Öffentlichkeits- statt Medienmitteilungen

Wir glauben, in einer aufgeklärten Gesellschaft zu leben. Vieles bleibt uns jedoch vorenthalten. Schuld daran tragen aber nicht nur die unter wirtschaftlichem Druck stehenden Medien. Ein Umdenken im Umgang mit der Informationsverbreitung ist vielerorts gefragt.

Wir hatten es hier kürzlich über – Waschmaschinen. Sie erinnern sich: Eine einfache technische Erfindung, welche für uns heute so selbstverständlich ist, dass wir über diese Entwicklung schmunzelnd diskutieren können. Und dies, obschon sie erst vor wenigen Jahrzehnten einen relativ starken Einfluss auf unsere westliche Gesellschaft hatte, da sie den Frauen damals eine enorme Zeitersparnis brachte.

«Gefährliche» Informationen

Eine mindestens so bedeutende Erfindung für Europa war Mitte des 15. Jahrhunderts das Buchdruck-Verfahren von Johannes Gutenberg. Dank diesem Verfahren war es erstmals möglich, Informationen für eine breiten Masse zu drucken.

Der Buchdruck war somit der Wegbereiter für das erste Massenmedium. Davon profitierte ganz zu Beginn Martin Luther mit seiner ersten, ins Deutsche übersetzten Bibel. Davon profitierten später aber ebenfalls die Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts.

So konnten sich Ideen, Meinungen und aufklärende Informationen verbreiten, so wurde Unrecht publik gemacht, so wurde der Volkszorn heraufbeschworen, so kam es zu Volksaufständen, so kam es schliesslich auch zur Bildung neuer Nationalstaaten.

Der Umgang mit Informationen und deren Verbreitung ist seither ein anderer. Informationen – darunter zählt auch das Wissen – konnten plötzlich «gefährlich» werden. Gemeint ist damit, dass manchmal wahre oder richtige Informationen deshalb unterdrückt werden, um mögliche Reaktionen zu vermeiden.

Gemeint ist damit aber auch, dass Informationen genauso richtig wie auch falsch sein können. Die massenhafte Verbreitung einer Information ist schliesslich noch kein Garant für deren Richtigkeit.

Seit der Aufklärung hat sich diesbezüglich kaum etwas verändert. Noch heute werden wahre oder richtige Informationen unterdrückt, noch heute werden falsche statt wahre Informationen verbreitet. Beispiele finden sich im Alltag unzählige (Gaddafi, Fukushima, Ägypten, Unternehmenssteuerreform, …).

Nichts ist mehr, wie es einmal war

Neu ist hingegen, dass eine Professionalisierung auf Seiten der Informationsproduzenten stattgefunden hat und noch immer stattfindet. Immer raffinierter werden Informationen «verklausuliert» formuliert, sodass uns nicht – oder nicht sofort – auffällt, was (Tat-)Sache ist.

Typisch hierfür sind die meisten Meldungen von Unternehmen, um nur ein Beispiel zu nennen. So gibt es nie ein «schlechtes» Geschäftsjahr, egal wie hoch die Verluste auch sein mögen. Es gibt höchstens ein Geschäftsjahr «in einem schwierigen Umfeld».

Neu ist auch die heutige Informationsflut. Sie macht es uns schier unmöglich, den Wahrheitsgehalt einer Information zu überprüfen oder wenigstens hinterfragen zu können, oder das Fehlen von Informationen zu vermuten und einen entsprechenden Verdacht zu äussern.

Neu ist seit der Aufklärung auch ein inzwischen etablierter Berufsstand, dessen primäre Aufgabe es ist, mit Informationen zu «handeln», sie einzuordnen, sie zu filtern, sie zu hinterfragen, sie mit weiteren Informationen anzureichern und sie schliesslich zu verbreiten. Die Rede ist natürlich von den Journalisten oder – wie sie heute auch oft genannt werden – von den «Medienschaffenden».

Sie haben heute in unserer so genannt aufgeklärten Gesellschaft eine enorme Verantwortung, denn es ist heute üblich, sich an sie zu wenden, wenn eine Information verbreitet werden soll, sei es von einer staatlichen Behörde, von einem Unternehmen, von einer Vereinigung oder von einer bekannten Persönlichkeiten.

Unaufgeklärte Gesellschaft

Dieses «System» der Informationsverbreitung hat allerdings einen gravierenden Mangel: Die «Verbreiterer», die, welche bisher einordneten, filterten, hinterfragten, anreicherten und schliesslich verbreiteten, unterstehen einem immer stärker werdenden wirtschaftlichen Druck.

Das führt dazu, dass immer weniger Personen darüber entscheiden, was interessant genug sei um weiter verbreitet zu werden. Das führt dazu, dass immer häufiger in den verschiedenen Medien genau das Gleiche verbreitet wird.

Das führt schliesslich auch dazu, dass immer weniger eingeordnet, gefiltert, hinterfragt und angereichert wird. Um beim Beispiel von oben zu bleiben: Mancher PR-Verantwortliche eines Unternehmens dürfte sich die Hände reiben, wenn «die Medien» die Sache mit dem «schwierigen Umfeld» geschluckt haben, weil den Wirtschaftsredaktoren keine Zeit bleibt, der Sache genauer auf den Grund zu gehen.

