Hilfe-JeKaMi

Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 in Haiti bewegt. Es stimmt auch nachdenklich. Dabei tauchen viele Fragen auf, insbesondere zu unserer «westlichen» Hilfe.

Wer ist schuld? Diese Frage wird vermutlich auf der Suche nach einer Erklärung in unseren Breitengraden immer sehr schnell gestellt. Wir bekunden Mühe, Dinge zu akzeptieren, die einfach so geschehen und keine rationelle Erklärung erlauben – so wie das eben bei Naturereignissen der Fall ist. Das war schon so, als uns vor rund fünf Jahren ein Seebeben lehrte, was unter dem Begriff «Tsunami» zu verstehen ist.

Weil es bei Naturkatastrophen nie einen direkten Schuldigen gibt, suchen wir stellvertretend nach irgendwelchen Mitschuldigen. Ja irgendwer muss doch wenigstens teilweise Schuld haben, so unsere innere Haltung.

Bewegende Geschichte

Da gäbe es im Falle Haitis wohl viele. Man könnte bei Christoph Kolumbus beginnen, welcher die Insel entdeckte und damit den Grundstein für die «Europäisierung» mit späterer Sklavenhaltung und beinahe Ausrottung der Ureinwohner legte.

Oder man könnte mit dem Finger auf Frankreich zeigen, welches ab dem 18. Jahrhundert diesen Inselteil sein Eigen nannte und im 19. Jahrhundert die Dreistigkeit besass, jahrzehntelang Reparationszahlungen für dessen Unabhängigkeit zu verlangen. Die bis dahin reiche Kolonie wurde wirtschaftlich ausgeblutet, sodass auch kaum ein Staat mit einer gut funktionierenden Infrastruktur und mit gut funktionierenden Institutionen entstehen konnte, so wie das beispielsweise in der gleichen Epoche in Europa geschah.

Auch die USA, zurzeit wahrgenommen als «der grosse Retter in der Not», spielte in der jüngeren Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht eine unbedeutende Rolle. Währenddem sich heute das imperialistische Gehabe der USA mit «Kampf gegen den Terrorismus» etikettieren lässt, ging es in den Jahren des Kalten Kriegs um den «Kampf gegen den Kommunismus». Noch eine zu den USA nahe gelegene Insel – Kuba liegt ja gleich neben Haiti – sollte nicht an den kommunistischen Feind verloren gehen…

Gezielte humanitäre Hilfe

Zweifellos spielt die Geschichte eine wichtige Rolle bei der heutigen Bewältigung dieses Dramas. Die Infrastruktur des Landes war ja bereits vor dem Erdbeben bedenklich schlecht. Und das Wenige, das vorhanden war, hat nun auch noch diese Naturkatastrophe dahingerafft, Symbolbauten wie der Präsidentenpalast inklusive.

Infrastruktur bedeutet Organisation. Mit einer Trinkwasserversorgung wird eben dieses Trinkwasser dank entsprechender Leitungen «organisiert». Das Gleiche gilt fürs Abwasser, die Abfallbeseitigung, die Stromversorgung, den Verkehr, die Kommunikation usw. Hier wird immer etwas gebündelt, damit es gezielt dort ankommt, wo es benötigt wird.

Humanitäre Hilfe und die mit ihr einhergehende Logistik sind auch Organisation. Auch sie verlangen, dass etwas gebündelt wird, damit sie gezielt dort ankommt, wo sie benötigt wird: Zelte, Trinkwasseraufbereitungsanlagen, Medikamente, Nahrung, usw.

Nichts vorhanden

Wie wir, vor dem Fernseher sitzend, inzwischen wissen, leistet so gut wie die ganze Welt ungefragt Hilfe. Das begründet sich wohl auch darin, dass Haiti kein Politikum ist, welches es mental erst noch zu überwinden gilt, bevor man die eigenen Leute losschickt, um einem politisch feindseelig Gesinnten zu helfen.

Trotz den unzähligen Flügen mit Hilfsgütern und den unzähligen Helfern hapert es aber vor allem an der Verteilung dieser Güter und dem richtigen Einsatz der Helfer.

