Alarmierung in Ausnahmesituationen

Subjektiv empfunden treten in unserer Gesellschaft immer häufiger mehr oder weniger bedrohliche Ausnahmesituationen einen. Derweil haben sich die Informationskanäle, welche die Bevölkerung darüber informieren könnten, nicht weiterentwickelt. Es fehlt am Bewusstsein des Informationsbedürfnisses und am politischen Willen.

Medien sind genau so schnell, wie sie genutzt werden. Die Schnelligkeit, mit welcher sie genutzt werden, hängt auch damit zusammen, wie alarmierend sie sich bemerkbar machen.

Eine Zeitung beispielsweise alarmiert den Nutzer überhaupt nicht. Auch Fernseh- oder Radiogeräte leuchten oder blinken nicht plötzlich auf, nur weil irgendwo auf der Welt irgendetwas Schreckliches passiert ist. Den Zeitpunkt der Nutzung bestimmt der Nutzer quasi nach freiem Ermessen. Darum verbreiten sich über diese Medien bereitgestellte Informationen eher langsam.

Schnell, schneller, am schnellsten

Anders hingegen beim Medium Telefon. Durch einen Klingelton oder ein Vibrieren alarmiert es den Besitzer über einen eingehenden Anruf. Ähnlich ist es bei einem Handy beim Empfangen eines SMS oder eines MMS.

Natürlich obliegt es immer noch dem Nutzer, ob er auf diese Signale reagieren will. Doch gerade wegen der akustischen oder vibrierenden Alarmierung ist davon auszugehen, dass die über diese Medien übermittelten Informationen relativ schnell konsumiert werden (können).

Schliesslich gibt es noch Medien, deren Nutzung einem gewollt aufgedrängt wird. Dazu zählen zum Beispiel jene Autoradios, welche sich automatisch einschalten, sobald eine Verkehrsmeldung durchgegeben wird. Hier erfolgt der Konsum einer Information sofort – aber natürlich nur, sofern man überhaupt zuhört…

Stellen Sie sich nun einmal vor – auch wenn wir uns das nicht wünschen – dass ein Staudamm bricht. Die Behörden hätten relativ leichtes Spiel, die Bevölkerung darüber zu informieren. Zum einen verfügen sie über das Recht, laufende Sendungen der Rundfunkanstalten zu unterbrechen, um die Zuhörer oder Zuschauer über eine derartige Bedrohung zu informieren.

Da aber – wie eingangs erwähnt – sich Informationen über diese Kanäle nur so schnell verbreiten, wie sie auch genutzt werden, reicht das nicht. Bei wem läuft schon vierundzwanzig Stunden am Tag das Radio- oder Fernsehgerät und wer hört oder schaut auch noch aufmerksam zu?

Darum gibt es in diesem Fall auch ein Medium, über welches einem eine Information ähnlich aufgezwungen wird wie bei den sich selbst aktivierenden Autoradios bei Verkehrsmeldungen: Die Alarmsirenen.

Letztere sind schweizweit installiert und werden noch heute jährlich am ersten Mittwoch im Februar um 13 Uhr 30 getestet. In gewissen Dörfern kommen auch im Falle eines Grossbrands Alarmsirenen zum Zug. Und in früheren Jahren waren es die Kirchenglocken, welche Sturm läuteten, wenn ein Ereignis mit grosser Tragweite vorlag.

Altbackenes Alarmierungsverständnis

Stellen Sie sich nun einmal vor – auch wenn wir uns das ebenfalls nicht wünschen – dass ein Amokläufer, bewaffnet bis an die Zähne und zu allem bereit – durch Ihren Wohnort zieht oder dass ein solcher mutmasslich durch Ihren Wohnort zieht.

Da ertönt oder klingelt heute gar nichts. Nur wer gerade aktiv ein klassisches Medium wie Radio oder Fernsehen nutzt, hat eine Chance, über ein solches Ereignis informiert zu werden, sofern über diese Medien die fragliche Information, von einer Behörde bestätigt, überhaupt verbreitet wird.

