Aline, 30, IV-Bezügerin mit psychischer Erkrankung (Teil 2/2)

Die Diskussion um die Finanzlage der Sozialwerke und um den Missbrauch der Sozialversicherungen veranlasst einige, sämtliche IV-Bezüger gleich unter einen Generalverdacht zu stellen. «IV-Rente» ist schon beinahe zu einem Schimpfwort geworden.

Wenig hört man von den Betroffenen selbst. Das ist auch verständlich, denn wer sich öffentlich exponiert, dem kann nicht nur ein rauer Wind entgegen blasen, sondern er (oder sie) muss plötzlich der breiten Öffentlichkeit noch die eigene Invalidität erklären…

Nach dem ersten Teil gibt dieser zweite Teil des schriftlich geführten Interviews weitere Einblicke in das Schicksal einer IV-Bezügerin. Es ist einer von vielen Einzelfällen, welcher in keinem Fall verallgemeinert werden darf. Er soll aufzeigen, was es bedeuten kann, IV-Bezügerin oder IV-Bezüger zu sein und dass die Sichtweise der Nicht-Invaliden, also der Nicht-Betroffenen, manchmal vielleicht etwas gar zu einfach ist, insbesondere dann, wenn eine Krankheit äusserlich kaum sichtbar ist.

Wie erklärst Du anderen eine Krankheit, die man nicht sieht?

Salopp gesagt: Da ist im Kopf was kaputt. Obwohl ich verstandesmässig weiss, dass ich zum Beispiel in der Schlange an der Supermarktkasse keine Angst haben muss, dass ich gleich umkippe, kann ich die Symptome wie Schwindel, Übelkeit, innere Anspannung, Bauchkrämpfe oder Panik nicht verstandesmässig kontrollieren.

Man wirft Menschen mit psychischen Krankheiten oft vor, dass sie einfach nicht genügend Willen hätte. Das ist ein komplett falsches Bild.

Es ist eher so, dass man unter Aufbietung seines gesamten Willens – und das ist echt anstrengend – eine psychisch Erkrankung eben NICHT kontrollieren kann. Man WEISS zwar, dass es komplett idiotisch ist, vor diesem oder jenem Angst zu haben, aber man hat es trotzdem. Der Körper produziert Angstsymptome und der Verstand kann das nicht stoppen.

Kannst Du das an einem Beispiel erklären?

Ich nehme mal das Beispiel mit den Viren. Eine Zeit lang hatte ich diesbezüglich sehr grosse Probleme. Hat beispielsweise die Verkäuferin in einer Bäckerei das Brot nicht mit einer Zange oder mit Handschuhen, sondern mit blossen Händen angefasst, habe ich das zuhause weggeworfen, weil ich überzeugt war, dass da jetzt ganz viele Bakterien und Viren daran kleben. Und das kann ich auf gar keinen Fall essen, denn dann würde ich vielleicht krank werden.

Und natürlich würde ich keine normale Erkältung bekommen, sondern eine ganz schlimme mit Lungenentzündung und dann müsste ich ins Spital und vor dem Spital habe ich noch mehr Angst, weil da sind ja noch viiiiel mehr Viren und Bakterien…. und die würden sich dann alle auf mich stützen, und ich würde ganz fruchtbar leiden müssen… und keiner könnte mir helfen… etc…

Du verstrickst dich also immer tiefer in die Ängste?

Ja. Therapeuten nennen sowas Katastrophisieren. Es ist typisch für Menschen mit Angststörungen. Und wenn man sich jetzt mal überlegt, wo man überall im Alltag irgendwelchen Keimen begegnet – nämlich überall – kann man sich in etwa vorstellen, wie anstrengend, das ist, wenn man bei jeder Möglichkeit zwanghaft diese Gedankengänge hat. Da hat dann nicht mehr viel anderes Platz.

Auch im zwischenmenschlichen Bereich ist das sehr schwierig: Eine Freundin möchte mit ihrem Kleinkind zu Besuch kommen und das hat gerade Schnupfen… Das reicht dann, um wieder diese ganzen Gedankengänge und massive körperliche Angstsymptome auszulösen.

Oder man kann nicht essen, was jemand anderer zubereitet hat. Er könnte ja das Fleisch nicht genügend durchgebraten oder sich die Hände nicht gewaschen haben. Ich kann deshalb nur Speisen essen, die ich selbst zubereitet habe.

Diese Ticks, Zwänge oder Ängste sind allerdings nicht die eigentliche Krankheit, es sind viel eher «Symptome».

Und die eigentliche Ursache?

Dem zu Grunde liegt meist ein fehlendes Grundvertrauen. Das Vertrauen darauf, dass man auch mit schwierigen Situationen fertig wird, das Vertrauen darauf, dass andere Menschen einem helfen.

Die ganzen «Ticks» sind eigentlich «Vorkehrungen» der Seele, nicht in «unkontrollierbare» Situationen zu geraten. «Unkontrollierbar» heisst «krank zu werden» oder sich zu blamieren oder auf das Wohlwollen und die Hilfe andere Menschen angewiesen zu sein.