Immer wieder ist zu hören: Es ist ja keine Grundinfrastruktur vorhanden, man müsse erst alles provisorisch aufbauen. Mit anderen Worten: Man gibt – unter Ausblendung des geschichtlichen Hintergrunds – dem  desolaten Zustand dieses Landes die Schuld (da ist sie wieder, die Schuldzuweisung) für die träge Verteilung der eilends eingeflogenen Hilfe aus allen Herren Länder.

Das Richtige am richtigen Ort zur richtigen Zeit

Nein, meint man dazu in der Augenreiberei. So einfach ist es nicht, denn wie schon oben erwähnt: Humanitäre Hilfe ist Organisation.

Ähnlich wie beim Tsunami vor fünf Jahren im südostasiatischen Raum schicken unzählige Länder und NGO’s völlig unkoordiniert Hilfeteams los. Dass sie dann, in Haiti angekommen, keinen Platzanweiser vorfinden, der ihnen sagt, wo welche Güter und Hilfskräfte wann benötigt werden, ist im Falle einer Naturkatastrophe ja wohl klar.

Dieses Vorgehen erscheint einem so, wie wenn ein Haus brennt, woraufhin jede der umliegenden Gemeinden ein paar Feuerwehrmänner losschicken, welche unterschiedliche Kompetenzen mit sich bringen und unter ihren Armen unterschiedlich lange und unterschiedlich dicke Wasserschläuche mitbringen.

Jeder postiert sich dann mit seinen Schläuchen irgendwo vor dem brennenden Haus und zielt damit einfach einmal gegen ein paar  Flammen. Wenn dann kein Wasser läuft, beklagt man sich noch darüber, dass die Schläuche gar nicht an die lokalen Hydranten angeschlossen werden können oder dass der Wasserdruck für die mitgebrachten Schläuche zu niedrig sei…

Ja, die Feuerwehrmänner sollen so schnell wie möglich losgeschickt werden und sie sollen so schnell wie möglich mit dem Löschen beginnen. Aber es braucht dafür die richtigen Personen mit den richtigen Schläuchen vor dem richtigen Brandherd, um möglichst schnell das Übel zu bekämpfen und weitere Schaden zu vermeiden. Alles andere bringt entweder nichts oder ist mehrfach abgedeckt.

Mit Koordination viel weiteres Leid ersparen

So wie es zurzeit aussieht, steht es in Haiti nicht nur generell schlecht mit der Organisation des Trink- und Abwassers, der Abfallbeseitigung, der Stromversorgung usw.

Es steht auch schlecht mit der Organisation der herbeigeeilten Hilfsteams seitens der Staatengemeinschaft und der NGO’s. Haiti ist zu einem unkoordinierten Hilfe-JeKaMi (jeder kann mitmachen) geworden. Die lokale Bevölkerung wird zusätzlich zum bisher Erlebten noch mehr leiden, weil nicht gezielt das ankommt, was jeweils benötigt wird.

Es wäre zu hoffen, dass in absehbarer Zukunft vielleicht bald eine unabhängige Organisation je nach Situation den geeignetsten Feuerwehrkommandanten bestimmt, welcher von Anfang an entsprechende Kommandos erteilt und dass Schläuche wie auch Feuerwehrmänner an jene Orte bestellt werden, an denen sie auch tatsächlich dringend benötigt werden. Denn Naturkatastrophen gibt es leider immer wieder…

7 Antworten auf „Hilfe-JeKaMi“

  1. Hallo Titus

    ich stimme dir zwar dabei zu, dass vor allem die Koordination – soweit man dass aus Berichten überhaupt beurteilen kann – noch nicht optimal ist, trotzdem finde ich dein Urteil hart. Wir können uns glaube ich gar nicht vorstellen, was da in Haiti genau passiert ist: 100’000 – 200’000 Tote, d.h. heisst wahrscheinlich auch, dass da etwa eine Million Menschen zum Teil schwer verletzt sind und betreut werden müss(t)en und eben auch die Unverletzten auf Nahrung und Wasser warten. Diese Katastrophe ist, auch wenn es für uns durch die Begrenzung auf ein winziges, unbekanntes Land vielleicht nicht so vorkommt, noch grösser als der Tsunami vor 6 Jahren. Damals waren zwar ähnliche viele Todesopfer zu beklagen, doch durch die Begrenzung der Schäden auf einen relativ schmalen Küstenstreifen waren die Länder und ihre Strukturen nicht komplett zerstört, konnten also auch die Hilfe noch selber koordinieren.

