Erfolgsvorstellungen

Die Maxime des beruflichen Seins liegt darin, die Karriereleiter bis nach oben erklommen zu haben. Uns wird ständig eingetrichtert, diese Leiter besteigen zu müssen. Aber warum eigentlich? Und was heisst «Erfolg»?

Der Eintritt in den Kindergarten, spätestens aber der Eintritt in die Schule veranlasst die Erwachsenen häufig, den betroffenen Kindern vor allem eine Frage stellen: «Was willst Du denn mal werden, wenn Du gross bist?»

Es wird nicht nach einem bestimmten Beruf gefragt, sondern was man werden will. Damit wird unterschwellig bereits schon nach der Karriere gefragt. Darum erstaunt es wenig, wenn man dann Antworten wie «Zirkusdirektor» oder «Schiffskapitän» erhält.

Die Kleinen kennen in dem Alter schliesslich nur die beruflichen Positionen, nicht die Berufe und Ausbildungslehrgänge an sich, und orientieren sich entsprechend an diesen Karrieren.

Was ist Erfolg?

«Mach Karriere!» lautet die Losung unserer Gesellschaft. Das beginnt – unbewusst – mit eben solchen Fragen nach dem zukünftigen beruflichen Sein. Unbewusst deshalb, weil wir selber gar nicht mehr merken, wonach wir da eigentlich fragen.

Von alleine macht man allerdings keine Karriere. Nebst einer entsprechenden Ausbildung und einem entsprechender Wille sind auch eine Portion Glück und Erfolg in der bisherigen Funktion notwendig.

Erfolg. Was ist Erfolg? Wann ist man erfolgreich? Kann man Erfolg in der Gegenwart überhaupt messen oder sollte dazu nicht eine gewisse Zeit verstreichen? Und welche Vorstellungen prägen unser Bild davon, was Erfolg ist?

Sind beispielsweise Geschäftsführer von KMUs, welche für ihren Betrieb auch in schwierigen Zeiten ein stabiles Jahresergebnis präsentieren und dies ganz ohne Massenentlassungen, dauernde Restrukturierungsprogramme,  Outsourcing oder Auslagerungmassnahmen und teuren, externen Beratern, schliesslich nicht erfolgreicher als «Top-Manager» eines Grossunternehmens, welche ohne diese Massnahmen gar nicht mehr auskommen?

Die eigenen Vorstellungen – nicht die der Anderen

Im nachfolgenden Video plädiert Alain de Botton, in Zürich geborener und heute in London lebender Schriftsteller, für eine freundlichere, sanftere Erfolgsphilosophie:

(Mit Mausklick auf «View Subtitles» können Sie falsch gewünscht deutsche Untertitel einblenden.)

Was bedeutet für Sie Erfolg? Woran messen Sie ihn? Wer hat Ihre Vorstellungen von Erfolg geprägt – oder haben Sie diese selber entwickelt?

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12 Antworten auf „Erfolgsvorstellungen“

  1. „Von alleine macht man allerdings keine Karriere. Nebst einer entsprechenden Ausbildung und einem entsprechender Wille sind auch eine Portion Glück und Erfolg in der bisherigen Funktion notwendig.“

    Da hast du meine volle Zustimmung,
    lieber Titus!
    Und dazu kommen noch die richtige Seilschaft und guttrainierte Ellenbogen…

  2. Da bringst Du zwei weitere, interessante Punkte ins Thema, Hausfrau Hanna.

    Tatsächlich wollte ich ursprünglich die Seilschaften auch mit reinnehmen (früher nannte man das «Vitamin B)», denn ja, die gibt’s.

    Ich denke allerdings, dass wir hier unterscheiden müssen:

    Wenn es einen Posten zu besetzen gibt, man dabei die möglichen Kandidaten bereits kennt und damit schon eine Ahnung davon hat, ob «die Chemie» stimmen wird, ist das für beide Seiten sicher von Vorteil.
    Wenn allerdings ein Posten einzig aufgrund von Beziehungen und ohne Berücksichtigung anderer (fachlicher) Qualifikationen vergeben wird, dann riecht’s ziemlich nach Filz oder der berühmt-berüchtigten «Veternwirtschaft».

