3-Minuten-Stars

Um drei Minuten lang im Rampenlicht zu stehen, nehmen einige Menschen viele Risiken in Kauf. Die meisten dieser Risiken bleiben allerdings verborgen. Und geht einmal etwas öffentlich «daneben», wird sich dauerhaft trotzdem nichts ändern.

Es mag heute ziemlich altklug klingen, es sei jedoch trotzdem gesagt: Irgendwann musste es ja soweit kommen. Irgendwann musste sich ja einmal jemand in einer Live-Sendung schwer verletzen, der ein gewisses Risiko einging, so wie das am vergangenen Samstag in «Wetten dass…?» geschah. Das hat verschiedene Gründe. Und es hätte auch jede  ähnlich gelagerte Sendung treffen können.

Unbekannte Dunkelziffer

Ein Grund liegt zweifellos darin, dass es nie eine hundertprozentige Sicherheit gibt. Darum darf es nicht verwundern, dass nach 29 Sende-Jahren ohne grössere Zwischenfälle eben einmal auch etwas in einer einzigen Sekunde vorfällt, das zu einem Unglück führt. Will man dieses Risiko nicht in Kauf nehmen, hätte man solche Sendungen einzustellen.

Das gilt selbst dann, wenn unzählige Sicherheitsvorkehrungen gefasst wurden um «das Risiko auf ein Minimum zu reduzieren», wie es jeweils so schön heisst. Wie gross ist das Minimum eines Risikos? Egal. Sicher ist nur, dass es immer ein Restrisiko gibt und dass darum immer auch mit Unfällen selbst in solchen Sendungen mit unzähligen Sicherheitsexperten zu rechnen ist.

Sinn und Zweck eines TV-Senders ist es immer, entweder zu unterhalten oder zu informieren oder beides. TV-Sender sind hingegen nicht darauf aus, allenfalls noch Schadenersatzansprüche wegen Unfällen während Unterhaltungssendungen zahlen zu müssen – vom Image-Verlust ganz zu schweigen.

Vor allem darum besteht auch eine hohe Fixierung auf die Sicherheitsaspekte, insbesondere während einigen wenigen kritischen Minuten einer Sendung. Aber hat sich schon einmal jemand Gedanken darüber gemacht, unter welchen Sicherheitsvorkehrungen die Kandidaten einen solchen Auftritt Wochen, Monate oder gar Jahre zuvor probten, ganz ohne irgendwelche Sicherheitsexperten?

Hat jemand eine Ahnung davon, wie viele «Akrobaten» es deshalb nie in eine Sendung geschafft haben, weil sie schon frühzeitig ein «Erlebnis» hatten, das sie vor dem Weitermachen abhielt? Man könnte hier sicherlich von einer Art Dunkelziffer an glimpflich oder weniger glimpflich verlaufenen Unfällen sprechen – fernab jeglicher Fernsehkamera und weit weg irgendeines Sendung-Namens.

Von diesen gescheiterten Fällen spricht heute natürlich niemand. Selbst die verhinderten Kandidaten, alle erpicht auf Ruhm und Anerkennung, werden das Scheitern wohl kaum an die grosse Glocke hängen.

Und den TV-Sendern ist es egal. Sie wollen unterhalten. Wie viel Leid oder Schmerz gescheiterte Auftrittswillige ertragen mussten in der falschen Hoffnung, bald eine tolle Idee aller Welt zeigen zu können, interessiert die TV-Sender nicht.

Risiken zu Unterhaltungszwecken

Das zeigt sich indirekt auch sehr schön in einem Standard-Satz von Gottschalk: «Liebe Kinder, bitte nicht nachmachen!» Das mag vielleicht wirken in Bezug auf die fragliche Wette.

Doch eigentlich müsste der Satz etwa so lauten: «Liebe Zuschauer, bitte kommen Sie nicht auf dumme Ideen und versuchen sich in einer Wette, die gefährlich ist.» Das hat bis heute noch nie jemand gesagt. Ein Fischer verscheucht ja auch nicht die Fische, bevor er sein Netz ausgeworfen hat…

Auf gut Deutsch heisst das, dass das Eingehen solcher Risiken zu Unterhaltungszwecken, welche die körperliche oder selbst seelische Integrität bedrohen können, erwünscht ist. Und wir Zuschauer, die den TV-Sendern Legitimität für solche Sendungen verleihen, sitzen gemütlich zu Hause auf dem Sofa und schauen gespannt dem Treiben auf dem Bildschirm zu. Am Schluss dürfen wir dann noch durch unsere Anrufe den Besten erkoren.