    (Kleines Gedankenexperiment für Zwischendurch: Wie lange braucht man wohl im Moment, um einmal quer durch Port-au-Prince durchzukommen? Die Stadt hat einen Durchmesser von etwa 15km, mit dem Fahrrad also eine gemütliche Stunde)

    Wie du sagst, ist die Infrastruktur in Haiti zum grossen Teil zerstört, die Regierung geschweige denn irgendwelche haitianischen Institutionen nicht mehr handlungsfähig. Wenn jetzt aus der ganzen Welt Hilfe eintrifft und die einen die dicken, die anderen die dünnen Schläuche dabei haben, so ist das nur normal (eine weltweite Feuerwehrschlauchnorm wird es wohl nicht geben), so eine grosse Katastrophe kann man gar nicht planen geschweige denn üben.

    Auch wenn es aus unserer Sicht chaotisch aussieht, traue ich den Helfern doch zu, dass sie die Lage allmählich in den Griff bekommen werden und noch vielen Menschen helfen werden. Was mir noch Kopfzerbrechen bereitet, ist die Frage, wie es mit Haiti danach weitergeht…

    Übrigens ein interessanter Beitrag

    http://www.heise.de/tr/artikel/Karten-fuer-Haiti-908272.html

    Viele Grüsse
    Michael

  2. Ich finde es eine gute Frage: wer ist Schuld am Erdbeben.
    (Oder habe ich die Frage absichtlich Fehlinterpretiert, nur um wieder mal über Klimaforscher zu lästern?)

    Ich warte auf die abstrusen Erklärungen einiger Klimaforscher, dass der Klimawandel am Erdbeben Schuld sein.
    Also wir alle, wir müssen uns alle am Ablasshandel (CO2-Zertifikate) beteiligen.

  3. @ Michael
    Ich kritisiere nicht die Hilfe an sich. Das ist sogar das Positive am Ganzen: Heutzutage hat praktisch jedes (westliche) Land ein Team, das innert weniger Stunden einsatzbereit ist. Auch die Güter an sich stehen bereit.

    Nur ist das eben immer noch sehr nationalstaatliches Denken. Diese Art des Denkens ist richtig, wenn es auch um nationalstaatliche Interessen geht, z. B. im Bereich des internationalen Handels.

    Aber im Bereich der humanitären Hilfe im Falle einer Katastrophe wie dieser plädiere ich dafür, dass sich die Staatengemeinschaft einmal zusammenrauft und gemeinsam gewisse Dinge vereinbart, um dadurch eben möglichst rasch, koordiniert und am richtigen Ort Hilfe leisten zu können.

    Die heutige «Unfähigkeit» der Staatengemeinschaft koordiniert Hilfe zu leisten, hat dazu geführt, dass die USA nun das Steuer an sich gerissen haben. Unproblematisch ist das natürlich nicht.

    Was z. B. einmal vereinbart werden könnte, ist eben doch die angesprochene, sinnbildlich zu verstehende Dicke der «Feuerwehrschläuche». Was spricht dagegen, gerade in diesem lebenswichtigen Bereich Dinge zu normieren bzw. zu vereinheitlichen? Unsere Computer würden beispielsweise ebenso wenig laufen wie das Internet, gäbe es nicht gemeinsame Normen. Wenn das in diesen Bereichen möglich ist, sollte es doch auch anderweitig möglich sein.

