Überforderte internationale Gemeinschaft

Krieg in Libyen, Erdbeben in Japan: Die internationale Gemeinschaft ist zurzeit mehr denn je gefordert. Und sie ist einmal mehr auch überfordert, selbst beim «Klassiker» Erdbeben.

War da nicht etwas in Libyen? War da nicht ein alter Tyrann, der mit seiner Luftwaffe auf die eigene Bevölkerung schiesst und vermutlich noch immer der Ansicht ist, dass in seinem Land alles in Ordnung sei? Droht da nicht eine angeblich ungeheure Flüchtlingswelle in Richtung Europa? Oder war das alles nur eine Fata Morgana?

Unbequemes Libyen-Dossier

Immerhin hat man das Thema bei der «SF Tagesschau» nicht ganz vergessen. Es reichte am Sonntagabend sogar noch für eine Live-Schaltung:

Tagesschau vom 13.03.2011

So makaber es klingt: Von den Ereignissen in Japan gibt es auch Profiteure. Zum einen wären dies die AKW-Gegner. Zum anderen ist es Gaddafi, der nun – wie im Beitrag oben erwähnt – im medialen Windschatten der Ereignisse von Japan schalten und walten kann, wie er will und dies ohne dass in unseren Breitengraden ein Aufschrei zu vernehmen ist.

Und schliesslich ist es auch die internationale Gemeinschaft, welche sich seit Wochen ziemlich schwer tut mit dem «Libyen-Dossier». Da wurde nun auch etwas Druck von diesem unberechenbaren «Reaktor» abgelassen.

Doch es ist ein trügerischer Schein, denn eine Art «Kernschmelze» droht trotzdem. Was die Bevölkerung nämlich erwartet, sollte der Gaddafi-Clan wieder die Oberhand über die revolutionäre Kettenreaktion erhalten, ist ein von Menschen verursachter Tsunami ungeheurer Gewalt.

Es ist eben einfacher, halbe Armeen von Helfern in guten Absichten nach Japan zu schicken statt sich mit militärischen Mitteln mit einem Despoten auseinandersetzen zu müssen, den man in den letzten Jahren wieder duldete – des Erdöls wegen.

Gerade auch deswegen ist das Thema Libyen nicht vom Tisch. Zu sehr hängt man insbesondere in Europa am Erdöl-Tropf des libyschen Diktators.

Zugleich haben sich Politiker in den USA, in Europa und im arabischen Raum schon so weit aus dem Fenster gelehnt und (endlich) klare Worte gegen Gaddafis Regime gerichtet, dass eine Rückkehr zur «alten Ordnung» nicht mehr möglich ist.

In der Bevölkerung des Westens würde es auch niemand verstehen, wenn sich nun ein Staats- und Regierungschef bei Gaddafi wieder anbiedert und auf Knien kriechend um sein Erdöl winselt, Gaddafis «Freund» Berlusconi inklusive.

Wenigstens Europa wird reagieren müssen und dies möglichst noch vor dem nächsten Winter. Die Frage ist nur, wie viele Opfer die libysche Bevölkerung noch beklagen muss – im Gegensatz zu Japan kennt man dazu noch überhaupt keine Zahlen – bis der Gaddafi-Clan weg ist.

Schon bei «Klassikern» unkoordiniertes Vorgehen

Gerade weil die volle mediale Aufmerksamkeit auf Japan liegt, könnte jetzt ein Überraschungscoup der internationalen Gemeinschaft mehr von Erfolg gekrönt sein als in ein paar Wochen oder Monaten.

Doch diese angebliche Gemeinschaft ist überfordert, in Libyen genauso wie in Japan. Ja, auch in Japan. Was dort nun abläuft, ist eine Wiederholung vom Erdbeben in Haiti oder von den schweren Überschwemmungen in Pakistan: Jeder, von nationalen Spezialteams über private und karitative Organisationen, schickt nach einigem Zögern seine Spezialtrupps los. An einer internationalen Gesamtkoordination fehlt es hingegen einmal mehr.

Gewiss: Japan befindet sich so gut wie im Ausnahmezustand. Die Situation ist verworren und die Informationen sind zum Teil widersprüchlich. Das schliesst aber nicht aus, dass es trotzdem eine entsprechende Koordination geben könnte.

