Ein «gewaltiger» Irrtum

Ist ein Mensch bloss eine Sache, ein Gegenstand, ein Objekt? Natürlich nicht! Aber warum werden manchmal Menschen so betrachten, als ob es sich nur um eine Sache handeln würde?

Diese Titelzeile könnte einen in mehrfacher Hinsicht zur Decke springen lassen: «Fall München: Prügelopfer kann auf Genesung hoffen». Das steht nicht so in einer Boulevardzeitung, das titelte SF Tagesschau.

Vorab, mit Prügel – so vielfältig auch die Bedeutung dieses Begriffs sein kann – hat das nichts zu tun, was diesem Mann widerfahren ist. Es waren Schläge und Fusstritte, insbesondere gegen den Kopf. Folglich wurde dieser Mann auch nicht «fast totgeprügelt», wie es im ersten Satz der Einleitung heisst.

Menschen «flickt» man nicht einfach

Warum reduziert man ein Opfer auf einen falschen Begriff, warum betitelt man es mit einem vereinfachenden «Prügelopfer»?

Die Antwort steckt wohl auch hinter dem Titel selbst, in welchem es heisst «…kann auf Genesung hoffen». Nein, dieser Mann kann nicht auf Genesung hoffen, selbst wenn ihm «Kiefer und Gesicht mit Platten wieder hergerichtet» wurden.

Zwar mag er rein physisch betrachtet wieder genesen. Aber die psychischen Wunden sind wohl zu gross, als dass sie je verheilen könnten.

Genau da liegt der springende Punkt: Die Art und Weise, wie dieser Artikel betitelt und geschrieben wurde macht deutlich, wie hier ein Mensch wie eine Sache behandelt wird.

Man mag einen kaputten Rasenmäher, einen wackeligen Stuhl oder ein defektes Display flicken und die Sache ist geregelt und «genesen». Aber ein Mensch ist eben keine Sache, auch wenn die moderne Medizin heute auch viele physischen Schäden an ihm «flicken» kann.

Einseitiges Gewalt-Verständnis

Es zeigt sich in diesem Fall aber auch, dass viele noch immer dem Irrtum erliegen, dass physische Gewalt einfach nur ein Angriff gegen die körperliche Integrität sei. Und die dabei zugezogenen Wunden verheilen ja bekanntlich ohne viel eigenes Zutun, ergo ist das Ganze auch nur halb so schlimm… Oder?

Nein, physische Gewalt gegen Menschen ist immer auch psychische Gewalt gegen die geistige und seelische Integrität der Betroffenen. Die physischen Wunden sind dabei sekundär – ausser natürlich es handle sich um bleibende Schäden, welche wiederum auf die Psyche wirken können.

Die Dauerbombardements Deutscher Städte während des Zweiten Weltkriegs durch die Alliierten – als Beispiel – zielten weniger darauf ab, die Infrastruktur zu zerstören und Zivilpersonen zu töten.

Sie hatten vor allem zum Ziel, die Moral, den Kampfesgeist und den Stolz der Bevölkerung zu brechen. Hier wurde physische Gewalt gezielt angewandt, um einen psychischen Effekt zu erzielen, um die Bevölkerung zu zermürben, aufzureiben und der Unterstützung der eigenen Truppen zu entsagen. Dieses Beispiel zeigt, dass man sich des psychischen Effekts von physischer Gewalt schon lange bewusst ist.

Unsichtbare Spuren

Es muss aber nicht gleich ein so immenses Beispiel sein, um den psychischen Effekt physischer Gewalt aufzuzeigen. Es reicht dafür beispielsweise auch nur eine einfache Ohrfeige. Deren physischer Schmerz ist schnell vergessen. Es bleibt nicht einmal eine Narbe zurück.

Doch der Vertrauensverlust oder die Fehleinschätzung eines Menschen als nicht gewalttätig hinterlässt eine psychische Wunde, welche nicht so leicht wieder verheilt.

Physische Gewalt hat aber – verzeihen Sie die Ausdrucksweise – auch einen «Vorteil». Sie hinterlässt nämlich Spuren –  wenn nicht dauerhaft, so doch wenigstens temporär. Diese Spuren sind verräterisch, denn sie beweisen, dass es zu physischer Gewalt gekommen ist.

