Parlamentarische Internet-Kompetenz

Die «bösen» neuen Medien rufen einige Parlamentarier auf den Plan und riskieren dabei, eine Stellvertreter-Debatte anzustossen. Denn eigentlich geht es um nichts Neues: Den richtigen Umgang mit Inhalten.

Die Schweiz hat bekanntlich ein Miliz-Parlament und keine vollamtlichen Berufsparlamentarier. Das führt dazu, dass jeder Parlamentarier auch noch einer anderen (Haupt-)Tätigkeit nachgehen kann.

Der Vorteil dabei ist, dass so gewisse Kompetenzen und eine gewisse «Praxiserfahrung» ins Parlament gelangen, die bei reinen Berufsparlamentariern nicht vorhanden wären oder mit der Zeit verblassen würden.

Breites Allgemeinwissen erforderlich

Natürlich kann das zugleich auch ein Nachteil sein, weil manchmal gewisse Kompetenzen – und mit ihnen auch gewisse Branchen – übervertreten sind oder ganz einfach zu viel Beachtung erhalten, währenddem andere unbeachtet bleiben.

Diese Parlamentarier haben über allerlei Themen zu befinden, ohne aber zu diesen allerlei Themen auch kompetent zu sein. Bei Gesetzesvorlagen ist das dahingehend kein Problem, weil die Parlamentarier dazu vorgängig umfangreiche und erklärende Unterlagen erhalten, welche ihnen Auskunft über eine Sache liefert.

Anders sieht es hingegen aus, wenn es um den Entscheid geht, ob überhaupt ein Thema weiterverfolgt werden soll. So dürfte vermutlich der eine oder andere Vorstösse deshalb abgeschmettert worden sein, weil es schlichtweg am nötigen Verständnis oder eben an der nötigen Kompetenz fehlte, um den «Ernst der Lage» zu erkennen und dementsprechend einem Vorstoss zuzustimmen.

Natürlich gibt es auch das Gegenteil, also dass zum Beispiel ein Vorstoss angenommen wird, weil es an der nötigen Kompetenz fehlt. Immerhin ist damit noch nichts definitiv entschieden, es wurde nur eine erste Hürde genommen.

Aber eine solche Zustimmung bindet Ressourcen für die weitere Ausarbeitung neuer oder revidierter Gesetze in der Bundesverwaltung und für die Beurteilung durch die jeweiligen parlamentarischen Kommissionen.

Medieninkompetente Jugend (?)

Einer dieser Vorstösse könnte eine Motion des Zuger FDP-Ständerats Rolf Schweiger sein. Er möchte, dass Kinder und Jugendliche Medienkompetenz mittels eines so genannten «Medienführerscheins» vermittelt bekommen. Diese Motion wurde vergangene Woche mit 22 zu 14 Stimmen vom Ständerat angenommen und geht nun in den Nationalrat.

Schweigers Motion beginnt mit den folgenden Worten:

Der Umgang mit neuen Medien ist in der heutigen Zeit fundamental. Viele Menschen wissen nicht Bescheid über die Vor- und Nachteile von Internet oder Datenträgern wie DVD, und sie kennen deren Tücken nicht. Deshalb soll der Umgang mit neuen Medien in den verschiedenen Bildungsinstituten gelehrt werden.

In der Tat weist der Umgang mit DVDs einige Tücken auf. Man kann sich daran nämlich die Finger verbrennen, die Finger aufschneiden und man kann sie falsch einlegen.

Oder anders gesagt: Schon alleine Schweigers einführende Worte machen deutlich, dass er selber auch nicht Bescheid weiss, worüber er da eigentlich spricht. Denn: Nicht die Datenträger an sich sind das Problem, sondern bestenfalls das, was sich darauf befindet.

Irgendwie überrascht das ebenso wenig wie die Tatsache, dass es die folgenden 17 (von 46) Ständeräten nicht für nötig halten, eine eigene, persönliche Website zu führen:

Name Partei Kanton
Bieri Peter CVP ZG
Bischofberger Ivo CVP AI
Bürgi Hermann SVP TG
Cramer Robert Grüne GE
Diener Verena glp ZH
Hêche Claude SP JU
Hess Hans FDP OW
Imoberdorf René CSP VS
Inderkum Hansheiri CVP UR
Jenny This SVP GL
Luginbühl Werner BDP BE
Maissen Theo CVP GR
Niederberger Paul CVP NW
Recordon Luc Grüne VD
Savary Géraldine SP VD
Seydoux-Christe Anne CVP JU
Stähelin Philipp CVP TG

Vier unter ihnen haben zwar eine Firmen-Website angegeben (Bürgi, Graber, Hess, Stähelin). Aber was soll das bringen?

