Kultur, Religion, Mode

Ausländer erscheinen uns meistens fremd, weil deren Kultur – häufig auch noch geprägt durch eine andere Religion – zu unserer hiesigen Kultur stark abweicht. Dabei waren die Unterschiede nicht immer so gross…

Sie kennen die Szene bestimmt aus einem kitschig-romantischen Film: Sie und er stehen vor dem Traualtar und haben sich soeben das Ja-Wort gegeben. Er in einem schicken Anzug, sie natürlich von Kopf bis Fuss ganz in weiss, halbtransparente weisse Handschuhe inklusive. Nun folgt seitens Pfarrer jener Satz, welcher in solchen Situationen immer folgt: «Sie dürfen die Braut küssen.»

Den Schleier lüften

Die Fortsetzung ist Ihnen auch bekannt: Er lüftet ihren Schleier und küsst sie. Das sieht in der Realität dann in etwa so aus:

Ist Ihnen etwas aufgefallen? Nein?

Sagen wir es einmal andersrum – mit einem Reizwort: Bevor er ihren Schleier lüftet, steht sie – in Vollverschleierung da und zwar von Kopf bis Fuss (im Video oben muss sie wohl die Handschuhe abgelegt haben, damit der Ring passt 🙂 ).

Dieses Beispiel zeigt, dass auch wir in unserer christlich geprägten Kultur die Vollverschleierung kennen, nur nehmen wir sie nicht (mehr) als solche wahr.

Brauchtum vs. Religion

Allerdings: Das Ganze hat nichts mit dem christlichen Glauben zu tun. Vielmehr scheint es sich um einen Brauch aus der Zeit der alten Römer zu handeln:

«Haartracht und Schleier der Braut entsprachen denen der Vestalinnen (Anm.: Römische Priesterinnen) und waren somit Symbole der Jungfräulichkeit, aber auch der ehelichen Keuschheit», meint die Münchner Provinzialarchäologin Andrea Rottloff.

Der Schleier taucht aber auch im Alten Testament auf, welches sich ungefähr im zweiten Jahrhundert vor Christus im Alten Orient abspielte, also da, wo heute der Islam weit verbreitet ist:

Auch Rebekka blickte auf und sah Isaak. Sie ließ sich vom Kamel herunter und fragte den Knecht: Wer ist der Mann dort, der uns auf dem Feld entgegenkommt? Der Knecht erwiderte: Das ist mein Herr. Da nahm sie den Schleier und verhüllte sich.

Auch im Mittelalter spielte der Schleier noch immer eine Rolle. In dieser Epoche schien es üblich, dass unverheiratete Frauen ihre Haare zeigten, verheiratet jedoch verbargen.

Christliche Kopftuch-Tragpflicht!

Währenddem im Islam eher umstritten ist, ob eine Frau sich nun zu verhüllen brauche, spricht die Bibel Klartext:

Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen.

Das steht so im ersten Brief an die Korinther (Neues Testament, Kapitel 11, Verse 5 und 6) und bezieht sich auf «das Verhalten der Frau im Gottesdienst». Daran hält sich heute allerdings kaum mehr jemand.

Und in den Versen 13 und 14 gibt es noch eins oben drauf:

Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet? Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande, für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben.

Übrigens, würde man Vers 9 wortwörtlich nehmen, wäre die Gleichstellung von Mann und Frau aus biblischer Sicht völlig falsch:

Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.

Aha.  (An dieser Stelle folgt betretenes Schweigen…)

Noch heute gängig

Wenn wir nochmals einen geschichtlichen Sprung machen und zwar diesmal in die jüngere Vergangenheit, dann ist da der Schleier – oder das historisch auch als Synonym verstandene Kopftuch – in unseren Breitengraden auch nicht so unbekannt, wie das heute einige meinen.

