Kultureller Einheitsbrei?

Führen die wirtschaftliche Globalisierung dank immer mehr international agierenden Unternehmen und die gesellschaftliche Globalisierung dank Internet längerfristig zu einem kulturellen Einheitsbrei?

Im Kanton Graubünden gibt es nicht weniger als fünf verschiedene Idiome jener Sprache, welche viele vereinfachend als «rätoromanisch» bezeichnen. Obschon sich die Idiome ähneln, kann es sein, dass jemand aus der einen romanischen Sprachgruppe jemanden aus einer anderen romanischen Sprachgruppe nicht versteht. Eine Abgrenzung zwischen Idiom oder Dialekt auf der einen Seite und einer eigenständigen Sprache auf der anderen Seite ist nicht immer so einfach zu machen.

Sprachkulturen in Gefahr

Dass sich die verschiedenen Idiome so lange halten konnten, hat mit den bisher jeweils in sich geschlossenen Räumen zu tun, in welchen ein Idiom gesprochen und gelebt wurde. Das ist mit den Dialekten in der Deutschschweiz ähnlich: Sprachliche Unterschiede können pro in sich geschlossenem Raum festgestellt werden.

Dabei ist unter «in sich geschlossener Raum» nicht ein hermetisch abgeschlossener Raum zu verstehen, sondern ein Raum, der natürlich gegeben oder gewachsen ist, wie beispielsweise eine abgeschieden gelegene Ortschaft, ein Tal oder eine Anhöhe auf einer Flussseite und ähnliches. Kontakte «nach aussen» waren in der Vergangenheit zwar möglich, aber um (über-)leben zu können, drängten sie sich nicht auf.

Doch diese natürliche Abgeschieden- oder Geschlossenheit eines Sprach- oder Dialektraums gibt es heute kaum mehr. Wir sind mobiler denn je, sodass ein Bewohner eines dieser Sprachräume diesen ebenso leicht verlässt um einer Erwerbstätigkeit ausserhalb nachzugehen wie ein Aussenstehender als Freizeittourist in einen dieser Sprachräume «eindringt».

Die fünf romanischen Idiome sind auch deshalb bedroht. Eine breite Berufswahl findet sich nur im deutschsprachigen «Unterland», währenddem die ins «Oberland» angelockten Touristen alles andere sprechen, nur nicht eines der romanischen Idiome.

Wenn wir genau hinschauen, oder besser gesagt hinhören, dann sind nicht nur die romanischen Idiome im Bündnerland bedroht. Auch alle Deutschschweizer Dialekte werden zunehmend abgeschwächt oder verwässern. Einen astreinen Dialekt sprechen heute nur noch wenige, vor allem ältere Menschen. Sie sprechen dafür dann eine Sprache, die viele wegen zu «eigenwilligen» Ausdrücken kaum verstehen.

Darum, nämlich um von St. Gallen bis Bern und von Basel bis Altdorf verstanden zu werden, sind wir gezwungen, eine gemeinsame Sprache mit den gleichen Ausdrücken, deren gleichen Bedeutung und der mehr oder weniger gleichen Aussprache zu sprechen.

In der Vergangenheit galt immer, dass nichts typischer für eine Kultur steht als die Sprache, welche in diesem kulturellen Raum gesprochen wird. Das bedeutet wiederum, dass mit dem Verschwinden einer Sprache, eines Dialekts oder einer sprachlichen Eigenheit immer auch ein Stück Kultur verloren geht – zumindest glauben wir das so.

Standardisierung als «Kultur-Killer»

Die sprachliche Angleichung ist demnach sowohl Fluch wie auch Segen. Es ist ein Fluch, weil ein Stück Kultur verloren geht und es ist ein Segen, weil wir so einander besser verstehen und näher kommen können.

So ist es mit vielem im heutigen Alltag. Die Globalisierung der Wirtschaft brachte beispielsweise mit sich, dass sich börsenkotierte Unternehmen in der Schweiz für ihre Rechnungslegung an einen Standard zu halten haben, der weltweit bekannt ist.

Die schweizerische «Rechnungslegungskultur» (insbesondere was die Bildung stiller Reserven anbelangt) ist damit in Frage gestellt. Auch hier geht es letzten Endes darum, die gleiche «Sprache» zu sprechen, sodass internationale Investoren verstehen, woran sie sind wenn sie sich die Bilanz eines Unternehmens anschauen.