    Letzteres bekommen wir häufig über die Medien mit, von Ersterem erfahren wir praktisch ebenso wenig etwas wie von den Besetzungen die ohne irgendwelche vorgängigen Beziehungen erfolgen. Daher – so meine Vermutung – halte ich diese Seilschaften im Sinne der Veternwirtschaft eher als Ausnahme denn als die Regel.

    Zu den Ellenbogen: Ja, die braucht’s meiner Ansicht nach auch, allerdings nicht unbedingt im negativen Sinne (vielleicht ist dann der Ausdruck nicht der richtige).

    Was ich meine, ist, dass jeder ein gewisses Mass an sich-hervorheben zum richtigen Zeitpunkt braucht. Von alleine wird man nicht entdeckt, es geht einem niemand suchen und holt einem aus dem stillen Kämmerlein heraus. Sich somit auf der gleichen Linie aufzustellen, um nicht übersehen zu werden, ist notwendig, wenn man beachtet werden will.

    Wer allerdings seine Ellenbogen einsetzt, um andere schlecht zu machen, der scheint einen Mangel kompensieren zu müssen. Bekommt dieser Jemand dann noch recht, liefert das die Bestätigung, dass man die Ellenbogen richtig eingesetzt hat… 🙁

  3. karriere?
    wie wär’s damit:
    das machen, was interessiert und spass macht; das in einklang bringen mit familie, sprich kind und partner(in). gesunde distanz zwischen öffentlichem und privatem raum wahren, nötigenfalls ab und an die nase zuhalten oder ganz einfach staunen ob der dinge, die im berufsleben ziemlich genau gleich geschehen, mit oder ohne eigenem dazu tun
    karriere – knick:
    zusehen, wie der eigene berufsstand schrittweise (in meinem fall zum mikrophonständer) zu verkommen droht, das einst selbstverständliche handwerk (in meinem fall des fragenstellens) „nicht opportun“ oder „unbequem“ wird

  4. Da fällt mir dieses Zitat von Bob Dylan ein: „What’s money? A man is a success if he gets up in the morning and goes to bed at night and in between does what he wants to do.“

    Klar, der Mann steht an einem anderen Punkt… Mir hat der Spruch immer gefallen, weil er dieses „Arbeit ist Erfüllung“-Denken untergräbt. Erfolg *nur* auf Arbeit und Karriere zu beziehen ist doch gaga.

    Ich bin mir Kommentare in diese Richtung gewöhnt aufgrund meines „brotlosen“ Studiums: „was machst du denn später damit?“ – Wenn ich eine Karriere als Arzt oder Anwalt als Erfolg ansehen würde, hätte ich Medizin oder Jus studiert. Aber Erfolg ist für mich eher so was in die Richtung „seinem Wesen und seinen Interessen treu sein“ – klingt jetzt tammi kitschig. Erfolg ist jedenfalls für mich individuell definiert.

    Womit wir auch bei de Botton wären. Um noch etwas aus seinem ziemlich coolen Redeschwall herauszugreifen: Den Hinweis auf die Prägung durch die Eltern find ich recht einleuchtend… Meine Vorstellungen haben sie auf jeden Fall erheblich geprägt.

  5. @ André
    Eben, «dummerweise» bestimmen immer noch die, die Karriere machen, wo’s lang geht, obschon ich mir nicht sicher bin, ob die sich ihrer Verantwortung bewusst sind…

    @ Kim
    Inwiefern haben denn Deine Eltern Deine Vorstellungen geprägt?

  6. @Titus: Die Überreste von diesem Hippie-Zeugs halt 😉 Aufs Land ziehen, beide halb arbeiten und halb zum Kind (zu mir also) schauen, seinen eigenen Projektchen nachgehen, Gemüse im Garten anbauen, sich mit philosophischen Büchern oder so beschäftigen, gute Nachbarschaft pflegen, am Haus oder sonst an etwas für sich rumwerkeln…

    Diese Art von Lebensqualität, die „die 68er“ gegen das klassische Familien- und Arbeits-Modell etabliert haben und wo das Ziel eher eine Teilzeitanstellung als ein Fulltimejob ist. – Vielleicht zeigt sich da auch: Das ist immer noch ein Gegenentwurf zu „Erfolg“, aber ich glaub‘, wenns so weiter geht, wird das immer wichtiger und in den Begriff „Erfolg“ eingeschlossen werden.

  7. Meine Auffassung von Erfolg ist sehr an persönliche Faktoren gebunden und lautet etwas so: «Erfolg haben ist Spuren hinterlassen.» – D.h. natürlich jene Art Spuren, auf die ich gerne zurückblicke.

