Ein bisschen Regen

Manche haben schon seit Wochen auf Regen gewartet, dieses Wochenende fielen endlich einige Tropfen. Es waren aber nur einige Tropfen auf den heissen Stein. Betrachtet man die klimatische und hydrologische Entwicklungen, scheinen die Zeiten der Schweiz als Europas «Wasserschloss» vielleicht vorbei zu sein…

Bereits 1975 fragte sich Rudi Carell singend, wann es denn endlich wieder einmal richtig Sommer werde. Bode Wartke stimmt rund 35 Jahre später gesanglich mit ein und beklagt sich ebenfalls über verregnete Sommer.

Zu trockener April – aber nicht nur im 2011

Soweit sind wir noch nicht, der Monat Mai zählt schliesslich noch zu den Frühlingsmonaten. Auch die Frage, wann es denn endlich wieder einmal richtig Frühling werde, ist nur wegen eines zu trockenen Frühlings wohl fehl am Platz.

Oder täuscht uns unsere Wahrnehmung? Erscheinen uns Sommer deshalb als verregnet, weil wir das Wetter während den Sommerferien eher wahrnehmen? Und war der Frühling vielleicht gar nicht so trocken, wie einzelne Medien berichteten?

Objektive Angaben über die tatsächliche Klimaentwicklung liefert das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie (MeteoSchweiz). Demnach gab es in den ersten vier Monaten dieses Jahres tatsächlich zu wenig Niederschläge.

Besonders ins Auge sticht unter diesen vier Monaten der April 2011. Die nachfolgende Grafik zeigt von ihm die prozentuelle Abweichung zum langjährigen Mittel (1961 – 1990). Hundert Prozent, also weder zu viel noch zu wenig Regen, müsste weiss eingezeichnet sein:

Es gibt somit Regionen, in welchen teilweise nicht einmal 50 Prozent der üblichen Niederschlagsmenge fiel. Ein Blick auf den Monat April des letzten Jahres zeigt Überraschendes, denn auch damals fiel gegenüber dem langjährigen Mittel viel zu wenig Regen:

Generell abweichende April-Monate

Die Niederschlagsmenge ist nur ein Element, das zu Trockenheit führen kann. Bleibt der Himmel beispielsweise bedeckt, trocknet die Umwelt auch weniger schnell aus. Scheint hingegen die Sonne, fördern die in der Folge höheren Temperaturen das Austrocknen.

Die Sonnenscheindauer für den April 2011 war ebenfalls ausserordentlich, von bedecktem Himmel kann also keine Rede sein. Darum waren auch wie oben erklärt die Temperaturen zu hoch gewesen sein.

Vergleicht man die Niederschlagssumme, die Sonnenscheindauer und die Temperaturen des Monats April mit den Vorjahren, so fällt auf, dass das Jahr 2007 den Auftakt zu mehreren ausserordentlichen Werten für diesen Frühlingsmonat bildete.

Zwar fiel der April 2008 noch durchschnittlich aus. Doch alle April-Monate der nachfolgenden Jahre ähneln sich: Zu wenig Regen, zu viel Sonne, zu warme Temperaturen.

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Weiss oder annähernd weiss stünde für Durchschnittswerte. In den letzten fünf Jahren dominierten jedoch vor allem die Farben, welche für zum Teil grosse Abweichungen vom Durchschnitt stehen.

Von «Zufall» oder einer «Laune der Natur» kann man aufgrund des wiederholt gleichen Musters wohl kaum mehr sprechen. Ob dies allerdings ein längerfristiger Trend ist und Teil der viel zitierten Klimaveränderungen ist, wird sich erst in zwei oder drei gleich verlaufenden Jahren definitiv zeigen.

Saftige Himbeeren, trockene Natur

Beunruhigend ist diese Tendenz alleweil, denn ohne Folgen bleiben derart ausserordentliche Wetterereignisse nicht, zumal vieles in der Natur im April erwacht und zu wachsen beginnt.

Gemäss MeteoSchweiz hat die Vegetation in diesem Jahr zum Teil einen Vorsprung von vier Wochen gegenüber dem langjährigen Mittel. Das zeigt sich auch in den Verkaufsregalen, in welchen man heute schon Früchte und Gemüse wie beispielsweise Himbeeren findet, die normalerweise erst viel später den Weg zu den Konsumenten finden.

Das klingt zwar auf den ersten Moment verlockend. Doch vieles, das sich früher als üblich in den Verkaufsregalen findet, liegt nur deshalb dort, weil diese Früchte oder dieses Gemüse in den trockenen Wochen zuvor fleissig bewässert wurde.

In der freien Natur herrscht hingegen Wassermangel. Der viele Sonnenschein und die warmen Temperaturen mochten zwar die Vegetation anregen. Doch was geschieht mit den jungen und noch zarten Pflänzchen, wenn das nährende Wasser ausbleibt?