Dessen sind sich auch viele «Gewalttäter» bewusst, weshalb einige von ihnen heute auch zu nicht physischen Mitteln greifen, um psychische Wunden – und um eben keine Spuren zu hinterlassen.

Da unser Rechtsverständnis und auch unser Rechtssystem häufig noch immer sehr auf physischen Beweisen fixiert sind (wenn auch nicht ausschliesslich), fällt es oftmals schwer, die psychische Gewalt zu sehen und zu verstehen. Es gilt immer noch das Motto: Was man nicht sieht, kann nicht sein und/oder hat nicht stattgefunden.

Vielfältige Erscheinungsformen

Die Möglichkeiten, Gewalt auszuüben ohne Spuren zu hinterlassen, also auf psychischer Ebene auf Menschen einzuwirken, sind vielfältig und kommen im Alltag häufiger vor, als wir wahrnehmen – eben weil man ja nichts sieht…

Dazu gehört zum Beispiel auch häusliche Gewalt. Viele von uns verstehen darunter Nasenbluten, von Schlägen zugefügte blaue Flecken oder gar Nasenbeinbrüche oder Brüche von Fingern und ähnlichem. Das psychische «Niedermachen» der Partnerin oder des Partners im Sinne einer Erniedrigung gehört aber genauso dazu. Nur sieht man diese Form der Gewalt kaum und sie ist auch schwer nachzuweisen.

Ähnlich ist es mit Mobbing oder Stalking. Auch diese können als psychische Gewalt verstanden werden und auch bei diesen sehen wir keine physische Gewalt.

Max Göldi, der noch immer in Libyen festgehaltene Schweizer, ist trotz monatelanger Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit physisch unversehrt. Doch das, was er seit Monaten psychisch durchlebt, wird im Falle seiner Freilassung nicht einfach so vergessen sein und ist für uns, die wir nicht das Gleiche durchmachen, nur schwer verständlich. Er wird wohl für sein restliches Leben lang gezeichnet sein.

Auch die «alltägliche» Demoralisierung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe wie beispielsweise der Palästinenser in der Westbank und im Gaza-Streifen ist psychische Gewalt. Weil sie nicht sichtbar ist, fällt es vielen schwer, sie zu sehen, sie zu verstehen und sie im Falle eines juristischen Prozesses nachzuweisen. Aber sie findet statt, jeden Tag.

Wahrnehmung psychischer Gewalt

Die Liste an psychischer Gewalteinwirkung liesse sich noch beliebig erweitern. Wir sehen diese Gewalt nicht und sie lässt sich durch keine Kamera festhalten. Sie lässt sich auch nur schwer in Worte fassen und selbst wenn, dann müssen wir diesen Worten Glauben schenken, denn – wir sehen die Gewalt ja nicht…

Weil wir sie nicht sehen, weil sie sich nicht mit einem physischen Mittel eingefangen oder festgehalten lässt, geht sie oftmals unter.

Um sie trotzdem wahrnehmen zu können, gibt es nur ein Mittel: Einfühlungsvermögen.

Das gehört für viele in die Kategorie «Gefühlsdusselei». Sie verträgt sich schlecht in einer Welt, in welcher das Zeigen von Gefühlen eher als Schwäche und nur selten als Stärken gewertet wird.

Wen wundert es da, wenn Konflikte erst dann wahrgenommen werden, wenn physische Gewalt auftritt und wenn dann diese Konflikte auch nur mit physischen Mitteln gelöst werden sollen – statt mit der urmenschlichen Eigenschaft des Einfühlungsvermögens…

5 Antworten auf „Ein «gewaltiger» Irrtum“

  1. Auch nach zweimal durchlesen, habe ich Mühe mit diesem Artikel. Schon der Einstieg mit dem Wort „prügeln“, das doch nichts anderes als schlagen heisst, oder? Auch die Kritik am Begriff „genesen“. Die psychischen Schäden sind hier nicht mit inbegriffen, ja. Aber warum gehst du davon aus, dass sich dieser Mann von seinem seelischen Wunden nicht mehr erholen wird. Und warum soll es nicht positiv sein, wenn wenigstens die physischen Schäden behoben werden? Es erscheint mir fast, also ob du fändest, wer mit psychischen Schäden herumläuft, das gefälligst auch mit entstelltem Gesicht machen sollte. Arg zynisch, ich weiss. Aber ich möchte dir damit illustrieren, wie zumindest der erste Teil deines Artikels bei mir ankommt.
    Ja, physische Gewalt gegen Menschen ist immer auch psychische Gewalt. Psychische Gewalt hingegen ist nicht immer sichtbar. Da bin ich einverstanden.