Es ist zum Augenreiben, dass es eine Mehrheit dieses Ständerats für nötig erachtet, Kindern und Jugendlichen Medienkompetenz beizubringen, selber hingegen scheinen sich zahlreiche Mitglieder schwer zu tun mit dem «Umgang mit neuen Medien»…

Neue Medien, neue Herausforderung?

In Schweigers Motion steht unter anderem auch Folgendes:

Ziel ist, dass Kinder und Jugendliche souverän und eigenverantwortlich mit den Chancen umgehen, die ihnen die neuen Medien bieten. Gleichzeitig müssen sie aber auch auf die vielseitigen Gefahren der modernen Medien hingewiesen werden. Dadurch können sie anschliessend selbst zwischen gefährlichen und ungefährlichen Inhalten unterscheiden.

Das klingt auf den ersten Moment gut und richtig. Aber: Liegt es wirklich nur an den «neuen Medien»?

Während des Zweiten Weltkriegs liess Hitler Bücher verbrennen, ein etwas älteres Medium also. Er tat dies, weil er damals deren Inhalte auch als gefährlich erachtete und hatte damit den damaligen Bürgern die Entscheidung über gefährlich und ungefährlich quasi «abgenommen»…

Die Geschichte lehrt uns, dass auch davor – und in gewissen Ländern bis heute – Zensur ausgeübt wird und zwar in den «alten Medien», dass also auch hier gewisse Inhalte als gefährlich erachtet werden. Andere Inhalte wurden oder werden hingegen eher als Chance betrachtet, sofern sie im Sinne des herrschenden Regimes formuliert sind.

Auch wenn es bei den genannten Beispielen eher um eine politisch motivierte Einstufung der Gefährlichkeit geht, zeigen sie uns doch, dass es nicht so sehr um den Informationsträger an sich geht, den man für gefährlich zu halten hat. Es geht um den Inhalt.

Inhalte, nicht Medien

Der Begriff «pornografische Darstellungen», eine dieser vermeintlich gefährlichen Inhaltskategorien, bringt es auf den Punkt. Er existiert nämlich nicht erst seit es Internet gibt.

Dessen Teilwort «grafisch» macht deutlich, dass es derartige Darstellungen gibt, seit man sich eben grafisch auszudrücken weiss – und das seit Jahrtausenden.

Darum brauchen wir heute nicht so empört zu tun, wenn es nun keine gemalten Bilder, keine alten Fotografien und keine Pornohefte mehr sind, über welche «gefährliche Inhalte» verbreitet werden.

Darum sind auch nicht die «neuen Medien» als Informationsträger das Problem. Und darum zielt Schweigers Motion nur teilweise aufs richtige Problem.

Medienkompetenz ist wichtig und soll erlernt werden. Doch sie darf sich nicht bloss auf einige wenige «moderne» Medien und ihre Form beschränken, sondern muss sich vor allem auf den generellen Umgang mit Inhalten konzentrieren.

Schwierige Ermessungsfragen

Angesprochen sind dabei einerseits die bereits erwähnten, angeblich «gefährlichen» Inhalte. Was genau darunter fällt, ist aber oftmals eine Ermessensfrage, deren Beantwortung nur bei den Eltern und deren Einstellung liegen kann.

Würde diese Frage nicht durch die Eltern beantwortet, käme es beispielsweise zu einer staatlichen Verordnung darüber, was als religiös anstössig gilt und wie viel «blutte» Haut gezeigt werden darf. Wer will das schon?

Doch was man die Eltern lehren kann – und sie bleiben von Schweigers Motion ausgeschlossen – ist, welche Inhalte was für Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche haben können.

Nebst der Schwierigkeit, den Eltern dieses Wissen vermitteln zu können, dürfte das Problem aber vor allem darin liegen, erst einmal über dieses Wissen zu verfügen.

«Killergames», eine andere Kategorie dieser «bösen Inhalte», klingt zwar erschreckend und sie zeigen auch eine vermeintlich erschreckende Realitätsnähe. Aber sind sie wirklich so gefährlich?

Ist denn der Militärdienst, in dem nicht bloss in einer fiktiven Welt mit scharfer Munition auf bewegliche Ziele geschossen, ja eigentlich das Töten gelernt wird, nicht mindestens so gefährlich? Und ist es nicht paradox, dass man Jugendlichen den Joystick für solche Spiele wegnehmen will, währenddem man den jungen Erwachsenen die Militärwaffe im Kleiderschrank stehen lässt?

Sich kritisch mit den Inhalten auseinandersetzen lernen

Angesprochen ist beim Umgang mit Medien andererseits aber auch die kritische Auseinandersetzung mit dem Inhalt an sich.

Die Referenten zeigten beispielsweise an einem tagesaktuellen Bericht die unterschiedliche inhaltliche Aufbereitung und Zusammenstellung eines Themas in den verschiedenen Medien. Den Teilnehmern sollte bewusst werden, dass ein Ereignis auf unterschiedlichen Wegen in die Medien gelangt und je nach Ursprung verschieden verarbeitet wird.