Man braucht kein besonders guter und erfahrender Gärtner zu sein um zu wissen, dass unzureichend bewässerte Pflanzen entweder gänzlich verkümmern oder sich entsprechend beschränkt entwickeln. Bei halbwegs verkümmerten Blüten hilft es dann auch wenig, wenn die Bienen- und andere Insektenvölker aufgrund der warmen Temperaturen dieses Jahr etwas früher als sonst ihre wertvolle «Bestäubungsarbeit» aufnehmen konnten oder wenn eine bestäubte Pflanze mangels Wasser verkümmert.

Der Rückschlag für die Natur aufgrund einer zu trockenen Zeitspanne ist schwer beziffer- oder fassbar. Er ist jedoch sicher grösser im April als beispielsweise im Oktober und er fällt sicher mehr ins Gewicht, wenn wiederholt der gleiche Monat zu stark von der Norm abweicht.

Massiv reduzierte Trinkwasser-Bestände

Die Trockenheit der vergangenen Monate und nicht zuletzt unser eigenes Verhalten hat auch Auswirkungen auf die Trinkwasser-Vorkommen. Rund 40 Prozent des gesamten Wasserbedarfs stammt aus Grundwasser, etwa gleich viel aus Quellwasser und die restlichen 20 Prozent aus See- und Flusswasser.

Die notwendig gewordene, intensive Bewässerung der Kulturen verschärfte in diesem Frühjahr die Wassersituation noch mehr. Die warmen Temperaturen sorgten wiederum dafür, dass die vereinzelt gefallenen Regenschauer – auch jene vom vergangenen Wochenende – nur ein kleiner Tropfen auf den heissen Stein blieben.

Gemäss hydrologischem Bulletin des Bundesamts für Umwelt (BAFU) von heute fielen an diesem Wochenende im Mittelland und Jura gerade einmal 10 – 20 mm Regen, im günstigsten Fall 60 mm entlang den Voralpen.

Der Vergleich der aktuellen Abflüsse zeigt im langjährigen Mittel nur gerade vier kleinere Regionen auf, in welchen zurzeit mehr als 95 Prozent der üblichen Wassermenge abfliesst. An sehr vielen Orten kann aber teilweise nicht einmal fünf Prozent der durchschnittlichen Wassermenge verzeichnet werden.

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Grund zur Beunruhigung geben auch die Grundwasserstände. Sie hängen je nach Standort von der Niederschlagsmenge, der (in diesem Jahr auch nur beschränkt vorhandenen) Schneeschmelze und den Wasserständen der Fliessgewässer ab.

Mit Stand vom 18. April 2011 sieht die Situation ebenfalls mehrheitlich «sinkend», vereinzelt «stagnierend» aus:

Da der Monat April insgesamt zu trocken ausfiel (siehe oben) und unser Konsum an Grundwasser keineswegs zum Erliegen kam, dürfte die Situation heute, einen Monat später, wohl noch gravierender sein.

Bald nur noch ein Wasserschlössli Europas?

Im Frühjahr der anderen oben gezeigten Jahre bildete vor allem der Monat April die Ausnahme, sodass in den folgenden Monaten der ausgebliebene Regen relativ schnell wieder kompensiert war.

In diesem Jahr waren jedoch bereits vier Monate generell zu trocken. So überrascht es nicht, wenn einige davon sprechen, dass es für ihre Wasserreservoire mehrere Wochen Regen für eine vollständige Kompensation der letzten, zu trockenen Monate benötige.

Ob uns in Zukunft wiederholt mehrere regenarme Frühlinge erwarten, bleibt nicht zu hoffen. Falls dem jedoch trotzdem der Fall ist, werden wir – im vermeintlichen Wasserschloss Europas sitzend – relativ schnell unseren Umgang mit dem bis anhin schier «unbeschränkt» vorhandenen Nass grundlegend überdenken müssen. An den wiederholt zu trockenen Monate April der vergangenen Jahre wird das allerdings nichts ändern…

7 Antworten auf „Ein bisschen Regen“

  1. mir gibt diese trockenheit schon lange zu denken. und auch die tatsache, dass es den wenigsten leuten so geht. in den letzten 2 monaten hörte man nur verzückte komplimente für die warmen tage, kaum jemand interessierte es, was das allenfalls heissen könnte.

    was mir generell auffällt: seit ein paar jahren wiederholen sich die meteorologischen rekordmeldungen fast im monatstakt. das begann im rekordsommer 2003, seither jagen sich die jahrhundert und weisnochwas rekorde in hoher kadenz. der wärmste sommer, die grössten unwetter, die längste trockenperiode, etc., alle rekorde seit messbeginn vor über 100 jahren. es gibt keine jahreszeit mehr ohne solche rekorde.

  2. trockene Flüsse bedeutet auch drosselung der AKW’s … es ist so still in jener Ecke, die gerne neue AKW‘ bauen möchten, um die Energie dann in die Speichseen zu pumpen… auch schwierig, wenn weniger Wasser ist.
    Wartet aber, bis es richtig heiss ist, wenn all nach Klimaanlagen schreien, dann fällt niemandem ein, dass auch gerade die Sonne scheint. Photovoltaik? Was ist das denn? Sicher viel zu teuer!
    Und auch ein paar Milliönchen, um ein AKW sicherer zu machen, sollen sich kaum mehr lohnen? Wenn die Widersprüche gesammelt aus den Birnen der AKW-Befürworter fallen würden, wäre dort gähnende Leere.

