Ein schmieriges Geschäft

BP vermeldet einen Erfolg beim Auffangen des austretenden Erdöls im Golf von Mexiko. Derweil geht die Umweltverschmutzung andernorts weiter – und kaum jemand schaut hin…

BP und die für Tiefseebohrungen zuständige Aufsichtsbehörde der USA stehen seit Monaten fürs Debakel im Golf von Mexiko in der Kritik. Alle Welt blickt dahin. Live-Streams erlauben sogar, sich die Katastrophe von zu Hause aus anzuschauen. Denn: Was man heutzutage nicht sieht, findet für viele leider auch nicht statt.

Andere «Lecks»

Da ist es gut zu hören, dass dieses «Leck» nun keines mehr sein soll. Allerdings: Es ist nur eines unter vielen. In anderen Fällen schaut keiner hin, da gibt es schliesslich auch kein Live-Stream.

Dazu gehört beispielsweise die unglaubliche Umweltverschmutzung im Niger-Delta vor Nigeria. Weder bei Greenpeace (Schweiz) noch beim WWF (Schweiz) scheint das (online) ein Thema zu sein. Das erweckt schon fast den Verdacht, dass die mangelnde Medienwirksamkeit Grund dafür sein könnte…

Einzig Amnesty International (Schweiz), eigentlich eine Menschenrechts- und keine Umweltschutzorganisation, kämpft schon seit einiger Zeit an dieser Front und zwar vor allem weil die Verschmutzung an sich zu Menschenrechtsverletzungen führt .

Um zu verdeutlichen, worum es dabei wirklich geht, sei – mangels Livestream-Bildern… – der nachfolgende (eingekaufte) «10vor10»-Beitrag von gestern gezeigt:

Eine schmierige Sache, nicht nur des Erdöls wegen, sondern weil eine solche Katastrophe häufig erst deshalb möglich ist, weil Menschen «geschmiert» werden.

Ein Teufelskreis mit westlichem Antrieb

Es wäre jedoch zu einfach, nur einigen «Geschmierten» die Schuld in die Schuhe zu schieben, denn das Ganze ist ein Teufelskreis: Politische und ethnische Wirren über Jahre hinweg führen zu einer instabilen Wirtschaftslage. Diese wiederum führt zu Armut und Armut fördert die Korruption. Letzteres ist eine schlechte Voraussetzung für politische Stabilität.

Ein Kreis dreht sich aber nur mit entsprechendem Antrieb. Und dieser hat nichts mit Nigeria und der dortigen politischen oder wirtschaftlichen Lage zu tun.

Es sind einerseits wir Industrienationen, welche mit unserer Nachfrage das ganze Debakel ermöglichten. Und es ist unsere Wirtschaftkultur, welche ertragsgierige Erdölfirmen wie Shell nach Nigeria trieben – ohne dass diese die dortige Bevölkerung für den geraubten gewonnenen Rohstoff korrekt entschädigte.

Taucht dann noch ein Nigerianer bei uns als Flüchtling auf, sei es aus politischen oder aus wirtschaftlichen Gründen, schickt unser Land ihn am liebsten gleich wieder zurück. Dabei stehen wir vermutlich in sehr vielen Fällen in deren Schuld…

Jeder kann persönlich etwas tun

Keiner hat sich seine Herkunft und damit auch das System, zu dem er gehört, selber ausgesucht. Uns steht aber die Möglichkeit zur Verfügung, mit gezielten Handlungen eine Veränderung zu erwirken, auch wenn das nicht von heute auf morgen geschehen wird.

Das kann sein, indem der eigene Erdölverbrauch hinterfragt und wo möglich gar gänzlich eingestellt wird. Oder es kann sein, indem man sich seinen Erdöl-Lieferanten gerade auch in Sachen Umwelt (wozu auch die Menschen gehören) genauer anschaut.

Vielleicht reicht es sogar für einen Protestbrief ans Aussendepartement mit der Bitte, Staaten wie Nigeria in ihrer demokratischen und wirtschaftlichen Entwicklung noch stärker zu unterstützen.