So trägt selbst die britische Königin Elisabeth II. schon mal ein Kopftuch – und dies ohne gleich zum Islam konvertiert zu sein:

Filme aus den 50er oder 60er Jahren des letzten Jahrhundert machen uns deutlich, dass das Tragen eines Kopftuches etwas durchaus Normales war, so wie das beispielsweise bei Sophia Loren in «It Started in Naples» (Es begann in Neapel) der Fall war:

Selbst heute darf man wieder Kopftuch tragen, wie dieses Video hier zeigt (welches leider nicht direkt eingebunden werden kann).

Neu-modische Päpste

Wie oben nur sehr schemenhaft gezeigt, haben sich die Funktion und die Bedeutung des Schleiers oder Kopftuchs gewandelt von einem kulturellen, symbolischen und später religiösen Objekt hin zu einem modischen Accessoire.

Vieles deutet darauf hin, dass – obschon der Grad der Verschleierung und die Trage-Dauer unterschiedlich waren – die Funktion und Bedeutung des Kopftuchs in allen Kulturen in etwa die gleiche war, nämlich als Schutz vor den Blicken Dritter.

Warum das so war, kann an dieser Stelle nicht genau beantwortet werden. Da aber auch bei uns noch vor nicht allzu langer Zeit Gefühle bei einer Eheschliessung nicht eine so wichtige Rolle spielte, wäre es denkbar, dass man damit eine mögliche Rückweisung einer Frau aus visuellen Gründen ausschliessen wollte… 😉

Je säkularer und je (materiell) wohlhabender der jeweilige Kulturkreis ist, desto weniger spielt das Kopftuch heute noch eine Rolle. Da viele nicht mehr zu einer Religionsgemeinschaft angehören, trägt auch aus religiösen Gründen niemand mehr ein Kopftuch, ausser ein Papst verordnet es – ein «Mode-Papst»…

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Lese-Empfehlung

9 Antworten auf „Kultur, Religion, Mode“

  1. Diesen informativen Beitrag über weibliche Haarverhüllung habe ich sehr gern gelesen,
    lieber Titus 🙂
    Kopftuch kenne ich übrigens gut von Ferien, in denen tägliches Haarewaschen nicht drin lag oder zum Schutz vor der Sonne.
    Geheiratet habe ich dann allerdings ohne Schleier 😉

    Herzlich, unverhüllt und mit vollem Haar
    grüsst
    Hausfrau Hanna

    @Zappadong
    „Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen.“

    Es müsste ja nicht gleich eine Kahlschur sein – ein raspelkurzer Haarschnitt würde Ihnen prima stehen 😉

  2. @ Frau Zappadong
    Ich bin seinerzeit ausgetreten mit der Absicht, mich erst einmal etwas intensiver mit den verschiedenen Welt-Religionen auseinanderzusetzen, Christentum eingeschlossen (Sonntagsschule & Co sind ja ganz nett, aber…). Geschafft habe ich es allerdings bis heute nicht. Nichtsdestotrotz hatte ich kürzlich den gleichen Gedanken…

    Männer dürfen beim Gottesdienst übrigens nichts auf dem Kopf tragen…

    @ Hausfrau Hanna
    Auch Männer tragen schon mal ein Kopftuch, dann aber weniger zum Schutz von fremden Blicken als vielmehr zum Schutz vor der Sonne. Gestern trug ich übrigens auch eins, weil ich Möbel umstellte und das eine ziemlich schweisstreibende Angelegenheit war… 😉

  3. titus:
    und wir führen eine „burka- debatte“, eine „diese- muslimischen meitli- wollen- nicht- in- den- schwimmunterricht- debatte“, eine „minarett- debatte“….

  4. @titus: Ich bin ausgetreten, weil ich
    a) nicht an Gott glaube
    b) Religionen (alle) für die Ursache der meisten Kriege halte

    Weshalb ich mir seit kurzem Gedanken über einen Wiedereintritt mache: Ich werde in Kirchen von einer Ergriffenheit befallen, die ich nicht verstehe – sie ist einfach da. Mehr ist da noch nicht. Meine Familie hat mich für verrückt erklärt, aber ich lasse das Gefühl jetzt mal wirken.

