Die tägliche Gehirnwäsche

Die Botschaftsdepeschen auf Wikileaks zeigen auf, wie man in US-Kreisen wirklich denkt. Verglichen mit dem, was öffentlich kommuniziert wird, besteht eine grosse Differenz. Das gilt allerdings auch für andere Bereiche.

Wenn wir einmal versuchen die Vogelperspektive zu den jüngsten Veröffentlichungen von Wikileaks betreffend Botschaftsdepeschen einzunehmen, was lernen wir daraus?

Vorab ist festzuhalten, dass es sich bei diesen Depeschen entweder um Berichte zu Begegnungen mit Repräsentanten anderer Länder oder um Einschätzungen über damals aktuelle Begebenheiten handelt, beides verfasst vom jeweiligen Botschaftspersonal.

Diese Feststellung ist vor allem deshalb wichtig, weil in diesen Tagen verschiedentlich Medienberichte zu lesen sind, welche gewisse Depeschen schon fast als unwiderrufliche Tatsachen darstellen. Das ist falsch.

Fragwürdiges Weltbild

Diese Depeschen beruhen zwar auf tatsächlichen Ereignissen, sie zeigen diese jedoch in einem klar subjektiven Licht. Es sind weder Analysen, die etwas Bestimmtes nach vorgegebenen Kriterien untersuchten, noch Berichte, welche mit wissenschaftlicher Genauigkeit und Unvoreingenommenheit verfasst wurden.

Würden beispielsweise drei Personen unabhängig voneinander ein Protokoll über eine Sitzung führen, dann entstünden auch drei voneinander unterschiedliche Protokolle. Jeder Protokollführer würde die einzelnen Gesprächspunkte mehr oder weniger ausführlich niederschreiben und betonen.

Das macht deutlich, wie ungenau solche Berichte sein können. Was A sagt, wird von B, C und D (stellvertretend für die genannten drei Protokollführer) unterschiedlich verstanden. Darum wäre es im Sinne einer Wahrheitsfindung wenig dienlich, aufgrund dieser Depeschen über Personen oder Ereignisse zu urteilen, nur weil der Verfasser etwas auf seine Weise aufgefasst und niedergeschrieben hat. Hier ist also eine gewisse Vorsicht geboten.

Viel wichtiger ist der Umstand, dass es sich um subjektiv verfasste Zeilen handelt. Einige Depeschen erwecken dabei den Eindruck, dass der Verfasser wenig Ahnung über eine Sache oder über ein Land hat. Bei anderen entsteht der Eindruck, dass die empfangende Seite in Washington so gut wie gar keine Ahnung über ein Land hat, weshalb gewisse Aussagen in den Depeschen ähnlich einer Unterrichtsstunde in Geschichte daherkommen…

Das macht wiederum deutlich, unter welchem Kontext hier teilweise subjektive Berichte oder Einschätzungen verfasst und schliesslich verschickt wurden. Verwunderlich ist das nicht, denn es verlangt von den Botschaftern viel Sportlichkeit ab, über ein Land zu berichten, obschon sie es kaum kennen.

Um beispielsweise zu verstehen, wie ein Entscheid des Schweizer Stimmvolkes zustande gekommen ist, braucht es mehr als einige ohnehin eher zusammenfassende Depeschen. Und sind die Botschafter einmal soweit um nach zwei oder drei Jahren einigermassen zu verstehen, wie ein Land «tickt», werden sie bereits wieder in die nächsten Botschaft versetzt.

Trotzdem: Auch auf der Basis dieser Depeschen wird in Washington geurteilt. Es hat darum schon etwas Fahrlässiges, wenn sich die US-Regierung für ihre «Einschätzung der Lage» vor Ort und für ihre Entscheide auf sie abstützt. Es lässt sich nicht wegreden, dass genau deshalb die Sicht Washingtons zwangsläufig – nennen wir es einmal «weltfremd» ist.