  2. Ja es gibt manchmal so Artikel, zu denen man den falschen Einstieg erwischt und sie dann nicht oder gar missversteht. Du darfst den Artikel aber gerne noch ein drittes Mal lesen 🙂

    Zum Begriff «prügeln»: Prügeln tun sich zwei oder mehr Personen. Es setzt also eine Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen voraus. Von Auseinandersetzung kann aber nicht die Rede sein, es kam gar nicht dazu. Das Opfer wurde kaltschnäuzig mit Schlägen überfallen und hatte keine Chance zur Gegenwehr. Darum störe ich mich daran, dass mit dem Wort «prügeln» indirekt suggeriert wird, es hätte eine Auseinandersetzung gegeben. Nur: «Schlagopfer» macht sich medial eben schlecht…

    Zur Frage, warum ich davon ausgehe, dass sich dieser Mann von seinen seelischen Wunde nicht erholen wird, stelle ich Dir die Gegenfrage: Glaubst Du tatsächlich, dass wenn jemandem so etwas widerfährt, er sich gänzlich wieder davon erholt? Er hatte ja nicht einmal die geringste Chance, sich zur Wehr zu setzen…

    «warum soll es nicht positiv sein, wenn wenigstens die physischen Schäden behoben werden»: Ich habe mich nicht dagegen ausgesprochen, dass sie nicht «behoben» werden sollen. Aber von einer gebrochenen Nase – als Beispiel – bleibt nach einigen Wochen nicht mehr viel übrig. Die Umstände, die zu einer gebrochenen Nase geführt haben, können aber Monate benötigen, bis sie verarbeitet sind…

  3. Mir fällt dazu spontan ein, wie eine im Tod mindestens einer Person endende „häusliche Gewalt“ medial immer noch beschönigend zum „Beziehungsdrama“ verklärt wird.
    Mord und Todschlag bleiben doch ganz klar Mord und Todschlag.

    Bei dem Begriff „Prügeln“ bin ich eher Tinus Meinung. Der Begriff steht wohl für zwei Arten der Gewalt. „Sich Prügeln“ oder halt einseitig „eine Tracht Prügel beziehen“. Der Prügel = Knüppel, Stock.

    Doch eben, auch Worte können schlagen, und hinterlassen dabei wie erwähnt keine (oder schwer) sichtbare Spuren.

  4. Noch zum Thema “ sich davon erholen/ nicht erholen“. Mir geht es da auch um die Suggestivkraft deiner Formulierung. „Seine seelischen Wunden werden nie verheilen“ wird so zu „Niemand kann je seelische Verletzungen überwinden“. Diese pessimistische Sicht teile ich nicht.
    Aber ich glaube, auch du siehst das nicht so absolut. Wenn man deine Artikel liest, ist jedenfalls noch viel Lebensenergie drin, oder ?

  5. @ Bobsmile
    Ein Tracht Prügel erhält man wohin? Der Ort spielt bei manchen Begriffen schon eine Rolle… Und ein Prügel war auch nicht im Spiel.

    @ Tinu
    Jä so: Das ausgehende Beispiel und dessen Aussage des Nicht-heilen-könnens schlägt sich in Deinem Verständnis nieder auf die nachfolgenden Beispiele.

    Natürlich hast Du recht: Ich als psychologischer Laie, aber auch als mitfühlender Mensch, würde das nicht absolut für jede seelische Verletzung unterschreiben.

    Abhängig sind die «Heilungschancen» und der «Heilungsgrad» sicher von der Persönlichkeit, dem konkreten Fall/Ereignis und den jeweiligen Umständen. Da mute ich mir keine allgemeines Einschätzung zu, höchstens in Fällen, die so eindeutig erscheinen wie beim Mann oben.

    Festhalten möchte ich hierzu im Sinne des obigen Artikels nur, DASS es zu einer seelischen Verletzung gekommen ist. Ob sie dann heilbar ist oder nicht geht ins Thema «welche seelische Verletzung wiegt schwerer». Und bei diesem Abwägen müssen wir wohl beide die Hände von uns strecken…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.