Ohnehin geht praktisch überall dort ein Stück Kultur verloren, wo eine Standardisierung, also eine Vereinheitlichung, Einzug hält. Allerdings: Nicht immer braucht man dem Verlust einer Kultur eine Träne nachzuweinen. Es gibt auch Kulturen, welche aus Sachzwängen entstanden sind und deren Verschwinden eher als Erleichterung aufgefasst werden kann.

In anderen Fällen halten sich Kulturen aus unerklärlichen Gründen fast ewig am Leben, obschon eine Vereinheitlichung praktisch wäre. Dazu gehört beispielsweise die «Mass-Kultur». Schuhgrösse 39 bei den Damen ist nicht das Gleiche wie Schuhgrösse 39 bei den Herren.

Bei den Kleidern ist das gleich. Hier, wie übrigens auch bei den Schuhen, kommt noch erschwerend hinzu, dass die Grösse auf unterschiedliche Weise ausgedrückt wird. Einmal reicht es, sich nach den Buchstaben S, M, L und XL zu richten, ein anderes Mal sollte man eine ein- oder zweistellige Nummer im Kopf haben, je nach Artikel (Ober-/Unterbekleidung, Schuhe).

Diese fehlende Standardisierung überrascht aus verschiedenen Gründen. Einerseits gleichen sich gewisse Artikel vor allem zwischen den Geschlechtern zunehmend an. Natürlich gibt es anatomische Unterschiede. Die sind allerdings nicht immer gegeben, so auch nicht bei den Füssen.

Andererseits führen internationale Ladenketten dazu, dass wir uns auch in der Bekleidungskultur immer mehr annähern, was eine unterschiedliche Ausdrucksweise der Grössen nicht mehr rechtfertigt. So kann es gut sein, dass man das gleiche T-Shirt in Madrid findet wie in Berlin und die gleiche Hose in Brüssel wie in Rom.

Statische Kultur gehört ins Museum

Traditionelle Gewänder, welche auch ein Stück vergangene, geografisch zuweisbare Kultur ausdrücken, finden sich heute zumindest in Europa nur noch an folkloristischen Anlässen. Abweichungen von der Masse sind in Sachen Bekleidung heute höchstens noch bei gewissen, eher vermögenden Menschen vorbehaltenen Orten mit Dresscode oder bei Menschen, welche einer bestimmten Ideologie folgen, feststellbar.

Die Bekleidung, oder besser gesagt die Mode, ist «international» geworden. Es ist ein internationaler Bekleidungskulturbrei. Nichts daran ist mehr typisch schweizerisch und schon gar nicht typisch bündnerisch, zürcherisch oder bernisch. Daran ändert auch ein weisses Schweizerkreuz auf rotem T-Shirt nichts.

Mit der Musik ist das nicht viel anders. Selbst wer den Mut hat, einen Song in Mundart zu singen und sich damit die Chance für den häufig angestrebten «internationalen Durchbruch» nimmt – weil die verwendete Sprache kulturell eben immer noch trennt – kann sich der Einflüsse der internationalen Musikszene nicht erwehren.

Rein musikalisch hört man auch beim so genannten Mundart-Rock nichts, das typisch schweizerisch, bündnerisch, zürcherisch oder bernisch wäre. Instrumental kommt nicht einmal ein Schwyzerörgeli, ein Hackbrett oder ein Alphorn zur Anwendung, sondern genau das Gleiche, was praktisch alle anderen internationalen Musiker verwenden. Und Experimente mit traditionellen, typisch einheimischen oder gar mit neu kreierten Instrumenten sind eher selten.

An dieser Stelle könnte mit unzähligen weiteren Beispielen weitergefahren werden, welche aufzeigen, dass vieles auf einen kulturellen Einheitsbrei hinausläuft. Allerdings:

Kultur ist keine statische Angelegenheit. Eine statische Kultur oder eben etwas, das einmal galt, gehört ins Museum.

