nicht fatal. Trotzdem trägt man eine gewisse Verantwortung, wenn man etwas in die virtuelle und doch reale Welt hinausposaunt.

Das gilt besonders auch für Zeitungen wie zum Beispiel die Boulevard-Postille «Blick», welche heute ihren 50. Geburtstag feiert. Ob es die Augenreiberei in 50 Jahren auch noch gibt, wird sich zeigen müssen. Da die Lebenserwartung ja ständig steigt und deshalb das Rentenalter auch kontinuierlich angehoben werden soll, besteht eine gewisse Chance…

Bis dahin rückt Horatio seine Brille wohl noch häufig zurecht, humpelt Dr. House noch manchen Spitalkorridor entlang und – steigen hier die Besucherzahlen langsam aber stetig weiter an.

Herzlichen Dank!

Und den Leserinnen und Leser, welche hier auch dann vorbeischauen, wenn die Augenreiberei den Ali Kebap nicht kurzerhand zum Bundesratskandidaten erklärt und dies zum meistgelesenen Artikel führt, sei für ihre Treue ebenfalls herzlich gedankt!

Dies gilt in gleicher Weise auch für die unzähligen stillen Mitleserinnen und Mitleser.

7 Antworten auf „Schon 100 – und noch kein bisschen müde“

  1. da gratuliere ich gerne zum hundertsten. mich beindruckt die seriöse vorbereitung mit (siehe die aufzählung in fachchinesisch) – sie hat sich ausbezahlt. viele blogs treten ja in die google-falle, weil sie einfach mal bei blogspot loslegen (sorry, kollegen, harte wahrheiten) und dann nicht mehr davon loskommen, ohne ihr archiv zu verlieren.

    bravo.

  2. chapeau, mon cher. bloss, die zweiten hundert sind erfahrungsgemäss ziemliche knochenarbeit, wenngleich ja das augenreiben von tag zu tag trümmligere ausmasse annimmt – aber sei dir auf jeden fall einer sehr interessierten leserschaft gewiss.

    a propos augenreiben: fragt jüngst das beliebteste mitglied des 7ner-clubs zu bundesbern vor versammelter departementsschar: weshalb hat das jahr 2010 bloss 11 monate? antwort: weil es keinen merz mehr geben wird. — das zum thema „augenreiben im bundesrat“

  3. Die Augenreiberei steht bei mir ganz oben auf der blogroll,
    und das nicht nur als Folge der alphabetischen Sortierung!
    😉

    Herzliche Gratulation zum 100ten und ich freue mich bereits auf die nächsten „Titus generated contents“.

  4. Besten Dank Euch allen!

    @ Ugugu
    Du bist ja andernorts nicht so still. Man muss ja nicht immer etwas sagen.

    @ Bruder Bernhard
    Wenn ich mich nicht irre, würde WordPress erlauben, Artikel aus Blogspot zu übernehmen, aber sicher bin ich mir da nicht.

    @ André
    Hast Du Dich da von der neuen Wechselausstellung zum Thema «Gerüchte» inspirieren lassen, welche ab morgen im Museum für Kommunikation in Bern läuft? 😉

    @ Tinu
    Ich werd‘ mir Mühe geben. Auf die Quantität kommt’s ja eigentlich nicht so drauf an, sondern wie Du schreibst eher auf den Reichtum.

    @ Bobsmile
    Eben nicht «generated», sondern «created». Ich bin doch kein Generator… 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.