Dabei wäre es in einem solchen Fall besonders wichtig, die Bevölkerung schnell zu informieren, könnten doch durch ein entsprechendes Verhalten seitens Bevölkerung (zum Beispiel dem Meiden bestimmter Orte, das Abschliessen von Türen usw.) weitere Opfer vermieden werden.

Es ist erstaunlich, dass man hierzulande zwar bestens dafür organisiert ist, die Bevölkerung unüberhörbar zu informieren, wenn eine «klassische» Bedrohung wie ein kriegerischer Angriff, ein Staudammbrauch oder ein Brand eintritt.

Aber in allen anderen Fällen gibt es keine Mittel, anhand welchen uns Informationen zu Ereignisse mit bedeutender Tragweite aktiv aufgedrückt werden.

Natürlich kann man nun argumentieren, dass die genannten, heutigen Alarmierungsmöglichkeiten genügen, weil sie alle wirklich grossen Ereignisse abdecken. Andererseits kann man sich aber auch fragen, was heute wahrscheinlicher ist: Ertrinken wegen eines Staudammbruchs oder Sterben im Kugelhagel eines Amok-Läufers?

Diese Gegenüberstellung erscheint vielleicht auf den ersten Moment grotesk. Trotzdem müssen wir uns auch eingestehen, dass wir schon längst in einer Welt leben, in welcher mehr eintritt als nur die bereits genannten «klassischen» Bedrohungen, zu welchen gemäss Nationaler Alarmzentral (NAZ) der ebenfalls wenig wahrscheinliche Fall des Absturzes eines Satelliten gehört… (kein Witz!)

Demgegenüber haben sich die Alarmierungsmöglichkeiten nicht wirklich weiter entwickelt. Die heutigen Möglichkeiten für die altbekannten Bedrohungen werden hier nicht in Frage gestellt. Aber sie reichen nicht mehr aus.

Verschiedene Bedürfnisse

Es mutet auf jeden Fall bizarr an, dass man sich heutzutage beispielsweise in der Stadt Biel per SMS über die nächste Altpapier-Sammlung in seiner Strasse informieren lassen kann. Über wesentlich bedeutendere Ereignisse, wie zum Beispiel ein bewaffneter, 67-jährige Rentner, dessen Standort unbekannt ist und der einem somit jederzeit auf der Strasse mit der Waffe in der Hand begegnen könnte, wird man hingegen nicht aktiv informiert.

Ähnlich ist es mit anderen Ereignissen mit grosser Tragweite wie beispielsweise drohenden Unwettern, Stromunterbrüchen oder Entführungen. Nicht immer muss dabei eine direkte Bedrohung gegeben sein, wie das Beispiel eines Stromunterbruchs zeigt.

Für den Filialleiter eines Grossverteilers – um nur ein Beispiel zu nennen – wäre es aber schon von Vorteil zu wissen, ob mit einem längeren Unterbruch zu rechnen ist und er seinen Laden schliessen und seine Mitarbeiter nach Hause schicken soll oder nicht. Eine via SMS verschickte Information könnte zudem Spekulationen über die möglichen Ursachen im Keim ersticken.

Sie werden nun vielleicht einwenden, dass es doch bereits verschiedene SMS- und ähnliche Dienste gibt, welche genau in Richtung der Alarmierung über ein grösseres Ereignis gehen.

Das ist zwar richtig. Der Haken an der Sache liegt aber oftmals bei der Trägerschaft, welche häufig privater Natur ist. Deshalb können Zweifel an der Unabhängigkeit einer Dienstleistung, welche teilweise auch noch kostenpflichtig ist, nicht ganz ausgeschlossen werden.

Wer sich über bedeutende, nationale oder internationale Ereignisse informieren lassen will, kann das zum Beispiel mittels «SMS-Flash» bei SWISS TXT tun. Kostenpunkt: Ab 50 Rappen pro SMS. Was dabei als «bedeutend» gilt, ist aber nicht immer klar.

Der Gewinn einer Goldmedaille an den Olympischen Spielen ist zwar eine gefreute Sache, gehört aber nicht dazu. Trotzdem gab es deswegen auch schon entsprechende SMS. Hingegen kann die Information über eine Bombendrohung in einem Bahnhof schon mal ausbleiben. Es ist somit kein verlässliches Mittel, immer über die wirklich wichtigsten Ereignisse informiert zu sein.

