Kreative Lösungen gefragt – am richtigen Ort

Die Frankenstärke beschäftigt Private wie Unternehmen. Über die Auswirkungen hört und erwartet man vieles. Was daran tatsächlich stimmt und wo etwa nur viel aufgebauscht wird, kann als Laie nur schwer beurteilt werden.

Die Lonza-Gruppe hat sich bereits entschieden: Sie will für 18 Monate lang ihre Arbeitnehmenden zwei Stunden pro Woche länger arbeiten lassen. Als Grund nennt sie den gegenüber dem Euro starken Schweizer Franken.

Ernstes Problem – teilweise

Am vergangenen Wochenende meldete sich auch noch der Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, Valentin Vogt, erneut zu Wort. Er empfiehlt Firmen, welche vom starken Franken betroffen seien, als «Notmassnahme» genau das Gleiche: Arbeitszeit erhöhen oder – Löhne kürzen. Immerhin komme für ihn eine Koppelung des Euro an die Löhne nicht in Frage.

Allerdings: Die Arbeitenden bei einem starken Franken länger arbeiten zu lassen ist auch eine Koppelung an den schwachen Euro, was buchhalterisch für die betroffenen Arbeitgeber keinen Unterschied macht. Zudem schliesst er wie erwähnt auch Kürzungen bei den Löhnen nicht aus.

Glaubt man diesem NZZ-Artikel, hätten vorwiegend eher Kleinbetriebe mit dem starken Franken zu kämpfen, da Grosskonzerne wie etwa Novartis, Roche usw. durch weltweite Produktionsnetze gegen Währungsverluste abgesichert seien (wobei diese bereits in Stellung gehen um ihre Pfründe weiterhin abzusichern).

Um Personalkosten zu sparen dürfte bei Kleinbetrieben die Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit aber nur wenig bringen. Bei diesen ginge es darum eher um Lohnkürzungen.

Dem gleichen Artikel ist zu einer jüngst publizierte KOF-Studie (online nicht gefunden) weiter zu entnehmen:

Ein Wechselkursschock spiele nur in den Branchen Maschinen, Apparate und Elektronik sowie Präzisionsinstrumente, Uhren und Bijouterie eine Rolle. Deren Anteil am Exportvolumen sei indessen in den letzten zwei Jahrzehnten von 26 Prozent auf 20 Prozent bzw. von 19 Prozent auf 16 Prozent gesunken. Umgekehrt habe sich gezeigt, dass die Bereiche Chemie und Pharma kaum vom Wechselkurs abgängig seien.

Ein Blick in die Aussenhandelszahlen des Bundesamts für Statistik (BfS) für 2009 bestätigt in etwa diese Zahlen:

Es geht somit gemäss Aussage des KOF nicht ums Ganze, sondern «nur» um rund einen Drittel des gesamten Exportvolumens. Zudem «hätten sich die Exporteure (in den letzten Jahren) vermehrt auf andere Regionen als die Eurozone, beispielsweise auf Asien, ausgerichtet.»

Das relativiert noch einmal die aktuelle Frankenstärke. So erwirtschaftete etwa die Swatch Group gemäss Geschäftsbericht 2010 rund die Hälfte ihres Umsatzes von rund sechs Milliarden Franken im asiatischen Markt, währenddem der europäische Markt – ohne die Schweiz – nur einen Viertel des Gesamtumsatzes ausmachte.

Hochpreisland trotz Euro-Schwäche

Hinzu kommt, dass verschiedene Produkte, welche als Basis für die (weitere) Verarbeitung in der Schweiz dienen, aus dem nun theoretisch günstigeren Euro-Raum kommen. Hier zeigt sich allerdings ein widersprüchliches Bild.

Gemäss Medienmitteilung von letzter Woches des BfS über den Index der Konsumentenpreise gingen zwar die Preise für Importgüter im Vergleich zum Vormonat um ein Prozent zurück. Im Vergleich zum Vorjahr – und damit zu einem etwas längeren Zeitraum – kosteten die importierten Güter für uns Konsumenten aber immer noch gleich viel wie vor einem Jahr.

Die Euroschwäche hat sich demnach noch kaum auf die Preise niedergeschlagen. Überrascht das jemand im Hochpreisland Schweiz?

Die im Inland hergestellten Güter wurden für uns Konsumenten innerhalb des letzten Jahres um 0,8 Prozent teurer. Interessant ist diese Zahl im Vergleich zu den so genannten Produzentenpreisen. Dabei handelt es sich um die Ab-Werk-Preise der im Inland hergestellten Produkte.

Heimliche Euro-Gewinner

Gemäss einer anderen Medienmitteilung des BfS von Mitte Juni 2011 sanken nämlich die Produzentenpreise im Mai gegenüber dem Vormonat April um 0,4 Prozent oder gegenüber dem Vorjahr sogar um 1,1 Prozent.

Das heisst, währenddem für uns Schweizer Konsumenten die Preise der Inlandgüter im fast gleichen Zeitraum um 0,8 Prozent teurer wurden, konnten die ebenfalls im Inland hergestellten Produkte um 1,1 Prozent günstiger produziert werden. Das ist für die Hersteller ein doppelter Gewinn.

Wie der zuletzt genannten Medienmitteilung ebenfalls entnommen werden kann, stiegen für die Importeure hingegen die Preise für ausländische Produkte «ab Zoll» um 1,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Grund dafür waren vor allem Energierohstoffe oder deren verarbeitete Produkte. Schliesse man diese aus, wären die Preise für die Importeure um durchschnittlich 1,2 Prozent günstiger als im Vorjahr gewesen.

