Vielen Dank, André!

André Marty berichtet. Das galt bisher für den Nahen Osten. Doch nun verlässt er die Region und zieht eine eher negative Bilanz als Nahost-Blogger. Ist sie das wirklich?

Es muss wohl irgendwann in den 1980er Jahren gewesen sein, als ich zum ersten Mal die Telefonstimme am Radio zur Kenntnis nahm, welche über den Nahost-Konflikt berichtete.

Mit Ausnahme der Begriffe «Israel», «Palästinenser» oder «Arafat» nahm ich den Inhalt nicht wahr, vermutlich war ich einfach noch zu jung um ihn zu verstehen. Geblieben ist einzig diese Stimme – wem sie auch immer gehören mochte – die für meine jungen Ohren damals ziemlich monoton klang, was aber gewiss auch an den damaligen technischen Mitteln lag.

Anfänglich uninteressant

Und weil diese Stimme relativ häufig zu hören war und sie für mich als Kind oder Jugendlicher nicht interessant klang, hörte ich bald überhaupt nicht mehr hin und zwar auch dann nicht, als ich durchaus in der Lage gewesen wäre, die Ereignisse zu verstehen, über welche da berichtet wurde.

Natürlich habe ich später von diesem, wie auch von vielen anderen Konflikten «Kenntnis genommen», sprich: Beim einen Ohr rein und beim anderen wieder raus.

Richtig wahrgenommen habe ich den Nahost-Konflikt erst, als ich auf andremarty.com stiess, den privaten Blog des SF-Nahostkorrespondenten André Marty. Das war wohl irgendwann im 2008.

Was ich da erzähle, ist eigentlich erschreckend. Aber es ist die Wahrheit, eine Wahrheit die eben auch ausdrückt, wie wenig wohl nicht nur ich, sondern auch viele andere «immun» geworden sind gegenüber Themen, die technisch bedingt nur als Monolog vermittelt werden.

Doch es geht nicht alleine um den Monolog. Es geht auch darum, wie bewusst wir Medien konsumieren, welche bislang nur einen Monolog erlaubten. Stellen Sie sich beim fern sehen bewusst die Frage, ob Sie gerade etwas schauen, das real passiert oder nur frei erfunden ist oder ob das nur eine Show oder das reale Leben ist, das da in Ihr Wohnzimmer flimmert?

Interaktion

Ich stelle mir diese Frage nicht. Brad Pitt konkurriert quasi auf gleicher Ebene mit Susanne Kunz und André Marty. Natürlich wissen wir zu unterscheiden, aber nehmen wir diesen Unterschied auch bewusst war – bevor wir weiterzappen?

Dank andremarty.com kann ich diese Frage definitiv bejahen. Ein Blog, eine Diskussionsplattform und ein Korrespondent, der dann und wann auch eine Antwort auf einen Kommentar oder eine Rückfrage schreibt.

Es mag komisch und zugleich traurig klingen, aber erst dank dieser Interaktion, dank der Möglichkeit des Dialogs und den dabei individuellen Reaktionen und Antworten hebt sich für den Zuschauer die Berichterstattung über den Nahen Osten von Spielfilmen oder Quizshows ab.

Damit hatte André Marty bei mir Interesse für den Nahen Osten geweckt. So warte ich beispielsweise gespannt auf die kommenden Zahlen von Paltrade, welche aufzeigen sollten, wie es denn tatsächlich steht mit der Aufhebung der Gaza-Blockade.

Oder war diese Ankündigung auch wieder nur eine PR-Massnahme, um die Gemüter in aller Welt nach dem Gaza-Flottille-Debakel zu beruhigen? Denn auch das habe ich gelernt: Es läuft viel Fragwürdiges ab, um die so genannte «öffentliche Meinung» zu beeinflussen.

