Stromverbrauch reduzieren – aber um wie viel denn?

Der Energiehunger der Schweiz ist ungebrochen und dies zu einer Zeit, wo der Ausstieg aus der Atomenergie geplant ist. Was kann jeder dagegen persönlich unternehmen?

«Energieverbrauch so hoch wie noch nie», titelte das Bundesamt für Energie (BFE) vor zwei Wochen in einer Medienmitteilung und bringt dabei ein Plus von 4,4 Prozent in Umlauf. Wie soll uns da der Ausstieg aus der Atomenergie gelingen, dürfte sich bestimmt der eine oder andere fragen.

Strom und Energie

Vorab tut sicher eine Differenzierung gut. Wenn nämlich von Energiesparen oder von mehr Energieeffizienz die Rede ist, sehen viele den Stromverbrauch angesprochen. Darum unterliegen auch viele dem umgangssprachlichen Missverständnis, dass mit einem höheren «Energieverbrauch» ein höherer Stromverbrauch gemeint sei.

Tatsächlich machte aber im vergangenen Jahr die Elektrizität «nur» 24 Prozent unseres gesamten Energiebedarfs aus. Der weitaus grössere Teil sind Erdölbrenn- und -treibstoffe mit insgesamt 54 Prozent. Was also beispielsweise verheizt oder für den Antrieb des motorisierten Verkehrs verbrennt wird, gehört eben auch unter diesen Überbegriff «Energieverbrauch».

Natürlich sind wir nebst dem Aspekt des Klimaschutzes vor allem auch wegen den knapper werdenden fossilen Brennstoffen aufgefordert, ebenfalls bei diesem «anderen» und wesentlich grösseren Energieverbrauch entweder zu sparen oder auf Alternativen umzusteigen.

Das ist jedoch häufig ein längerfristiger Prozess, bei dem der Einzelne allein nur beschränkt etwas ausrichten kann. So mag man beispielsweise beim Vermieter die schlecht isolierenden Fenster bemängeln. Ihm jedoch mit der Kündigung zu drohen, damit er «endlich» der gesamten Gebäudehülle eine ordentliche Isolation verpasst, dürfte ihn wenig beeindrucken.

Ähnlich ist es bei den fest installierten Geräten im Haushalt wie Kühlschrank, Geschirrspüler, Kochherd usw. Vom Vermieter zu verlangen, er möge doch bitte schön die alten Geräte mit solchen der Energieeffizienzklasse A austauschen, wird wohl nur wenige dazu veranlassen, es auch tatsächlich zu tun. Und solange ein Gerät funktioniert, kann ein Mieter dessen Ersatz auch nicht rechtlich durchsetzen, denn energieineffizente Geräte sind kein «Mangel an der Mietsache».

Hingegen ist es immer noch der Mieter – um bei diesem Beispiel zu bleiben – der auf den Knopf drückt und hinter welchem ein Stromverbrauch steckt. Es ist auch immer noch der Mieter, der die Waschmaschine füllt und damit bestimmt, ob sie nun drei- oder vielleicht nur zweimal pro Woche laufen gelassen werden muss und ob dies bei 60 oder vielleicht nur bei 40 Grad geschieht.

Oder mit anderen Worten: In Sachen Stromverbrauch kann durchaus jeder von uns etwas unternehmen. Die Entschuldigung, man sei gegebenen Umständen unterworfen, auf welche man keinen Einfluss habe, zieht darum nur beschränkt.

Pro-Kopf-Verbrauch?

Wie eine Medienmitteilung des BFE vom April 2011 zeigt, stieg dieser Stromverbrauch auch im vergangenen Jahr und zwar um vier Prozent. «Wir» haben also mehr Strom verbraucht, oder zu oft die Waschmaschine laufen gelassen, oder die Wäsche zu warm gewaschen.

Den letzten Satz können Sie aber gleich wieder vergessen, denn auch hier tut Differenzierung Not. Als Gründe für den höheren Elektrizitätsbedarf wird nämlich das Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum angegeben.

Darum ist auch der jeweils berechnete und weit herum kommunizierte Pro-Kopf-Verbrauch mit Vorsicht zu geniessen. Dieser lag im 2010 bei 7‘639 kWh. Um zu dieser Zahl zu gelangen, wird der Endverbrauch (59‘785 GWh) durch die mittlere Bevölkerungszahl (7,826 Mio.) dividiert.

Dieser so genannte «Endverbrauch» enthält jedoch jeglichen Stromverbrauch, also jenen der Haushalte, der Industrie, der Dienstleistungsunternehmen, des Verkehrs usw. Natürlich mag es richtig erscheinen, beispielsweise den Stromverbrauch des öffentlichen Verkehrs auf alle Einwohner zu verteilen, da es auch diese Einwohner sind, welche davon gleichermassen profitieren – oder profitieren könnten.

