Wenn die FDP zweimal klingelt…

Eine Geschichte über bevorstehende Wahlen und Abstimmungskämpfe, welche zu fantastisch ist, um wahr zu sein…

Es klingelt. Es klingelt bereits zum zweiten Mal an diesem Abend an meiner Wohnungstür und dabei ist es erst sieben Uhr. Bereits vor rund einer Stunde hatte es einmal geklingelt. Und gestern auch schon, dreimal sogar.

In diesen Tagen läuft das andauernd so, es stehen nämlich Wahlen an. Seit das Schweizer Volk der Volksinitiative «Ja zu mittellosen Wahlen und Abstimmungen» der sozial-liberal-demokratischen Volkpartei zustimmte, setzt vor Wahlen und Abstimmungen regelmässig eine Art «Häuser-Nahkampf» ein.

Klare Mehrheit für die Chancengleichheit

Bei den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern hatte sich damals die Meinung durchgesetzt, dass echte Chancengleichheit bei Wahlen und Abstimmungen nur gegeben sei, wenn ohne Mittel finanzieller oder sonstiger materieller Natur für eine Person oder eine Sache gekämpft würde.

Dem Argument der Gegner, dass es keinerlei Beweise für eine Chancenungleichheit gäbe, mochte nur eine Minderheit von 36 Prozent des Stimmvolkes folgen. Auch das Argument, es würden seitens der jeweiligen Kantonalparteien immer nur die besten und sicher nicht die finanzstärksten oder die sympathischsten oder die hübschesten Personen aufgestellt, konnte die Mehrheit nicht überzeugen.

Zudem, so die Gegner der Initiative, gäbe es genug Beispiele welche aufzeigen würden, dass man dank ausreichender, nicht gekaufter Präsenz in den Medien trotzdem gewählt würde. Dem entgegneten die Befürworter, dass gerade deswegen viele Kandidaten mit populistischen, inhaltlich wenig relevanten Anliegen mächtig auf die mediale Pauke hauen würden und stattdessen die wirklich wichtigen und häufig auch unbequemen Anliegen ausgeblendet würden.

Mit der Annahme der Initiative folgte auch die Mehrheit der Stimmenden diesem Argument und sprach sich damit indirekt wieder für mehr Sachpolitik aus. Ausschlaggebend für die klare Mehrheit zugunsten der Initiative war aber sicher auch der Skandal um eine Partei, welche ihre Listenplätze auf ricardo.ch versteigern liess, dabei einen Kandidaten beinahe in den Ruin trieb und andere, finanzstärkere Parteien dazu veranlasste, mitzubieten…

Wie dem auch sei: Die Folge dieses klaren Entscheids steht nun vor dem Haus und klingelt soeben zum zweiten Mal.

«Ja?», antworte ich durch die Gegensprechanlage aufs zweifache akustische Einlassbegehren.

«Guten Abend Herr Maier! Mein Name ist…».

Ich unterbreche ihn sofort: «Nein, ich heisse nicht Maier. Aber mein Nachbar heisst so.»

«Ach herrje! Das tut mir jetzt aber aufrichtig Leid».

Er tut mir auch Leid. Der arme Kerl klappert wohl sämtliche Häuser ab, zeigt seinen ganzen Charme und sein Colgate-Lächeln nun direkt und nicht mehr über eine Plakatwand und ist darum wohl schon so «durchgebraten», dass er gar nicht mehr weiss, bei wem er geklingelt hat.

Mittelloser Wahlkampf

Vor allem aber wird er nun ganze Sätze kommunizieren müssen und nicht mehr bloss nur einige Schlagwörter – und das pro Wohnung! Das ist anstrengend, das zerrt an den Kräften.

«Ich setze mich ein für…» höre ich in diesen Tagen wiederholt von allen möglichen Kandidaten, und dann folgt eine lange Liste mit ach so toll klingenden Anliegen, zu denen man einfach nur zustimmend den Kopf nicken kann.

Allerdings habe ich feststellen müssen, dass ich die Anliegen des gestrigen Besuchers bereits wieder vergessen habe. Ob ich mir nicht Notizen machen wolle, meinte der von der gestrigen Partei. Verdutzt hatte ich zurückgefragt, ob er denn keinen Flyer oder etwas Ähnliches dabei hätte.