Einiges hinzu gelernt

Dabei bin ich schon längst dazu übergegangen, diese «Methode» auch in anderen Konflikten zu suchen, selbst hierzulande und selbst wenn es nicht um gewalttätige Konflikte geht. Insofern kann diese Form der Kommunikation «à l’israélienne» auch ein gutes Lehrstück sein, vermittelt dank André Marty.

Gelernt habe ich auch, dass die in Tel Aviv echt ein Parkplatz-Problem haben. Damit will ich mich weder über Tel Aviv noch über die verschiedenen Beiträge zu diesem Thema lustig machen. Ich will damit nur aufzeigen, dass eben auch Themen aus dem Alltag zur Sprache kamen – und nicht etwa nur der Nahost-Konflikt an sich.

Dieser Aspekt ist nicht zu unterschätzen. «Wir Europäer», die wir normalerweise immerzu nur vom Konflikt hören und wohl nur selten in den Nahen Osten reisen, können uns sonst kaum ein Bild vom ganz normalen Alltag machen. Oder aber wir machen uns ein völlig falsches Bild. Den ganz normalen Alltag – in den klassischen Medien findet er leider nur sehr selten Platz.

Dieser ganz normale Alltag hilft auch zu unterscheiden und zu verstehen. So macht er beispielsweise auch die Zerrissenheit deutlich, welche beide Konfliktparteien innerhalb ihres jeweiligen Gebiets und innerhalb ihrer jeweiligen Religion ausgesetzt sind.

Ungerechtfertigte Vorwürfe

Auch wenn André Marty immer wieder eine anti-israelische Haltung vorgeworfen wurde, so haben mich seine Beiträge nie zum kategorischen Freund oder Feind des Einen oder des Anderen gemacht. Vielmehr glaube ich verstanden zu haben, dass die Dinge eben nicht einfach nur schwarz/weiss gemalt werden dürfen, weil es eben auch ganz verschiedene Nuancen von Grautönen gibt – auf beiden Seiten.

Mit Fokus auf die Schweiz vermochten mich seine Beiträge auch immer wieder gedanklich anzuregen. Als Beispiel: Wir können uns darüber wundern, weshalb sowohl in Israel als auch im Gaza-Streifen jeweils Vertreter der konservativen Ansichten gewählt wurden, welche sich bekanntlich mit einer friedlichen Lösung des Konflikts schwer tun.

«Wie kann man nur, wenn die doch endlich Frieden wollen», so in etwa ein möglicher Grundtenor. Nur: Wie erklären wir Schweizer dem Ausland, weshalb bei uns so viele konservative Politiker gewählt wurden? Und wie erklären wir dem Ausland den Minarett-Entscheid?

Gewiss, die Ausgangslage ist in beiden Ländern/Regionen unterschiedlich. Doch dieses Beispiel zeigt, dass sich gewisse Dinge eben nicht immer so einfach erklären lassen – weder für Israel oder den Gaza-Streifen noch für die Schweiz. Darum sind Vorwürfe über die eine oder andere Entscheidung immer heikel, zumindest so lange, wie man eben auch nicht alles kennt und versteht.

Mehr als nur Naher Osten

Und schliesslich haben mir die von André Marty vermittelten Einblicke über den Nahen Osten auch erlaubt, die Berichterstattung über Konflikte in anderen Regionen mit ganz anderen Augen zu sehen.

In diesen Regionen gibt es in der Regel keinen bloggenden Korrespondenten, der einem etwas aus dem Alltag heraus erzählt, der einem die «kommunikativen Machenschaften» der örtlichen Regierung aufzeigt oder der einem die Konflikte innerhalb einer Bevölkerungsgruppe verdeutlicht.

Doch wie ich heute auch im Falle des Nahen Ostens weiss, sind die Dinge eben nicht immer so, wie sie vordergründig erscheinen. Und das gilt wohl weltweit für alle Konflikte.

Alles in allem, sieht meine Bilanz über André Martys Blogger-Aktivität im Nahen Osten durchwegs positiv aus. Vielen Dank, André!

Darum warte ich auf jeden Fall gespannt aufs «uf wiederluege»…

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