    Ein ganz starker Moment, den ich kürzlich erlebt habe: Ich habe den Dokumentarfilm La Fortresse (oder so ähnlich, mag jetzt grad nicht googeln gehen) gesehen und da ist ein protestantischer Pfarrer weit über seine Schmerzgrenze gekommen. Ich habe dabei geheult wie ein Hund. Ist mir total eingefahren. Und ich habe mir gedacht: Wenn der so (ver)zweifeln darf, darf ich auch …

    Und dann habe ich kürzlich noch ein Buch gelesen, einen grässlich guten Thriller (http://twurl.nl/31qb4s) mit einem strenggläubigen Katholiken als Ermittler. Der hat ein paar Dinge gesagt, die mir neue Wege gezeigt haben.

    @andré: Warum so sarkastisch?

  5. @ frau zappadong:
    kein sarkasmus, sondern bloss die feststellung, dass wohl die eine oder andere freiwillig, bewusst, identitätsstiftend, stolze, religiöse verschleierte frau diesem diskurs einen etwas anderen touch – pardon – schleier überziehen würde. — die stärke des posts von titus dürfte wohl sein, dass uns wieder einmal vorgeführt wird, welch teils absurde stellvertreter- diskussionen wir „westler“ unter dem titel aufgeklärter mensch führen

  6. @ Frau Zappadong / André
    Noch bevor hierzulande überhaupt jemand von Muslimen sprach und als in unseren Schulen der Schwimmunterricht aufkam, wurden Mädchen ja auch schwanger, wenn sie daran teilnahmen…

    Ja, Ziel dieses Beitrags war es, den Fokus allgemein etwas zu öffnen und auch unsere eigene Kultur, von welcher viele als «die Richtige» überzeugt sind, nicht aussen vor zu lassen.

    Wichtig erscheint mir dabei nicht das Tragen einer bestimmten Kleidung an sich, sondern die Haltung, mit welcher man diese Kleidung trägt. Dazu scheint es viele Irrtümer zu geben, hüben wie drüben…

    Übrigens, wenn wir schon beim Fokus-öffnen sind: Anlässlich der letzten Volkszählung aus dem Jahr 2000 gaben knapp 18’000 Personen an, einer jüdischen Gemeinschaft anzugehören. Aber knapp 132’000 gehörten der christlich-orthodoxen Kirche an. Von diesen spricht niemand…

  7. Danke, Titus, für das Zusammentragen der Fakten.
    Als ich letztes Jahr 3 Wochen in Albanien unterwegs war, habe ich übrigens mehr Katholikinnen gesehen mit Kopftuch als Muslimas. Insbesondere am Sonntag, auf dem Weg zum Gottesdienst, trugen sie tatsächlich ein Kopftuch.

  8. Oppps, Dein Kommentar ging bei mir völlig unter, pardon!

    Die Kommunisten trugen sicher auch dazu bei, dass Kopftücher eben nicht als religiöse Symbole getragen werden durften… Interessant hierzu ist auch dieser Abschnitt aus der Wikipedia über die Religionen in Albanien (sofern dessen Aussage repräsentativ ist).

    Hieraus einen Auszug: «Wie schon in den Zeiten vor dem Religionsverbot ist die gegenseitige Akzeptanz und Toleranz unter den Anhängern der alteingesessenen Religionen sehr hoch. Zum Teil werden religiöse Feste gemeinsam gefeiert und auch religiöse Stätten anderer Gemeinschaften aufgesucht. Ehen zwischen Christen und Muslimen waren schon zu Zeiten des Sozialismus für beide Seiten kein Problem und sind in Albanien immer noch an der Tagesordnung.»

    Klingt nach einem Vorbild im gegenseitigen Umgang mit Andersgläubigen.

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