Wer sich über heranziehende Unwetter informieren lassen will, kann dies beim «Wetteralarm» tun. Hier kosten die SMS zwar nichts, die Dienstleistung wird jedoch von Privaten, namentlich von Versicherungen getragen, welche ein vitales Interesse an möglichst wenig Schäden haben.

Daneben gibt es aber auch noch die weniger bekannten, ebenfalls kostenlosen Wetterwarnungen per SMS seitens MeteoSchweiz, dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie.

Die doppelte Existenz eines Unwetter-Alarmdienstes macht wenig Sinn. Man erkennt darin allerdings, dass sich private Versicherer und die staatliche MeteoSchweiz nicht einig darüber sind, wann denn nun Alarm zu schlagen ist.

Für uns als potentiell Betroffene ist das sicher kein Gewinn. Es hinterlässt vielmehr Zweifel über die Glaubwürdigkeit eines Alarms des Einen oder des Anderen.

Was lange währt…

Aufgrund einer Motion des damaligen Ständerats und heutigen Bundesrats Didier Burkhalter, ausgelöst durch die Entführung und schliesslich der Ermordung der damals 16-Jährige Lucie Trezzini, soll es auch ein Entführungsalarmsystem geben.

Via SMS, MSS, Radio, TV sowie an Bahnhöfen und Flughäfen soll im günstigsten Fall über eine Entführung informiert werden. Das Parlament hatte dieser im Dezember 2008 eingereichten Motion bereits vier Monate später zugestimmt. Auch war von einer «raschen Einführung» seitens Rechtskommission des Nationalrats die Rede.

Das Thema ist nicht neu und lag schon seit Mitte 2007, als Ylenia Lenard entführt wurde, auf dem Tisch der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD). Doch erst die ständerätliche Motion scheint hier einen neuen Anstoss gegeben zu haben. In der Folge wurde beschlossen, das ganze Projekt gemeinsam zwischen Bund und Kantonen umzusetzen, denn schliesslich liegt die Polizeihoheit auch bei den Kantonen.

Nach einer Ankündigung Mitte Oktober 2009 seitens KKJPD, wonach dieses Entführungsalarmsystem «kurz vor dem Start» stehe, folgte Ende 2009 die Bestätigung der definitiven Einführung per 1. Januar dieses Jahres.

Allerdings: Dieses System schliesst im Moment erst Minderjährige und noch keine Erwachsene ein. Zudem soll die Alarmierung über SMS (welche auch nur einen Internetlink enthalten sollen) «im Verlauf des Jahres 2010» erfolgen und dies auch nur für jene, welche sich vorher freiwillig haben registrieren lassen.

Das Beispiel des Entführungsalarms zeigt, dass zwar auf nationaler Ebene ein politischer Wille vorhanden ist, dass dieser aber bei der Umsetzung auf kantonaler Ebene fehlt, also dort, wo sich die Polizeihoheit befindet.

Es brauchte über drei Jahre, um eine so selbstverständliche Sache wie einen Entführungsalarm halbwegs zum Laufen zu bringen.

Mit diesem wohl für viele unbekannten Signet soll in Zukunft über die Entführung
von Minderjährigen (später auch Erwachsenen) informiert werden.

Gesamtschweizerische Lösung

Es wird wohl noch Jahrzehnte brauchen, bis nur schon das Bewusstsein gewachsen ist, die Bevölkerung auch für andere Ereignisse mit grosser Tragweite zu informieren. Sie betreffen vielleicht nicht gleich viele Menschen wie nach dem Verständnis der bisherigen Bedrohungen. Aber deren Eintretenswahrscheinlichkeit ist – leider – grösser.

Eine Umsetzung möglicher Lösungen dürfte nochmals Jahre in Anspruch nehmen. In zu vielen Köpfen markieren noch immer meterhohe Mauern die Kantonsgrenzen. Und in zu vielen Köpfen scheint das Bewusstsein noch immer nicht gereift zu sein, dass die als Beispiel genannten Ereignisse vor der eigenen Kantonsgrenze keinen Halt machen.

