Groteske Bilder

Im Zuge der Katastrophen in Japan erscheinen heute manche Bilder von «vorher» ziemlich grotesk. Die Realität holt viele wieder ein.

Der Begriff «Fun-Gesellschaft» ist schon lange zu einem Schlagwort geworden. Zu einer Fun-Gesellschaft passen keine wüsten Bilder. Das Gegenteil ist der Fall: Wo immer möglich zeigen uns die vorgeführten Bilder eine schöne, teilweise auch eine beschönigte und oftmals virtuelle, heile Welt.

In diesen Tagen holt uns – und vor allem die Japaner – die Realität ein, zumindest teilweise. Besonders deutlich wird dieser Graben zwischen Realität und Fiktion in der Werbung.

Wecken böse Erinnerungen

Der nachfolgende TV-Spot des japanischen Autoherstellers Nissan dürfte so wohl in Zukunft keine Nachahmer finden, zu sehr erinnern die Bilder an die Erdbeben der vergangenen Tage:

Mit den Bildern der Verwüstungen im Kopf, welche die Tsunamis anrichteten, wünschten sich wohl einige einen Nissan mit so tollen Fähigkeiten wie in diesem nächsten Video:

Ein anderer japanische Autohersteller, Honda, produzierte vor einigen Jahren den nachfolgenden, an sich faszinierende und darum auch vielfach nachgeahmten Spot, der eine Kettenreaktion zeigt. Im Zuge der inzwischen unkontrollierten Kettenreaktion im AKW Fukushima wird man sich wohl auch in Zukunft gut überlegen, inwiefern man für japanische Produkte eine Kettenreaktion noch zeigen kann…

Der nächste Spot beginnt mit den Worten: «Etwas Grossartiges zu bauen ist wie im Honig zu schwimmen» (oder gegen den Strom zu schwimmen). Im Moment «schwimmen» viele Japaner in etwas ganz anderem – und nach den verheerenden Tsunamis mögen sie wohl kaum mehr gegen den Strom schwimmen. Dieser Spot von Honda würde zurzeit wohl kaum ausgestrahlt, auch weil die Bilder zu sehr an die jüngste Vergangenheit erinnern:

Ordnung ins Chaos zu bringen, oder aus einem Haufen Einzelteile (wieder) etwas aufzubauen zeigt der nachfolgende Spot. Er endet mit der Frage: «Ist nicht jedes Problem eine Spielwiese?» Mit Wasserwerfern auf ausser Kontrolle geratene Kernreaktoren zu spritzen sieht tatsächlich aus wie ein Spiel mit Wasserpistolen. Aber es ist ein sehr trauriges «Spiel»…

Die im letzten Honda-Spot unten gezeigten Fahrzeuggerüste, mitten in der Natur (de-)platziert, selbst an der Küste, erscheinen heute ebenfalls ziemlich grotesk. Auch die Worte «hilft, jene Dinge zu schützen, welche geschützt werden wollen» und der Slogan «Sicherheit für jeden» erhalten heute eine ganz andere Note.

«Business as usual»

So grotesk und deplaziert diese Bilder heute auch erscheinen mögen: Ob sie in zukünftigen Werbespots tatsächlich ganz verschwinden werden, ist nicht sicher.

Denn ebenso grotesk erscheint einem das Verhalten vieler Japaner. Die Einen haben alles verloren und wissen teilweise noch nicht einmal, wo ihre Verwandten und Bekannte geblieben sind.

Derweil gehen die Anderen artig ihrer Arbeit nach, so, als ob nie etwas geschehen wäre, so, als ob nicht das halbe Land in Schutt und Asche liege, so, als ob keine Hunderttausende von Wasser und Strom abgeschnitten seien, so, als ob es keine Probleme mit der Versorgung mit Lebensmitteln gäbe, so, als ob keine atomare Katastrophe drohe.

So sei eben die Japanische Seele, erklären uns so genannte Japan-Kenner in allerlei Medien. Man trage die Emotionen nicht nach aussen, sondern fechte diese nach innen aus. Keiner hat bisher aber erklärt, ob dies auch für derartige Extremsituationen gilt…

Darum ist dieses Verhalten vielleicht auch einfach nur Ausdruck von Hilflosigkeit und Angst, sodass die, die können, wenigstens so tun, als ob «Normalität» herrsche. Eine grosse Wahl haben die Japaner ja nicht.

