Charaktersache

Bern, Bahnhof SBB. Es ist zwanzig nach eins. Ich muss umsteigen und es bleibt noch genug Zeit, mir noch etwas gegen den aufkommenden Hunger zu kaufen.

Beim Gang durch die Unterführung in Richtung Stadt tritt mir eine Welle von Volksvertretern entgegen. Nicht alle auf einmal, eher tröpfchenweise. Da sind zuerst die beiden, die zusammengehören. Er kandidiert gerade noch für ein anderes politisches Amt.

Dann ist da ein anderer Herr, nein, nicht einfach irgendein anderer Herr, vielmehr das, was man eine «graue Eminenz» nennen könnte. Unterstrichen wird das durch seine Funktion als Präsident einer wichtigen nationalrätlichen Kommission.

Einmal mehr überrascht mich die reelle Grösse, die physische Grösse einer Person, welche man sonst eben nicht zu sehen bekommt. Vielleicht sollte ich das Fernsehgerät doch etwas höher stellen, damit nicht immer der Eindruck entsteht, die wären alle nur eins sechzig gross…

Dann kommt mir schon beinahe rennend ein Herr entgegen, den ich wohl nicht kennen würde, wäre er nicht irgendwann einmal Bundesratskandidat gewesen. Der Zeitpunkt spielt hier keine Rolle.

Hinterbänkler nennen einige solche Volksvertreter, wobei dieser Begriff immer dazu führt, dass man sie unterschätzt. Umgangssprachlich trifft es die Bezeichnung eines «heimlich Feissen» bei solchen Gewählten besser…

Seine Frisur folgt dem Motto:

  • Nationalratssaal – verbaler Gegenwind: Die Frisur sitzt.
  • Bundeshausplatz – Regen: Die Frisur sitzt.
  • Bahnhofsunterführung – windig: Die Frisur sitzt.

Wie auch immer, temporär steigt die Dichte an Nationalrätinnen und Nationalräte in der Unterführung auf ein höheres Niveau an als innerhalb des Nationalratssaals. Offensichtlich ist die Session für heute bereits zu Ende. Die Entschädigung wird wohl trotzdem für den ganzen Tag ausgerichtet…

Ich besorg’ mir mein Sandwich und begebe mich dann aufs entsprechende Gleis, schon ahnend, dass ich da noch andere der gleichen «Gattung» sehen werde.

Tatsächlich sitzt auf einer Bank ein Mann, der nicht mehr für ein anderes politisches Amt kandidieren muss, da er bereits ein zweites inne hat. Er isst genüsslich sein Sandwich, währenddem ihm – zwei Perrons weiter – ein Plakat einer karitativen Organisation anstrahlt, welches ausgemergelte Personen zeigt. Manchmal gibt es aber auch dumme «Zufälle»…

Ihn als «Sandwich-Mann» zu bezeichnen, trifft bei Insidern den Nagel auf den Kopf. Er unterhält sich mit einem anderen Herrn auf der gleichen Sitzbank. Die beiden scheinen sich zu kennen, doch ich erkenne den anderen Herrn nicht. Ein anderer «Hinterbänkler» oder nur ein zufälliges Zusammentreffen von zwei sich Kennenden?

Nicht unweit von ihm ein anderer, ein ganz Linker, der sich zwar auch schon etwas Essbares besorgt hat, wie die Beschriftung der Papiertüte in der einen Hand verrät. Doch seine Aufmerksamkeit gilt vielmehr seinem schwarz glänzenden Handy. Seine lederne Aktentasche, auf der Sitzbank nebenan deponiert, ist dabei offen. Der Mann scheint keine Geheimnisse zu kennen.

Er ist kein Hinterbänkler, ganz im Gegenteil. Auch bei ihm sitzt die Frisur immer perfekt, genauso wie sein Lächeln, welches zugleich auch immer etwas Schelmisches beinhaltet.

Der Zug rollt ein, es herrscht das übliche Gedränge vor den Eingängen der Eisenbahnwagen. Schnell finde ich in der 1. Klasse einen leeren Einzelsitz, es ist ja keine Stosszeit. Ich hätte sogar die Möglichkeit, den Einzelsitz vis-à-vis von mir zu belegen.

Eine Einersitzreihe vor mir setzt sich schliesslich der linke «Handy-Man» hin. Auch er hat ausreichend Platz. Orientiert man sich an der Fahrtrichtung, so sitzt er, der Linke, genauso wie ich links vom Durchgang.

Im gleichen Wagen, aber einige Meter weiter, höre ich die Frage, ob man sich zusammensetzen will. Solche Fragen sind rhetorisch, denn was will der Gefragte schon anderes antworten als diese Frage zu bejahen?

So kommt es, dass die Zusammensitzwilligen sich das leere Viererabteil rechts neben mir ergattern. Irgendwie scheint die Gruppe aber fünf Plätze zu benötigen, weshalb auch der Einzelsitz vis-à-vis von mir in Betracht gezogen wird.

Ich, der nun irgendwie stört, blicke vom aufgeklappten Laptop auf und antworte unaufgefordert, dass ich ohnehin bereits beim nächsten Halt aussteigen werde. Das stellt die Gruppe zufrieden.

Trotzdem belegen sie dann nur vier Plätze. Weshalb ursprünglich fünf Plätze nötig waren – ich hab’s nicht begriffen, habe allerdings auch nicht alles aufmerksam verfolgt.