Die vorgängigen Zeilen finden sich auf der deutschen Website medienführerschein.de, welche vom Dresdner Medienkulturhaus Pentacon betrieben wird. Dieses bot (leider nur) im 2006 einen fünftägigen Kurs an, in welchem Jugendliche sich durchaus auch kritisch mit den Medien auseinandersetzen konnten:

Die jungen Menschen sollen Medien nicht nur konsumieren, sondern hinterfragen und den qualitativen Inhalt bewerten. Uns geht es darum, dass sie nicht bloß vor der Glotze hocken, sondern auch ‚hinter die Mattscheibe‘ schauen können.

Sollte die Motion des Zuger Ständerats letzten Endes auch in diese Richtung gehen, dürften nicht nur gewisse Medien, sondern auch gewisse auf Polemik spezialisierte Politiker inhaltlich zunehmend gefordert sein.

Jetzt fragt sich nur noch, wer den Parlamentariern den Unterschied zwischen Medien und Inhalten erklärt…

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3 Antworten auf „Parlamentarische Internet-Kompetenz“

  1. Ach je … das Problem ist, dass praktisch jeder Jugendliche praktisch jedem Politiker um Meilen voraus ist in Sachen Kompetenz der neuen Medien. Wenn etwas verbessert werden muss, dann die Medienkompetenz von Eltern.

    Ich habe das Gefühl, dass da einmal mehr (wie schon bei den Ego-Shootern / Killergames) Politiker über etwas befinden, das den – nicht medienkompetenten – Eltern Eindruck macht. So nach dem Motto: Problem gelöst, alles in Ordnung, nächstes Thema bitte.

  2. Im Umgang mit den Medien sind die Jugendlichen sicher vielen voraus. Aber im Umgang mit den Inhalten wohl kaum. Es wäre ja schon ein Fortschritt, wenn die Eltern wenigstens wüssten, was an Inhalten überhaupt angeboten wird, egal um welches Medium es sich handelt.

    Die kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten gehörte dann bereits schon in die Kategorie «Advanced»… 😉

    Gelegentlich kommt bei mir aber auch der leise Verdacht auf, dass viele gar nicht wollen, dass man sich kritisch mit den Inhalten auseinandersetzt, andernfalls könnten sie ihre Schemas bezüglich «Umgang mit den Medien» (= wie wickle ich einen Journalisten zu meinen Gunsten ein) dem Recycling zuführen…

  3. Medienführerschein? Wie wäre es mit einem Sozialführerschein für Politiker?

    Und ehmm DVDs? Sorry, aber ich verwende seit langem nur noch BDs und zwar sowohl zum selber beschreiben als auch für den Filmgenuss, da zeigt sich wieder mal wie hinter nach die sind!

    Aber easy die haben ja auch sonst keine Ahnung was sie so von sich geben betreffend IT, sieht man nur schon bei der Sache mit den Games. Die meinen wenn man sie verbietet bekäme man sie nicht, dabei führen Verbote nur dazu, dass man sie eben illegal runterlädt.

    Übrigens muss man das ohnehin meist schon wegen der blöden EU-USK-Kacke, ich bevorzuge nämlich PEGI und wenn ich auf einer Packung USK lese dann kaufe ich es nicht sondern lasse mein NAS das Game unzensiert holen… 😉 Selbstverständlich alles SSL-Verschlüsselt damit niemand sieht was ich jeweils leeche, ansonsten nutze ich VyprVPN wo dann grad alles verschlüsselt ist was überhaupt über die Leitung geht, damit man nicht mal sieht wo ich das Zeugs jeweils verschlüsselt leeche… *lol*

    Tja, so ist das eben in der virtuellen Welt, die Anpassung an solche sinnlosen Verbote geht verdammt schnell und ist nachhaltig, denn heute knallt man das Zeugs grad in seinen Router oder sein NAS rein und muss sich nie mehr darum kümmern…

    Da wäre dann noch die Sache mit der DNS-Zensur, easy dazu knallt man sich einfach mal so an die 100 verschiedene Nameserver inklusive sogenannter freien DNS-Server die garantiert unzensiert sind in seinen eigenen DNS-Server rein und man hat garantiert nie mehr Probleme (Bei mir gehen auch diese Abrufe übrigens über VyprVPN und sind somit ebenfalls verschlüsselt)…

    Ich also bereits bestens gerüstet für die bereits angekündigten Überwachungsorgien!

    Und ehmm ja also was den Kampf gegen Cybercrime betrifft, den haben die längst verloren, hätten halt vor 10 Jahren die richtigen Leute einstellen sollen… 😉

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