Ein Anfang ist aber schon gemacht, indem wir regelmässig und ernsthaft hinschauen, auch wenn da kein Livestream eine quirlig-sprudelnde Quelle in unsere Stuben zu portieren vermag.

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4 Antworten auf „Ein schmieriges Geschäft“

  1. Es hat mit der täglichen Reizüberflutung zu tun, der alle News Konsumenten ausgesetzt sind. Es hat mit der empfundenen Machtlosigkeit zu tun. Schrecklich, hoffentlich unternimmt jemand etwas. Schrecklich, was weit weg von uns passiert, zum Glück finden bei uns keine Tiefseeborungen nach Öl statt. Na, da sollen BP und Obama mal ein paar Überstunden machen, damit das Ölleck geflickt werden kann.
    Vergleiche ich die emotionale Erregung der Leute bei den Themen „Abzocker“ und „Boni-Vorteile“ sind die Leute offensichtlich ganz anders davon berührt. Ist ja klar, diese schreiende Ungerechtigkeit findet vor der eigenen Haustür statt. Rare Energie wird für Leserbriefe und andere Aktivitäten frei gemacht. Das darf nicht sein, das MUSS ändern.

    Ölleckprobleme, solange wir schwitzen und der Winter noch „weit“ weg ist, ein Problem das die Emotionen nicht Hochkochen lässt.

  2. Mit der News-Reizüberflutung bin ich mir nicht so sicher. Ich stelle nämlich auch immer wieder fest, dass überall in etwa das Gleiche steht… Variieren tun höchstens die «Experten», von denen entweder alle auch das Gleiche sagen (um sich später dann nicht alleine rechtfertigen zu müssen, weshalb sie völlig daneben lagen) oder sie sagen alle etwas völlig anderes (das fällt dann auch nicht auf, wenn sie daneben lagen, denn es haben ja viele andere auch etwas anderes gesagt und damit daneben gelegen…).

    Die Betroffenheit hingegen spielt sicher eine Rolle. Die kann auch geweckt werden. Der Livestream ist dafür ein gutes Beispiel. Eine Webcam der ölverschmutzten Ufer habe ich hingegen nirgendwo gesehen oder mitbekommen. Ist halt auch nicht so attraktiv, einem Vogel zuzuschauen, wie er ölverschmiert und abgekämpft am Boden den Tod abwartet 🙁

    Beim «ist ja weit weg» bin ich mir auch nicht sicher. Die Welt ist mitunter dank Internet zu einem Dorf geworden. Haiti ist auch weit weg, die Betroffenheit der Erdbebenopfer war trotzdem gross. Es kommt halt eben immer auch darauf an, wo die Chefredaktoren der Mainstream-Medien den Hebel ansetzen. Die setzen ihn eben meistens bei jenen Themen an, welche (vordergründig) am meisten Mediennutzer versprechen…

    Schliesslich aber dürfte auch unsere Bequemlichkeit (angefangen vom Nicht-unternehmen bis hin zum Wegschauen) eine Rolle spielen…

  3. Klar, ist es nicht weit weg dank den Live-Medien.. Weit weg habe ich als „mentale Distanz“ angedacht. Menschliche Tragödien in Thailand oder Haiti lösen rascher und „mental greifbarer“ einen Impuls aus, der Hilfe frei schaltet. Bei den „armen Amerikanern“ am Golf ist sicher die Hürde höher, weil ja von riesigen Entschädigungsummen von BP zu lesen ist und sonst ja die „reiche“ US-Regierung zuständig ist.

    Beide Punkte sind auch gegeben, aber in welchem Umfang und wann es greift sind völlig offene Fragen. Es gibt schon viele tragische Versorgungssituationen, die gar nicht zum Weltmacht-Image passen.

  4. Ich versteh‘, was Du meinst. Und manchmal haben wir alle eine «Mauer im Kopf», welche noch mehr Distanz schafft bzw. eine (mentale) Annäherung verunmöglicht.

    Zu den Entschädigungssummen: Da wundere ich mich immer wieder, wie man zerstörtes Leben – und seien es auch «nur» Tiere und Pflanzen – in Zahlen fassen kann. Schon noch irgendwie praktisch, wie man heutzutage für alles mit einer Kreditkarte zahlen kann…

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