  3. @ Bugsierer
    So lange wie sauberes Wasser aus unseren Wasserhähnen fliesst, wird sich wohl die Mehrheit der Bevölkerung kaum für die Trockenheit interessieren. Und wenn dann die Hähne tatsächlich versiegen, ruft man vermutlich zuerst nach dem Staat: Der Staat müsse doch dafür sorgen, dass…

    Die Rekordmeldungen nehme ich jeweils mit Vorsicht zur Kenntnis, weil da vieles mit rein spielt: Mediale Dramatisierung; grössere Vernetzung, dank welcher wir schneller und häufiger etwas über Unwetter erfahren, von denen man früher vielleicht gar nie etwas erfahren hätte; neu geschaffene Lebensräume in Zonen, welche früher bewusst gemieden wurden, weil man sich einer Gefahr bewusst war; usw.

    Es ist darum nicht immer sehr einfach, den Weizen von der Spreu zu trennen. Abhilfe schaffen da glücklicherweise Messwerte wie oben – zumindest in der Schweiz.

    @ Raffnix
    Heute Dienstag soll angeblich Economiesuisse zum medialen Angriff „pro-AKW“ blasen (worüber bereits gestern berichtet wurde, was darauf hindeutet, dass das Ganze offensichtlich gut konzertiert wurde…).

    Das Gute an den alternativen Energien ist deren Vielfältigkeit, sodass es trotz der normalen, saisonalen Klima-Schwankungen so eine Art Ausgleich gibt. Apropos Klimaanlagen: Minergie-Häuser isolieren nicht nur im Winter sehr gut vor der Kälte, sondern auch im Sommer vor der Hitze.

  4. @titus
    zum Thema Minergiehäuser:
    Die sind im Sommer auf guten Sonnenschutz angewiesen, und können mit der Zwangsumluft auch kühlen. (Wer verzichtet denn gerne auf grosse Südfenster?

    Und wenn ich die neuen Bürohäuser ansehe, dann sind das Glasbauten mit Sonnenschutz, was aber nicht ausreicht. Denn meist wird durch PC’s und Bürotechnik und Beleuchtung (wegen dem Sonnenschutz) soviel aufgeheizt, dass es bald unangenehm wird.

  5. Bedenklich ist nicht nur der mangelnde Regen, sondern die Tatsache, dass die Schneeschmelze, die schon im Januar stattfand, nicht mehr soviel Wasser gebracht hat, wie in früheren Jahren.
    Dann fehlt das Bewusstsein zum Wassersparen. Es gibt Leute, die sprengen trotz Trockenheit ihren Rasen. Völlig unnötig. Der trocknet aus und wächst nach dem ersten Regen wieder nach, ausserdem ist es nur Gras zum anschauen.
    Alles, was gewässert werden musste, wie Gemüsekulturen, macht Wurzeln in die Breite, statt in die Tiefe und müssen so konsequent bis zur Ernte auch mehr gegossen werden.

    Bleibt es länger trocken, müssen auch tiefwurzelnde mehrjährige Kulturen wie Obstbäume oder Reben gegossen werden. Ist in den Bächen zuwenig Wasser, müssen die Bauern auf das teurere Trinkwasser aus der Leitung zurückgreifen. Das verteuert Obst und Gemüse oder langjährige Kulturen gehen ein.

    Da fehlen mir jeweils die Kampagnen, die zum Wassersparen (gerade im Kleinen) aufrufen.

  6. der Leidensdruck kommt dann noch… abwarten!

    Ein zusätzliches Problem ist auch, dass die Grundwaserspiegel durch absenken der Flussläufe und Uferverbauungen gesenkt wurde. Wie oft wurde das Thurvorland umgebaut (mit vielen Millionen, die den Rechten viel Geld in die Kasse gespült hat), bis es nun wieder renatiriert wurde?

  7. @ Brigitte / Raffnix
    160 Liter Wasser soll jede Person pro Hauhalt täglich brauchen. Wer dank individuellen Wasseruhren die Möglichkeit hat, seinen persönlichen Wasserverbrauch zu messen, sollte das einmal machen. Bei mir sind es zwar bei weitem nicht 160 Liter, aber trotzdem noch immer mehr, als ich angenommen hätte.

    Inzwischen gibt es auch einige pfiffige Lösungen zum Wassersparen, sei es durch Wasserspar-Einsätze in Wasserhähne, wasserlose WC’s oder Händewaschvorrichtungen, welche nur noch einen kleinen Anteil an der sonst üblichen Wassermenge benötigen. Diese Lösungen sollten sich nur noch mehr verbreiten (sofern man sie nicht selber anwenden kann).

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