Vielfalt statt Abgrenzung

Kultur ist vielmehr eine lebendige Sache, welche sich ständig weiterentwickelt, weil wir uns ständig weiterentwickeln (wollen). In der Wikipedia findet sich die folgende Definition von Kultur:

Kultur (…) ist im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Kulturleistungen sind alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik, der Bildenden Kunst, aber auch geistiger Gebilde wie etwa im Recht, in der Moral, der Religion, der Wirtschaft und der Wissenschaft.

Haben sie es bemerkt: Da steht nichts von Abgrenzung. Die kulturellen Unterschiede, wie sie oben teilweise beschrieben wurden und wie sie erlauben, abzugrenzen, sind das Resultat eines Denkens und Handelns in zumeist politischen, kommunalen, kantonalen oder nationalen Grenzen.

Doch heute, wo die Wirtschaft immer globaler wird und wo Internet die Menschen virtuell näher zusammenrücken lässt, fallen diese bis anhin politisch aufgebauten und gepflegten Grenzen zunehmend.

Das stellt bisherige Kulturen in Frage. Aber ist das so schlecht? Ist es so schlecht, wenn alle die gleiche Sprache sprechen würden? Ist es so schlecht, wenn man von Madrid bis Berlin und von Brüssel bis Rom die gleichen Bekleidungsstücke kaufen kann?

Schlecht ist nicht die Angleichung bisheriger kultureller Unterschiede. Schlecht wäre es, wenn die Vielfalt von dem leidet, was der Mensch gestaltend hervorbringen könnte.

Schlecht wäre es demnach nicht, wenn man von Madrid bis Berlin und von Brüssel bis Rom das gleiche T-Shirt kaufen könnte, sondern dass es nur ein T-Shirt-Modell gäbe. Schlecht wäre es nicht, dass alle die gleichen Instrumente fürs Musikmachen verwenden, sondern dass sich die Musik nicht mehr weiterentwickelt.

Denn: Es ist oder es wäre dieser gestalterische Stillstand, der zum Einheitsbrei führt und nicht das Loslassen von kulturellen, heute vielfach auf einen Raum beschränkten Unterschiede.

Die wahren Kultur-Killer

In diesem Sinne ist auch Vielfalt bei der Verbreitung des gestalterischen Schaffens gefragt. Eine Handvoll Ladenketten – um bei diesem Beispiel zu bleiben – birgt tatsächlich das Risiko, dass nur ein kleiner Teil des gestalterischen Schaffens, also der neu geschaffenen Bekleidungskultur, auch einen Abnehmer findet. Junge Modemacher, so kreativ, originell und ausgefallen sie auch sind, haben es unter diesen Bedingungen schwer, Fuss fassen zu können

Vielen ist auch das Beispiel der Musikindustrie bekannt: Einige wenige Plattenlabels kontrollieren, oder besser gesagt dominieren den Markt und bestimmen damit massgeblich, was Verbreitung findet. Das heisst, obschon die Hürde, selber Musik zu machen heute kleiner denn je ist, bleiben viele kreative Werke einem breiteren Publikum oftmals vorenthalten.

Diese Liste liesse sich beliebig erweitern: Schreibende Talente finden keinen Buchverlag, Tüftler von genialen technischen Erfindungen finden keinen Abnehmer, gestalterisch, schauspielerisch oder anderweitig künstlerisch begabte Menschen finden trotz neuartiger Kunstform keine Anstellung usw.

Solche für die Schaffenden entmutigenden «Vorgänge», welche die Verbreitung des eigenen Schaffens einschränken oder teilweise sogar verunmöglichen, sind Gift für die jeweilige Kultur. Das fördert nicht die Vielfalt, sondern schränkt sie ein.

Zurzeit läuft vieles Gefahr, zu einem Einheitsbrei zu werden. Grund dafür ist das Verhalten der etablierten Industrien, welche mit dem Aufkommen von Internet um ihre Vormachtstellung fürchten.

Denn: Internet ist das bis anhin beste Rezept, «alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt», einem beliebig breiten Publikum ohne die bisher tonangebenden Organisationen vorzustellen.

Die Internet-Welle rollt

Natürlich ist das Internet kein Garant für Erfolg und natürlich findet dieses Schaffen nicht von allein sein Zielpublikum. Doch insbesondere dank den sozialen Medien (Facebook, Twitter & Co.) ist es möglich, dass neu Geschaffenes fernab der bisherigen Kanäle bekannt gemacht wird.

