Alle sprachen nur über zu Guttenberg

Libyen und die Plagiatsaffäre in Deutschland um den vormaligen Verteidigungsminister zu Guttenberg dominieren die Nachrichtenlage schon seit Tagen. Nun vermengen sich die beiden Themen.

Eines gleich vorweg: Ein Beitrag über die Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg war schon lange angedacht, dies allerdings weniger mit Betonung auf die charakterliche oder moralische Seite des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers.

Denn: Über diese durchaus verwerfliche Seite wurde schon so viel geschrieben und geredet, dass hierfür an dieser Stelle kein weiterer Platz mehr eingeräumt werden muss. Nein, an dieser Stelle wollte man – und wird man nun – auf andere Aspekte rund um Plagiate eingehen, dies auch aus aktuellem Anlass.

Eine Welt mit vielen Plagiaten

Beginnen wir mit dem, was ein Plagiat ist oder sein soll. Wikipedia beschreibt diesen Begriff wie folgt:

Ein Plagiat (von lat. plagium, „Menschenraub“) ist die Vorlage fremden geistigen Eigentums bzw. eines fremden Werkes als eigenes Werk oder als Teil eines eigenen Werkes. Dies kann sich auf eine wortwörtliche Übernahme, eine Bearbeitung oder auch die Darstellung von Ideen oder Argumenten beziehen.

Weiter findet sich auch noch die folgende Definition, welche im Fall von zu Guttenberg sehr gut zutrifft:

Ein Plagiat umfasst unter anderem die Unterlassung von geeigneten Quellenhinweisen bei der Verwendung der Formulierungen oder besonderen Wortwahl eines anderen, der Zusammenfassung der Argumente von anderen oder die Darstellung vom Gedankengang eines anderen.

Einige dieser Aussagen sollten uns alle aufhorchen lassen. Da ist etwa die Rede von «ist die Vorlage fremden geistigen Eigentums…als Teil eines eigenen Werks.»

Hand aufs Herz: Haben Sie nicht auch schon einen Gedanken eines Anderen (also fremdes, geistiges Eigentum) aufgenommen und in eine Diskussion oder in einen Text einfliessen lassen, sodass man hätte meinen können, dass dieser Gedanke von Ihnen sei (Ihr eigenes Werk)?

Haben Sie nicht auch schon einen Gedanken eines Anderen aufgenommen, diesen weitergesponnen, sodass der ursprüngliche Gedanke «Teil eines (Ihres) eigenen Werks» oder die «Darstellung von Ideen oder Argumenten» unter Ihrem Namen wurden?

Und setzt das Sich-inspirieren-lassen nicht voraus, dass immer plagiieren im Spiel ist?

Worauf man hier hinaus will, ist, dass plagiieren nicht per se etwas Schlechtes ist, obschon man aufgrund der bisherigen Diskussionen diesen Eindruck gewinnen könnte: Wer plagiiert, der ist schlecht, so die vereinfachte Gleichung.

Unsere heutige Welt ist voller Plagiate – nur bekommen dafür die wenigsten einen Doktortitel. Dass die Welt viele Plagiate kennt, liegt vermutlich auch in unserer Natur. Von Kindesbeinen an sind wir es uns gewohnt, die Erwachsenen zu imitieren beziehungsweise das nachzumachen, was die Erwachsenen machen. Und sind wir einmal erwachsen, gucken wir bei den Anderen weiterhin ab (man denke nur schon an die Mode), denn was andere machen, kann ja nicht so falsch sein…

Wirklich Neues gibt es nur wenig. Es sind die Dinge, die es vorher überhaupt noch nicht gab. Fallen Ihnen solche Dinge ein, welche zweifelsfrei neue Erfindungen oder Entwicklungen und nicht bloss Weiterentwicklungen früherer Erfindungen/Entwicklungen sind?

Doktor- und andere Titel

Heute wurde bekannt, dass vermutlich ein Sohn Gaddafis, Saif al-Islam, sich seinen Doktortitel in London ebenfalls «erplagiiert» hatte, was unter anderem zum Rücktritt des Direktors der fraglichen Universität geführt hat (und womit sich die beiden Hauptthemen der aktuellen Nachrichten vermengen).