Es bleibt nur zu hoffen, dass sie die Gelegenheit haben werden, wenigstens «nach innen» sich mit den Ereignissen der letzten Tage auseinanderzusetzen. Verdrängen ist ein schlechter Ratgeber und ermöglicht, dass weiterhin schöne heile Welten kultiviert werden, so wie in den TV-Spots oben.

10 Antworten auf „Groteske Bilder“

  1. Glaub kaum, dass „dieses Verhalten“ der Japaner nur Ausdruck von Hilflosigkeit und Angst ist, geschweige denn Verdrängung.
    Ich hatte das Vergnügen, einige Japaner kennenzulernen und deshalb hätte es mich sehr überrascht, wenn nun, trotz diesem gewaltigen Problems, eine Hysterie ausgebrochen wäre.

    Die Japaner ticken anders und vor allem besser als wir. Und abgesehen, was nützt es sich die Haare zu raufen und das Warum zu hinterfragen. Geschehen ist passiert, rückgängig kann man es nicht mehr machen, aber mit dieser Situation umzugehen zeigt ihre Stärke. Eine Stärke die wir vermutlich auch in uns tragen könnten, wären wir denn nicht so egoistisch und selbstgefällig.

  2. Deine Kritik am „Business as usual“ irritiert mich ein bisschen.
    „Derweil gehen die Anderen artig ihrer Arbeit nach, … so, als ob es keine Probleme mit der Versorgung mit Lebensmitteln gäbe, ….“
    Wenn die Anderen nicht arbeiten würden, hätte das Land wohl erst recht Probleme mit der Versorgung. Die Betroffenen im Katastrophengebiet sind doch darauf angewiesen, dass der Rest des Landes funktioniert, dass Lebensmittel, Medikamente, Baumaterial hergestellt und geliefert wird.

  3. @ Tinu
    Japan liegt gemäss Wikipedia auf Platz 4 der exportstärksten Länder der Welt. Die Haupt-Ausführgüter von Japan sind – wenn wir uns an dem orientieren – Autos, Maschinen und Elektronik (zusammen etwa 60 %).

    Das sind auch jene Güter, welche für deren Herstellung relativ viel Strom „fressen“ und auf die die Welt wohl für einige Wochen oder Monate verzichten kann. Die japanische Wirtschaft wird in jedem Fall zurückgeworfen und zwar schon alleine deshalb, weil der gesamte AKW-Komplex von Fukushima ausfällt. Japan ist eine Insel, weshalb ich nicht denke, dass man da so einfach Strom aus den Nachbarländern importieren kann. Sollte es trotzdem ein Stromkabel zum Festland geben, welches auf dem Meeresgrund verläuft, glaube ich nicht daran, dass diese Kapazität ausreicht um den Ausfall der sechs Reaktoren von Fukushima 1 zu kompensieren.

    Die Japaner haben also in jedem Fall ein Strom-Problem, welches sich nicht so schnell lösen lässt. Auf der anderen Seite ist ein Grossteil des Landes zerstört. Natürlich kann der Nintendo-Mitarbeiter weiterhin in seine Fabrik gehen und dort entsprechende Geräte herstellen. Doch wegen des Strom-Problems einerseits, aber auch aus einer gewissen moralischen Verpflichtung andererseits, hielte ich einen Einsatz im Krisengebiet zwecks Wiederaufbau (oder wenigstens um aufzuräumen) für sinnvoller.

    Würde beispielsweise die Ostschweiz dermassen verwüstet, dann hielt mich nichts davon ab, unbezahlten Urlaub zu nehmen und helfen zu gehen, sollte Hilfe erwünscht sein. Aber einfach so meinen mir in dem Moment belanglos erscheinenden Job weiterzumachen (ich arbeite wie viele im Dienstleistungssektor), beim nächsten Grossverteiler Hamsterkäufe zu tätigen, in der nächstgelegenen Pizzeria eine Pizza essen zu gehen, abends irgendeine Comedy-Show auf RTL anzugucken usw. währenddem die Ostschweizer nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben, frieren und auch sonst knapp versorgt sind, das könnte ich für meinen Teil nicht.