Einer der vier, der da nun rechts zur Fahrtrichtung sitzt, ist der ehemalige Bundesratskandidat. Ein ganz Rechter. Diagonal von ihm und auf meiner Seite des Durchganges, eine Sitzreihe vor mir, sitzt der ganz Linke. Immerhin haben sie die Drei-Wetter-Taft-Frisur gemeinsam – und sie sitzen schliesslich auch im gleichen Boot Zug.

Sobald die vier Herren rechts von mir sich einmal eingerichtet haben, stellt der Eine einen Anderen gegenüber dem ehemaligen Bundesratskandidaten vor, den er offensichtlich noch nicht kennt.

Er sei von der Handelskammer XYZ. Fängt so Lobbying an, fährt es mir durch den Kopf. Es macht nicht den Anschein. Es folgt ein Händeschütteln. Nicht mehr. Mir scheint es fast so, als ob sich der alt-Bundesratskandidat insgeheim sagte, dass es auf ein Händeschütteln mehr oder weniger nicht drauf ankomme.

Dann wird diskutiert. Oder gebalgt – und zwar um die Gunst des ehemaligen Bundesratskandidaten. Vor allem einer, der ihn gut zu kennen scheint – oder es zumindest meint – tut sich beim Gesprächeln ziemlich hervor. Als die Minibar später irgendwann einmal anrollt, fragt er denn auch die Runde, was er den Anderen offerieren könne. Kleine Geschenke erhalten eben die Freundschaft…

Der ehemaligen Bundesratskandidaten freut’s offensichtlich, so umgarnt zu werden. Er diskutiert nicht gerade leise und spricht auch schon einmal diagonal den ganz linken Handy-Man an. Der lässt sich vom kurzen, diagonalen Dialog Monolog kaum beeindrucken.

Diskutiert wird aber vor allem innerhalb des Viererabteils rechts von mir. Er, der ehemalige Bundesratskandidat, ist einfach ein toller Kerl. Das sagt er zwar nicht und drückt es doch irgendwie indirekt aus.

Da war zum Beispiel die Rede davon, dass er ja schon lange einen Vorstoss zum Thema X eingereicht hätte. Da ich nicht jedes Wort mitverfolgte, weiss ich nicht genau, um welchen Vorstoss es ging. Aber ich weiss, dass er zu jenen gehört, die sich im Bundesbern mit nur sehr wenigen Vorstössen einbringen…

Die anderen drei um ihn herum wollen schliesslich etwas Eindrückliches von ihm hören. Da stellt man keine Wolke vor die Sonne.

Dem Eindrücklichen wird er auch gerecht, indem er davon spricht, dass «die Alten» (Parlamentarier) endlich raus müssten, damit «Europa» zum Thema werde. Klare, markante Worte. Ansonsten ist er in der Öffentlichkeit zwar nicht dafür bekannt, dass er sich stark aus dem Europa-Fenster hinaus lehnt. Das kümmert jedoch keinen der drei.

Als der Kondukteur Zugbegleiter kommt, muss einer seiner Begleiter noch den Klassenwechsel lösen. Irgendwie erscheint mir das peinlich. Da will man sich im Lichte eines ehemaligen Bundesratskandidaten sonnen, hat mindestens einen Vertreter einer Handelskammer gegenüber – und muss den Klassenwechsel lösen.

Wie ich später erfahre, hat der Nationalrat knapp eine Stunde zuvor beschlossen, die Bundesbeiträge pro Fraktion und Fraktionsmitglied zu erhöhen. Die einen müssen den Gürtel enger schnallen und lösen deshalb nur 2. Klasse – nur beim Parlament gilt das nicht…

Das Billettzeigen führt zu einem Themenwechsel. Das Generalabo des ehemaligen Bundesratskandidaten ist nämlich genauso halbtransparent wie meines. So sehen die GA’s der jüngsten Generation heute eben aus.

Das erregt die Aufmerksamkeit der drei Mitreisenden. So blickt der ehemalige Bundesratskandidat durch sein halbtransparentes GA und lässt von sich hören, dass er so nun «die Schnauze» seines Gegenübers sehen könne…

Beim Aussteigen, und nachdem ich noch einige weitere rüpelhafte Worte mitverfolgen konnte, bin ich froh, dass das Parlament damals einen guten Entscheid gefällt hatte – nämlich einen Typen mit einer solchen «Schnauze» nicht zum Bundesrat gewählt zu haben.

Denn die parteipolitische Zugehörigkeit ist nur eine Sache. Der Charakter, welcher auch durch die Wortwahl und deren Ausdruckweise durchdringt, ist eine ganz andere Sache…

4 Antworten auf „Charaktersache“

  1. So,
    lieber Titus,
    jetzt verstehst du sicher, warum ich die Ruheabteile in der SBB so geschätzt habe 😉

  2. Ich will Dir die Ruheabteile ja nicht streitig machen, genauso wie ich jedem die 1. Klasse gönne (ich tendiere eher für die Abschaffung der 2. Klasse statt der 1. Klasse).

    Und – ich fühlte mich auch gar nicht gestört. Lehrreich war’s – auf ungewollte und unerwartete Art und Weise…

  3. Habe oft auch die Ehre, solche berühmte Leute (bekannt aus Funk und Fernsehen, d.H. Arena etc.) beim Handyschnorren zu belauschen.
    Nur einer, der ist aber jetzt nicht mehr in Nationalrat, hat immer schön ruhig und unauffällig den Tagi gelesen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.