Das erinnert fast etwas an die alten Römer. Auch sie setzten zu Unterhaltungszwecken Menschen gewissen Risiken aus, währenddem der Pöbel dem ganzen Treiben frenetisch zujubelte. Die Besten wurden zwar nicht mit Anrufen erkoren, dafür aber mit einem nach oben gehaltenen Daumen.

Ist es nicht beruhigend zu sehen, dass sich die Menschheit inzwischen dahingehend weiterentwickelt hat, als dass heute Menschen bereit sind, freiwillig lebensbedrohliche Risiken einzugehen? Zudem werden die, welche nicht zu den Besten gehören, auch nicht mehr den Löwen zum Frass vorgeworfen…

Zynismus beiseite: Jeder gelungene Auftritt ist eine Ermutigung für all jene, die etwas Ähnliches auch versuchen wollen. Aber eben nur etwas Ähnliches. Damit wären wir beim zweiten Grund, weshalb es zu diesem Unfall kam: Das Gleiche zu zeigen, das schon andere geschafft haben, interessiert niemanden. Wenn schon, dann will man noch höher, schneller oder weiter gehen als man bisher gegangen ist.

Logischerweise werden dadurch höhere Risiken eingegangen, welche teilweise auch durch höhere Sicherheitsvorkehrungen kompensiert werden. Gerade weil höhere Risiken eingegangen werden sei hier nochmals die Frage gestellt: Gelten auch höhere Sicherheitsvorkehrungen zu Hause beim Trainieren im Keller, in der Garage, auf dem Dachboden oder in der Quartierstrasse?

Auslöser des Ganzen sind drei Spieler: Der TV-Sender, der ums Publikum buhlt, der Kandidat einer TV-Sendung, der um Aufmerksamkeit buhlt und der TV-Zuschauer, der gute Unterhaltung wünscht.

Es gibt dabei so eine Art Teufelskreis. Der TV-Sender glaubt, er müsse risikoreiche Vorstellungen zeigen um das Publikum für sich gewinnen zu können. Der Kandidat glaubt, er müsse etwas Risikoreiches machen um es in die TV-Sendung zu schaffen. Und der TV-Zuschauer glaubt, dass ihm dann gute Unterhaltung geboten wird, wenn etwas Risikoreiches dabei ist.

Ist dem wirklich so oder gibt es auch gute und spannende Unterhaltung ohne lebensbedrohliche Risiken?

Nichts ändert sich

Eigentlich böte dieser Unfall wieder einmal Gelegenheit, sich generell Gedanken darüber zu machen, was in der Flimmerkiste gezeigt werden soll und was nicht. Es wären Gedanken zu Fragen wie:

  • Wäre es nicht an der Zeit – und vor allem sinnvoller – auch einmal die Schattenseite des immer noch weiter gehen Wollens zu zeigen statt nur der glamourösen Erfolge im Scheinwerferlicht?
  • Wäre es nicht an der Zeit auch einmal aufzuzeigen, was aus den früheren 3-Minuten-Stars geworden ist?
  • Geht es einigen in unseren Breitengraden zu gut, dass sie solche Risiko suchen währenddem anderenorts täglich ums Überleben gekämpft werden muss?
  • Geht es einigen zu gut, dass sie mit ihrer Zeit nichts Gescheiteres anzufangen wissen als sich in risikoreichen Auftritte zu üben?
  • Geht es in solchen Shows immer nur um Ego-Trips Einzelner als Sprungbrett zu etwas Besserem?
  • Fehlt es in der Gesellschaft zunehmend an Anerkennung des einzelnen Individuums, sodass zunehmend versucht wird, diese fehlende Anerkennung über ein Millionenpublikum zu erhalten?
  • usw.

Doch solche Gedanken bringen kaum etwas. Die Branche zeigt sich nun etwas schockiert, die Sicherheitsvorkehrungen werden allgemein etwas verschärft, gewisse Risiken werden wenigstens in den nächsten paar Wochen nicht mehr eingegangen – bis man wieder zu den alten Fahrwassern zurückkehrt.

Der nächste Unfall – er kommt bestimmt – wird weniger Aufmerksamkeit erregen (ausser er verliefe noch tragischer) und das Publikum wird bildlich gesprochen nur noch mit den Schultern zucken und sich sagen: So ist das halt, er war sich des Risikos ja schliesslich bewusst.

