«Etwas Luft» und viel Hunger

Was in diesen Tagen in Sachen Nahrungsmitteln abläuft, ist zwar im Einzelnen jedem verständlich. Aber die Zusammenhänge im Hintergrund können nur erahnt werden. Sie vollständig zu verstehen ist mangels Transparenz schwierig.

«Hurra! Hurra! Die Preise sinken!», ist man versucht auszurufen, wenn Migros und Coop wieder einmal mit Posaunen und Trompeten Preissenkungen bei einem Bruchteil ihres gesamten Sortiments so ankündigen, als ob morgen gleich alle Artikel nur noch zum halben Preis zu haben wären.

Schwer nachvollziehbare Preissenkungen

Zwischen drei und 20 Prozent oder durchschnittlich um sechs Prozent sollen die Preise bei 2‘247 Artikeln der Migros gesenkt worden sein. Bei Coop liegt der Durchschnitt der Preissenkungen der rund 500 Artikel bei 10 Prozent.

Wie weit bei Coop die Spannweite je nach Artikel reicht, wird in der Medienmitteilung nicht angegeben. Das muss man schon selber herausfinden. In etwa scheinen es aber ebenfalls Senkungen zwischen drei und 20 Prozent zu sein.

Alle Angaben gelten ohne Gewähr, sie stammen schliesslich von den beiden Unternehmen selbst und ein neutrales Branchenmonitoring darüber, wer welche Preise wo erhöht und gesenkt hat und demnach «der Bessere» von den beiden ist, gibt es nicht.

Als Konsument, ausgerüstet mit einem gesunden Menschenverstand, kann man ob derartigen Preissenkungen nur staunen. Drei Prozent, das klingt plausibel. Das kann man mit «Einsparungen» und «Effizienzsteigerungen» rechtfertigen, wie das eine Migros gemacht hatte. Das kann man auch mit «Erfolg weitergeben» erklären, wie es Coop machte.

Aber Preissenkungen im zweistelligen Bereich und das über mehrere hundert Artikel sind unerhört. Entweder fand eine Umverteilung statt (mache die Windeln günstiger, dafür die Bohrmaschinen teurer) oder die Hersteller wurden mit Peitschenhieben zu mehr «Effizienz» angetrieben oder von uns wurde über Jahre hinweg immer zu viel verlangt oder eine Mischung von all diesen Punkten.

Zum Glück gibt es für solche offenen Fragen «Experten». Hören Sie ihm genau zu, dem Freiburger Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger («SF Tagesschau» vom 22. Dezember 2010):

Verstärkter Wettbewerb?

Was der Herr Professor da von sich gab, wurde mit Bezug auf diesen TV-Beitrag auch in anderen Medien wiedergegeben. Also schlucken wir das Argument von wegen «verstärkter Wettbewerb dank Aldi und Lidl» hinunter und gehen wieder zur Tagesordnung über…

Die Sache hat nur zwei Haken: Erstens, Aldi und Lidl sind nicht erst seit gestern in der Schweiz. Zudem war früher Denner das, was heute Aldi und Lidl sind, nämlich Discounter. Konkurrenz im Billigst-Artikel-Segment kennen beide. Darum sind «Prix Garantie» und «M-Budget» keine Zufallserscheinungen.

Schliesslich gab Coop letzte Woche auch die Eckzahlen zum Geschäftsjahr 2010 bekannt. Trotz Preissenkungen bei rund 1‘700 Artikeln wurde in den Retail-Verkaufsstellen eine Umsatzsteigerung von real 2,6 Prozent erzielt.

Der Umsatz bei der Marke Naturaplan, also nicht gerade bei den günstigsten Produkten, wuchs gar um vier Prozent und dies obwohl angeblich auch die Preise für Bio-Produkte insgesamt um zwei Prozent gesenkt worden sei.

Das klingt alles gar nicht so, als ob Coop in der Defensive gegenüber den neuen Deutschen wäre. Allerdings: Über die Umsatzentwicklung von «Prix Garantie», also jenen Produkten, mit denen man versucht, den Discountern Paroli zu bieten, schweigt sich die fragliche Medienmitteilung aus…

Zweitens, Migros unternimmt nichts, ohne dass nicht von Coop eine Reaktion noch am gleichen Tag oder wenige Tage später erfolgt – und umgekehrt. Es ist darum kein Zufall, dass beide am gleichen Tag Preissenkungen mit viel «Lärm» ankündigten.