  4. Ich finde, auch in Notsituationen – oder gerade dann – sollte jeder das tun, was er am besten kann. Oder zumindest gut kann. Dass du bereit bist, frei zu nehmen und ein einem Katastrophengebiet zu helfen, ehrt dich. Aber vielleicht wäre es doch besser, den Lohn, auf den du zu verzichten bereit bist, an eine betroffene Familie zu spenden, die damit jemanden anstellen kann, der besser schaufeln und pickeln oder was auch immer kann, als du.Eine Arbeitsstelle wäre dabei auch noch geschaffen.

  5. @ Tinu
    Du traust mir nicht zu, eine Schaufel in den Händen halten zu können? 😉

    Spass beiseite: Ich denke in einer solch überwältigenden Situation wird man um jeden dankbar sein, der helfen kann, auch um jene, die vielleicht zwei linke Hände haben.

    Und meinen Lohn kann ich immer noch spenden, dann allerdings für den Ersatz nicht versicherter Gegenstände und nicht damit die Betroffenen sich für drei Monate eine Arbeitskraft leisten können. Das wäre dann auch kein sehr nachhaltiger Arbeitsplatz, der da geschaffen würde.

    Mir wäre das auch „zu billig“, weil mir das wie ein Freikaufen von einer erwarteten Solidaritätsleistung vorkommt. Zudem bin ich überzeugt, dass das sich-gegenseitig-unterstützen als „Nebenwirkung“ auch unglaublich stark verbindet, Vertrauen und Verständnis schafft (so von wegen Stadt-Land-Graben, gehässigem Umgangston usw.).

  6. @Titus Sind nun 4 ausgefallen oder alle 6 und sind das die einzigen AKW’s dort? Gerade vorher habe ich gelesen, es werden gerade neue Stromkabel gezogen um die Dieselgeneratoren abzulösen, scheint mir also mehr so als sei die Leitungsinfrastruktur beschädigt als das es gar kein Strom mehr gäbe.

    Das einzige was jetzt schon klar ist, diese 4 AKW’s sind erledigt, egal ob es mit der Kühlung noch klappt oder nicht, die werden innert der nächsten Jahre entsorgt werden müssen. Dies alleine wird schätzungsweise 4-6 Milliarden kosten, als es damals in den USA „fast“ zu einer Kernschmelze kam (ja die hatten das auch schon!) kostete die Entsorgung des AKW danach auch ca. $1.5 Milliarden.

    Ich frage mich da grad wohin dann die ganze kontaminierte Erde und so jeweils geht aber ehmm es gibt ja genügend so komische Deponien in noch komischere Länder wo man das Zeugs dann für bisschen Geld hinverfrachten kann… 😉

    Ja und dann baut man eben ein paar neue AKW’s als Ersatz, kostet natürlich auch wieder ein paar Milliarden, doch dann gehts irgendwann weiter wie bisher… Und ehmm bis dahin importiert man bisschen Strom oder glaubst du wirklich die sind so abgeschnitten von China und haben kein Unterseekabel dahin? Und China baut ja gerade fleissig neue AKW’s, die verkaufen sicher gerne ein bisschen Strom nach Japan bis sie wieder selber genügend produzieren können, no problem…

    Auch grad heute habe ich was von möglichem Engpass in Sachen Flashspeicherchips gelesen, tönte jedoch auch nicht zu pessimistisch, es hiess die Lager reichen noch und Preisaufschläge bei Spielkonsolen seien deswegen auch nicht zu erwarten, dann gäbe es möglicherweise 1-3 Monate ein kleiner Engpass und das wars… Hmm, also wenn ich das richtig interpretiere, dann geht die Produktion da unten in spätestens einem Jahr wieder ihren normalen Gang, nun mal sehen, und mal hoffen es gibt bis dahin keine Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis oder Asteroideneinschläge…

    Viel krasser finde ich da die hiesige Atomlobby, die mal schnell unbemerkt das Wort „Japan“ auf ihrer Seite hat verschwinden lassen… Vorher stand da betreffend Erdbebensicherheit „… Erfahrungen aus Japan und Kalifornien …“ nun wurde da einfach mal schnell das Wort Japan weggemacht, hihi und wenn es dann in Kalifornien das zu 99% zu erwartende Erdbeben gibt, dann streichen sie dann wohl den ganzen Satz oder was?!