Da haben wir nun also zusammenfassende, subjektiv verfasste Depeschen von angeblichen «Kennern» eines Landes. Und die passen der US-Regierung selten so in den Kram um diese Berichte und Einschätzungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die Depeschen oder deren Verfasser werden dabei nicht in Frage gestellt, andernfalls würde sich der Stil oder der Inhalt über mehrere Depeschen ändern. Das ist jedoch nicht der Fall.

Lug und Trug

Vielmehr wird der Inhalt verschwiegen oder öffentlich gar anders dargestellt. Man drückt sich «diplomatisch» oder mit «diplomatischer Zurückhaltung» aus, wobei diese Redewendungen seit der Veröffentlichung der fraglichen Diplomaten-Depeschen auch nicht mehr so gelten wie bis anhin.

In der Folge dominieren – so hart es klingen mag – Lug und Trug. Das darf man in diesem Fall beruhigt verallgemeinern, denn alle der unzähligen Depeschen enthalten eine klare, unverwässerte Sprache, welche sich so in der Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit, aber auch gegenüber den anderen Regierungen selten wieder findet.

So entsteht ein Gebilde an Lügen und Täuschungen, auf dessen Basis man zusammenarbeiten will. Dieses Kartenhaus an Lügen und Täuschungen brach schon verschiedentlich in sich zusammen. Ein jüngeres Beispiel dafür sind die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak, welche Auslöser für den Einmarsch von US- und anderen Truppen im Irak waren.

Dieses Beispiel zeigt zugleich aber auch, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Bis anhin hat nämlich keine westliche Regierung die USA öffentlich der Lüge oder der Täuschung bezichtigt, obschon inzwischen klar ist, dass hier bewusst etwas nachgeholfen wurde. Alle westlichen Regierungen spielen bis heute bei diesem «Spiel» um Lug und Trug mit.

Wenn Sie jemand massiv belügt oder betrügt, wollen Sie dann noch mit dieser Person zu tun haben? Im zwischenmenschlichen Bereich ist sicher mit einem Vertrauensverlust zu rechnen. Jeder Handlung oder jeder Äusserung dieser Person würden Sie in Zukunft mit grosser Skepsis entgegentreten.

Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb das im zwischenstaatlichen Bereich anders laufen soll. Doch eine Distanzierung von den USA fand bis anhin nie statt. Stattdessen macht man weiter als ob nie etwas vorgefallen wäre.

Der einzige unvernünftige Grund, weshalb das so ist, findet sich nur in weiteren Lug- und Trugbildern, welche diesmal jedoch nicht von den USA vermittelt werden. Es sind unsere eigenen Regierungen, unsere Wirtschaft oder unsere Gesellschaft, welche andauern das Bild von nationalstaatlicher Unabhängigkeit vermitteln.

Tatsächlich sind wir aber bei weitem nicht mehr so unabhängig, wie sich das einige wünschen oder vorstellen. Sämtliche wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder auch nur politischen Beziehungen zu einem Land wegen einer politischen Lüge oder Täuschung abzubrechen käme einem Eigentor gleich. Man nimmt darum zwangsläufig in Kauf, belogen oder getäuscht worden zu sein, ganz nach dem Motto: Schwamm drüber…

Allgegenwärtig

Dieses Prinzip ist allgegenwärtig. Nehmen wir als Beispiel den Verkauf von Bankdaten nach Deutschland. Bei sachlicher Betrachtung mutet es doch sehr abenteuerlich an, dass Schweizer Banken noch immer Geschäftsbeziehungen zu deutschen Kunden unterhalten, obschon sie jederzeit damit rechnen müssen, dass erneut Daten aus ihrem Unternehmen kopiert und von deutschen Regierungsvertretern gekauft werden.

Hier täuschen sich die Banken selbst, indem sie glauben, dass so etwas nie mehr geschehen würde und indem sie glauben, dass nun alle ihre Mitarbeiter nur noch Geschäfte abwickeln würden, von denen sie zu wissen glauben, dass sie gegenüber der jeweiligen (deutschen) Steuerbehörde auch angegeben werden. Zwar mögen dies die Kunden so bezeugen, aber das Grundproblem bleibt nach wie vor bestehen und damit auch das Interesse, direkt von der Quelle, also den Banken zu erfahren, was tatsächlich Sache ist.