Schulterzuckend meinte er dann, dass ihm das der neue Verfassungsartikel über einen mittellosen Wahlkampf verbieten würde. Selbst das dünnste Blatt Papier, welches er abgeben würde, könnte ihn um die Wahl bringen, sollte dies bekannt werden. Und das Risiko, dass ein Kandidat der einen Partei durch einen Anhänger einer anderen Partei verpetzt würde, ist relativ gross.

Ich habe mir keine Notizen gemacht. Darum kenne ich seine lange Liste an Anliegen, für welche er sich «200-prozentig» (Originalton) einsetzen möchte, bereits nicht mehr.

Bei demjenigen, der vor einer Stunde klingelte, hatte ich die Hand stoppend erhoben, als er beim fünften Anliegen ankam, welches er wie die anderen vier zuvor wie aus dem Maschinengewehr herunterratterte. Ich liess ihn wissen, dass mir das zu schnell gegangen sei und ob er nicht nochmals von vorne beginnen können. Anfänglich noch verdutzt über meinen Unterbruch begann er wieder vor vorne – in genau gleicher Manier.

Das Schlimmste für die Kandidaten bei diesen Besuchen ist aber, dass ihnen hin und wieder von solchen widersprochen wird, welche sich nicht zu sehr durch die gut einstudierten Standardsätze und -antworten anlässlich eines Medientrainings Wahlnahkampftrainings einlullen lassen.

Das ist neu. In der Vergangenheit waren die Kandidaten höchstens mit visuellem Widerstand konfrontiert, sprich: ihre Plakate wurden verunstaltet. Doch nun malt ihnen bei diesem «Häuser-Nahkampf» keiner mehr eine Brille aufs Gesicht oder einen Schnurbart unter die Nase – was ja durchaus auch als Vorteil dieses mittellosen Wahlkampfs gewertet werden kann.

Überraschende Auswirkungen

Ein Höhepunkt dieser Besuche ist immer auch die Nachfrage nach der Handy-Nummer und E-Mail-Adresse der Kandidierenden. Sie können sich die Reaktion bestimmt vorstellen: «Wozu wollen Sie denn das wissen?»

Ich antworte darauf jeweils mit der Gegenfrage: «Wie sonst soll ich denn mit Ihnen als mein Vertreter im Parlament in Kontakt treten, wenn ich ein Anliegen habe?». Sie sollten dann jeweils das verdutzt Gesicht der Kandidierenden sehen, einfach köstlich.

Natürlich versuchen es einige auch in den Fussgängerzonen. Die meisten Passanten wollen allerdings lieber unbeschwert ihrem «Einkaufserlebnis» nachgehen als sich mit potentiellen Volksvertretern auseinandersetzen zu müssen.

Ohnehin ist es da etwas schwierig, als Kandidierender seinen Namen so durchzugeben, damit er haften bleibt und man ihn zu Hause auf den Wahllisten wieder findet. Da ist es einfacher, vor einer Haustüre eine Eselsbrücke zu bauen und zu erklären. Noch besser ist es selbstverständlich, wenn der Wählende die vorgedruckten Wahllisten hervorholt, damit der Kandidierende direkt auf seinen Namen tippen kann. Das ist erlaubt, das verbietet die angenommene Initiative nicht.

Zwei Parteien versuchten seit dem Volksentscheid auch schon, so genannte Teapartys zu organisieren beziehungsweise organisieren zu lassen, denn die Parteien dürfen ja weder für das Teebeutelchen noch fürs lauwarme Wasser aufkommen. Doch ähnlich einer Podiumsdiskussion vermochte das kaum Massen hinter dem Ofen hervorzuholen. Und den privaten Organisatoren wurde es zu teuer, eine Räumlichkeit zu mieten, zu welcher dann nur drei, vier Personen kamen – mehrheitlich wegen des fein schmeckenden Gratis-Tees…

Trotz dem unzähligen, teils nervigem Geklingel an der eigenen Wohnungstür hat diese Form des Wahlkampfs doch einiges verändert. Die Wahlbeteiligung lag zum Beispiel bei den letzten kantonalen Wahlen bei etwas über 55 Prozent. Diese hohe Beteiligung wurde damit erklärt, dass sich nun offensichtlich einige Wählende im wahrsten Sinne des Wortes direkt angesprochen fühlten.

