Farblose Wirtschaft

Schweizer Wirtschaftsvertreter liessen sich während zwei Tagen über das Entdecken neuer Potentiale informieren. Von Äusserlichkeiten abgeleitet scheint das auch das richtige Thema gewesen zu sein.

Am Donnerstag und Freitag dieser Woche fand in Interlaken zum dreizehnten Mal das Swiss Economic Forum (SEF) statt. Es stand dieses Jahr unter dem Motto «Discover Potentials» (entdecke Potentiale).

Kluge Köpfe berichteten darüber, was und weshalb sie in der Vergangenheit alles richtig gemacht hatten. Andere berichteten in prophetischer Manier und mit verbal erhobenem Zeigefinger darüber, was uns in Zukunft alles erwarten würde.

Wenigstens farbiger Hintergrund

Es waren zweifellos interessante Persönlichkeiten mit interessanten Ansätzen dabei. Interessant ist, dass einige so genannten «Querdenker» ins Programm integriert wurden.

Das macht deutlich, dass man auch darum bemüht ist, anhand konkreter Beispiele Mut zu machen. Mut zu machen um bestehende Konventionen oder Wege zu verlassen, sodass auch einmal Unkonventionelles gewagt wird.

Das ist auch dringend nötig. Schaut man sich die Bilder des Publikums mit den rund 1‘250 Teilnehmern an, so scheint die Schweizer Wirtschaft eine farblose Angelegenheit zu sein.

Grau dominierte rein äusserlich – abgesehen von einigen Krawatten.

Auch viele Referenten wären fast untergegangen, wäre der Hintergrund der Bühne nicht mit einem strahlenden Blau und Orange beleuchtet gewesen. Sie kleideten sich genauso farblos wie die Teilnehmer.

Dank Hintergrund kam etwas Farbe in die Sache, denn ansonst wären viele Auftritt
fast ganz farblos ausgefallen (die einzelnen Personen tun nichts zur Sache).

Etwas Farbe bringen noch heute nur die farbigen Krawatten zu den üblichen dunkelblau oder grauen Anzügen der mehrheitlich männlichen Teilnehmer hinein. Selbst die wenigen Damen geizten mehrheitlich mit Farbe.

Einzige Ausnahme und damit ein echter Farbtupfer brachte der «Querkopf» Sabriye Tenberken mit ihrer asiatischen Oberbekleidung hinein. Pikantes Detail: Sie ist selber blind, brachte aber dennoch am meisten Farbe auf die Bühne…

Farbe brachte jemand hinein, der keine Farben sehen kann: Sabriye Tenberken

Konventionen verlassen

Diese Beurteilung der Farblosigkeit mag oberflächlich erscheinen. Und doch drückt die eigene Bekleidung auch eine gewisse innere Haltung aus:

Keiner will aus dem Rahmen fallen, keiner verlässt den konventionellen Weg, keiner wagt etwas Neues. Ob das auch Ausdruck einer nicht sehr vielfältigen Wirtschaftskultur ist?

Das Gegenteil dieser Farblosigkeit müssen ja keine peppigen Hawai-Hemden, Polo-Shirts oder Jeans sein. Mit innovativen Köpfen und der nach wie vor vielfältigen Schweizer Textilindustrie hätte die Schweiz die nötigen Voraussetzungen, zu den konventionellen Nadelstreifenanzügen etwas Neues zu schaffen, ganz im Sinne des diesjährigen SEF-Mottos: Discover Potentials!

Vielleicht – so die Hoffnung – färbt dann die äusserliche Vielfalt auch auf neue, innovative Geschäftsideen ab…

________________________________________________________________________

Weitere Informationen zum SEF 2011

 

7 Antworten auf „Farblose Wirtschaft“

  1. ein sehr interessantes thema.

    ich versuche meinen kunden seit jahrzehnten beizubringen, dass sie zu speziellen gelegenheiten KEINE kravatte tragen sollen, falls sie diese dinger sonst auch nicht tragen. grund: die meisten sehen sehr suboptimal aus, wenn sie nur 1x/jahr kravatte tragen.

    ich meine in den letzten 2 jahren einen rückgang des gemeinen schlips zu beobachten. sei es im tv oder sonstwo, es sind nicht mehr 99%, sondern nur noch 90% schlippsträger an solchen events. immerhin.

    und übrigens: kurz vor der letzten finanzkrise machten nadelstreifen neue furore. was zum nachfolgenden desaster gut passte. irgendwie. nadelstreifen kennen wir ja v.a. von den alten al capone filmen.