Das heisst, nicht Aldi und Lidl stehen im Zentrum des Fokus‘ der beiden, sondern der jeweils andere Grossverteiler. Deshalb vergleicht der «Preismonitor» von Coop auch noch immer nur die Preise mit jenen von der Migros. Wo bleibt da der verstärkte Wettbewerb dank Aldi und Lidl?

Was lange währt

Auf der Suche nach einer Antwort, wie Preissenkungen im zweistelligen Bereich möglich sind, liefert uns darum auch der Herr Professor keine Antwort. Er spricht einzig von «Luft», die da nach seinen Angaben noch drin sein soll. Und nachfragen tut keiner, woher denn diese Luft kommt.

Eine mögliche und sehr wahrscheinliche Antwort liefert der nachfolgende, schon etwas ältere Beitrag. Bitte hören Sie dem Mediensprecher der Migros, Urspeter Naef, genau zu:

Der obige «SF Tagesschau»-Beitrag stammt vom 7. Juni 2010. Wenn also damals die Rede von «mehrmonatigen Verträgen» die Rede war, dann dürfte es jetzt an der Zeit sein, von neuen Verträgen zu günstigeren Preisen dank schwachem Euro (oder starkem Franken) zu profitieren. Bei Coop wird das ähnlich sein.

Auffällig ist, dass niemand davon spricht. Dass die Medien davon nicht sprechen, sondern ohne irgendeine Nachfrage nur wiedergeben, was ein Professor behauptet, sind wir uns inzwischen ja gewohnt.

Dass sich aber die Grossverteiler darüber peinlichst ausschweigen, löst Stirnrunzeln aus. Dabei ist die Euro-Schwäche auch nur die halbe Wahrheit. Vergessen geht auch, dass zahlreiche Einkäufe insbesondere im Nahrungsmittelbereich in US-Dollar abgewickelt werden, also in einer Währung, bei welcher zurzeit praktisch eine Parität zum Franken besteht.

Scheinwelt Schweiz

Machen wir einen Abstecher in andere Regionen der Welt und in die Vergangenheit: Erinnern Sie sich noch an die schweren Überschwemmungen in Pakistan im vergangenen Jahr? Oder an die Feuersbrunst, die bei extremer Hitze und Trockenheit ebenfalls im letzten Jahr rund um Moskau tobte?

Es sind nur zwei von mehreren extremen Ereignissen des letzten Jahres, welche unweigerlich Einfluss auf die Nahrungsmittelkette hatten. Den Betroffenen wurde damit nicht nur ihr Auskommen genommen.

Ihnen wurde vielfach auch die Grundlage für die eigene Ernährung als Selbstversorger entzogen. Woher bezieht man innert Monaten zusätzliche Nahrungsmittel für unzählige Millionen von Menschen?

Von nirgendwo her. Die Nachfrage bestimmt den Preis und dieser den Absatz. Und weil die Nachfrage wegen fehlender Ernten gross ist, steigen die Preise.

So verzeichnet der «Food Price Index» der UNO-Welternährungsorganisation (FAO) einen Anstieg von 172 Index-Punkten im Dezember 2009 auf den bisher höchsten Stand von 215 Punkten im Dezember 2010. Die Folgen davon sind «soziale Unruhen» wegen extrem teureren Lebensmitteln etwa in Algerien, Tunesien oder Ägypten, wie wir das in den letzten Tagen mitbekommen haben.

Und bei uns?

Wir leben in einer Scheinwelt. Glaubt man den beiden Grossverteilern, wird bei uns alles billiger. Preise werden gesenkt und die Mehrwertsteuererhöhung von 2,4 auf 2,5 (Lebensmittel) und 7,6 auf 8,0 Prozent (andere Güter) wird nicht überwälzt. Das ist ziemlich paradox gegenüber den weltweit gestiegenen Nahrungsmittelpreisen.

Wenn die weiter oben geäusserte Vermutung stimmt, dann verdanken wir das nicht irgendwie unserer Rechtschaffenheit, sondern dem starken Franken. Das heisst, unter «normalen» Umständen stünden weitaus grössere Preissenkungen an, nur wird wahrscheinlich ein Teil davon von den höheren Lebensmittelpreisen «aufgefressen».

Alles hängt zusammen

Aber so genau wissen wir das nicht. Deshalb ist es auch schwierig zu sagen, wie viele «Luft» da tatsächlich noch drin ist. Offiziell ist bei der jüngsten Preissenkungsrunde wie bereits erwähnt nicht die Rede vom schwachen Euro oder US-Dollar.

