Undank ist der Welten Lohn

Wer andern sein Überleben zu verdanken hat, schuldet diesen mindestens ein Dankeschön. Den Lebensretter zu brüskieren ist aber etwas anderes als ein Dankeschön. Das ist Ausdruck fehlenden Charakters.

Die Welt eines Kindes ist geprägt von enorm vielen Freiheiten, die wir als Erwachsene kaum wahrnehmen. Nähmen wir diese wahr, würden wir dem Kind die eine oder andere Freiheit im Vornherein durch ein Verbot wegnehmen oder durch eine Regel einschränken.

Kinder verbrennen sich nur einmal die Finger

Natürlich geschähe das nicht um des Verbots oder der Regel wegen. Kinder fühlen sich nämlich auch deshalb so frei, weil sie die Gefahren nicht sehen. Darum kann es sinnvoll sein, ihnen im Vornherein zu verbieten, da oder dort hochzusteigen oder Dies und Das zu unterlassen oder nur bis zu einem gewissen Punkt zu machen.

Manchmal nützt das allerdings nichts, weil auch schon Kinder unbewusst den Sinn einer Regel hinterfragen. Erst wenn man sich an der Herdplatte die Finger verbrannt hat, macht das Verbot, die Herdplatte anzufassen, Sinn.

Ähnlich ist es mit noch nicht ausgesprochenen Regeln. Manchmal muss man sich eben erst an der Herdplatte die Finger verbrennen bis das Verbot, sie anzufassen, ausgesprochen wird, weil es dann auch Sinn macht. In dem Falle ist dieses Verbot vermutlich sogar überflüssig, denn wer möchte sich schon gerne ein zweites Mal die Finger verbrennen?

Kinder halten sich an diese Regeln, sofern sie von den Eltern durchgesetzt werden und sofern die Kinder den Sinn und Zweck dieser Regeln sehen. Bei gewissen Erwachsenen hört das Einhalten von Regeln aber manchmal auf.

Dazu gehören auch die Herren bei der UBS. Sie hatten sich im Rahmen der Finanzkrise die Finger so sehr verbrannt, dass nicht bloss nur die Finger, sondern gleich der ganze Körper abzusterben drohte.

Um eine Verschlimmerung dieses Zustands zu verhindern, wurde dem Notfallpatienten das Gift von 60 Milliarden US-Dollar entnommen, das in seinem Körper kursierte. Damit der Patient aufgrund seiner Wunde nicht noch an Blutmangel leidet, wurde ihm zusätzlich noch eine Blutkonserve von 6 Milliarden Franken verabreicht. Diese Blutspende stammte vom Nothelfer selbst.

Die Massnahmen zeigten Wirkung, sodass es dem Patienten UBS heute wieder gut geht. Der Einsatz des Nothelfers war aussergewöhnlich, denn es ist nicht üblich, dass er Funktionen wahrnehmen muss, die sonst ein Notarzt wahrnimmt.

Aussergewöhnlicher und doch unverdankten Einsatz

Unüblich ist auch, dass der Nothelfer bereit war, Blut von sich bereitzustellen. Wäre der Patient gestorben, wäre diese Gabe von 770 Franken pro Einwohner umsonst gewesen.

Wer jemandem sein Leben zu verdanken hat und dazu noch dank eines ausserordentlichen Einsatzes, der steht tief in dessen Schuld und sollte sich darum mindestens bei seinem Lebensretter bedanken. Das kostet eigentlich nichts, ausser vielleicht etwas Überwindung, weil man ob der eigenen Dummheit, die zum Unfall führte, noch etwas beschämt ist.

Doch die UBS hielt es bis heute nicht für nötig, sich bei seinem Lebensretter zu bedanken.

Das hat nichts mit nicht vorhandenen Mitteln zu tun. Wie bereits erwähnt, muss ein solches Dankeschön nichts kosten. Das hat – so belehrend es auch klingen mag – vielmehr mit fehlendem Anstand und Charakter zu tun, welche da durch die oberste Führung zum Ausdruck kommen.

Damit aber nicht genug: Zwar wurden UBS-intern einige Regeln verändert oder neu aufgestellt um sich die Finger nicht noch einmal zu verbrennen. Der Nothelfer möchte aber auch einige Regeln durchsetzen, sodass er nicht noch einmal die Rolle eines Notarztes übernehmen muss.

Diese Regeln hat der Nothelfer nicht allein aufgestellt. Er liess den Patienten aktiv mitwirken, damit dieser später dann auch einverstanden sein wird. So entstand ein Werk, dem alle Beteiligten zustimmten.

Wenigstens bis zur letzten Woche, als der Nothelfer diese Regeln öffentlich vorstellte. Denn nun ist der ehemaligen Patient plötzlich nicht mehr einverstanden, wie zukünftig vermieden werden soll, nochmals zum Patient zu werden.

Das ist ein Affront des Patienten an die Adresse des Nothelfers und Lebensretters. Mehr noch: Es ist eine Beleidigung an ein System, das ein aktives Mitwirken der Betroffenen erlaubt. Man hätte stattdessen ja auch einfach ein paar Regeln diktieren können.

Enttäuschende Krisen-Bewältigung

Als Nothelfer war die Schweiz hilfreich. Ein Dankeschön gab es bisher dafür trotzdem nicht, und neue Regeln mag man sich auch nicht aufbinden lassen. Unterschwellig droht man dem Lebensretter sogar mit einer Verlegung des Sitzes ins Ausland.

