Einen Bären aufgebunden

Stadt und Kanton Bern tragen einen Bären in ihrem Wappen. Das verpflichtet. Darum kultiviert man auch echte Bären. Und wenn einem dieser Bären etwas zustösst, dann – so könnte man meinen – bricht für einige schon beinahe eine Welt zusammen

Die Bären von Bern kennt wohl jeder. Noch nicht ganz durchgedrungen ist allerdings, dass diese nicht mehr im Bärengraben leben, sondern im Bärenpark. Das klingt nicht nur weniger modrig, sondern vor allem auch tierfreundlicher.

Zu reden gaben die Bären von Bern in den vergangenen Wochen sehr viel. Zum einen ist da die Neueröffnung des genannten Bärengrabens Bärenparks. An und für sich wäre das eine gefreute Sache… gäbe es da zum Anderen nicht wegen den massiven Kostenüberschreitungen für den Ausbau dieses Parks viel zu diskutieren.

Wohl besser bekannt als Bundesräte…

Und schliesslich war da ja noch die Sache mit dem Bär Finn, welcher am 22. November 2009 einen geistig behinderten Mann angriff, der ins Gehege einstieg, um einem Plastiksack nachzurennen. Intuitiv hatten wohl beide gehandelt, doch mit dem Schuss auf den Bären Finn war in den Köpfen vieler schnell klar, wer richtig und wer falsch gehandelt hatte.

Tagelang wurde über dieses Ereignis seitenweise oder minutenlang berichtet und zwar sowohl in den nationalen wie in den lokal-regionalen Medien. Der Berner Stadtpräsident kam ebenso zu Wort (es geht hierbei ja um eine politische Frage, nicht wahr) wie allerlei Experten für Bären, Tierparks, Sicherheit, Abzäunungen und ähnliches (an dieser Stelle wird darauf verzichtet, alle Berichte aufzulisten und zu verlinken…).

Auch die Tagesschau berichtete täglich über das Schicksal des Bären Finn. Ihm wurde die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wir Roman Polanski, denn jeder Schritt und Tritt wurde filmisch und fotografisch verfolgt. Inzwischen wissen wir ja auch, dass er, der Bär Finn, wieder badet. Und dass Polanski nun in seinem Chalet in Gstaad haust…

In Biel startete eine Bäckerei sogar eine Solidaritätsaktion. Lebkuchen wurden zum Preis von zwei Franken verkauft, wovon ein Franken dem Bär Finn zugute kommen soll. «Für Medikamente oder eine Operation», hiess es seitens Bäcker. Insgesamt kamen nach Angaben von Telebielingue ein paar Hundert Franken zusammen. Auch andere wollen aus der Sache profitieren.

Schön, diese Anteilnahme um einen kuschelig wirkenden Bären. Schön, wie uns da medial Bären aufgebunden werden.

Wo echte Welten zusammenbrechen – aber niemand hinschaut

Am 30. November 2009 wurde der Konkurs über die Akzidenzdruckerei Weber Benteli in Brügg bei Biel eröffnet. Auf einen Schlag standen über 260 Mitarbeiter auf der Strasse, welchen es an Arbeit jedoch nicht mangelte. Man nennt das auch Massenentlassung.

Die Umstände sind suspekt. Es besteht der Verdacht, dass diese Firma bewusst in den Konkurs getrieben wurde.

Die lokal-regionalen Medien haben eifrig darüber berichtet, Interviews geführt und dabei auch kritische Fragen gestellt. In den nationalen Medien war zum Teil lediglich von drohenden Entlassungen in Form einiger Zeilen einer Agenturmeldung die Rede. Die Deutschschweizer Tagesschau berichtete nicht einmal darüber, geschweige denn über die definitive Entlassung. Die Westschweizer Tagesschau war da etwas aktiver.

