Explosion in Mühleberg

Stell‘ Dir vor es ist Krieg und keiner geht hin. Gut so. Aber stell‘ Dir vor, es gibt eine Explosion bei einem AKW und keiner berichtet darüber. Das wäre dann weniger gut, ist aber offensichtlich bereits Realität.

Eine grüne Wiese auf der friedlich Schafe grasen, Schaulustige haben es sich unter Bäumen gemütlich gemacht. Die Objektive ihrer Handy-Kameras sind auf den Brandherd gerichtet: Das Trafogebäude am Kernkraftwerk Mühleberg, über welchem dicker, schwarzer Rauch aufsteigt.

Unbeachtet

Es ist schön an diesem Samstagnachmittag, weshalb die dunkle Rauchsäule auch bis in die Hauptstadt Bern sichtbar ist. Einige der Bildmacher vor Ort haben einen Atemschutz bei sich, der arg an die Schutzmasken erinnert, welche auf dem Höhepunkt der Schweinegrippe fleissig verkauft wurden.

Nein, die Masken sollen nicht vor dem Rauch schützen, meint ein Anwesender, sondern eher gegen die möglicherweise austretende Radioaktivität. Er deutet dabei auf seinen Nachbarn, der am Handgelenk einen Geigerzähler trägt. Doch er, der Geigenzähler, schweigt ebenso wie dessen Träger, weshalb wohl auch noch niemand die Maske aufgesetzt hat.

Nicht nur da wird geschwiegen. Auch die anderen Anwesenden sind äusserst schweigsam. Aber die Ruhe täuscht. Vielmehr sind die meisten damit beschäftigt, die fotografisch festgehaltenen Rauchschwaden über ihre Smartphones der Welt via Internet zukommen zu lassen.

Trotzdem: Ein Massenmedium berichtet darüber nicht. Es herrscht absolute Funkstille. Der Brand irgendeiner Heuscheune ist ihnen ansonsten immer mindestens ein Dreizeiler wert. Doch dieser Vorfall scheint auf der Ereignisskala unter dem Wert null zu liegen.

Von gar nicht bis verspätet

Die Zeilen oben sind natürlich reine Fiktion. Und doch sind sie es wiederum nicht ganz. Es ist eine Mischung von zwei identischen Vorfällen. Der eine liegt ziemlich genau vier Jahre zurück, der andere geschah am vergangenen Samstag.

Vorgestern also. Da traten die dichten, schwarzen Rauchwolken über der französischen Nuklearanlage Tricastin auf. Das ist keine Fiktion, sondern Realität. Genauso real war die Verschlafenheit der Schweizer Massenmedien:

Einzig die Website des Schweizer Fernsehens berichtete darüber am frühen Samstagabend. Für eine Erwähnung in der «Tagesschau» reichte es aber trotzdem nicht. Immerhin war auch auf der Online-Version des Teletextes noch am gleichen Abend etwas darüber zu lesen.

Erst am Sonntagmorgen zog «20 Minuten» nach. swissinfo.ch und die Aargauer Zeitung folgten online am Sonntagmittag. Tages-Anzeiger, NZZ und die anderen zur jeweiligen Medien-Gruppe gehörenden Websites (ausgenommen «20 Minuten») schweigen noch heute darüber, Westschweizer Medien inklusive. Auch das ist keine Fiktion, sondern Realität.

Und einige derjenigen, welche diese Agenturmeldung ziemlich spät eins-zu-eins kopiert und online eingefügt haben, scheinen trotzdem etwas geschlafen zu haben. So findet sich bei der Aargauer Zeitung gleich neben dem fraglichen Artikel eine Spalte mit «Ähnlichen Themen».

«Ähnlich» heisst in diesem Fall nicht Artikel über einen früheren Vorfall in Tricastin oder über Fukushima. Nein, «ähnlich» ist zu diesem Vorfall ein Beitrag über Dominique Strauss-Kahn und über einen verurteilten Angreifer von Nicolas Sakrozy.

Auch bei «20 Minuten» hatte jemand ein unglückliches Händchen. Gleich neben dem fraglichen Artikel wird den Lesenden eine Infografik über den Atommüll in Europa angeboten.

Kein unbeschriebenes Blatt

Zugegeben, die Nuklearanlage Tricastin beheimatet nicht nur vier Reaktoren, sondern auch eine Wiederaufbereitungsanlage. So gesehen könnte man den Vorfall in Reaktorblock 1 ja schon irgendwie mit Atommüll in Verbindung bringen…

Zudem befindet sich auf diesem Gelände der angeblich grössten Atomanlage unter anderem auch noch eine staatliche, dem Paul-Scherrer-Institut ähnliche Forschungsanstalt sowie – ein Atomwaffenforschungszentrum. Was also auf diesem Gelände geschieht, könnte auch viel immateriellen Schaden mit unabschätzbaren Folgen anrichten.

Schon alleine wegen der Grösse als auch des breiten Spektrums an Aktivitäten im Atomsektor – es sollen dort je nach Quelle zwischen fünf- und sechstausend Personen arbeiten – wäre dieser Vorfall eine Erwähnung wert gewesen.

Daneben ist die Anlage in Sachen Störfälle kein unbeschriebenes Blatt. Daraus resultieren inzwischen auch verschiedene radioaktive Verunreinigungen der näheren Umgebung.

Darum sollte heute jeder zusammenzucken, wenn er nur schon den Begriff «Tricastin» hört – Redaktionsmitarbeitende sowieso. Schliesslich liegt die Nuklearanlage Tricastin für die Genfer etwa gleich weit weg wie Zürich. In Sachen Verbreitung von Radioaktivität ist das quasi gleich um die Ecke.