Aber vielleicht nimmt ja auch der Bund das Heft in die Hand und schafft ein modernes System, mit dem die Bürgerinnen und Bürger aktiv, dem Ereignis, dem örtlichen Auftreten und den heutigen Kommunikationsmitteln entsprechend sachlich und unabhängig informiert werden können.

Andernfalls decken private Unternehmen das Bedürfnis der Bevölkerung nach Informationen im Falle von ausserordentlichen Ereignissen ab. Und ob diese immer sachlich, unabhängig und auch kostenlos informieren, ist keinesfalls sichergestellt.

6 Antworten auf „Alarmierung in Ausnahmesituationen“

  1. Ich soll also wegen jeder Entführung, jedem Sturm und wegen allem, das die zuständigen Behörden für wichtig halten, per SMS alarmiert werden.

    (ALLE Behörden halten Dinge in ihrem Zuständgkeitsbereich für wichtig.)

    Immer auf Draht, immer über alle Untiefen des Lebens informiert…
    Was soll ich dann unternehmen?
    Ja ich weiss: Händy fortwerfen. 😉
    Es würde ständiger Alarm wegen irgendwas herrschen.
    Bald wird es niemand mehr Ernst nehmen (siehe rot-orange-gelb etc. in den USA)
    Dauern mir SMS bombadiert zu werden lenkt nur vom Arbeiten, Auto fahren etc. ab.
    Abgelenkt vom Autofahren durch einen Alarm kann zu einem Unfall führen, einen neuen Grund für einen Alarm.

    Wir werden schon genug mit „Gefahr, Gefahr“ bombadiert (Rauchen, Alkohol, Fett, CO2 etc.)
    Die verblödeten Alarmgläubigen lassen sich dann zu Aktionen (wegen des Klimaschutzes/CO2) wie 1 Stunde kein el. Licht anzünden, dafür die Stube mit (CO2-freien?) Kerzen beleuchten.

    Nein, nein, nein, ich habe keinen Bedarf nach noch mehr Alarmisten und Panik.

    Sag mal: ist vor ca. 5 Jahren* ein Virus ausgebrochen, der viele Leute dazu bringt, immer mehr als Gefahr zu sehen?

    *als zweiter Schritt, der erste Schritt nat mit einstürzenden Türmen zu tun

    Wie zeitnah soll die ganze Alarmiererei passieren?
    Händynetze wären total überfordert: Neujahrswünsche per SMS werden doch immernoch mit Stunden Verspätung ausgeliefert.

  2. @ Kikri
    Es versteht sich von selbst, dass bei einer inflatinären Verwendung moderner Kommunikationskanälen durch die Behörden sich schnell eine gewisse Abnutzung breit macht. Dessen sind sich beispielsweise auch die Fahner bewusst, welche in jüngster Zeit durch Veröffentlichung von Fotos via Internet mit Erfolg einige Vandalen aufspürten. Anfänglich spielte hierbei sicher auch noch die Neugier mit. Doch man braucht kein Prophet zu sein um zu wissen, dass bereits die nächste derartige Fahnung wesentlich weniger Leute vor den Bildschirm ziehen wird.

    Es geht bei der Idee oben um zwei Dinge: Erstens kann ich von den Behörden bei einem grösseren Ereignis aktiv informiert werden, so wie ich das eigentlich erwarte. Dafür braucht es nicht diese rustikalen Sirenen…

    Und zweitens erfolgt diese Information auf sachlicher Basis und nicht durch eine Filterung, Interpretation oder Aufbauschung gewisser Medien, welche es einem täglich immer schwerer machen, von Sein, Schein und Reim zu unterscheiden. Das von Dir erwähnte «Gefahr, Gefahr» ist meiner Ansicht nach (auch) eine Folge unkritischer und unsachgemässer Berichterstattung.

    Wenn beispielsweise ein 8-jähriges Mädchen entführt wird, dann finde ich es sinnvoll, wenn die ganze Bevölkerung wenigstens einer bestimmten Region so schnell wie möglich darüber informiert wird (für den oben erwähnten Entführungsalarm gelten übrigens strenge Regeln). Oder ist uns das Schiksal eines 8-jährigen Mädchens etwa egal?

