Wir sind Olympiasieger!

Einige Gedanken dazu, was sportliche Erfolge an olympischen Spielen bei uns bewirken können…

Sportveranstaltungen sind längst zu einem festen Bestandteil unseres Alltags geworden. Wir haben uns schon fast so sehr an sie gewöhnt, dass wir die sportlichen Leistungen kaum mehr zu schätzen wissen. Oder vermögen etwa Sie auf einem Rasen während neunzig Minuten einem Ball hinten nachrennen?

Was der «normale» Sport (nicht) bewirkt

Die bis auf die Spitze getriebene Vermarktung von Sportveranstaltungen – es bleibt ja kaum mehr ein Hemdkragen von Werbung verschont – trägt sicher auch das Ihrige dazu bei, dass die Sportler und ihre Leistungen an sich schon beinahe untergehen beziehungsweise mindestens visuell in den Hintergrund rücken.

Nicht nur die Ränder der Sportarenen sind voll gepfropft mit Werbung. Auch die Sportler selbst kommen als wandelnde Werbesäule daher, sodass man sich manchmal fragen kann, was denn da für ein «Objekt» die Piste runterfährt, durch die Eisbahn saust oder dem Ball nachrennt. Erst wenn die Kopfbedeckung weg ist und auf den Kopf gezoomt wird, erkennt man: Es ist tatsächlich ein Mensch…

Der manchmal millionenteure Einkauf von Erfolg versprechenden Sportlern durch verschiedene Aktiengesellschaften Sportvereine, währenddem Nachwuchstalente sehr häufig um finanzielle Unterstützung kämpfen müssen, führt ebenfalls dazu, dass sich viele von Sportveranstaltungen und damit auch von den Sportlern selbst und ihren Leistungen abwenden.

Wenn Ware Sportler eingekauft werden, stammen diese logischerweise nicht mehr aus der eigenen Regionen. Die Identifikationsfunktion, welche früher Sportvereine hatte, geht dadurch flöten. Man heizt die Spieler nicht mehr an, weil man sie kennt und vom Nachbardorf stammen, also weil man sich mit ihnen verbunden fühlt. Nein, man heizt sie nur noch deshalb an, weil sie unter Vertrag mit dem eigenen, lokalen Sportverein stehen und in der eigenen Region trainieren.

Doch alle vier Jahre, wenn die jeweilige Sommer- oder Winterolympiade stattfindet, gilt das alles nicht mehr. Dann gelten andere Regeln. Geworben wird zwar auch, doch dies weniger für ein Produkt oder eine Marke im klassischen Sinne, sondern vielmehr für jene Region, in welcher die olympischen Spiele ausgetragen werden.

Das ist Balsam für die Augen und das Unterbewusstsein, donnern doch nicht mehr so viele Werbebotschaften auf einen ein wie das sonst bei Sportwettkämpfen der Fall ist. Es ist auch Balsam für die Sportler und deren Leistungen, stehen dadurch doch gerade sie (visuell) wieder vermehrt im Vordergrund.

Und: Steht «Schweizer» drauf, ist auch ein Schweizer drin. Es werden keine Sportler an andere Länder weder ausgeliehen noch vermietet oder gar verkauft. Stattdessen tritt jeder für sein Land an.

Tritt dann ein Schweizer an, identifiziert man sich mit ihm. Man leidet mit, drückt alle Daumen und grossen Zehen. Und freut sich mit, wenn er dann auch noch Grossartiges leistet und ein gutes Resultat erzielt.

Es gibt allerdings unterschiedliche Qualitäten von «grossartiger Leistung» beziehungsweise von Siegen oder Medaillegewinnen. Nicht alle Sportler sind uns gleich ans Herzen gewachsen, nicht für alle drücken wir gleich fest die Daumen und freuen uns gleich stark für sie, sollten sie dann auch gewinnen.

Abhängig ist das Ganze von der Persönlichkeit des Sportlers und unserem aller Standpunkt, ob wir den Eigenheiten dieser Persönlichkeit, dem Charakter des Sportlers, wohlwohlend oder eher ablehnend gegenüberstehen. Einem (zu) selbstbewusst auftretenden Sportler werden hierzulande beispielsweise sicher weniger Sympathien entgegengebracht als einem bescheiden auftretenden Sportler.

Die Ausnahmesituationen

Darum war gestern Abend kurz vor Halbelf wohl in der ganzen Schweiz auch ein leichtes Beben zu spüren, als «Simi», Simon Ammann, erneut die Goldmedaille auf der grossen Schanze holte.

Seinen ersten Sprung hatte ich noch am Bildschirm mitverfolgen können, beim zweiten Sprung befand ich mich jedoch mitten im Bahnhof Bern. Doch die Nachricht, dass er es geschafft hatte, ging um wie ein Lauffeuer.

Und hätte ich für die wenigen, die es mittels modernen Kommunikationsmitteln noch nicht mitbekommen hatten, laut herausgerufen, dass Simon Ammann erneut Gold geholt hätte, wäre eine wohlwohlende Reaktion der anderen wartenden Reisenden wie ein Applaudieren oder ein «Bravo Simi!» ganz bestimmt nicht ausgeblieben – schweizerische Zurückhaltung hin oder her.

Obschon sich niemand untereinander kannte, wäre das dann einer jener seltenen Momente gewesen, wo sich alle, ob jung oder alt, miteinander verbunden gefühlt hätten, so ganz nach dem Motto: Wir sind Olympiasieger!

