Kanton Biel/Bienne

Die Begeisterung für einen Sportverein kann visuell plötzlich zu einer politischen Separatistenbewegung führen – zumindest mit einem Augenzwinkern. Vielleicht steckt dahinter aber auch noch mehr…

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«Ici c‘est Bienne!»

Das Wappen rechts neben der Schildnummer ist natürlich nicht das Berner Wappen, sondern jenes der Stadt Biel. Es gab und gibt einige, welche mit einem solchen «leicht veränderten» Nummernschild herumfahren.

Im Sommer dieses Jahres wurde deswegen sogar ein Fahrzeughalter vor Gericht verurteilt, da die Abänderung dieser Nummernschilder nicht erlaubt ist. Dieses Urteil dürfte allerdings nicht alle erreicht haben, zumal die Fotografie oben erst kürzlich aufgenommen wurde.

Wer heute so ein Bieler Wappen übers offizielle Berner Wappen klebt, ist höchstwahrscheinlich ein grosser Fan des EHC Biel – und kein Separatist, welcher sich politisch von der «Berner Obrigkeit» loslösen will.

Trotzdem: Biel war für eine kurze Zeit sogar ein eigener Kanton – allerdings nicht unter den Eidgenossen. Nachdem Biel als Bündnispartner von Bern sich jahrelang an den eidgenössischen Feldzügen beteiligte, geriet das Fürstbistum Basel 1798, zu welchem auch Biel gehörte, unter französische Herrschaft.

Im Stich gelassen

Biel gehörte zunächst zum Departement Mont-Terrible und ab dem Jahre 1800, als das erwähnte Departement aufgelöst wurde, zum Departement Haut-Rhin (Oberrhein). Letzteres hatte als Hauptstadt Colmar und bestand organisatorisch aus nicht weniger als 32 Kantonen, einer davon eben der Kanton Biel. Allerdings kann man die damaligen Kantone wohl kaum mit den heutigen vergleichen. Treffender dürfte eher der Vergleich mit den heutigen Bezirken sein.

In dieser Epoche wurde Biel mehrfach von den Eidgenossen im Stich gelassen. So schauten im Dezember 1797 die Eidgenossen tatenlos zu, als französisches Truppen in Biel und anderen Orten des südlichen Teils des Fürstbistums Basels (wie zum Beispiel Moutier) kampflos einmarschierten.

Und als das Wallis anno 1802 als Kompromiss zu einer unabhängigen Republik wurde (anstelle einer Abtretung an Frankreich durch die Eidgenossen), erhielt die Helvetische Republik nur das Fricktal im Austausch und nicht wie ursprünglich vorgesehen auch den Südjura mit Biel.

Letzteres wurde erst anlässlich des Wiener Kongresses 1815 wieder eidgenössisch, indem es dem Kanton Bern zugeteilt wurde. Damit liess man nochmals jene Bieler im Stich, welche damals einen eigenen Kanton forderten…

Alles vergessen?

Hat dieses mehrfache Im-Stich-gelassen-werden durch die Eidgenossen Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen? Anzeichen für einen Austritt aus der Eidgenossenschaft gibt es keine, eine Staatsgründung ist somit nicht zu erwarten 🙂 .

Etwas komplizierter ist das Verhältnis zu Bern. Schon alleine die später einsetzende wirtschaftliche, (sprach-)kulturelle und vor allem verkehrstechnische Entwicklung haben sicher nicht zu einer speziell ausgeprägten «emotionalen» Bindung zu Bern geführt. Man kommt gut an Bern vorbei und ist auch schneller in Solothurn oder Neuenburg als in der Stadt Bern.

Auf gesellschaftlicher Ebene gibt es beispielsweise in Facebook mehrere Gruppen, welche einen «Kanton Biel» fordern. Da sie sich aber vorwiegend auf die Stadt beschränken und das Seeland sowie den Berner Jura aussen vor lassen, sind derartige «Forderungen» ziemlich unausgegoren.

Zu beiden Regionen besteht nämlich eine enge Bindung. Und die Zweisprachigkeit Biels ist auch ein Bekenntnis zum Berner Jura. Darum ist es auch erstaunlich, dass im Rahmen der noch immer laufenden Gespräche zur so genannten «Jurafrage» die Frage um Biels Status unberücksichtigt bleibt. Ein zweisprachiges Biel ohne einen Berner Jura, der nicht auch zum gleichen Kanton gehört wie Biel, ist für viele unvorstellbar…

Neue Nahrung zur Diskussion über den Status Biels liefert Pierre-Alain Rumley in seinem Buch «La Suisse demain: utopie ou réalité?». Darin äussert der ehemalige Direktor des Bundesamtes für Raumentwicklung (ARE) die Vision eines Kantons bestehend aus den heutigen Kantonen Neuenburg und Jura sowie dem Berner Jura und Biel, wobei Biel Kantonshauptort werden soll. Allerdings wäre das dann nach seiner Vision nur einer von insgesamt neun neu zusammengestellten Kantonen (anstelle der heutigen 26).