    Selbstverständlich müsste noch im Detail festgelegt werden, wann eine solche Info erfolgen soll. An eine Flut an SMS oder ähnlichem glaube ich nicht. Es geht vor allem darum, sich für wirklich wichtige Ereignisse (technisch und organisatorisch) zu rüsten. Abgesehen davon: Wie viele SMS bekommst Du jeweils, welche inhaltlich wirklich von Bedeutung sind?

  3. Sch…se, der Text ist weggeflogen,
    Darum nur die Kurzversion:

    Die Hinweis auf das 8-jährige Mädchen (Jungs?) ist reine Polemik.
    Mit solchen Beispielen wird jede Sicherheits- und Überwachungsmassnahme begründet.

    Solches bringt den Eindruck, alles wird gefährlicher: die Unsicherheit wächst und jeder scheinbar zielführenden Massnahme wird zugestimmt.

    Jeden Montag liest man von den massenhaft besoffenen Jugendlichen.
    Es wird zwar von Jahr zu Jahr weniger gesoffen, aber wer interessiert sich schon für die Wirklichkeit?
    Es werden Massnahmen ergriffen, die Jugend wird als Säufer (und Vandalen, Gewalttäter …) diffamiert.
    So wird ihr Herz für gesellschaftsverträgliches Verhalten nicht gewonnen.

    Jeder Überwachung- und Sicherheitsmassnahme wird ähnlich gerechtfertigt.
    sicherheits bringt es zwar nicht (oder nicht viel) aber Freiheit und Eigenverantwortung gehen bachab.

    Dessen sind sich beispielsweise auch die Fahner bewusst, welche in jüngster Zeit durch Veröffentlichung von Fotos via Internet mit Erfolg einige Vandalen aufspürten
    Der mittelalterlich Pranger.
    Unsere Vorfahren haben ihr Leben dafür eingesetzt, dass diese Zustände ändern und die Freiheit einzieht.

    Man sollte wirde mal „1984“ von G. Orwell lesen.
    Nicht wie vor 20 Jahren mit dem Fokus „Überwachung“, sondern mit dem Fokus nach dem warum.

    Magst du dich noch an unseren Disput zu Schutz der minderjährigen Nutten (soory Prostitierten) erinnern?
    Dort war (meiner Meinung nach) von einem ehrenvolles Anliegen die Rede (Schreibe), das eher das Gegenteil des Erwünschten bringen würde.

    Sorry dass ich in bisschen weit ausgeholt habe:
    für mich wird Freiheit und Eigenverantwortung zum immer wichtigeren Thema.

  4. @ Kikri
    Du schweifst zwar vom Thema der Alarmierung ab, aber ich gehe gerne darauf ein, um schliesslich wieder auf dieses Thema zurückzukommen.

    Warum rufen denn viele nach Überwachung? Hat es nicht auch damit zu tun, dass viele aufeinander nicht mehr acht geben, dass vielen egal ist, was dem anderen widerfährt und dass viele dies stattdessen dem Staat überlassen (wollen), welcher – um dieser Forderung gerecht zu werden – dann eben nur die Möglichkeit der Überwachung hat?

    Lass‘ uns dazu das folgende, veraltete Bild zeichnen: In einem 300-Seelen-Dorf in den 1940er Jahren verschwindet ein 8-jähriges Mädchen. Was geschieht?

    Jede im Dorf verfügbare Kraft hätte in diesem Fall bei der Suche geholfen. Heute, im 2010, soll das gefälligst der Staat machen…

    Es kommt aber noch ein anderer Aspekt hinzu und weshalb ich auch von einem 300-Seelen-Dorf sprach: Wir sind mobiler geworden. Diese Mobilität führt dazu, dass Fremde in einem 300-Seelen-Dorf nicht mehr sonderlich auffallen. In den 1940er Jahren wäre ein Fremder sofort aufgefallen (und vermutlich auch vorschnell als möglicher Täter vorverurteilt worden), doch heute gehört er zum «courant normal». Man achtet nicht mehr sonderlich auf ihn.

    Freiheit und Eigenverantwortung sind auch für mich sehr wichtige Themen. Mindestens so wichtig erachte ich aber auch Mitverantwortung. Eigenverantwortung = ich (und nicht der Staat), Mitverantwortung = wir (Gesellschaft, allenfalls Staat).