  2. Anzüge sind eine Berufsbekleidung. So wie Mechaniker mit Latzhose oder Übergewand herumlaufen, so laufen Manager und Arbeitskräfte aus der Finanzindustrie mit Anzügen herum. Ich trage gerne Anzüge oder Hemden mit Streifen. Damit falle ich bereits etwas aus dem konventionellen Rahmen. Zummindest wenn ich mich mit uni Weiss- und Blauhemd-Trägern vergleiche.

    @Bugsierer, speziell im Sommer habe ich auch Mühe mit Kravatten. Anders als mein Bürokollege, trage ich deshalb im Büro keine Kravatte. Bei Meetings mit Kunden ist sie aber Pflicht. Wer keine Kravatte mag, kann wie Claude Longchamp eine Fliege tragen. Ist bei Businessleuten jedoch nicht so verbreitet wie bei Wissenschaftlern und Oberlehrern. Businessleute tragen die Fliege nur zu besonderen Anlässen.

  3. Krawatte ist ein Statussymbol. Es zeigt, dass mannn zeigen will, dass er wer ist, ob es nun so ist oder nicht.
    Wer Farbe trägt, wird als extravagant wahrgenommen, und ausgeschlossen. Und diese Art Leute mag das eben nicht, mannn will dabei sein, denn sonst ist mannn ja niemand!

  4. >Kluge Köpfe berichteten darüber, was und weshalb sie in der Vergangenheit alles richtig gemacht hatten.

    Genau! Und wenn das mit den AKW’s auch bei uns noch in die Hose geht, dann sind sowieso die Linken schuld, weil die Staudämme zu niedrig waren.

    Noch vor fünf Jahren hat die WIrtschaft den Bundesrat gerügt, weil im europäischen Umfeld ein höheres Wachstum ist als in der Schweiz.
    Und jetzt, wo es wieder gutgeht (der Wirtschaft), ist natürlich nicht der Bundesrat schuld.
    Es kassieren ja nicht die Bundesräte, sondern die Wirtschaftsbosse, die Ausländer bis zum geht nicht mehr importieren. Wir haben lediglich den Stau, die höheren Mietzinsen, Lohndumping usw. erhalten.

  5. @ Raffnix
    „Krawatte ist ein Statussymbol“: Eine Krawatte ist vor allem eine mehrheitlich freiwillig um den Hals gelegte Schlinge, welche man(n) auch noch selber zuzieht. Böse Zungen behaupten, dass das dem Mann aufs (mentale) Rückgrat schlägt und es dessen Gehirn unterversorgt… 😉

    Ich kann nicht verstehen, wie ein Stück Textil, das man relativ eng um Kehle und Nacken schnürrt, einen solchen Erfolg haben konnte.

  6. weil es eben den Status anzeigt, und jeder drauf reinfällt.

    Kleider machen Leute, das ist ja nicht ganz neu.

    Wenn du gewisse Leute in Jeans anschaust statt im Anzug, in der Unterschied frappant. Wen interessiert es denn, ob das Gehirn unterversorgt ist, wenn keins vorhanden ist?

    Bestes Beispiel ist DSK, da ist viel gut versorgtes Gehirn, wenn man einigen glauben soll, aber dort ist wohl ein ganzes Stück ziemlich entartet…. und es gibt ja auch noch andere „wichtige“ Personen ..

  7. @ Raffnix
    Meiner Erfahrung nach beeindruckt die Krawatte aber nur anfänglich. Irgendwann treten dann die wahren Fähigkeiten schon zu Tage (ich meine das im positiven wie im negativen Sinne).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.