Dies sind – wie erwähnt – nur Durchschnittswerte. So sanken zum Beispiel für die Importeure die Preise für Fahrzeuge um 1,6 Prozent. Leider fehlen auf Stufe der Produktgruppen Angaben über die Herkunftsländer, sodass nicht eindeutig ist, ob diese Preisveränderungen auf europäische oder beispielsweise auf asiatische Hersteller zurückzuführen sind.

Unreflektierte Schnellschuss-Massnahmen

Die von Arbeitgeberpräsident Vogt geäusserten Massnahmen nach längeren Arbeitszeiten oder kleineren Löhnen weist in mehrfacher Hinsicht Fehlüberlegungen auf – zumindest wenn man sich diese Massnahmen auf längerfristige Sicht anschaut.

So hat er diese Massnahmen pauschal geäussert. Geht es ums Konkretisieren, stellt sich die Frage: Wann sind Firmen vom starken Franken betroffen? Bei 10 Prozent des Umsatzes in den Euro-Raum? 30 Prozent? Oder mehr? Wo liegt die Grenze?

Könnten andere Schweizer Firmen, welche Schweizer Produkte kaufen, indirekt auch davon betroffen sein, weil der Hersteller zum Ausgleich für den starken Schweizer Franken die Preise generell anpasst?

Die zweite Fehlüberlegung liegt an der Einseitigkeit dieser Massnahme. Im Sinne einer guten Sozialpartnerschaft, an der insbesondere die Arbeitgeber interessiert sein dürften, sollten Mitarbeiter auch weniger arbeiten müssen oder mehr verdienen, sobald der Euro (wieder) stark und der Franken schwach ist. Davon ist aber überhaupt nicht die Rede.

Ähnlich ist das gegenüber den Eigentümern. Nur ein Opfer von den Arbeitnehmenden, nicht aber von den Aktionären zu verlangen, ist ziemlich einseitig. Schliesslich konnten die Aktionäre in der Vergangenheit auch schon Gewinne wegen günstigen Währungsschwankungen einstreichen.

Der dritte Punkt betrifft die Fixierung auf eine Währung. Wenn nun bei einem schwachen Euro die Arbeitszeiten verlängert oder die Löhne verkürzt werden sollen, was gilt dann, wenn der US Dollar oder der japanische Yen gegenüber dem Schweizer Franken schwach sind?

Währungsschwankungen gehören zum buchhalterischen Alltag international agierender Unternehmen. Die Verantwortung für diese eigentlich beim Management angesiedelte Aufgabe nun auf die Arbeitnehmerschaft abzuwälzen, ist ein weiterer Überlegungsfehler der vorgeschlagenen Massnahmen.

Fairerweise sollte die Arbeitnehmerschaft dann auch im Management mitreden dürfen. Wenn dem so wäre, würden diese wohl als erstes die Reserven für Währungsschwankungen erhöhen…

Die Zahlen oben zeigen: Vom tiefen Euro haben Herr und Frau Schweizer noch nicht viel mitbekommen. Wenn also schon die Löhne gekürzt werden sollen, dann wäre es doch nichts als fair, wenn die Wirtschaft und die Importeure die tieferen Euro-Preise auch den Konsumenten weitergeben würden. Den Fünfer und s‘Weggli zuzulassen, ist Fehlüberlegung Nummer fünf.

Schliesslich zeigen die Zahlen oben auch, dass im Inland hergestellte Waren teurer verkauft werden, die zu allem hin noch günstiger produziert wurden. Von dieser Marge nicht zu reden ist der sechste zu bemängelnde Punkt.

Selbstregulierung

Allerdings: Die erwähnten Zahlen sind Gesamtzahlen und berücksichtigen nicht den Einzelfall. Würde man den Einzelfall betrachten, gibt es bestimmt grosse Verlierer, aber auch grosse Gewinner.

Der Arbeitgeberpräsident will nicht, dass der Staat eingreift. Die Nationalbank ihrerseits ist nicht nur machtlos, sondern sieht auch keinen Handlungsbedarf. Zugleich – siehe die Punkte oben – kann es auch nicht sein, dass der starke Franken nun die Arbeitnehmerschaft auszubaden hat.

Darum: Wenn es Gewinner und Verlierer der Euro-Schwäche gibt und wenn Teile der Wirtschaft die Euro-Schwäche nicht einfach so hinnehmen will, warum regelt die Wirtschaft mit ihren Vertretern dieses Problem dann nicht unter sich?

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Eine Antwort auf „Kreative Lösungen gefragt – am richtigen Ort“

  1. Verlierer sind diejenigen Unternehmen, die in den Euro-Raum exportieren, und dies nicht durch billigere Einkäufe im Euro-Raum kompensieren können.

    Verlierer sind wir Konsumenten, die gleich viel bezahlen, auch wenn wir Waren aus dem Euro-Raum beziehen: z.B. Autos, Haushaltgeräte usw, aber auch Lebensmittel. Deshalb mutet der Hinweis von Loosli schon fast primitiv an, wenn er sagt, dass Einnkäufe über der Grenze Arbeitsplätze gefährdet. Erstens sollte er die Kursgewinne endlich weitergeben, statt immer schlechtere Qualität zu bieten, und zweitens ist es kein Verlust, wenn er nicht soviel billiges Personal aus dem Euro-Raum importiert.

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