Von Kaspar Villiger, dem aktuellen UBS-Verwaltungsratspräsidenten und dem ehemaligen Finanzminister der Schweiz, hätte man bei der Bewältigung der grössten Krise, welche die UBS je erlebte und welche darum auch Chefsache sein muss, mehr erwarten können als das Verhalten eines Elefanten im Porzellanladen.

So müsste allenfalls noch eine andere Möglichkeit in Betracht gezogen werden, um der Problematik der Systemrelevanz zu begegnen: Die UBS-Kunden dazu zu bringen, die Bank zu wechseln, indem nämlich gar keine Regeln aufgestellt werden und indem den Kunden die Konsequenzen erklärt werden, sollte die UBS erneut ins Straucheln geraten.

Dann sind alle – die UBS wie auch deren Kunden – ungeachtet der Charakterschwäche der obersten UBS-Führung ihres eigenen (Un-)Glückes Schmied.

7 Antworten auf „Undank ist der Welten Lohn“

  1. „Die UBS-Kunden dazu zu bringen, die Bank zu wechseln, indem nämlich gar keine Regeln aufgestellt werden und indem den Kunden die Konsequenzen erklärt werden, sollte die UBS erneut ins Straucheln geraten.“

    Sollte das Parlament die Vorlage des Bundesrates zerzausen, dann wäre dies wohl die einzige Möglichkeit. Was der Villiger hier durchzieht, ist extrem peinlich (das ist jetzt noch ein nettes Wort).

  2. @ Alice
    „Er glaube einfach, man müsse die Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft zuerst diskutieren, bevor man Gesetze mache.“, steht da geschrieben.

    Wozu hat der Bund eigentlich diese „Too big to fail“-Expertengruppe eingesetzt, welche auf vier Seiten ihres Schlussberichts auch eine „Abschätzung der Wirkung der Massnahmen“ vornimmt? Wozu wurden in diese Expertengruppe nicht irgendwelche Underdogs eingeladen, sondern wichtige Figuren der Schweizer Wirtschaft mit Schwergewicht Banken- und Versicherungsbranche?

    Mich bringt der Grübel da echt ins Grübeln – und den Villiger kann man ohnehin Rauchen… 🙂

  3. Ähnliche und noch etwas „bösere“ Gedanken hatte ich heute auch als ich das mit der 1.8 Milliarden Gewinn Protzerei gelesen habe, erst recht als ich dann noch gelesen habe das „er erst zufrieden ist, wenn 15 Milliarden Gewinn erreicht werden“. Bei solchem Gebaren könnte man echt meinen, es hätte gar keine Krise gegeben. Die sollten lieber ihre Fresse halten und froh sein noch zu existieren, wenn es in meiner Entscheidung gelegen hätte, gäbe es die „United Bandits Switzerland“ heute jedenfalls nicht mehr! Wer mit Verbrechen seine Kohle scheffelt, sollte in meinen Augen nicht auf Hilfe hoffen dürfen wenn plötzlich der Schafott naht! Und was heisst hier überhaupt 1.8 Milliarden Gewinn? ((-6) – 1.8) sind immer noch (-4.2) nix Gewinn und überhaupt…

  4. Oha, hier verschafft man sich Luft über den UBS-Ärger… 😉
    Aber Scherz beseite: Titus, ausgezeichnet geschriebener Vergleich im Hinblick auf das UBS-Debakel bzw. des nicht eben würdigen Verhaltens des ehemaligen Branchen-Primus. Ich schätze jetzt einfach mal, dass damit vielen Mitmenschen aus der Seele geschrieben wurde.
    Ich pflege „shit happens“ zu sagen – Fehler passieren nun mal, wenn sie auch in der Grössenordnung unfassbar sind. Es ist halt schon so: ein einfaches Danke an die Schweiz – das sind schlussendlich wir alle – wäre sicher nicht ganz verkehrt gewesen. Gekoppelt mit etwas Demut und Einsicht könnte man die Rettungsaktion (mit unserem Geld) unter „notwendigem Übel“ abbuchen und vergessen. So aber sollten sich die UBSler nicht wundern, dass ihnen die Sympathien nicht eben zufliegen.

  5. @sensor
    leider war die Bankenkrise kein shit, der einfach so passiert ist.
    Das war bewusst in Kauf genommen im Wissen, dass denen, die das Risiko eingingen, nichts passiert.

    Wer diese Strategie auch jetzt noch verteidigt und mit leidender Konkurrenzfähigkeit argumentiert, wenn die Regelungen verschärft werden, der ist erstens auf dem Holzweg, weil die Kunden Sicherheit suchen (sonst wären sie nicht mit der Kohle in der Schweiz), und zweitens machen sie die Wirtschaft und damit sich selber kaputt.

    Solche Manager sind in der gleichen Liga wie die Saddams, gaddaffi,Mugabe, Mubarak und bin Laden ….

  6. @Raffnix
    Eigentlich dachte ich, meinen Standpunkt verständlich herübergebracht zu haben. Es ist nicht cool, was bei der UBS geschehen ist. Ob die auf Straffreiheit spekuliert haben, vermag ich nicht zu beurteilen. Dass man aber enorme Risiken in Kauf genommen und den gesunden Menschenverstand ausser Acht gelassen hat – keine Frage.
    UBS-Manager in der gleichen Liga wie Diktatoren und Terroristen anzusiedeln, scheint mir nun doch ziemlich übers Ziel hinausgeschossen zu sein. Aber wir haben ja – im Gegensatz zu den Ländern der erwähnen Herren – glücklicherweise das Privileg der freien Meinungsäusserung.

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