Auch die charakterliche Zusammensetzung der Abgeordneten im Parlament ist eine andere. Parteisoldaten und Hinterbänkler sucht man vergebens, die Wählenden scheinen hemdsärmelige, vif wirkende Kandidierende den älteren und müde wirkenden Herren in ihren schicken Anzügen und mit ihren teuren Aftershaves vorzuziehen.

Wer es tatsächlich schafft gewählt zu werden, der muss ob dem zurückgelegten Hausbesuch-Marathon zwangsläufig eine vife Persönlichkeit sein. Das sah man ihnen früher auf den Plakatwänden und den bunten Flyers wahrlich nicht an.

Wie auch immer: Ich öffne dem armen Kerl vor dem Hauseingang die Tür und warte einmal gespannt darauf, wie er denn die «Jury» (also mich) bei dieser Wahl-Castingshow zu überzeugen versucht…

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10 Antworten auf „Wenn die FDP zweimal klingelt…“

  1. Cool, gilt das nun für die ganze Schweiz? Bei mir kam nämlich noch keiner läuten, aber womöglich ist dies ja auch als Desinteresse an den hier wohnenden potentiellen Wähler zu werten. Fühle mir jedenfalls jetzt schon, durch das nicht-vorbei-kommen-und-läuten irgendwie ausgegrenzt muhahahaaha. Darum Parteien die nicht zu mir kommen und mit mit mir sprechen, die wähle ich auch nicht! Und gute Idee mit der Email und der Handnummer, werde ich mir merken, falls sich doch noch so ein potentieller Volksvertreter zu mir verirrt… 😉

  2. Toller Beitrag, bei dem meine Augen permanent mitgezwinkert haben,
    lieber Titus!
    Bis jetzt wurde ich erst von religiös motivierten Gruppierungen an der Wohnungstüre belästigt… ehm heimgesucht.
    Nun mag ich gar nicht daran denken, wenn auch noch die topfitten Politischen das Treppenhaus erklimmen. Was mich wieder beruhigt, ist die Tatsache, dass bei „200% Einsatz“ der Burnout ganz schnell erfolgt. Ausserdem wohne ich zuoberst. Ohne Lift 🙂

  3. Mir geht es nach Wahlsendungen im TV oft so, dass mich dünkt, die Interviewer hätten wieder mal genau die Fragen vergessen, die mich interessieren. Da wäre eine Wahlkampfrunde im eigenen Wohnzimmer der ideale Gegenentwurf dazu. Dann wäre man perfekt informiert und könnte genau die wählen…. die man auch so wählen würde.
    Tolle Geschichte!

  4. @ Chris
    Yep, das war eine Volksinitiative auf Bundesebene und gilt darum für die ganze Schweiz. Die Kantone mussten darum ihre Wahlgesetze ebenfalls anpassen (Bundesrecht steht über kantonalem Recht).

    Du fühlst Dich ausgegrenzt und das in der eigenen Wohnung? Da bekommt ja die Aus(derWohnung)schaffungsinitiative plötzlich auch einen anderen Sinn… 😉

    @ Hausfrau Hanna
    Ohne Lift? Da wäre ich aber vorsichtig, denn die fangen Dich in solchen Fällen einfach beim Hauseingang ab. Und was die religiös motivierten Gruppierungen betrifft (haben die eigentliche Engelsflügel?): Politik ist doch oftmals auch eine Glaubensfrage, oder etwa nicht? Falls doch, dann waren das keine religiös motivierten Gruppierungen, sondern Politiker! 😉

    @ Tinu
    Mir ist zu Ohren gekommen, dass die sozial-liberal-demokratische Volkspartei – beflügelt durch ihren Erfolg wegen der Annahme der fraglichen Initiative – nun daran ist, eine zweite Volksinitiative vorzubereiten.

    Diese sieht vor, dass die bisherigen Parteien an den nächsten Wahlen nicht mehr antreten dürften, wobei es den Parteimitgliedern offen steht, eine andere, neue Partei zu gründen.