Stattdessen ist die Rede von «Einsparungen» und «Effizienzsteigerungen». Doch auch darüber wissen wir nicht viel. Spontan denkt dabei zwar jeder ans Inland und die hiesigen Verkaufsstellen.

Doch Einsparungen sind auch durch billigeres Futter für Hühner möglich – das dann vielleicht Dioxin enthält. Oder wie sieht es mit Einsparungen durch Preisdrückerei gegenüber den Lieferanten und Produzenten in allen Herren Ländern aus, welche aufgrund der Abhängigkeit vom Westen nachgeben und in der Folge einfach die Löhne der Arbeiter senken?

Jene Arbeiter, die in Algerien, Tunesien oder Ägypten auf die Strasse gehen, weil sie weniger verdienen und immer mehr für Lebensmittel zahlen müssen? Jene Arbeiter, die in ihrer Verzweiflung nur noch die Möglichkeit sehen, alles hinter sich zu lassen und nach Europa zu kommen? Jene Ausländer, die aus einem «Drittland» stammen, schlecht ausgebildet sind und welche die FDP (und die SVP sowieso) auch gar nicht hier haben will?

Diese Zusammenhänge mögen auf den ersten Moment vielleicht wie an den Haaren herbeigezogen wirken. Aber sind sie das wirklich in einer globalisierten Welt?

Sachlage nicht verfälschen

Günstigere Preise kurbeln bekanntlich den Konsum an, teurere schrecken davon ab. Wurden wir abgeschreckt? Konsumieren wir von einer Mangelware weniger oder steigen auf Alternativen um?

Die Quersubventionierungen, welche es erlauben, Artikel zu verbilligen und die Mangelware nicht zu verteuern, führen nicht zu einem veränderten Kaufverhalten. Die verbilligten Artikel verlocken gar noch zum Kauf von zusätzlichen Waren, denn es steht ja dank günstigeren Preisen noch Geld zur Verfügung.

Dass dabei auch Waren gekauft werden, die auf dem Weltmarkt nur beschränkt vorhanden und bei uns zum altbekannten Preis zu haben sind, dürften viele gar nicht wissen. Deshalb wird die Situation mit dieser Botschaft «wir sind immer billiger» nur noch schlimmer.

Migros und Coop täten gut daran, die teureren Lebensmittelpreise nicht durch günstigere Einkäufe dank tiefem Euro und US-Dollar abzufedern, sondern ebenfalls zu verteuern. Wir würden deswegen trotzdem nicht Hunger leiden müssen…

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4 Antworten auf „«Etwas Luft» und viel Hunger“

  1. In der Tat erstaunt mich diese Entwicklung auch. Kürzlich war ich in der Landi, diese schweizumspannende Ladenkette der Fenaco.

    Deren Tiefstpreise erstaunen und mit mehr als 350 Läden (neue Läden schiessen wie Pilze aus dem Boden) ist die Landi gut vertreten, ihr Umsatz sicher über 1 Mia.

    Produkte die sie verkaufen stammen auch aus Drittweltländern oder direkt vom Bauern.
    Inwieweit die Landi für Migros und Coop eine Rolle spielt, kann ich nicht b eurteilen. Vielleicht kannst Du, lieber Titus, hier etwas Licht ins Dunkel bringen?

    Herzlich

    Dan

  2. @ Dan
    In der öffentlichen Wahrnehmung wird die fenaco-LANDI-Gruppe wahrscheinlich eher unterschätzt, wohl weil sie nicht so viel „Lärm“ macht wie die anderen Marktteilnehmer, zumindest nicht flächendeckend. Das erweckt wiederum den Eindruck eines „heimlichfeissen“ Marktteilnehmers.

    In groben Zahlen gesprochen hatte die ganze Gruppe im 2009 einen Umsatz von 5,5 Mia erzielt, gegenüber ca. 20 Mia. bei Coop und 25 Mia. bei Migros. Wiederum sehr grob ausgedrückt teilt sich dieser Umsatz auf etwa vier gleiche grosse Sparten auf: Nahrungsmittel-Herstellung (Ramseier, Steffen-Ris, Frigemo usw.), Agrar (UFA Samen und Futtermittel usw.), Detailhandel (Volg, LANDI), Brenn- und Treibstoffe (AGROLA).