Manche staatliche Behörde kann sich aber auch nicht mehr darauf verlassen, dass die Bevölkerung immer über alles informiert wird, über das sie selber die Medien informiert. So war unsere Verkehrsministerin Doris Leuthard am Dienstag in Berlin und referierte vor dem Deutschen Verkehrsforum. Sie äusserte dabei auch Kritik an Deutschlands zögerlicher Umsetzung der Verkehrspolitik. Glaubt man Google, fand dieser Besuch in den Schweizer Massenmedien in keinem Wort Erwähnung.

Am gleichen Tag veröffentlichte der Bund die Projektausschreibung zum Programm «Projets urbains – Gesellschaftliche Integration in Wohngebieten». Das Thema Integration ist höchst brisant und die Verslumung gewisser Wohngebiete Realität – wenn auch nicht in den Medien. Darum überrascht es nicht, dass auch hierzu niemand etwas verbreitete.

Ist das eine aufgeklärte Gesellschaft, wenn nicht einmal in einem Dreizeiler über Besuche von Mitgliedern unserer Landesregierung im Ausland berichtet wird? Ist das eine aufgeklärte Gesellschaft, wenn diese nicht einmal über ein höchst interessantes Projekt zu einem unserer wichtigsten gesellschaftlichen Probleme, der Integration, etwas erfährt?

Veraltete Adressaten

Die «Schuld» fürs Nichtverbreiten nur dem wirtschaftlichen Druck zuzuschreiben stimmt seit der weiten Verbreitung von Internet in unseren Breitengraden allerdings nicht mehr. Nur dank Internet war es überhaupt möglich, an dieser Stelle die beiden Beispiele oben über Leuthards Besuch oder übers Programm «Projets urbains» zu erwähnen.

Schuld haben auch die Informationsproduzenten selbst. Einige unter ihnen verwenden noch immer den Begriff «Pressemitteilung» oder laden zum «Point de presse» sein, weil sie sich offensichtlich noch immer keine Gedanken über die veränderte Medienlandschaft und das veränderte Mediennutzungsverhalten gemacht haben – und da ist die gedruckte Presse nur noch ein Mitspieler unter vielen.

Andere, vor allem Behörden, wenden sich aber immer noch auch nur «an die Medien». Das drückt eine Haltung aus, die seit der Aufklärung falsch ist und mindestens seit dem Aufkommen von Internet hätte korrigiert werden müssen.

Behörden haben sich nicht «an die Medien» zu richten, sondern «an die Öffentlichkeit». Das tun sie teilweise auch mit der Veröffentlichung ihrer Medienmitteilung im Internet, aber sie tun es eben nur halbherzig und auf die Medienschaffenden ausgerichtet.

Besonders deutlich wird dies, wenn man als Blogger eine Auskunft seitens einer Behörde verlangt und darüber etwas schreiben möchte. Fairerweise wendet man sich in diesem Fall an die zuständige Medienstelle, schliesslich soll der Gegenseite die Gelegenheit eingeräumt werden, eine für eine gewisse Öffentlichkeit adäquate Antwort zu formulieren. Diese reagiert jedoch oftmals befremdet darüber, dass sich ein einfacher Bürger (und nicht etwa ein Blogger) an eine Stelle wendet, welche den Profis vorbehalten ist.

Deutlich wird dies beispielsweise ebenfalls beim Zugang zum Medienzentrum des Bundes. Ein äusserst striktes Reglement regelt den Zugang zu jenem Ort, an welchem sich viele politische Akteure quasi an die Öffentlichkeit wenden – oder halt eben doch nur an die unter wirtschaftlichem Druck stehenden Medien.

Öffnung von allen

Seitens Behörden, aber auch seitens der Unternehmen und zahlreicher anderer Informationsproduzenten, wäre ein Umdenken gefragt. Denn: Eingeordnet, gefiltert, hinterfragt oder angereichert wird wie erwähnt durch die Medien oftmals nicht mehr. Darum gibt es auch keinen Grund mehr, sich nur noch an einen begrenzten Kreis zu wenden – statt an die breite Öffentlichkeit.

Zugleich zeigen Beispiele wie jüngst die Affäre um Theodor zu Guttenberg, dass aus der breiten Masse an Internet-Nutzern hinterfragt wird. Im Falle des verheerenden Erdbebens in Japan sind es schon alleine wegen der Grösse dieser Katastrophe einfache Bürger, die mit ihren Fotos, Videos und Berichten die herrschenden Zustände anreichern. Ähnlich ist es mit den Vorgängen im arabischen Raum.

Andererseits verfügen nur die Massenmedien über das Potential, falsche oder vorenthaltene und brisante Informationen publik zu machen. Eine Öffnung ist darum nicht nur seitens Informationsproduzenten verlangt, was die Adressierung ihrer Informationen anbelangt, sondern auch seitens Massenmedien, was die Aufnahme bisher unbeachteter Informationen von kleineren Medien, einfachen Bürgern oder einfachen Internet-Nutzern betrifft.

Nur so bleibt unsere Gesellschaft ohne staatliche Unterstützung und Vorgaben an die Medien das, was sie zu glauben scheint, nämlich aufgeklärt.

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