Ein ganz anderes Beispiel für dieses Lug- und Trugspiel: Inzwischen dürfte vielen bekannt sein, vor allem aber den Grossverteilern und Discounter, dass der Kakao in der Schweizer Schokolade nicht immer unter korrekten Bedingungen geerntet, verarbeitet und in die Schweiz geschafft wird. Wer aber fragt sich in diesen Tagen mit meterlangen Regalen an Weihnachtsschokolade, unter welchen Bedingungen diese hergestellt wurde? Lassen wir uns nicht alle von der ach so toll glänzenden Verpackungen der Hersteller täuschen?

Ein anderes, jüngeres Beispiel ist die Produktion von Atomstrom, welche – wie sich nun herausgestellt hat – bei weitem nicht so sauber ist, wie uns das die Stromkonzerne weiss machen wollen. Überraschen tut das nicht, denn schon die Aussage von wegen «CO2-frei» ist eine Lüge. Für den Abbau von Uran, die (Wieder-)Aufbereitung der Brennstäbe, deren Transport, den Bau von AKWs, den Bau von Zwischen- und vielleicht einmal Endlagern sind Unmengen an Energie notwendig, welche sicher nicht aus Windrändern stammt…

Zudem erfolgt der Abbau in Ländern, welche in Sachen Umweltschutz noch wenig sensibilisiert und in Sachen politische Strukturen wenig stabil sind um einen «sauberen» Abbau erwarten zu können. Eine gegenteilige Haltung wäre wohl äusserst naiv. Hier liessen wir uns stark von den Stromkonzernen täuschen wenn wir glauben sollen, dass Atomstrom eine so saubere Sache sei.

Unzählige weitere Beispiele finden sich natürlich auch in der Politik. Die Hetze gegen Andersgläubige, Ausländer oder unterstützungswürdige Personen nimmt kein Ende. Die aufgeführten Argumente halten bei näherer und sachlicher Betrachtung zwar kaum stand. Das wissen insgeheim auch viele Stimmbürger.

Trotzdem stimmen viele zugunsten einer Hetzkampagne, obwohl sie gar nicht das meinen, worüber sie abstimmen. Hier betrügen sich die Stimmbürger teilweise selbst wenn sie glauben, dass mit ihrer Stimme beispielsweise gegen Minarette die angebliche Islamisierung aufgehalten würde oder dass durch die Ausschaffung krimineller Ausländer nach Verbüssung ihrer Strafe die Schweiz sicherer würde.

Sie betrügen damit aber auch die Gesellschaft und die gesamte Politbühne, weil sie nicht zugunsten einer Hetzkampagne wegen deren überzeugender Argumente gestimmt haben, sondern aus ganz anderen Gründen.

Ein letztes und bekanntes Beispiel ist der Euro und die hoch verschuldeten europäischen Länder. Auch daran sind letzten Endes Lügen und (Selbst-)Täuschung schuld, gepriesen mit einer kräftigen Portion an Ignoranz gegenüber den vorhandenen Warnzeichen.

Wikileaks zeigt nur die Spitze des Eisbergs

Es geht schon lange nicht mehr nur darum, mittels PR oder Werbung gewisse Vor- oder bei politischen Vorlagen gewisse Nachteile einer Sache hervorzuheben. Es wird inzwischen gezielt getäuscht, belogen, vertuscht oder ignoriert. Wir leben zunehmend in einer Scheinwelt, die nicht so ist, wie man sie uns immer wieder versucht darzustellen.

Wikileaks mit den Botschaftsdepeschen ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Die oben genannten Beispiele zeigen – und sie tun das auch nur sehr beschränkt – wie sehr man uns, Konsumenten, Steuerzahler, Bürger, Stimmvolk, Arbeitnehmer usw. ein A für ein B vormacht oder vormachen will.