Ich hatte es nicht laut herausgerufen. Vielleicht tat ich es auch deshalb nicht, weil es mir reichte zu wissen, dass es noch solche Momente gibt, in denen man sich ganz spontan gemeinsam verbunden fühlen kann.

Besonders beachtenswert ist hierbei, dass dies bei Simon Ammann geschah. Es ging nicht um seine vierte Olympia-Goldmedaille. Es ging um seine Persönlichkeit.

Wäre er nämlich nicht der intelligente, smarte, junge Mann, der er ist, würde er nicht nur auf, sondern auch neben der Schanze abheben und würden wir alle seine Art nicht so schätzen, wie dies der Fall ist, wäre dieses kleine Beben sicher nicht zu spüren gewesen. Nur so lässt sich erklären, dass dieser Ruck durch sämtliche Reihen bei Didier Défago und Dario Colognia – trotz ebenfalls hervorragenden Leistungen – nicht auf die gleiche Weise zu spüren war.

Der Sieg von gestern Abend ist darum mehr als nur ein Sieg über den sportlichen Gegner oder den Gewinn einer weiteren Goldmedaille. Es ist auch ein Sieg für einen Persönlichkeitstyp, den wir uns in Zeiten mangelnder Identifikationsfiguren und in Zeiten, wo alles auf irgendeine Weise mit Geld verbandelt ist, wohl alle etwas häufiger wünschten…

Vielen Dank Simon Ammann und – herzlichen Glückwunsch!

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Ein Bild des Siegers

11 Antworten auf „Wir sind Olympiasieger!“

  1. Ich fühle mich geehrt:
    – Wir (also auch ich) sind Olympiasieger
    – Wir (also auch ich) sind die besten Tenisspieler
    – Wir (also auch ich) sind U-17-Fussball-Weltmeister

    Es ist so einfach, und mit so wenig Anstrengung verbunden, Olympiasieger zu werden.

    Kikri ist mächtig stolz auf sich 😉

  2. Soeben passiert: MIKE SCHMIIIIIIIIID holt Gold im Skicross!
    Ich kannte den Frutiger bisher nicht, die neue Sportart nur vom Hörensagen, – aber so etwas Spannendes habe ich selten erlebt! Vier Skifahrer sausen eine Boarderpiste hinunter mit x Sprüngen und Steilwandkurven. Zwei kommen weiter, zwei scheiden aus. Mike Schmid kontrollierte die Konkurenz und so stand beim ersten Olympiadurchgang bereits ein Schweizer auf dem Podest. Bravo Michael Schmid, in Frutigen gibts wohl eine Freinacht!
    Gemäss Interview ist Mike Schmid Amateur, erhält Unterstützung vom Chef, kratzt das Geld für die Tour zusammen und schläft in Wohnungen statt Hotels.
    Irgendwie sympatisch. Bravo Mike.

  3. Nicht ganz, Kikri. Die Betonung liegt auf dem Wir, nicht auf der Rolle.

    «Wir» gilt nur, wenn uns – oder einem Grossteil von uns – die fragliche Person auch sympatisch ist. Letzteres ist allerdings erst dann möglich, wenn man die fragliche Person kennt. Bei Mike Schmid werden sich wohl viele gefragt haben, wer denn das überhaupt ist…

    Hier geht’s übrigens zum Interview, welches Bobsmile erwähnte.

  4. Ach! Es ist wieder Olympiade? Aha, ja stimmt, da waren viele Ur-Einwohner am TV die ihren Unmut darüber äusserten, dass man sie reingelegt und sie gar nichts daran verdienen, das auf ihrem Land Olympiastadien hingestellt wurden… Das ist jedenfalls das was mir in diesem Zusammenhang blieb, alles andere ist mir irgendwie viel zu kommerziell und geht deshalb an mir vorbei… 😉

  5. Ich störe mich nur am „wir“.
    Wie geschrieben, ich habe nichts zu den Siegen beigetragen.
    Die Sportler haben eine tolle Leistung erbracht und gehören dafür auch gelobt.
    Skicross ist wie Bordercross. Mann (oder Frau) gegen Mann (Frau)
    Die interessanteste Sportart.

  6. Ich spreche auch nicht davon, dass wir das erreicht haben, sondern dass ein solcher Erfolg zu einem Wir-Gefühl, zu einem Gemeinschaftsgefühl, zu einem «Wir Schweizer»-Gefühl führen kann.

  7. Ach was „erst nach den Spielen“ das ganze ist vor, während und danach voll kommerzialisiert… Bei der Olympiade geht es doch schon lange rnicht mehr ob die Olympioniken sondern nur noch um Werbung und wie man lokal und weltweit am meisten Profit raus holt… Der „Rest“ ist doch nur noch sekundär…

  8. Ähm, ich weiss nicht, ob wir vom Gleichen sprechen…

    Wenn Du die Werbung für Vancouver als Wintersportort meinst, dann stimme ich Dir absolut zu. Ebenso erscheinen im TV jeweils immer die gleichen zwei oder drei Sponsoren.

    Doch ansonsten siehst Du keine Banden, keine T-Shirts oder ähnliches mit Werbung drauf. Verglichen mit der Fussball-EM oder -WM kommt die Olympiade ziemlich brav daher.

    Hier kannst Du beispielsweise einmal nachlesen, was man bezüglich der kommenden FIFA-WM in Südafrika alles darf und was nicht und dies nur schon in Bezug auf die Verwendung der Begriffe und der visuellen Auftritte – alles zum Schutz der eigenen Marke und der offiziellen Sponsoren…

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