Wenn allerdings ein Industriebetrieb viele Aufträge aus dem Ausland auszuführen hat, was dessen Strombedarf erhöht, dann mutet es merkwürdig an, wenn dieser Verbrauch auf die einzelnen Einwohner herunter gebrochen und von einem «Pro-Kopf-Verbrauch» gesprochen wird. Darum sind die Pro-Kopf-Vergleiche zwischen den Ländern genauso fragwürdig, widerspiegeln sie nicht den durchschnittlichen Verbrauch einer Person.

So überrascht es wohl auch nicht, dass auch hierzulande kaum jemand auf seiner Stromabrechnung einen Verbrauch vorfindet, der je nach Anzahl der im gleichen Haushalt lebenden Personen den 7‘639 kWh oder einem Mehrfachen davon entsprechen.

Das ist umso stossender, als dass an der Gesamt-Stromrechnung die Haushalte «nur» 31,2 Prozent ausmachen:

Pro Haushalt und Person

Um zu erfahren, woran man persönlich in Sachen Stromverbrauch steht – und ob man die Waschmaschine zu häufig verwendet – ist darum diese Pro-Kopf-Angabe als eine Art «Orientierungshilfe» wenig sinnvoll.

Glücklicherweise weist das BFE aber auch den Verbrauch über alle Haushalte aus (18‘618 GWh). Für die geschätzten 3,399 Millionen Haushalte (2009) und die provisorische Bevölkerungszahl von 7,826 Millionen (2010) macht das:

  • 5‘477 kWh pro Hauhalt oder
  • 2‘378 kWh pro in einem Hauhalt lebende Person

Jetzt können Sie Ihre Stromrechnung hervorholen, denn damit kann man schon eher etwas anfangen… 🙂

Trotzdem sind diese Zahlen, welche auch das BFE so berechnet, mit Vorsicht zu geniessen. Unter «Haushalt» fällt nämlich auch der Allgemeinstrom, also beispielsweise die Treppenhaus- oder die Aussenbeleuchtung, der Strom für den Betrieb von Heizung und Lüftung usw. Dieser läuft aber in Mehrfamilienhäusern über einen separaten Stromzähler.

Wer in einem Einfamilienhaus lebt, bei dem ist dieser Verbrauch auf der Stromabrechnung bereits berücksichtigt, da hier in Bezug auf den Stromzähler nicht unterschieden wird. In allen anderen Fällen wird dieser Verbrauch über die Nebenkosten-Abrechnung weiterverrechnet. Dementsprechend wäre es falsch, als Mieter oder Stockwerkeigentümer nur die eigene Stromrechnung hervorzuholen und mit den Zahlen oben abzugleichen.

Ebenso sind diese Zahlen wegen der unterschiedlichen Grösse der Haushalte mit Vorsicht zu geniessen, denn: Beispielsweise für vier Personen Spaghettis zu kochen braucht nicht wesentlich mehr Strom als für eine Person. Oder: Ob zwei Personen vor demselben TV-Gerät eine Sendung anschauen oder nur eine, macht auf dem Stromzähler keinen Unterschied.

Das heisst, der Stromverbrauch pro alleinstehende Person dürfte eher höher liegen als die errechneten 2‘378 kWh, währenddem der Stromverbrauch pro Person in einem Mehrpersonen-Hauhalt umso tiefer liegt, je mehr Personen darin leben.

Genauere Angaben finden sich dazu offiziell keine. Das ist erstaunlich: Über die Online-Applikation «Energybox» kann sich zwar jeder sagen lassen, wo bei ihm noch Sparpotential läge. Aber wie hoch der Verbrauch je nach Haushaltsgrösse ist – und wie hoch er sein sollte – findet sich nirgends…

Einzig ein Artikel im Bulletin SEV/VSE (Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen) aus dem Jahre 2007 gibt etwa Aufschluss über den Stromverbrauch für einen typischen Haushalt unter Berücksichtigung der Haushaltsgrösse.

So lautet das Ergebnis für einen Zwei-Personen-Haushalt in einem Mehrfamilienhaus, ohne Berücksichtigung des Allgemeinstromverbrauchs (Treppenhausbeleuchtung usw.) und ohne Elektroboiler: 3‘000 kWh. Dem sind noch 500 kWh für den Allgemeinstrom hinzuzufügen. Zudem sei für jede weitere Person (3., 4. Person usw.) mit einem Mehrverbrauch von 500 kWh zu rechnen.

Hypothese

Die Autoren rechnen mit einem Bedarf von 3‘000 kWh bei zwei Personen (in einem Mehrfamilienhaus ohne Boiler). Für jede weitere Person linear 500 kWh hinzuzurechnen, stimmt vermutlich nicht ganz. Der zusätzliche Verbrauch pro Person dürfte eher degressiv verlaufen, weil mehr Personen nicht linear mehr Licht oder mehr Wärme fürs Kochen der Spaghettis benötigen.