Sollte es je zu einem solchen Kanton kommen, dann dürfte dieser wohl kaum das Wappen der Stadt Biel tragen…

8 Antworten auf „Kanton Biel/Bienne“

  1. 9-Kantone-Schweiz? Sofort! Ob es allerdings sinnvoll wäre, eine neue Kantonshauptstadt zu schaffen und dieser erst noch das halbe Einzugsgebiet wegzunehmen, resp. in einen anderen Kanton zu legen, das bezweifle ich.
    Was das Autokennzeichen betrifft, wünsche ich mir schon lange ein gesamtschweizerisches Kennzeichen. Mit Schweizerkreuz natürlich und einem Leerplatz, wo man sein Lieblingswappen hin kleben kann.

  2. Anfrage bezüglich Ärmelabzeichen,
    An das Sekretariat,
    Sehr geehrte Damen und Herren,
    Bitte ich möchte meine Schweizer – Kantone – Sammlung erweitern mit Ihrer Hilfe.
    BITTE wäre es möglich,aus Ihrer Abteilung ein / ige zuzusenden.
    Sollten Sie oder in Ihrer Abteilung Sammler sein ich hätte zum Tausch- U.S.A. Ärmelabzeichen Cities,Hwy.,und State Police anzubieten.
    Möchte bei dieser Gelegenheit nutzen, Ihnen und Ihrer Familie frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr zu wünschen.
    Mit freundlichen Grüssen,
    Gerhard Schöppl – Sonnwalden
    Wurmbrandgasse 4
    A – 8010 GRAZ / ÖSTERREICH

  3. Die „Benachteiligung“ Biels, bzw. dessen stiefmütterliche Behandlung endete nicht mit dem Wiener Kongress. So wurde Biel damals dem Bezirk Nidau angegliedert und wurde erst 1832 Hauptort eines eigenen Bezirks. Von 1850 bis 1950 entwickelte sich Biel dann rasant (relativ gesehen stärker als jede andere Schweizer Stadt) und wurde zur bedeutenden Industirestadt. Die Stadt fusionierte mit verschiedenen umliegenden Gemeinden (Vingelz, Bözingen, Madretsch, Mett) und schliesslich beschlossen die Stimmbürger beider Städte die Fusion von Biel und Nidau. Das „Rote Biel“ war der Obrigkeit in Bern aber nicht geheuer, fürchteten sie sich doch um die Vormachtstellung Berns, und so verboten die gnädigen Herren die Fusion. Die Geschichte wiederholte sich in den 50ern, als Biel mit Port fusionieren wollte, man in Bern aber erneut das Veto einlegte, da man sich vor einer zu bedeutenden Stellung Biels im Kanton fürchtete.

  4. @ Dennis Briechle

    Vielen Dank für die Ergänzungen. Ich warte gespannt aufs neue Buch über die Geschichte Biels, welches zur Zeit im Entstehen ist und gewiss auch noch einige Überraschungen beinhalten wird.

    Inzwischen stehen die Chancen für Gemeindefusionen wieder besser, nur scheint das im Moment nicht gerade zuoberst auf der politischen Agenda zu stehen. Wir werden sehen, wie es da weiter geht. Gleiches gilt bezüglich Kantonsgebiete generell. Der Ruf nach neu gezogenen Grenzen an die heutigen Gegebenheiten wurde schon lange laut, aber ein politischer Wille ist kaum zu erkennen…

  5. Nach dem letzten Abstimmungswochenende würde es mich wieder mal nicht stören, wenn die Stadt Biel wie Basel ein Kanton wäre…

  6. @ Ursula Schüpbach
    Auf eine Bemerkung auf Facebook, wonach die ländlichen Regionen die Städte immer überstimmen würden, hinterliess ich eine ähnliche Bemerkungen: Aus dem Kanton Bern austreten und Mühleberg ins Emmental verschieben 😉

  7. gefunden:
    http://www.altstadt-biel.ch/stadtgeschichte.php#item_10

    1594 – 1608
    „Bieler Tauschhandel „. Hinter dem Rücken von Biel einigten sich der Bischof (von Basel) und die Berner auf den folgenden Vertrag. Die Berner kaufen die Stadt Biel samt Bözingen, Leubringen und Vingelz als “ Untertanengebiet“ gegen eine hohe Geldsumme dem Bischof ab. Die Berner verzichten auf das Burgerecht mit dem Münstertal. Dieser Tauschhandel wurde durch die Tagsatzung von Baden im Jahre 1610 vereitelt.

    . . .

    1814 / 1815
    Wiener Kongress: Vergeblicher Versuch von Georg Friedrich Heilmann (Ge-
    sandter von Biel) aus dem reformierten Teil des Bistums Basel einen selbst
    ständigen Kanton Biel, mit Biel als Hauptstadt zu schaffen.

    Biel wird dem bernischen Amtsbezirk Nidau zugeschlagen, mit dem Städtchen Nidau als Amtssitz.

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