Harmlos klingende Worte

In der fraglichen SDA-Meldung heisst es unter anderem: «Die Produktionseinheit, in der sich der Transformator befindet, sei aufgrund von Wartungsarbeiten zum Zeitpunkt des Vorfalls ausser Betrieb gewesen, erklärte EDF.»

Das klingt beruhigend – auf den ersten Moment. Denn was genau unter dieser «Produktionseinheit» zu verstehen ist, bleibt offen. Es steht in jedem Fall nicht, dass sämtliche vier Reaktorblöcke ausser Betrieb waren.

Wie schon angedeutet, gab es vor ziemlich genau vier Jahren ein ähnliches «meldepflichtiges Ereignis»: Ende Juni 2007 kam es im deutschen AKW Krümmel zu einem Transformatorenbrand, bei dem wie nun in Tricastin keine Strahlenbelastung für die Umwelt auftrat – zumindest gemäss den offiziellen Angaben nicht.

Hingegen kam es zu einer unvorhergesehenen Reaktorabschaltung mit weiteren unvorhergesehenen Folgen. Dazu gehörte auch das Eindringen von Rauch in die AKW-Schaltzentrale. Ähnliches hätte auch in Tricastin eintreten können – bei vier laufenden Reaktoren.

Wozu noch Presseförderung?

Die Nähe zur Schweiz, die Grösse der Anlage, die Vorfälle in Tricastin in der Vergangenheit, die Ähnlichkeit mit einem Vorfall im AKW Krümmel und die erhöhte Sensibilität seit Fukushima was die Reaktorsicherheit anbelangt; alle diese Aspekte hätten Grund genug geliefert, mehr als nichts oder verspätet und ohne Eigenleistung über diesen Vorfall zu berichten.

Wenn es nicht einmal mehr drin liegt, wenigstens eine Agenturmeldung zu einem sensiblen Bereich innert nützlicher Frist zu verbreiten – vom Hinterfragen der Aussagen der französischen «Tepco» (EDF) ganz zu schweigen – dann kommt wohl auch jegliche weitere Presseförderung zu spät (?).

In dem Falle wäre es wohl sinnvoller, gleich jedem den Zugang zu den Agenturmeldungen zu ermöglichen. Dann muss sich zwar jeder seinen eigenen Reim darauf machen, aber immerhin bleiben ihm gewisse Meldungen nicht vorenthalten…

5 Antworten auf „Explosion in Mühleberg“

  1. Ich habe gestern Bilder und Messwerte aus Fukushima gesehen (von jemandem, der als Tourist dorthin gereist ist und von Messungen sehr viel versteht). Fazit: Die Evakuierten leben in einer Turnhalle in Kartongevierten, die wenige Quadratmeter groß sind. Und außerhalb der Sperrzone gibt es Werte, welche in der Schweiz zu einer sofortigen Evakuation führen würden. Dort leben Menschen, als sei nichts geschehen. Und Journalisten könnten hinfahren und berichten… 
    (Und der Lehrer in mir weist darauf hin, dass Geiger den Zähler erfunden hat.)

  2. @ Philippe Wampfler
    Dem Lehrer sei Dank, denn er funktioniert noch immer besser als die automatischen Rechtschreibprüfungen, die einem gelegentlich auch zu Fehlern verleiten können (was bei Lehrern natürlich nieeee passiert 😉 ).

  3. Nun, alles halb so schlimm. Schlimm ist, dass Axpo und co im Fall des KKW-Austiegs die Verantwortung für Stromengpässe nicht übernimmt.

    Im Gegnsatz zu heute hat sie die volle Verantwortung für ständige höchste Sicherheit und für einen Gau und deren Folgen …

    Wers glaubt, zahlt einen Taler!

  4. @ Raffnix
    Da kommen eben die zwei Seelen einer Axpo & Co. zum Tragen: Auf der einen Seite handelt es sich um privatwirtschaftliche Unternehmen, die als solches darin frei sind zu bestimmen, wie viel Strom sie für den „Markt“ bereitstellen wollen, ergo können ihnen Stromengpässe egal sein (im Gegenteil: Je kleiner das Angebote, desto grösser der Preis bei entsprechender Nachfrage).

    Auf der anderen Seite gehören Axpo & Co. mehrheitlich den Kantonen, die ein Interesse daran haben, dass ausreichend Strom für ihre Bevölkerung zur Verfügung steht.

    Im Falle eines GAU’s zahlen letzten Endes sowieso immer wir alle den Preis, sei es nun, weil sich dieses Risiko gar nicht versichern lässt, sondern die Allgemeinheit dafür bezahlen müsste oder sei es, indem sich das Risiko tatsächlich beziffern liesse (was heute aber nicht der Fall ist) und wir Stromkonsumenten wegen den hohen Versicherungsprämien dafür tiefer ins Portemonnaie greifen müssten.

  5. >…wir Stromkonsumenten wegen den hohen Versicherungsprämien dafür tiefer ins Portemonnaie greifen müssten.

    Genau der Strompreis wird ja als Argument angeführt, um den AKW-Ausstieg zu verhindern.
    Das zeigt ja lediglich die Verlogenheit der Energielobby auf.
    Es geht auch darum, die Entsorgung des Abfalls während der nächsten tausend Jahre zu finanzieren. Das ist wohl im Strompreis auch nicht aufgerechnet.

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