So bekommt man Musikstücke zu hören, die man ansonsten nie zu hören bekommen hätte, man entdeckt Kleidungsstücke via selbst erstellte Websites oder Online-Shops, die man kaum in den Regalen der bekannten Ladenketten gefunden hätte, man bekommt Werke zu lesen oder hört von Autoren, die einem unbekannt geblieben wären oder man erfährt von Auftritten, Veranstaltungen, Aktionen oder Handlungen, die einem zum Nachdenken und Weiterentwickeln animieren.

All dieses Schaffen neuer Kultur entsteht vielleicht hier, vielleicht nebenan, vielleicht weit weg. Das, was geschaffen wird, lässt sich nicht mehr auf einen geografischen Raum beschränken, weil die räumliche Beschränkung heute keinen Sinn mehr macht und weil heute kaum mehr etwas spezifisch für einen bestimmten Raum geschaffen wird.

Von der Vorstellung des «typisch Bündnerischen» oder des «typisch Schweizerischen» beim Hervorbringen von Neuem müssen wir uns darum verabschieden. Worauf wir allenfalls Stolz sein können, ist die Herkunft des neu Geschaffenen.

Internet fördert die kulturelle Vielfalt und die kulturelle Weiterentwicklung. Der Einheitsbrei ist hingegen das Produkt derer, die weiterhin versuchen, aus Eigeninteressen einen Markt zu beherrschen. Neu Geschaffenes wird dabei unterdrückt.

Diese Organisationen sollten ihr bisheriges Verhaltensmodell so bald wie möglich hinterfragen und den neuen Gegebenheiten anpassen, denn auf Dauer schwimmen ihnen immer mehr Felle davon…

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4 Antworten auf „Kultureller Einheitsbrei?“

  1. Super Beitrag! Dazu möchte ich gerne mein Hohelied auf die Vielfalt anstimmen! Man/frau verzeihe mir das unanständige Wort „Volk“, das ich ungebührlich viel verwende:

    Die Vielfalt ist der eigentliche Schatz des Volkes, gleichsam das Volksvermögen. Was diese Vielfalt im besonderen eint, ist die Sprache. Sie gibt in jeweiliger Besonderheit den Völkern ihren Charakter. Die Sprache ist die Seele des Volkes. Es lebe deshalb die Vielfalt (= Volksvermögen)statt der Einfalt (= Globalismus).

  2. vor ca. 30 jahren hat ein musikredaktor von drs anhand von historischen aufnahmen aufgezeigt, wie sich die volksmusik mit dem aufkommen des radios vor ca. 100 jahren verändert hatte. vor dem radio hatte – plakativ gesagt – jedes tal seinen eigenen stil. radio beromünster animierte die musiker dann, sich an ein grösseres publikum ranzuspielen, ihr stil „verflachte“.

    dank internet ist es möglich, diesen trend wieder umzukehren. die vielfalt an kulturellem output war noch nie grösser als heute.

  3. @ BodestäniX / Bugsierer
    Besten Dank Euch beiden.

    Ich bin mir nicht sicher, ob der kulturelle Output heute tatsächlich grösser ist als in früheren Jahren. Aber im Gegensatz zu früheren Jahren ist es heute sicher leichter, diesen Output auch zu verbreiten.

  4. @titus
    das nehme ich ganz anders war. ein paar beispiele:
    – ich bin kein rap-fan (u.a. viel zu alt dafür… ;-), aber es dürfte noch nie eine zeit gegeben haben, in der junge menschen sich so intensiv mit text befassten. und diese schöpfungen auch publizierten resp. konnten.
    – überhaupt youtube: da publizieren leute dinge, die vor 5 jahren so noch undenkbar waren. vom ausgebildeten jungfilmer bis zum kreativen amateur füllt sich dieses ding von stunde zu stunde mit unmengen an kreativem output. wenn man sich die zahlen etwas genauer anschaut, ist das schlicht beeindruckend.
    – und die musikplattformen, wo jeder darf und sich millionen bands versuchen. grossartig.
    – die publikationskosten sind gegen null gesunken, das resultat ist schon jetzt gigantisch und das ist erst der anfang.
    – und vielleicht noch ein offline-argument: vor 30 jahren gab es an einem freitagabend in bern (hauptsaison) 30 veranstaltungen, heute 200.

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