Nicht erst seit diesem neuen, aber noch nicht nachgewiesenen Plagiatsfall, sondern auch schon beim Fall zu Guttenberg hätte sich die Frage gestellt, wie leicht ein Doktortitel erworben werden kann. Natürlich könnte man den betroffenen Universitäten den Vorwurf machen, sie hätten nicht genau genug kontrolliert, ob nicht jeweils Plagiate vorlagen.

Doch das ist zu einfach. Nur durch hunderte von Freiwilligen wurde es möglich, zu Guttenberg zu «überführen». Zudem wird an den Universitäten heute bereits aktiv nach möglichen Plagiaten gesucht.

Dies beschränkt sich allerdings nur auf jene Unterlagen, welche auch digital vorliegen. Damit sind die meisten Bücher noch immer ausgeschlossen. Und schliesslich schafft es selbst der Riese YouTube nicht, aufgrund der digitalen Signatur der hochgeladenen Videos sämtliche Kopien von kommerziellen Filmen aufzuspüren. Darum dürfte auch die eine oder andere Plagiatsarbeit unentdeckt bleiben…

Tatsache ist, dass diese Arbeiten offensichtlich für so gut befunden wurden, dass man deren Ersteller den Doktortitel verlieh. Man sah somit keinen Anlass, an der Rechtschaffenheit dieser Arbeiten zu zweifeln.

In der Volksschule, in welcher man auch nicht aktiv nach Plagiaten suchen muss, hätte das wohl nicht passieren können. Das hat nicht damit zu tun, dass dort das Niveau noch tiefer ist oder dass die Schreibfähigkeiten noch nicht so ausgeprägt sind, sondern dass die Lehrkörper ihre Schüler noch kennen und demnach einschätzen können, ob eine Arbeit vom geistigen und schriftlichen Niveau her wirklich vom fraglichen Schüler stammen kann oder nicht.

Mangelhaftes «System Universität»

Im Universitätsbetrieb, und bei überfüllten Lehrsälen erst recht, verkommen die Absolventen hingegen zu einer Nummer. So können keine Menschen und deren Fähigkeiten beurteilt werden, so können nur anonyme Nummern beurteilt werden. Das «System Universität» (oder Fach-/Hochschulen allgemein) weist hier einen gravierenden Mangel auf.

Das ist nicht neu, weshalb man sich generell fragen kann, wie viele Titel-Inhaber einen Titel haben, obschon deren Professoren sie und ihre Fähigkeiten gar nicht richtig kennen, sondern nur die Arbeit einer Nummer beurteilt haben.

Das klingt nach Generalverdacht, ist aber nicht die Absicht. Vielmehr sollten sich auch die Oberen der Universitäten weltweit lernfähig zeigen und sich fragen, wie lange sie noch an diesem wohl einmaligen System festhalten wollen, bei dem der Mensch hinter einer Arbeit kaum eine Bedeutung hat. Oder zweifelt man etwa an einer neutralen Urteilsfähigkeit durch die Lehrkörper, sobald diese die Absolventen besser kennen?

9 Antworten auf „Alle sprachen nur über zu Guttenberg“

  1. Ich frage mich gerade, ob die Gedanken, die ich manchmal als meine eigene Erkenntnis wahr nehme, in dem von dir beschriebenen Sinne nicht mehr eine Zusammenführung und Neuverknüpfung von Plagiaten sind. Wenn fast alles schon einmal gedacht und gesagt wurde, würde in unserer Konversation mehr Zeit für die Quellenverweise und Gänsefüßchen gebraucht, als für die eigentliche zwischenmenschliche Kommunikation. Ein insgesamt interessanter Aspekt den du da aufwirfst.

    Aber ich kann mich auch noch gut erinnern, dass sich mein ehemaliger Chef in den 80er Jahren nicht so recht entscheiden konnte, ob er sich lieber einen Doktor- oder Adelstitel kauft. Beides war/ist möglich, nicht leicht aber auch nicht schwer, und teuer – hmm, das bleibt je nach Ausstattung der Geldbörse relativ. Er hat es dann doch nicht gemacht. Fragte ich ihn, was denn das andere alles für Doktoren in der über uns stehenden Hierarchie wären, so versuchte er ernst zu bleiben, in dem: „Na, ja der hat ihn in dem oder jenem Land gemacht, der andere in dem oder in jenem Fach…“.
    Ich verstand.