Das Ganze hat System. Lug und Trug werden kultiviert, man verpasst uns quasi täglich einer Art Gehirnwäsche. Das zeigen die Depeschen auf Wikileaks, das zeigt das Verhalten der Banken, das zeigt die Werbung der Stromkonzerne, das zeigen die politischen Kampagnen der Wirtschaft und vor allem der Parteien, das zeigt die bunt glitzernde und weihnächtlich unschuldig wirkende Schokoladenverpackung, das zeigen noch x andere Vorkommnisse oder «Randerscheinungen».

Hat das Zukunft?

Die Wahrheit anstelle von Lug und Trug ist vielfach unbequem. Längerfristig bildet sie jedoch das bessere Fundament. Sie kann vielleicht angegriffen werden, aber sie kann sicher nicht einfach so in sich zusammenbrechen, so wie das bei einem Lügengebilde der Fall ist.

Dort, wo die Wahrheit ignoriert oder vertuscht wurde und wo dies heute bekannt ist, brauchte es oftmals Jahre oder gar Jahrzehnte für deren «Korrektur». Ein Blick in die Geschichte macht dies wiederholt deutlich.

Dort, wo die Wahrheit ignoriert oder vertuscht wird, gibt es auch immer wieder Getäuschte und Benachteiligte. Nicht alle nehmen das so einfach hin, schon gar nicht jene, welche ohnehin nichts mehr zu verlieren haben.

Der «Kampf gegen den Terrorismus» ist nicht nur bloss ein Kampf gegen ein paar religiös Verwirrte. Es ist auch ein Kampf gegen solche, die sich benachteiligt fühlen. Dabei kommt einem dieser Kampf so vor, als ob die westliche Welt möglichst rasch aufgeplatzte Blasen mit militärischen Mitteln zubomben will, damit sich daraus im heutigen Gefüge von Lug und Trug kein Lauffeuer entwickelt.

Dass wir heute nicht in ständiger, realer (und nicht aufgebauschter) Terrorgefahr leben müssen, hat wohl auch damit zu tun, dass viele der Benachteiligten gar nicht erst die Mittel haben um ihren Gefühlen «freien Lauf» lassen zu können.

Andere zu täuschen, zu belügen und damit zu übervorteilen hat längerfristig sicher keine Zukunft. Es führt dann, wenn die Wahrheit ans Tageslicht kommt, nur zu (weiterem) Zwist zwischen Menschen, Regionen, Staaten und Staatengemeinschaften.

Wirklich aufgeklärte Gesellschaft?

Die US-Regierung wie auch andere westliche Regierungen werden das in Bezug auf die Diplomaten-Depeschen gegenseitig nicht zu spüren bekommen. Das zeigt sich heute schon, denn für die wenig charmanten Betitelungen von Merkel, Sarkozy oder Berlusconi wurde nicht einmal der jeweilige Botschafter ins jeweilige Aussenministerium zitiert. Von einer politischen Verstimmung ist weit und breit nichts zu sehen und nichts zu hören. Erstaunlich, nicht?

Und trotzdem erstaunt es nicht, sitzen diese Regierungen doch im gleichen Boot wie die US-Regierung, denn sie haben bei diesem «Spiel» um Lug und Trug auch immer mitgemacht. Mitgehangen, mitgefangen. Darum sitzt man auf den Mund, denn sonst könnte es für einem selbst noch peinlich werden…

Die US-Regierung wie auch andere westliche Regierungen bekommen es aber anderweitig zu spüren. Der bereits angesprochene Terrorismus, bei dem der Islam nur als Vorwand dient, ist nur eine Folge. Nicht abreissen wollende Flüchtlingsströme an der EU-Aussengrenze sind eine weitere Folge.

Immer häufiger unzufriedene und sich auflehnende Bürger, die merken, dass etwas mit den bunten und teilweise inzwischen zerplatzten Seifenblasen nicht stimmt, wäre eine weitere Folge. Und diese Auflistung ist sicher nicht abschliessend.

Ob all dem bleibt die Frage: Leben wir wirklich in einer aufgeklärten Gesellschaft? Und wie viel macht man uns nur vor und wir merken es kaum dank cleverer Gehirnwäsche mit bunten Verpackungen, heroischen Action-Filmen aus Hollywood und anderen glitzernden Banalitäten?

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