Die TV-Sender zucken irgendwann dann, wenn solche Unfälle das Publikum nicht mehr so sehr beschäftigen, auch nur noch mit den Schultern, bedauern natürlich den Vorfall, zeigen zugleich mit dem Finger auf den Kandidaten mit dem Hinweis, dass er sich des Risikos ja bewusst war, versprechen aber trotzdem Besserung und relativieren gleichzeitig wieder damit, dass sie nicht Moralapostel darüber spielen wollen, was gezeigt werden darf und soll und was nicht…

Irgendwer ruft dann nach der Politik, welche ihrerseits die Hände von sich streckt und meint, man wollen nicht noch mehr reglementieren. Zudem gehöre es zum Leben, Risiken einzugehen, denn nur so könne man vorwärts kommen. Die Politik wird jedoch die Antwort schuldig bleiben, wie man denn durch Risiken im 3-Minuten-Unterhaltungsbereich vorwärts kommen will…

So bleibt alles beim Alten – oder fast. Neu wird nur sein, dass wir uns irgendwann an solche Unfälle gewöhnt haben werden…

5 Replies to “3-Minuten-Stars”

  1. Im Nachhinein kann man ja immer altklug daherreden, aber es war effektiv so, dass ich genau im Moment als die Wette begonnen hatte hineingeschaltet hatte, und dachte: das ist nicht gut, wenn da bloss nichts passiert… (was ich sonst noch nie gedacht habe).
    Und als er bei dem einen Auto abgebrochen hatte, dachte ich nochmal; das ist nicht gut.
    Aber wie hätten sich die selben Medien am nächsten Tag den Mund zerrissen, die jetzt auf Moralapostel machen, hätte der Kandidat einfach gesagt; Nein, ich hab gerade jetzt kein gutes Gefühl, da ist heute der Wurm drin, ich lass es bleiben.

    Was wäre dann in der Zeitung gestanden? «Weichei der Nation».
    Reibungslose Abläufe allüberall sind heute Pflicht, der menschliche Faktor darf gar nicht mehr existieren.

  2. Ich bin mit „Wetten dass …?“ aufgewachsen. Wenn ich keine Lust auf Karten-Spiel oder Ausgang hatte, setzte ich mich zur Familie auf’s Sofa vor die Samstag Abend Kiste mit Frank Elstner und schaute den Bierkistenstapler, Kopfrechenkünstler und Bierdeckelwerfer zu.

    Seit einigen Jahren aber schaue ich mir die Sendung nicht mehr an. Auch bei mir hat sich eine Sättigng eingestellt. Auch andere Sendungen in denen Halb-Promis mit Woks den Eiskanal runterrasen, oder sich bei Stockcar-Rennen die Köpfe einschlagen habe ich satt.
    Und ich frage mich etwas irritiert, ist das nur der Gewöhnungseffekt oder vielleicht doch die Vernunft, solchem dekadenten Treiben keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken?

    Zum Thema:
    Möglicherweise hat es mit der veränderten Medienlandschaft zu tun, dass alle Welt nun überrascht ist, dass bei „Wetten dass…?“ ein lebensbedrohlicher Zwischenfall zum Abbruch führte. Eine öffentlich rechtliche Fernsehanstalt hat in unseren Augen Familientauglichkeit und ist „gesichert“ mit Netz und doppeltem Boden. Die verrückten, trashigen und gefährlichen Sachen zeigt nur das private, mit Werbung gesponserte Fernsehen.
    Internet, mit Youtube und Co. deckt die letzten 20% der Ergüsse von Menschen mit übertriebenem Geltungsdrang ab. Höher, schneller, weiter, bis zur Schmerzgrenze und noch etwas mehr.

    Wir, ich nehme mich da nicht aus, sollten uns alle wieder einmal bewusst werden, welches Geschenkt und wie kostbar Leben an und für sich ist.

  3. Ich hab das ganze erst 5 Minuten danach von der Freundin erfahren, die genau die entscheidende Szene verpasst hatte und was von unterbrochener Sendung sagte. Darauf habe ich dann mit der Revuefunktion die Sendung nachgeholt. Was mich dabei erstaunte, er war doch eigentlich sehr gut geschützt, einzig ein Helm hatte er wohl nicht. Als er dann so wie ein Brett flach auf die Vorderseite flog, dachte ich mir zuerst nicht gross was dabei, es sah nicht wirklich krass aus. Als er sich dann jedoch gar nicht mehr bewegte und vor allem nicht sofort wieder aufstand, dachte ich mir spontan , der ist tot. Und als dann die Kamera wegschwenkte und die Sendung unterbrochen und später abgebrochen wurde, war für mich eigentlich klar, das wars wohl, eindeutig tot…

    Während der Unterbrechung, als diese Beschwichtigungsmusik lief, dachte ich mir noch, ist ja geil, da hat es einen geputzt und dann wollen sie einem mit so Beschwichtigungsmusik davon ablenken.