    Auch wenn die heutigen Recherchemöglichkeiten sich gewaltig verändert haben, es wird so bleiben wie es immer war, nur wird es neue Wege zu dem ach so geliebten Titel geben.

  2. @ Menachem
    Zu Deinem ersten Teil: Genau darum vertrete ich die Ansicht, dass plagiieren nicht per se etwas Schlechtes ist und dass wir vorsichtig sein müssen, diesen Begriff nicht nur bloss negativ zu besetzen. Damit will ich nicht zu Guttenberg verteidigen, denn die Spielregeln sind bei einer Doktorarbeit klar. Es müsste aber (weiterhin) erlaubt sein, ohne Verdächtigungen einen Gedanken weiterspinnen oder mit anderen verbinden zu können.

    Zu Deinem zweiten Teil: Das bestätigt, was Bugsierer schrieb (er aber noch nicht sehen konnte, weil Dein Kommentar in die Moderationsschlaufe geriet).

    @ Bugsierer
    Besten Dank für den Link. Wie so oft sind die Dinge hierzulande wahrscheinlich nicht soooo schlimm.

    Trotzdem: Ich habe bis heute nicht richtig verstanden, weshalb man zur Libyen-Revolution einen Islamwissenschafter vor der Kamera reden lässt (steckt denn hinter dem Islam eine besondere Revolutionsidee…?). Den einzigen plausiblen Grund sehe ich bei diesen Auftritten – wie auch bei den Auftritten unzähliger anderer Wissenschafter – im Ringen um Gelder und Anerkennung für den eigenen Lehrstuhl. Ich würde das zwar nicht gleich Mafia nennen, aber es riecht ebenfalls nach unlauteren Absichten…

  3. @titus:
    du hast völlig recht: kreative leistungen oder innovative erfindungen beruhen immer auch auf den denkleistungen anderer. ich empfehle dazu den beitrag von andreas von gunten:
    http://www.andreasvongunten.com/blog/2010/2/16/der-fall-hegemann-und-die-freilassung-der-ideen.html

    die digitalisierung der medien bringt übrigens das gegenwärtige urheberrecht in ganz vielen bereichen in die bredouille. dazu gibt es einen sehr aufschlussreichen podcast beim medienradio:
    http://medienradio.org/mr/mr021-zufallige-doppelschopfung/

    zu den experten: es ist immer das gleiche, bei jedem neuen aufreger wundert man sich, wo die immer diese experten hervorzaubern 😉
    und klar ist das ein markt, in dem man als experte und buchautor und vortragsreisender seinen umsatz hochfahren kann. was ich per se noch nicht verwerflich finde. und oft sind mir altehrwürdige islamwissenschaftler lieber als politiker oder andere aparatschicks.

  4. So, der Guttenberg ist nun Geschichte. Jetzt wollen wir mal hoffen, dass wieder etwas Ruhe in die Geschichte kommt und sein Nachfolger sich um seine eigentliche Aufgaben kümmert. Das ist vor allem der Rückbau der Bundeswehr und der Abzug der Soldaten aus Afghanistan. Die Soldaten hätten dies wirklich verdient.

  5. Der Fall Guttenberg hat doch schier in einer idealen Weise auf das Problem des Textklaus und Plagiates hingewiesen. Pikant an der Sache Guttenberg ist eigentlich das Thema selbst, das Guttenberg wort- und plagiatsreich zum Thema seiner Diss machte. Aber über dieses Thema, weit gefasst, Verfassungen, wird in dem Fall kaum diskutiert. Man könnte meinen, Verfassungen seien Nebensache (ob es um die EU-Verfassung gehe oder die der USA). Guttenberg bezog sich aber in seiner Plagiats-Diss auch mehrmals auf die Schweizer Verfassung. Auch eine Nebensache? Wo jeder etwas mogeln kann und kopieren für eine Diss? Mit geringem Aufwand? Warum wurde dann so viel Aufwand betrieben, um z.B. „Der Bau von Minaretten ist verboten.“ in die Schweizer Verfassung zu schreiben?

  6. Und @Titus: Es ist schon ein grosser Unterschied, finde ich, ob ich deinen Text da oben einfach 1:1 kopiere und irgendwo als mein persönliches Erzeugnis einsetze. Oder ob ich dich, für alle nachvollziehbar, zitiere und deinen Standpunkt oder manche Sichten von dir durch meine Gedanken erwidere oder ergänze.