    Nicht zu unterschätzen sind auch die lokal-regionalen Gegebenheiten. Ein Schweizer Spürhund mag z. B. mit den klimatischen Verhältnissen in Europa zurecht zu kommen, ist aber vielleicht in tropischen Gebieten überfordert und gibt falsche Spuren an – mit möglicherweise fatalen Folgen. Da wäre dann ein Spürhund eines südamerikanischen Landes besser geeignet. Demgegenüber würde der (unnütze) Schweizer Spürhund dann eher im Weg stehen…

    Ich erinnere mich an einen TV-Beitrag, in dem es hiess, dass die Bergungskräfte noch lebende Verschüttete nicht bergen konnten – weil sie nicht das richtige Material dabei hatten… Die sind dann wieder abgezogen. Sowas ist für die daneben stehenden Angehörigen besonders grauenhaft.

    Gerade deshalb finde ich es so wichtig, dass man sich zusammenrauft und wenigstens gewisse Prinzipien vereinbart, die dazu führen sollen, am richtigen Ort die richtigen Leute mit dem richtigen Material zu haben. Das ist wohl kaum ein «allgemeines Handbuch», das für alle Regionen der Welt geeignet ist. Im Gegenteil: Das braucht ganz unterschiedliche Definitionen je nach Klima, Topografie, Lage usw. Als Beispiel: Die Flugzeugträger der USA erweisen sich im Falle von Haiti als besonders nützlich, um den Flughafen von Port-au-Prince zu entlasten. Für unser Land – sollten wir einmal Hilfe benötigen – wäre ein solcher Flugzeugträger allerdings ungeeignet.

    @ Kikri
    Du willst nur wieder über die Klimaforscher lästern… 😉

  4. Nothilfe ist immer ein Kompromiss, nachhaltige Hilfe ist dann schon eher planbar.
    Ich war im ersten Moment konsterniert, dass die Schweiz kein Hilfeteam, sondern „nur“ einen kleinen Abklärungstrupp entsandt hat.
    Im Nachhinein muss ich sagen, war das wohl die richtige Entscheidung, denn neben dem unplanbaren „Schlauchdicke“-Problem werden oft auch handfeste Hilfeverweigerungsübungen im Interesse der medienwirksamen Auftritte von Landesvertretern durchgezogen. So wurde ein Flugzeug für ÄRZTE OHNE GRENZEN auf einen weit entfernten Flughafen umgeleitet, nur weil ein hoher Würdenträger mal eben den Flughafen für sich brauchte. (leider habe ich den Link zum entsprechenden SF-Beitrag nicht mehr)

  5. Die humanitäre Gemeinde befindet sich in einem tiefen Umorientierungs-Prozess. War es bis in die 90er-Jahre primär ein „Gut-Menschen“-Engagement („wir müssen doch den armen Negerli helfen“), so haben sich die Humanitarians massiv professionalisiert. So sehr, dass die humanitäre Hilfe ein wichtiges Geschäft wurde; weshalb wohl rennen sich die verschiedensten privaten und staatlichen Organisationen wohl in Haiti gegenseitig über den Haufen – weil’s halt Medienaumerksamkeit gibt, ergo Spendengelder.
    Zudem geraten die Humanitären vermehrt ins Fadenkreuz von Militärs und Politik: Wenn z.B. im Irak, im moment offenbar tw. in Haiti Hilfskonvoys nur mit militärischer Eskorte unterwegs sein können, stellt dies selbstredend die Unabhängigkeit der entsprechenden Hilfs-Organisationen in Frage. Viele Regierungen haben die humanitäre, staatliche Hilfe outgesourced, delegieren also in gewissem Sinne ihre Entwicklungshilfe (ob Not- oder Wiederaufbauhilfe).
    Bloss: diese Diskussionen laufen sehr wohl innerhalb der community.
    Ein entsprechender Lesetip: The thin blue line von Conor Foley — und manch‘ einer wird nach der Lektüre etwas genauer überlegen, wohin sein Spenderbatzeli geht

  6. Besten Dank für den Hinweis, André.

    Das gibt’s sogar hier in der Schweiz zu kaufen.

    Und wer lieber etwas gucken will, kann Conor Foley hier eine knappe Stunde lang zuschauen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.