    Aber so generell es ist eben schon so, ich bin wohl schon ziemlich abgebrüht was Fernsehen und so betrifft, wenn es da nicht gleich Blut spritzt, Glieder rumfliegen und Leute schreien, dann dringt das irgendwie gar nicht so gross zu mir vor. Und bei „Wetten das“ ist man ehh in so einem Modus ähnlich wie bei Skirennen und dergleichen, und wenn bei einem Skirennen wieder mal einer den Hang runterpurzelt, kümmert es mich auch nicht gross, gehört irgendwie dazu, genauso wie ein Crash bei der Formel 1. Und eben meistens stehen die Leute auch gleich wieder auf und machen weiter oder fluchen weil sie eben nicht mehr weiter machen können, deshalb hat mich bei dem „Wetten das“ Unfall dann wohl genau das überrascht, dass der eben nicht mehr aufgestanden ist obwohl er gut geschützt schien und es gar nicht so krass ausgesehen hat.

  4. @ Mia
    Ja, es fehlt uns eine Kultur, die auch ein Scheitern zulässt. Ist das nicht häufiger der Fall als das Obsiegen? Ich denke schon, aber wir sind wahrscheinlich auch alle gute Weltmeister im Übergehen dieser Tatsache…

    @ Bobsmile
    Geht mir ähnlich, früher wuchs man damit auf, heute schaut man gerade noch beim Durchzappen rein (so wie eben letztes Wochenende)…

    @ Chris
    Diese „Abhärtung“ kann auch dazu führen, dass man dieses Höher-schneller-weiter gar nicht mehr sehen mag. Ich für meine Teil bleibe immer häufiger bei den „hinteren Kanälen“ hängen, spricht dort, wo die „langweiligen“ (aber seriösen) Dokus gezeigt werden…

  5. Ja, bei mir ist wohl eben auch so ein Gewöhnungseffekt eingetreten, ist schon so. Und Dokus sehe ich mir auch gerne an oder eben auch einfach 2 Stunden World Poker Tour oder so was, ist für mich genau so unterhaltend und spannend.

    Naja, bin beim TV auch ein Zapper und ich mag keine Unterbrecherwerbung, also lieber eine womöglich eher langweilige Sendung ohne Unterbrecherwerbung als eine andere. Denn diese dauernde Unterbrechungen und das Dauer-Billig-Schrott-Werbe-Gedudel führt bei mir zu Adrenalinschüben und Hass gegen den entsprechenden Sender, also lieber wegzappen und gut ist.

    Und mittlerweile muss ich ganz ehrlich sagen, sauge ich mir viel aktuellere Filme in 1080p Qualität runter als bis jetzt egal welcher Sender zu bieten hat. Das geht meiner Meinung nach sogar soweit, dass das Internet sämtliche VideoOnDemand-Angebote kanibalisiert die es gibt und noch geben wird, ausser alles wäre Gratis… 😉

    Ich habe ausgerechnet, mit der jetzigen FTTA-Leitung ist es kein Problem mehr jeweils alle Episoden einer Serie auf einmal runterzuladen, während ich eine Episode gucke, sind bereits 20 neue unten, also frage ich mich langsam brauch ich überhaupt noch so lahme Sender die einmal im Tag eine Folge bringen und das erst noch vollgestopft mit Werbung? Nein! Deshalb habe ich mir nun auch eine „WD HD TV Live Box“ besorgt, sau günstig und perfekt um Filme aller Formate ohne Probleme direkt von meinem 12TB NAS zu streamen, der dann erst noch im Hintergrund ständig neue Episoden oder neue Filme saugt…

    Ein Beispiel: Während ich gestern Inception schaute, kamen im Hintergrund fünf andere neue Filme in 720p und 1080p runter, also genau genommen komme ich aktuell gar nicht mehr nach mit schauen, weil in der Zeit wo man einen schaut bereits fünf mehr da sind, schon krass oder?

    Es ist nicht all zu lange her da brauchte ich für einen von denen fast einen Tag um den runter zu laden, aktuell dauert das gerade mal noch 15 Minuten?! Für was braucht es da noch TV-Sender? Und vor allem für was genau benötige ich das VideoOnDemand das vom aktuellen TV-Provider diesen Winter kommen soll?

    Das schnelle Internet kannibalisiert doch quasi das VideoOnDemand vollständig, ausser es wäre auch komplett gratis, was aber garantiert nicht im Sinne der Betreiber wäre oder?

    Naja, was solls, da haben wohl ein paar wieder die neusten Entwicklungen verpennt… 😉

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