    Damit wird auch deutlich, dass die Gruppe ein ziemlicher „Gemischtwarenladen“ ist, welcher so ziemlich alles abdeckt, was vor allem die landwirtschaftlich orientierte Bevölkerung begehrt (nur Frauen für ledige Bauern gibt’s da noch nicht 😉 ). Ich erachte es eher als heikel, diese Gruppe mit Migros/Coop zu vergleichen.

    Beim Detailhandel ist die Rede von „Umsatz zu Grosshandelspreisen“. Das erklärt wohl auch die günstigen Preise. Ansonsten bezweckt die Gruppe vor allem die Vermarktung der eigenen landwirtschaftlichen Produkte. Innerhalb der von der Gruppe bereitgestellten Infos habe ich nichts bezüglich Drittweltländern gefunden. Hingegen besteht bei der Landi Schweiz eine Einkaufskooperation im Haus- und Gartenbereich mit anderen, ähnlich gelagerten Unternehmen innerhalb Europas. Aber das sind ja keine Drittweltländer. Trotzdem: Für die Abdeckungen aller Artikel „des täglichen Bedarfs“ wird wohl auch diese Gruppe nicht darum herum kommen, gewisse Produkte aus Drittweltländern zu kaufen.

    Zu erwähnen wäre vielleicht noch, dass der Arm der Gruppe bis ins Parlament reicht. So ist Guy Parmelin, SVP-Nationalrat aus dem Kt. VD, Vizepräsident der „Verwaltung“ (= so was ähnliches wie Verwaltungsrat). Bis vor kurzem war auch Caspar Baader, Fraktionspräsident der SVP, Mitglieder dieser Verwaltung. Und wenn ich nicht ganz falsch liege, gab’s zeitweise sogar einmal einen dritten Vertreter (ich hatte vor einiger Zeit einmal die Interessenbindungen der Parlamentarier etwas genauer angeschaut), erinnere mich aber nicht mehr daran, wer es war…

  3. Glaubt man den Aussagen Rudolf Strahms (Ex-Preisüberwacher,) so entpuppt sich Fenaco so ziemlich als marktbeherrschender Agrar-Monopolist:

    […]
    „Bei den Zulieferungen an die Landwirtschaft beherrscht die Fenaco zum Beispiel 50 bis 60 Prozent der Saatkartoffellieferungen, 70 bis 80 Prozent des Düngergrosshandels, 50 bis 60 Prozent der Pflanzenschutzmittel.“
    […]
    „Obschon sich die Fenaco bauernfreundlich und protektionistisch gibt, ist sie in aller Stille eine der grössten Importeure von Wein, aber auch von Fleischwaren geworden. In den Landi-Läden kosten Shiraz-Weine, Cabernet, Chardonnay und Merlot weniger als fünf Franken die Flasche. Und woher stammen sie? Aus Argentinien, Chile, Australien und Südafrika!“

    Ganzer Artikel:Warum wir die teuersten Pommes Frites in Europa haben.

  4. @ Bobsmile
    Besten Dank für den Hinweis. Wie konnte mir auch nur der dritte SVP-Vertreter entfallen, welcher im von Dir verlinkten Artikel nun wieder aufgetaucht ist: Ueli Maurer.

    Du findest ähnliche Prozentzahlen auch hier. Allerdings muss man diese auch richtig interpretieren. So ist da beispielsweise bei den Kartoffeln die Rede von 50 Prozent „der Schweizer Lebensmittelproduktion“, also was aus dem Schweizer Boden kommt. Die Kartoffeln aus Israel, welche es auch schon bei Coop gab, sind da also nicht dabei.

    Oder anders gesagt: Wenn Rudolf Strahm behauptet, die Pommes Frites wären bei uns wegen fenaco so teuer, dann stimmt das so nicht ganz. Es hat mit einem Wettbewerb zu tun, der nicht spielt, und hierfür sind wohl eher die unzähligen Landwirtschaftsvertreter im Parlament schuld (welche den Schweizer Markt immer noch abschotten wollen).

    Übrigens, den Bauern werden ihre Anteilscheine mit sechs Prozent verzinst, sagenhaft viel in diesen Jahren. Irgendwoher muss dieses Geld ja kommen.

    Darum ist es beim Gejammer der Bauern manchmal wie bei gewissen Parteien bezüglich Sozialhilfe- oder IV-Missbrauch: Gelegentlich ist was dran, vielfach wird aber einfach masslos übertrieben… Vielleicht sollten wir mal anfangen vom Subventionsmissbrauch zu sprechen?

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