Ironischerweise passiert all das genau, wenn man psychisch krank ist: Man ist krank, schämt sich und ist auf das Wohlwollen und die Hilfe anderer Menschen angewiesen.

Das genaue Gegenteil also von «Kontrolle» über das eigene Leben. Und die Seele reagiert darauf nicht «vernünftig», indem sie keine Symptome mehr produziert, sondern sie reagiert auf die fehlende Kontrolle über das eigenen Leben mit noch mehr Symptomen und Ängsten.

Aus diesem Teufelskreis, der sich oft über Jahre hinweg aufgebaut und immer mehr verfestigt hat, ist es enorm schwierig, einen Ausweg zu finden.

…welche Therapeuten aufzeigen sollten?

Meine Erfahrung ist, dass sich viele Therapeuten sehr schwer tun, sich genügend einzufühlen in diese verdrehten Konstrukte, die für den psychisch Kranken aus seiner Sicht «logisch« erscheinen, aber natürlich von aussen völlig durchgeknallt wirken.

Aber nur wenn ein Therapeut es schafft, sich in diese «verdrehte Wahrnehmungsweise» einzudenken, kann er den Patienten wirklich unterstützen, den Punkt zu finden, bei dem der ganze Teufelskreis am ehesten zu durchbrechen ist.

Wenn zum Beispiel ein Therapeut jemandem mit einer Angststörung sagt «tun sie doch mal etwas für sich, entspannen sie sich mal, gehen sie mal ins Kino…», dann hat er einfach den grundlegenden Kern nicht begriffen, weil «Kino» in dem Fall eben alles andere als «Entspannung» bedeutet, sondern dermassen anstrengend ist, dass der «Aufwand» den «Nutzen» niemals aufwiegen kann.

Wünschst Du Dir manchmal, Deine Ohren würden bei einer starken Ausprägung Deiner Krankheit grün, damit andere sehen, dass mit Dir «etwas nicht stimmt»?

Das ist wirklich eine köstliche Vorstellung – ich stell mir so meine Freunde vor: Oh guck, Aline kriegt wieder grüne Ohren, wir müssen sie jetzt schnell nach Hause bringen. Das wäre schon ganz praktisch manchmal, da müsste man sich nicht immer erklären, entschuldigen u.s.w.

Andererseits hat es natürlich auch seine guten Seiten, dass man von aussen nichts sieht, dass man kann quasi «inkognito» unterwegs sein. Das können Rollstuhlfahrer beispielsweise nicht.

Delikate Frage: Gibt es eine Art Konkurrenzdenken unter IV-Bezügern, zumal die IV in aller Munde ist und einige vielleicht um ihre IV-Rente fürchten müssen? Hast Du schon einmal von anderen IV-Bezügern zu verstehen bekommen, dass es für sie zwei Klassen von IV-Bezügern gibt?

Ja, da gibt es Hierarchien. Die psychisch Behinderten stehen da ganz unten.

Sie können eben nicht «beweisen», dass sie krank sind, und «verrückt» zu sein ist jetzt auch nicht unbedingt eine besonders prestigeträchtige Eigenschaft.

Was muss man von amtlicher Seite her alles durchmachen und über sich ergehen lassen, wenn man eine IV-Rente bezieht?

Dazu nur soviel: Es ist sehr langwierig, psychisch äusserst belastend und von dem Moment an, wo man bei der IV angemeldet ist, ist man kein selbständiger, erwachsener Mensch mehr, sondern ein «Fall» – und genau so wird man dann auch behandelt.

Noch eine provokative Frage: Was macht eine IV-Bezügerin oder ein IV-Bezüger den ganzen Tag?

Leiden, was denn sonst? 😉

Nein, im Ernst, es gibt Tage da geht es mir sehr schlecht und ich kriege wirklich gar nichts hin. Zum Beispiel wenn ich tags zuvor irgendetwas gemacht habe, das für mich psychisch – und deshalb auch körperlich – anstrengend war, dann bin einfach nur völlig erschöpft. Und weil eigentlich alles für mich psychisch anstrengend ist, bin ich oft einfach sehr müde, ich schlafe viel und wenn ich Medikamente nehme, schlafe ich noch mehr. Oft bin ich froh, wenn ich einfach nur meinen Alltag mit einkaufen, kochen, waschen usw. geregelt bekomme.

Ansonsten lese ich sehr viel. Und wenn ich einen ganz guten Tag habe, gehe ich etwas in die Natur oder fotografiere. Das ist jeweils ein grosses Geschenk, weil es nicht häufig vorkommt.

Was hältst Du von «Re-Integrationsprogrammen»?

Ich hab noch keins aus der Nähe gesehen, aber vom Hörensagen her sind die Integrationsprogramme der IV für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten extrem schlecht. Sie funktionieren eigentlich nur dann, wenn der Betroffene beispielsweise nur eine kürzere, vorübergehende psychische Problematik hat und danach wieder einigermassen «normal» funktionieren kann.

