Widersprüche und das häufige Ignorieren der Medien

Manchmal, ja manchmal kann man sich wirklich die Augen reiben über die Gegensätze und Widersprüche, welche uns umgeben. Aber nachhaken, nachfragen, an der Oberfläche kratzen tut kaum jemand – und die Massenmedien schon fast gar nicht mehr. Schade.

Wir leben ja eigentlich in einer dreidimensionalen Welt. Eigentlich. Den Massenmedien ist jedoch sehr häufig immer nur Eindimensionales zu entnehmen. Da wird eine Einzelmeldung nach der anderen zitiert, doch einen Zusammenhang wird dazu nicht erstellt.

Natürlich lassen sich Einzelmeldungen nicht beliebig in einen Zusammenhang stellen. Doch dann, wenn diese Meldungen sich widersprechen, ja dann wäre der richtige Zeitpunkt dafür, dies zu tun. Hier einige Beispiele solcher Widersprüche und Gegensätzlichkeiten:

Beispiel 1: Behinderte und Integration

Da besuchte Bill Clinton am 5. November die HSG in St. Gallen. Anlass dafür war die Eröffnung eines neuen Forschungszentrums für die berufliche Integration von Behinderten.

Gleichentags informierte das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), dass sie hinter der provokativen Plakat-Kampagne à la «Behinderte liegen uns nur auf der Tasche» (oder so ähnlich) stünden.

Verschiedene Medien berichteten zwar über beides, doch einen Bezug wird zueinander nicht gesetzt. Einzig die NZZ erwähnt im ersten Satz zu Clintons Besuch die BSV-Plakatkampagne. Kritische Fragen über dieses offensichtlich unkoordinierte, doppelspurige Vorgehen für eine so wichtige Sache (von wegen IV-Missbrauch) blieben aber insgesamt aus.

Beispiel 2: Verkehr und Swissmetro

Da vermeldete am 2. November die Swissmetro AG, dass das Projekt für eine unterirdische Metro durch die Schweiz in absehbarer Zeit nicht umsetzbar sei und deshalb die Firma aufgelöst werden solle.

Tags darauf ist aus dem Departement von Bundesrat Moritz Leuenberger (UVEK) zu vernehmen, «dass der Personenverkehr bis 2030 auf der Strasse um 20 Prozent und auf der Schiene um 45 Prozent wachsen wird.»

Hat jemand nachgefragt, ob man diesen Bedarf nicht vielleicht mit einer Swissmetro lösen könnte oder sich die Positionen zu dieser Idee aufgrund der genannten Zahlen ändern? Man kann ja die heute schon zum Teil stehenden Reisenden zwischen Zürich und Bern nicht kreuzweise in die Waggons stapeln…

Beispiel 3: Kommissionssitzungen und Pandemie

Man staunt immer wieder, wie gesprächig sich gewisse Politiker selbst nach Sitzungen zeigen, deren Gesprächsinhalte eigentlich geheim bleiben sollten.

Im Gegensatz dazu konnte man bisher kaum ein Wort seitens eines Politikers zur H1N1-Grippe hören. Nun kann man das Ganze als reine administrative Angelegenheit der Bundes- und der kantonalen Verwaltungen abtun.

Doch der Kantönligeist, der sich nun definitiv bei der Verteilung der Impfstoffe zeigt, war schon frühzeitig erkennbar. Gegen diesen Kantönligeist zu opponieren mag offensichtlich kein National- oder Ständerat.

Auch scheint niemand Protest dagegen einzulegen, dass man im Kanton Zug jeden impft, also auch jene, welche nicht zu einer Risikogruppe gehören, währenddem in Basel der Impfstoff bereits ausgeht. Tolle eidgenössische Solidarität!

Hat dazu wirklich niemand eine politische Ansicht zum Thema oder fragt nach einer solchen? Oder wagt sich niemand medial zu äussern, ganz nach dem Motto: Keiner sägt an dem Kantons-Ast, der ihn nährt…

Beispiel 4: Ryanair und Easyjet

Am 10. November 2009 war zu lesen, dass sich Ryanair aus Basel zurückziehe. Grund: Der Euro-Flughafen im Dreiländereck wollte partout nicht die Flughafengebühren senken.

Am Folgetag verkündete Easyjet, seine Präsenz in Genf und Basel zu erhöhen. Die NZZ nahm dabei zwar Bezug zur Rückzugsankündigung der Ryanair tags zuvor.

Doch wo bleibt die Frage nach den Flughafengebühren? Sind diese für Easyjet kein Thema? Waren diese für Ryanair nur ein Vorwand, um aus ganz anderen Gründen in Basel auszusteigen? Kein Medium hat diese Fragen aufgegriffen.

Beispiel 5: Sparen und ausbauen in der Formel 1

Das BMW Sauber-Team in der Formel 1 gibt es nicht mehr. Grund dafür seien die hohen Kosten. Auch andere Automobilhersteller (Honda, Toyota) sind aus der Formel 1 wegen den gleichen Gründen ausgestiegen.

Dass es dieser Branche mies geht, zeigt sich auch beim ganzen Debakel um GM und Opel in Deutschland. GM verlegt derweil seinen Europa-Sitz von Zürich nach Rüsselsheim. Begründung: «Damit sollen die Marke Opel und der Stammsitz in Rüsselsheim gestärkt werden.»