    Oder auch Deutschland, voll die Panikmache mit Geigerzählen-Panikkäufen, sinnlos da ehh nichts zu messen und die Merkel die grosskotzig was von weiss ich wie vielen abgeschalteten AKW’s erzählt, dabei handelte es sich dabei um solche die entweder schon ab waren oder ohnehin schon geplant waren, alles nur PR-Geschwafel…

    Ach ja und was die Ostschweiz(von mir aus ist das St.Gallen, Uri und co.) betrifft, aus ganz bestimmten Gründen sind die mir so schnuppeegal, also wenn da ein AKW hochgehen würde, hätte ich keine Probleme damit hier während dem „Fallout3“ oder „Nuclear Wars“ zu gamen… *rofl*

    Denn in genau solchen Not-Situationen und dann erst recht bei echten apokalyptischen Situationen, sofern ich dann überlebe, trennt sich dann bei mir die Spreu vom Weizen, wer gut zu mir war dem helfe ich dann gerne sogar wenn ich dabei fast draufgehe, die anderen allerdings sollten froh sein wenn sie mir dann nicht begegnen, so sieht es eben bei mir aus, denn ich vergesse eben nicht… *evilgrins*

  7. @ Chris
    Fukushima 1, um das es hier geht, besteht aus sechs Reaktoren und das nicht unweit daneben gelegene Fukushima 2 besteht aus vier Reaktoren (machen allerdings keine Probleme).

    Von Fukushima 1 bekommen wir häufig nur die Blöcke 1 – 4 zu sehen. 5 + 6 stehen vom Meer aus gesehen rechts. Vom gleichen Standpunkt aus gesehen und von links nach rechts „gelesen“ gilt gemäss diesem Bild die Reihenfolge 4 – 3 – 2- 1 – 5 – 6.

    Die Dieselgeneratoren fielen nach dem Tsunami aus – oder – so meine Interpretation – konnten gar nie erst in Betrieb genommen werden um das Kühlwasser in Gang zu halten (Kühlung mit Meereswasser). Darum sollen die Pumpen mittels neu verlegter Stromleitung angetrieben werden, was bisher aber angeblich noch nicht gelang. Alle Angaben ohne Gewähr…

    Das mit dem entfernten „Japan-Argument“ hatte ich auch gelesen. Nebst der Kritik, dass die fraglichen Reaktoren nicht für ein Erdbeben UND einen Tsunami gleichzeitig ausgelegt gewesen seien, dürfte es in nächster Zeit noch einige weitere Kritiken vor allem was die Betreiberin Tepco anbelangt, geben. Diese Kritik wird die Atomlobby freuen, weil sie so sagen kann: Bei uns hätten diese Schlampereien nicht passieren können.

    Was meine Bemerkung bezüglich Ostschweiz betrifft, dachte ich nicht an einen AKW-Unfall, denn dort gibt es auch keine (ich sprach nur allgemein von einer Verwüstung).

    Und zum Geigenzähler: Mir kam der Gedanke eines Kaufs auch schon für einige Sekunden auf und zwar weniger wegen Japan, sondern vielmehr wegen den eigenen AKWs. Diese werden von Behörden kontrolliert, welche quasi von Amtes wegen Atomenergie befürworten müssen. Da fehlt mir einfach der nötige (kritische) Abstand zur Sache. Nicht zu vergessen, dass das ENSI grundsätzlich auch dem Öffentlichkeitsprinzip unterstellt ist und daher über alle untersuchten Vorkommnisse informieren sollte. Wenn aber dabei gewonnene Erkenntnisse als zu beunruhigend für die Öffentlichkeit eingestuft werden, bin ich mir da nicht so sicher, ob wirklich immer alles kommuniziert würde…

  8. Wohl nicht ganz ohne Grund begingen viele junge Männer in vergangenen Jahren Selbstmord.

  9. @Titus
    Ok, ist wieder was anderes, wegen dem Geigenzähler meine ich, doch dann würde ich wenn schon einen besorgen den du an einen Compi hängen kannst und so Langzeitmessungen durchführen kannst. Alles andere insbesondere schnell mal raushalten und so nützt da wenig. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, in Kellern ist die Strahlung meist bisschen höher, weil sich da vielfach Radon ansammelt, hat aber auch nichts mit AKW’s zu tun.

    Und sonst, man wird es dann sehen und mit dem Vertrauen habe ich ohnehin so meine Probleme. Vermute aber es wird sich nicht all zu viel ändern…

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