Siehst Du noch andere Hindernisse?

Die Realität ist eben auch: Niemand will schwer psychisch kranke Menschen einstellen.

Das versteh‘ ich auch. Wenn es genügend Gesunde gibt, die eine konstante Leistungsfähigkeit haben, warum sollte man dann Kranke einstellen? Ausser der Betroffene kann irgendwas so gut, dass die Firma dafür seine erkrankungsbedingten Besonderheiten und Ausfälle in Kauf nimmt und für unkonventionelle Lösungen offen ist.

Was denkst Du über echte Missbrauchsfälle?

Ich habe nie geglaubt, dass es so viele Betrüger gibt, wie immer behauptet wird und die kürzlich von der IV veröffentlichten Zahlen bestätigen dass ja auch. Nur zirka jeder 1000. Bezüger ist ein Betrüger. Klar, es gibt sie, aber es gibt weit mehr Betrug bei den Autoversicherungen oder bei den Steuern. Komischerweise regt sich kaum jemand darüber auf.

Will man gar keine Betrüger, muss man die Versicherungen – oder die Menschen – abschaffen.

Anstatt über die wenigen Betrüger würde man besser mal über die vielen Menschen mit IV-Rente reden, die gerne arbeiten würden – und wie man für diese die Bedingungen schaffen könnte, dass dies zumindest in Teilzeit möglich wäre.

Was wünschst Du Dir für einen Umgang mit IV-Bezügern?

Ich würde mir wünschen, dass die «Gesunden» sich mal überlegen, wie sie selbst behandelt werden möchten, falls sie krank oder behindert würden. Offenbar überlegen sich das viele nicht. Ich glaube nämlich nicht, dass irgendjemand sich wünscht, dass man ihn dann stigmatisiert, ausgrenzt und als Sozialschmarotzer beschimpft.

Ich persönlich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich wunderbare Menschen um mich herum habe, für die weder meine psychische Erkrankung noch die daraus resultierende IV-Rente besonders relevant ist. Für die bin ich nicht «der Psychofreak mit der IV-Rente» sondern schlicht Aline.

Aline, vielen Dank fürs Gespräch!

10 Replies to “Aline, 30, IV-Bezügerin mit psychischer Erkrankung (Teil 2/2)”

  1. @Titus und Aline

    Ein grosses Danke an euch beide für dieses Interview:
    Es klingt nach – noch lange!
    Und ich wünsche, dass Alines am Schluss geäusserter Wunsch wahr wird.

    Hausfrau Hanna

  2. @Titus
    Mit ‚es klingt nach‘ meine ich:
    Das Interview hat Resonanz gefunden. Ich las es sehr aufmerksam und langsam, Wort für Wort – war beeindruckt von Alines offener, differenziert wahrnehmender Art und Ausdrucksweise.

    Es muss nicht immer Musik sein, die nachklingt. Manchmal sind es Begegnungen. Und hin und wieder ein solches Interview…

    Einen schönen Tag
    wünscht
    Hausfrau Hanna

  3. Danke an Aline für die Offenheit und Bereitschaft, einen Einblick in ihr Leben zu geben, und merci für die Plattform, Titus, die mich diesen Einblick sehen lässt.

  4. @ Hanna
    Jä so, jetzt habe ich Dich verstanden.

    @ Hanna / wahrscheinlich
    Ich denke, es braucht solche Interviews, damit man auch einen Bezug erhält zu einer Sache, welche sonst immer nur anonym und als eine grosse Masse „abgehandelt“ wird. Solche Einblicke erlauben, zu differenzieren statt zu pauschalisieren.

  5. Und es braucht engagierte Betriebe, die nicht nur auf Maximierung der Rendite aus sind.
    Wie zum Beispiel die Landi Köniz, der letzte Woche der Berner Sozialstern verliehen wurde: Beitrag im DerBund.

    Das Preisgeld (10’000.-) ist zweckgebunden und wird für weitere Massnahmen in diesem Bereich eingesetzt.

  6. @ Bobsmile
    Vielen Dank für den Link.

    Was mich allerdings auch noch interessieren würde – und das geht leider aus dem fraglichen Artikel nicht hervor – ist, wie es die Landi Köniz geschafft hat. Würde man das einmal aufzeigen, könnten andere sehen, was es dafür alles (nicht) braucht und wie viel „Zauberei“ (nicht) notwendig ist.

  7. Ich arbeite in einer psychiatrischen Praxis und muss mich fast täglich mit IV Berichten, Revisionen etc.auseinander setzen. Ich kenne aber die Patienten persönlich, die zu diesen Berichten gehören und es wird mir oft fast übel, wenn ich sehe, was da von Seitens IV abgeht.
    Dürfte ich dieses Interwiew ausdrucken und bei uns aufhängen??
    Das wär genial:-)

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