Mit einer Sitzverlegung alleine stärkt man noch nichts. Aber das merkt ja keiner, also bloss nicht danach fragen, wie das mit dem Sitz in Zürich vor der Krise funktionieren konnte und nun plötzlich nicht mehr funktionieren soll…

Nun kündete gestern Mercedes an, das Engagement in der Formel 1 zu erhöhen, indem man sich von McLaren trenne, gleichzeitig die Mehrheit an Brawn GP kaufe und mit diesen Aktionen alles in allem bis zu 75 Prozent günstiger fahren werde.

Zugegeben, in der Augenreiberei hat man wenig Ahnung von der Formel 1. Aber versteht jemand, wie das alles unter einen Hut passt?

Falls das eine Frage ist, die man selbst als Kenner der Formel 1 nicht beantworten kann, weshalb wird dann nicht nachgefragt? Und weshalb spricht man nur von Mercedes, nicht aber von den Konsequenzen für McLaren?

Beispiel 6: Welternährungsgipfel und Kochsendung

Da begann gestern in Rom der Welternährungsgipfel. Eine Milliarde Menschen hungern weltweit. Alle fünf Sekunden sterbe ein Kind an Hunger, soll der UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon gesagt haben.

Und was zeigt das Schweizer Fernsehen an diesem Tag im Abend-Hauptprogramm? Genau, «al dente»!

Dumm gelaufen mit der Programmplanung, könnte man nun sagen. Trotzdem: Das Datum des Welternährungsgipfels war bekannt. Statt immer nur ein Spiel rund ums Kulinarische zu machen, hätte man inhaltlich ja auch einmal ein klitzekleines Zeichen setzen können.

Zum Beispiel indem man nicht romantisch-verträumt «1001 Nacht» zum Thema macht, sondern «Restenverwertung».

In Deutschland sollen jährlich geschätzte zwei Millionen Tonnen Nahrungsmittel auf dem Müll landen. In den USA sollen es zwischen 30 bis 40 Prozent sein (oder 40 Milliarden Kilogramm), bei den Briten «nur» gerade mal 20 Prozent. In Wien werden jährlich pro Person und Jahr geschätzte 40 Kilogramm weggeworfen. Hinzu kommen ob all dem noch die Zahlen aus Industrie und Handel

Doch die Sponsoren der Sendung haben natürlich allesamt gar kein Interesse daran, dass man Reste verwertet. «Nachhaltigkeit» hört offensichtlich dann auf, wenn der Einkaufskorb kleiner wird…

Übrigens, während der Sendezeit von 54 Minuten und 30 Sekunden sind 654 Kinder verhungert. Aber danach fragt natürlich ebenso niemand wie auch niemand über die Perversion berichtet, mit welcher wir die Nahrungszubereitung zur lässigen Unterhaltungsshow machen, währenddem andere am Verhungern sind – und die Betroffenen das ganz bestimmt nicht lässig finden…

Siehe dazu auch: wahlkampfblog.ch
«Journalisten sollten ernsthafter werden – und die Leserschaft ernst nehmen»

6 Antworten auf „Widersprüche und das häufige Ignorieren der Medien“

  1. Ich kann dir nur zustimmen. Heute wo es für niemanden ein Problem mehr ist an Einzelinformationen zu kommen, wäre es gerade die Aufgabe der Medien Zusammenhänge aufzuzeigen. Reiner Häppchenjournalismus erfüllt diese Aufgabe nicht. Kleiner Widerspruch beim letzten Beispiel, wo du in meinen Augen zu sehr die Moralkeule schwingst. Unterhaltungssendung ist Unterhaltungssendung. Der Welternährungsgipfel wurde hoffentlich in Tagesschau und 10 vor 10 genügend behandelt.

  2. Besten Dank, Tinu.

    Zum letzten Beispiel: Hat demnach eine Unterhaltungssendung keinerlei moralischen Grundsätzen zu folgen? Ist einfach alles erlaubt, nur weil es eine Unterhaltungssendung ist, passend zu unserer so genannten «Spassgesellschaft»?

    Ich stelle mich nicht grundsätzlich gegen «al dente». Aber wenn gleichentags schon der Hunger Thema auf der politischen Weltbühne ist, hätte man ja wirklich dieses «klitzekleine» Zeichen setzen können, von dem ich sprach. Gründe dazu (wieviel wird weggeworfen) habe ich ja ausreichend erwähnt.

    Ein Umdenken zugunsten von dem, was etwas pauschal «eine gerechtere Welt» genannt wird, ist vielerorts gefragt. Einen sorgfältigeren Umgang mit Nahrungsmitteln in unseren Breitengraden ist wahrscheinlich wirkungsvoller als eine Geldspende an «Brot für alle». Und dabei kann gerade eine Kochsendung eine wichtige Vorbildfunktion einnehmen (einige nennen das auch Verantwortung wahrnehmen)…

  3. Hab‘ noch was vergessen: «al dente» richtet sich häufig inhaltlich auf kommende Ereignisse aus wie z. B. Fussball-WM/EM, 1. August, Weihnachten usw. Es bestünde somit schon Spielraum…

  4. Eine Unterhaltungssendung muss auch gewissen ethischen (gefällt mir besser als moralisch) folgen – ganz klar! Ich bin aber der Meinung, dass man ein TV-Programm als Ganzes beurteilen muss, was ich bei meinem geringen Fernsehkomsum nur beschränkt kann. Ueber die Gewichtung kann, muss man diskutieren.
    Hirnlose Unterhaltung ist übrigens gar nicht so begehrt, wie viele glauben.

  5. OK, mit dem «ethisch» kann ich leben 🙂

    Ich erwarte nicht, dass alles aus einer poltischen Warte aus betrachtet wird. Aber hin und wieder ein kleines Zeichen setzen wäre toll.

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