    Und selbst etwas erstaunt war ich kürzlich von etwas, das ich in einem NZZ-Kommentar ohne lange Überlegung schrieb, es schrieb eher etwas in mir, nachdem ich Attacken von Gaddafi auf die eigene Bevölkerung sah, also ich schrieb:
    „Man weiss kaum, was sagen.“
    [Admin: Link-Verkürzung] Verkürzter Link

    Eher per Zufall las ich den Online-Artikel in der NZZ, „Ghadhafi bringt Klicks“, erkannte aber plötzlich „meinen“ Satz wieder („Man weiss kaum, was sagen.“) So einen Satz haben sicher schon viele vom Sinn her gesagt, empfunden oder ausgedrückt, vielleicht oft nur empfunden in der Verzweiflung und geweint, in unterschiedlichen Situationen, weltweit. Insofern kann man nichts „Neues“ erfinden. Aber trotzem hätte ich da ein Fragezeichen. Es gibt so einen Spruch, dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss springen könne. Damit wird irgendwie gemeint, dass es in keinem Moment quasi eine identische „Weltsituation“ (hochgestochen ausgedrückt) gäbe. Damit ist auch gemeint, dass es absolut auch nie ein identisches Leben gäbe. Von daher vergleiche ich z.B. viele sog. Aufständischen in der sog. arabischen Welt auch sehr ungerne mit Situationen rund um den Fall der „Berliner Mauer“. Denn sie haben doch auch ein Recht auf ihre eigene, einmalige Geschichte. Sie springen doch nicht in den exakt gleichen Fluss wie manche damals in BRD/DDR. Sicher, Parallelen mag es geben, punkto Diktaturen, daran kann man sich etwas orientieren. Aber trotzdem, der sog. „Kalte Krieg“ ist irgendwie auch etwas passé.

  7. @ Ursula Schüpbach
    Nur so zur Info, weil ich kürzlich darüber stolperte: Art. 5 des schweizerischen Urheberrechtsgesetz erwähnt ausdrücklich, dass Gesetze, Verordnungen usw. nicht durch das Urheberrecht geschützt sind. Jeder darf somit diese Gesetzestexte nach Lust und Laune kopieren und vervielfältigen – ausser es gäbe ein anderes Recht, welches etwas Gegenteiliges besagt.

    Zu Deinem Kommentar online (ich habe da den Link verkürzt, weil er breiter als mein Breitbildschirm war 😉 ): Wenn schon die Pflicht besteht, nur mit vollem und echtem Namen kommentieren zu dürfen, dann hätte Dein Name ja durchwegs erwähnt werden dürfen, denn er ist ja ohnehin online abrufbar (sich also darauf zu berufen, die Kommentierende zu schützen, indem deren Name nicht erwähnt wird, wäre nicht sehr logisch).

    Die Verwendung Deines Kommentars an sich war rechtens, weil es die NZZ-Richtlinien für Leserkommentare auch vorsehen:

    Die Verfasser von Leserkommentaren gewähren der NZZ AG das unentgeltliche, zeitlich und räumlich unbegrenzte Recht, ihre Leserkommentare ganz oder teilweise auf dem Portal zu verwenden. Eingeschlossen ist zusätzlich das Recht, die Texte in andere Publikationsorgane, Medien oder Bücher zu übernehmen und zur Archivierung abzuspeichern.

    Allerdings kann nicht jeder wissen, dass hinter „NZZ AG“ auch das St. Galler Tagblatt und die Neue Luzerner Zeitung mit ihren jeweiligen Regionalausgaben steckt und deshalb Deine Aussage auch auf deren Online-Plattformen erscheint…

  8. Hallo Titus

    Mich stört nicht, dass der Satz ohne meinen Passnamen zitiert wurde. Eher verstörend fand ich vorerst, dass der Satz per Google zumindest auf meinem PC und anderen so eindeutig letztendlich mir zugeschrieben wurde. Im Kern stimmt es zwar („Man weiss kaum, was sagen.“), in dem Moment, als ich den bei NZZ-Online eintippte, empfand ich es wirklich so. In NZZ-Online war ja dann auch die Schreibe von „sprachlos“. Ja, stimmt. Man kann vielleicht etwas ins Internet tippen, auch wenn man eigentlich sprachlos ist.

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