    Weil wir heute mobiler sind, weil 300-Seelen-Dörfer zunehmend seltener sind und weil viele kaum noch auf andere achtet, müssen wir dem dadurch Rechnung tragen, indem eben auch anders kommuniziert wird und indem anderweitig versucht wird, Mitverantwortung zu wecken.

    Und: Eigenverantwortung und Mitverantwortung beissen sich teilweise. Verschwindet ein 8-jähriges Mädchen spurlos, könnte man ja auch argumentieren, dass es in der Eigenverantwortung der Eltern lag, auf dieses junge Leben aufzupassen. Wenn wir dieses Argument wirklich ernst nehmen wollten, dann müssten die Eltern ihre Kinder zu 100 Prozent überwachen. Warum also nicht gleich einen GPS-Chip bei der Geburt einpflanzen? 😉

    Unsere Gesellschaft geht heute davon aus, dass andere eine Mitverantwortung tragen, dass andere also mithelfen, aufeinander aufzupassen. Wenn diese «anderen» das nicht mehr tun, auch weil sie sich vielleicht zu sehr dem Prinzip der Eigenverantwortung verschworen haben, dann reagiert niemand mehr, wenn etwas 8-Jährigen Unrecht widerfährt, wenn jemand verletzt wird usw., sondern es ruft jeder sofort (und ausschliesslich) nach dem Staat. Das wollen wir doch auch nicht, oder?

    Das beste Mittel gegen «zu viel Staat» ist unser Gefühl um Mitverantwortung. Das gilt in allen Bereichen, im Privaten wie auch in der Wirtschaft.

    Äxgüsi wenn es auch bei mir etwas länger wurde…

  5. Eigenverantwortung ist nicht gleich Egoismus
    (bei deinem Kommentar schwingt das mit)

    Mitverantwortung?
    Für eine Gesellschaft, die Jugendliche vertreibt, ihnen jede Selbständigkeit und jedes Verantwortungsgefühl abspricht, sie vor allem schützen will (die Jugendlichen sind ja so unfähig), als Säufer, Vandalen und Gewalttäter diffaiert.
    du willst das Herz dieser Jugendlichen dafür gewinnen, etwas positives für die Gesellschaft zu tun?
    Sagen wir es mal so: schwierig.

    Ich weiss, ich schweife wieder ab.

    Genauso bei den Erwachsenen: unter der Flagge „Jugenschutz“ sollen wir alle Einschränkungen hinnehmen und den Staat nicht als unseren Feind betrachten?
    Rauchen, Feierabendbier, bald auch Salz (siehe EU) etc.

    Das absolut schlimmste Lebewesen, dar schlimmste Feind ist doch der
    weisse, heterosexuelle schweizer Mann, der raucht und sein Feierabendbier geniesst.
    Also ich 😉

    Seit ich definitionsgemäss als der ganz Böse dastehe, wie war das Diskriminierung/Gleichberechtigung?, ist es für mich auch nicht mehr so einfach, Mitverantwortung zu tragen als auch schon.

  6. @ Kikri
    Die oben genannte Gleichung «Eigenverantwortung = ich» war nicht als Egoismus gemeint. Um die Richtung anzugeben, in welche ich das meinte, hatte ich darum noch in Klammern geschrieben: «und nicht der Staat».

    Zur Mitverantwortung: Wir tragen immer Mitverantwortung, selbst wenn wir nichts tun, denn auch Passivität könnte einem eines Tages angelastet werden.

    Und wir tragen diese Mitverantwortung auch im Alltag bei noch so kleinen Dingen mit uns, denn wir nehmen häufig gar nicht wahr, wie oft wir beobachtet werden und quasi als Vorbild herhalten müssen, vielfach auch unbewusst.

    Die zentrale Frage ist, ob wir Mitverantwortung WAHRNEHMEN, um uns der Konsequenzen unserer (Nicht-)Handlungen bewusst zu werden. Ich plädierte oben dafür, diese Mitverantwortung eben wahrzunehmen, denn das Gegenteil davon ist Gleichgültigkeit.

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