    Das bringt mit sich, Einsatz für eine Zukunft, deren Vergangenheit wiederum als Absprungbrett (Motivation) für eine weitere und andere Zukunft gelten kann. Obwohl bezüglich Risikobereitschaft kalkuliert wird, ist die Möglichkeit des Scheiterns, oder wie oben von @andré beschrieben, der Karriereknick, inbegriffen.

    Bildlich gesehen bin ich ein Ballonfahrer, der Höhen- und Tiefflüge den äusseren Widerständen anpasst, um im schlimmsten Fall möglichst noch weich zu landen.

    Snobismus im Sinn von Alain de Botton ist so schlecht möglich. Der eine kann dem andern weder Luft wegnehmen noch ihn stark bedrängen, da bei derartigen Manövern der eigene Absturz riskiert werden müsste.

  8. @ Kim
    Du glückliches Kind, Du! 😉

    Du meinst, dass es ein Erfolg ist, keine Vollzeitanstellung haben zu müssen?

    @ Quantensprung
    Nach Deiner Definition des Spuren-hinterlassens sind demnach unsere Grossbanken äusserst erfolgreich, haben sie doch einige Spuren hinterlassen. Misst sich Erfolg demnach nicht eher an der Qualität der hinterlassenen Spuren?

    Und: Wer oder was hat denn bei Dir das Bild darüber beeinflusst, was «Erfolg» oder was «erfolgreich» ist? Ein (heimliches) Vorbild, ein Philosoph- und/oder Buchautor, die Eltern oder etwas/jemand anderes?

    @ M. Croche
    Gern geschehen.

  9. Bin zwar unterdessen ein bisschen spät dran, aber gelustet mich jetzt doch, an dem Gedanken noch weiterzuspinnen 😉

    Vollzeitanstellung: ich denke schon, dass es ein Erfolg sein KANN, Teilzeit zu arbeiten und eigene Projekte zu verfolgen; aber in einer anderen Situation ist es vielleicht ein grösserer Erfolg, einmal für eine Zeit sich voll in eine Arbeit zu stürzen, sich zu überarbeiten, „etwas zu leisten“ und dann schaut dafür auch was raus: Geld, Wertschätzung, Genugtuung.

    Oft kann man die Dinge, die man so tut, eh erst im Nachhinein bewerten. Extremfall ist natürlich wenn das Leben langsam zu Ende geht und man zurückdenkt. Und da – glaube ich – wird das, was man beruflich geleistet hat, nur ein Posten unter anderen sein, die man in seinem Leben als Erfolg verbucht. Und diese individuelle Sicht auf Erfolg sollte man nicht niedriger gewichten als das, was allgemein als Erfolg „anerkannt“ ist – ja eigentlich finde ich, sollten persönliche Erfolge in der allgemeinen Wahrnehmung viel mehr wertgeschätzt und unterstütz werden und diese ewige Arbeits- und Karrieremoral wieder mehr auf den Deckel kriegen. Darum das Beispiel Teilzeitarbeit, wo einem noch Zeit bleibt für andere Erfolge.

    Hmm, ich hatte mal einen Artikel zum Thema Lebensgestaltung angefangen… Danke für die Inspiration! 😉

  10. Es ist nie zu spät für eine gescheite Antwort (klingt unglaublich klug, nicht wahr? 🙂 )

    Meinem psychoanalytischer Geist 😉 fallen zwei Punkte aus Deiner Antwort auf:
    1) «was man beruflich geleistet hat»
    2) Gewichtung und Wertschätzung seiner «Taten»

    Zu 1: Es ist nicht als Vorwurf zu verstehen, aber mir fällt auf, dass wir, vor allem die männlichen Gesellschaftsteilnehmer, Erfolg immer nur auf die berufliche Aktivität beziehen. Da frage ich mich, was demnach Frauen als «Erfolg» werden, welche häufig «nur» zu Hause arbeiten. Und, eben, vergessen wir nicht auch, das Privatleben da mit reinzunehmen?

    Zu 2: Ist Erfolg Wertschätzung durch sich oder andere (wobei de Botton eben gerade dazu aufruft, sich nicht zu sehr von den Vorstellungen der Anderen leiten zu lassen)? Wann ist ein Erfolg ein Erfolg?

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