Der Ereignisfall «Erdbeben» wie auch der Ereignisfall «Überschwemmungen» tritt Jahr für Jahr auf. Auch ist es zur Gewohnheit geworden, dass in solchen Situationen jedes Land im Rahmen seiner Möglichkeiten hilft. Trotzdem sieht noch immer niemand die Notwendigkeit einer übergeordneten, internationalen Koordination und Organisation.

Jedes von einer Naturkatastrophe heimgesuchte Land muss darum noch immer für sich selber schauen wie es die Nachfrage an Hilfe und das Angebot an Hilfsleistungen in diesen Extremsituationen unter einen Hut bringen kann. Man kann wohl nur von Glück sprechen, dass die Japaner gut darin sind, kühlen Kopf zu bewahren um unter diesem hohen Druck die unzähligen Hilfswilligen aus dem In- und Ausland möglichst gut einzusetzen.

Wenn es diese so genannte internationale Gemeinschaft schon nicht schafft, gemeinsam minimale Vereinbarungen in Sachen internationaler Hilfeleistungen zu treffen um sich bei «Klassikern» wie einem Erdbeben oder einer Überschwemmung nicht gegenseitig auf die Füsse zu treten, wie will es dann diese Gemeinschaft schaffen, gemeinsam gegen den Gaddafi-Clan vorzugehen?

 

4 Antworten auf „Überforderte internationale Gemeinschaft“

  1. Die EU koordiniert übrigens ihre Einsätze in Japan. Aber sorry, wenn man diese Trümmerhaufen sieht, wie soll es da keine Überforderung geben? Dann gibt es auch Warnungen vor weiteren Beben und Tsunamis! Auch die Schweizer Hilfsgruppe musste sich wieder zurückziehen, wegen den zwischenzeitlichen Warnungen!

  2. Und Libyen und die sog. Arabische Liga:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Arabische_Liga#Mitglieder

    Also ich weiss nicht, dann die Liste der sog. Beobachter: Brasilien, Eritrea, Venezuela, Indien.

    Also dieser Chavez, nein, danke.
    Und was macht Gaddafi sonst noch?

    „Adschdabija (Reuters) – Der unter internationalem Druck stehende libysche Machthaber Muammar Gaddafi wirbt einem Medienbericht zufolge um Investitionen aus Russland, China und Indien in die Ölindustrie seines Landes.“
    http://de.reuters.com/article/topNews/idDEBEE72D00L20110314

    Russland und China, 2 Vetomächte im Sicherheitsrat. Gaddafi wusste schon immer, wie man div. Kräfte gegeneinander ausspielt.

    Und die EU? Wenn die ohne UNO- und NATO-Mandat eine Flugverbotszone militärisch durchzusetzen versuchte, was geschähe dann? Mich erinnern da bestimmte Defizite der EU samt Schweiz wieder mal an die Sache auf dem Balkan mit einem serbischen Dikator und anderen.

  3. @ Ursula Schüpbach
    Zu den Einsätzen in Japan: Gut möglich, dass sich die Hilfstrupps aus dem EU-Raum vor Ort gegenseitig absprechen, aber an eine Koordination aus Brüssel glaube ich nicht. Und selbst wenn: Die Amis da, die Europäer dort, die Südamerikaner hier… Weisst Du, hierzulande ist man auch erst langsam daran, dass sich die Blaulicht-Organisationen untereinander organisieren. Da sind meine Erwartungen wohl zu hoch, dass dies auf internationaler Ebene besser klappen sollte…

    Zur Reuters-Meldung: „…wirbt um Investitionen…“ ist schön ausgedrückt. Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich (nur) ums gegenseitige Ausspielen geht oder nicht viel banaler um die Stillung des Energiehungers von China und Indien. Die Absichten Russlands scheinen mir eher anderer Natur zu sein.

    Zur Mandatsfrage: Ich wage die Behauptung, dass die NATO-Streitkräfte innert Stunden die Kampfflugzeuge Libyens vernichten könnten. Die Frage ist die des „Danachs“. Folgen dann die Panzer Gaddafis? Und was kommt danach?

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