Am 3. Dezember 2009 war zu vernehmen, dass Peter Sauber für das von BMW zurückgekaufte Formel 1-Team die notwendig Lizenz erhielt und damit sein Rennstall gerettet war. Ein Aufatmen war zu hören. Dass mit diesem Deal allerdings auch knapp 140 Stellen verloren gehen, fand kaum gross Beachtung. Die Frage nach den zukünftigen Piloten der Sauber-Boliden ist ohnehin wichtiger, nicht wahr?

Den Namen des Bären kennen wir: Er heisst Finn. Die Namen der Sauber-Piloten werden wir auch bald erfahren. Von den 260 in Brügg und den 140 Entlassenen in Hinwil kennen wir hingegen weder die Namen, noch wissen wir, was für eine Welt bei ihnen und deren Angehörigen mit dieser Entlassung zusammengebrochen ist. Und von diesen Menschen hier und ihrem Schicksal berichtet sowieso niemand (mehr)…

Na dann: Fröhliche Weihnachten und weiterhin alles Gute beim munteren Pflegen völlig irrelevanter Themen!

P. S. : Ob man vielleicht die Bären ins Bündnerland und «Randständige» sowie Entlassene in den Bärenpark schicken sollte, um medial mehr beachtet zu werden (und damit sie auch über einen so tollen Swimming Pool verfügen wie die Bären)?

5 Antworten auf „Einen Bären aufgebunden“

  1. Oder man heisst Agentur XY, nimmt sich ein aktuelles Thema wie das Drama im Bärenpark, zimmert ein schlecht gemachtes Spiel zusammen und kommt null-komma-nix in den Medien. Nachzulesen beim Stadtwanderer, einen eigenen Blogbeitrag mochte ich erst gar nicht machen.
    Nicht noch mehr mediale Gratiswerbung für diese kranke Sache schalten.

    Das Brechmittel schlechthin ist die Aussage, das ganze ursprünglich mit einer Spendenaktion WWF/ProInfirmis zu versehen.
    „Wir wollten ausloten, ob die Schweizer mehr für Behinderte oder Tiere spenden“. Würg.

    Gratis und newsnetze stürzen sich auf solche Sachen, mediale Beachtung garantiert. Qualität ist nicht gefragt, verkauft werden Hypes!

  2. Warum wurde so viel über Finn berichtet? Vielleicht darum: Finn ist ein Bär. Er spielt nicht Bär. Er stellt auch niemanden an, der es für ihn tut. Er spekuliert nicht mit seinem Bärsein und lagert es auch nicht in ein Billiglohnland aus. Darum verstehen ihn auch alle (sogar die Journalisten) und alle können mitreden.
    Bei einer Betriebsschliessung können wir nicht mitreden. Und verstehen können wir sie oft auch nicht. Berichtet wird darüber nur, wenn sehr viele Arbeitplätze gestrichen werden. Tausende. Für Einzelfälle ist zur Zeit die Schweinegrippe zuständig.
    Vielleicht hegt der eine oder andere Ohmächtige gar eine gewisse Sympathie für den Bären, der sein Revier verteidigt hat. Wenn auch – und das ist vielleicht sogar die deutlichste Metapher, die uns dieses Geschehnis schenkt – nur ein anderer Machtloser zwischen die Krallen gekommen ist.

  3. @ Bobsmile
    Yep, haben den Artikel auch gelesen und ist oben hinter «auch andere wollen profitieren» verlinkt.

    @ Tinu
    Warum haben so viele einen Hund? Ich vermute, aus den gleichen von Dir genannten Gründen.

    Diese Formulierung fand ich auch nicht schlecht: «Für Einzelfälle ist zur Zeit die Schweinegrippe zuständig.»

  4. „und ist oben hinter «auch andere wollen profitieren» verlinkt.“
    Uups, ähem, diesen Link liess ich wohl links liegen.;-)
    Beim Stadtwanderer drüben wird ja gerade sehr kontrovers über diese „Spielidee“ diskutiert.

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