    Damit sollen die Gewohnheiten der Wählenden gebrochen werden, sodass auch Du bald nicht mehr wählen kannst, wen Du sowieso wählen würdest… 🙂

  5. Das ausgegrenzt sein bezieht sich natürlich auf den Wahlkampf.

    Nun dann, bin hier und warte auf potentielle VolksvertreterInnen die mit mir flirten ehhm die mich überzeugen wollen… 😉

  6. @titus Das permanente Neugründen von Parteien könnte zur Folge habe, praktisch jeder eine eigene Partei hat und die meisten zu den Wahlen antreten. Da bin ich schon gespannt, wie die Wahlkommission die verfügbaren Sitze auf die 7’895 Listen aufteilt, die mit je 11 Stimmen an der Spitze liegen.

  7. Wenn das so ist, dann bin ich nun auch eine Partei: Zurzeit haben „wir“ ein Mitglied dass jedoch jetzt schon einen Bundesratssitz anstrebt und die ganze Einer-Fraktion steht 100% hinter ihm, er wurde ehmm hat sich schon mal dafür nominiert… *lol*

    Ich finde, selber eine Partei zu sein hat was, zumindest gibts garantiert keine Streitereien innerhalb der Partei und die Parteilinie wird auch garantiert jederzeit eingehalten…

    Also wählt die DDP (Demokratische Diktatorische Partei), denn abgestimmt wird schon, doch es gibt ja nur eine einzige Stimme, daher… 😉

  8. Du schadest der Wirtschaft, wurde ich heute angeschrien. Aber warum denn bloss, fragte ich nach und würfelte mein voriges Rollschinkli weiter.
    Wenn Du schon Restenverwertung betreiben willst, so kauf dir doch einen Kompostkübel, bellte es weiter. Du vergäudest nur Zeit, und Zeit ist kostbar und schwupps hatte ich ein Migros-Magazin vor der Nase. Da sah ich Pangasiusfilet aus Vietnam im Angebot, Pouletknusperli aus Brasilien und diese wundervollen Rahmdosen, bei denen die Schweizer Milch nach Italien transportiert wird und dort schlagrahmkonform abgefüllt wieder zurück in die Schweiz transportiert wird. Als ich dann noch die Pizza-Aktion sah, kam ich arg ins Grübeln. Kann ich denn wirklich wirtschaftlich so egoistisch sein und mit meinem vorigen Rollschinkli eine Gerstensuppe machen, wo doch Zeit Geld ist und es so verlockende Aktionen gibt? Soll ich mir nun wirklich so einen Kompostkübel zutun und meine Zeit sinnvoller verplämpern?

    Nein, sagte ich mir, schnetzelte noch für eine Röstifüllung weiter und dachte so bei mir: Nun ist es Zeit, ich gründe meine eigene Partei, nennen werde ich sie RVP Restenverwertungspartei. Und sollte ich mit meiner Partei keinen Erfolg haben, werde ich Mitglied der DDP.

    Schriftstellerin werde ich nie, aber die etwas andere Zeitverplämperung machte Freude.

  9. Schöne Idee 😀 Einen Politiker, der sich möglichst gut verkaufen will auf dem eigenen Sofa mit der einen oder anderen unangenehmen Frage zu traktieren – irgendwie finde ich diese Vorstellung überaus reizvoll.

  10. @ Tinu/Chris
    Das mit der Sitzverteilung ist doch kein Problem. Ihr dürft dabei aber nicht davon ausgehen, dass jemand vier Jahre lang seinen Sitz hält. Stattdessen würden die Sitze dann tageweise vergeben, also nach dem Motto «für einen Tag lang Nationalrat» oder so ähnlich 🙂

    @ Ate
    Gut gelungen, Dein Zeitvertreib!

    Angeblichen sollen etwa 1/4 aller Nahrungsmittel im Abfall landen. Insofern dürfte die Restenverwertung viele betreffen. Nur: Wer lässt sich schon gerne sagen, dass er etwas nicht fortwerfen darf, sondern in irgendeiner anderen Form nochmals aufzuwärmen hat? Es wird wohl doch eher die DDP sein… 🙂

    @ Mia
    Gleich auf dem eigenen Sofa? Das müsste sich bei mir erst jemand verdienen, bevor ich den auf dem Sofa Platz nehmen liesse… 😉

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