Darum die folgende, mengenmässig vorsichtige Hypothese (jeweils 50 kWh weniger pro zusätzliche Person):

  • 3. Person: + 500 kWh (gemäss Artikel)
  • 4. Person: + 450 kWh
  • 5. Person: + 400 kWh

Im umgekehrten Sinne würde das bedeuten:

  • 2. Person: – 550 kWh

Basierend auf dieser Hypothese hiesse das, dass ein Ein-Personen-Haushalt in etwa 2‘450 kWh benötigt (Mehrfamilienhaus, ohne Elektroboiler). Verglichen mit der Durchschnittszahl oben (2’378 kWh/Person) liegt das im Bereich des Plausiblen.

Diese Zahl ist nicht unbedeutend, denn mit 37,3 Prozent machen die Haushalte mit nur einer Person den grössten Anteil unter den Haushaltsgrössen aus. Es kann dabei sicher auch angenommen werden, dass diese mehrheitlich in einem Mehrfamilienhaus leben.

Dieser hypothetischen Zahl sind noch 500 kWh Allgemeinstrom hinzuzufügen, was insgesamt das folgende Bild ergibt:

Haushaltsgrösse Allgemeinstrom, Mehr-/ Minderverbrauch pro Person, in kWh Gesamtrechnung in kWh (Mehrfamilienhaus, ohne Boiler)
1 Person 3‘000 + 500 – 550 2‘950
2 Personen 3‘000 + 500 3‘500
3 Personen 3‘000 + 500 + 500 4‘000
4 Personen 3‘000 + 500 + 500 + 450 4‘450
5 Personen 3‘000 + 500 + 500 + 450 + 400 4‘850

 

Und Ihr Stromverbrauch?

Ob diese Hypothese stimmt, kann nur die Praxis zeigen. Die sieht in der Augenreiberei ohne Allgemeinstrom wie folgt aus (Ein-Personen-Haushalt, Mehrfamilienhaus, ohne Elektroboiler):

Selbst inklusive eines theoretischen Allgemeinstromverbrauchs (+ 500 kWh) liegt das doch einiges unter dem durchschnittlichen Wert von 2’378 kWh/Person und unter dem hypothetischen Wert von 2‘950 kWh.

Stimmt nun die Hypothese nicht? Oder wie sieht das bei Ihnen aus…? 😉

P.S. Alle Angaben ohne Gewähr, da auch keine wissenschaftliche Arbeit. Aber noch immer besser als gar nichts…

5 Antworten auf „Stromverbrauch reduzieren – aber um wie viel denn?“

  1. Verzeih meinen Einwand bzgl. den Vermieter anfragen, er solle doch so nett sein und gefälligst den alten Kühlschrank gegen einen A+ oder noch besser gegen einen A++ austauschen.
    Kürzlich las ich im Tagblatt der Stadt Zürich von einer Person, die alte Kühlschränke einsammelt und sie nach Afrika bringt. Ja aber hallo, so dachte ich für mich, da besteht ja kein Unterschied, wenn man alte Kühlschränke etc. in der Schweiz ausmistet, sie dann aber in Afrika wieder einsatzfähig macht. Wird da bezüglich Energie mit zwei Ellen gemessen? Nun gut, ich erzählte es einen mir liebgewonnenen Grünen. Er sieht darin kein Problem, ich aber schon, denn warum etwas in der Schweiz nichtmehrhabenwollen, aber in Afrika dann doch in Betrieb setzen?
    Oder, weiss den Namen leider nicht mehr, ein Linker aber ists. Startet eine Afrikareise mit seinem alten Auto, lässt es nach seinem Urlaub aber dort. Wie gnädig. Mir scheints, dass die Grünen in der Schweiz eine andere Atmosphäre beanspruchen, als die sie den Afrikanern zugestehen.
    Die Logik geht nicht auf. Uns die saubere heile Welt, euch Afrikanern den von uns grosszügigenen gespendeten Dreck!

    Liess mich ein wenig ableiten, dabei wollte ich Dir Titus den Sommerroman vom Tagesanzeiger ans Herz legen, zumal ich vermute, dass Du selbst keinen mehr schreiben wirst, was ich sehr schade finde, genauso wie die Erzählungen über Deine Nachbarin.

    Der Sommerroman ist treffend, passend zu Deinem wichstigstem Thema. Soweit darf ich vorgreifen. Spielt im Jahre 2076. Nix mehr Strom des Abends und der Nacht. TV gibst nicht mehr, der ranghöhste Zürcher spricht die Nachrichten allabendlich live im Letzigrund, da die Fernsehgeräte verboten wurden. Die Zürcher sind zu einer 1001-Watt-Gesellschaft verbannt.
    Einen Autor/Autorin gibt es in diesem Sinne nicht, sind Autoren des Tages-Anzeigers die diesen Roman zusammengemixt haben.

  2. @ Ate
    Zum Kühlschrank-Export: Dass darin einige kein Problem sehen, liegt wohl an der Tatsache, dass der Strombedarf auf dem afrikanischen Kontinent relativ gering ist. Zugleich wird genau mit solchen Regionen operiert, wenn es darum geht, den hiesigen CO2-Ausstoss im Ausland zu kompensieren. Das heisst, man „tut“ etwas in diesen so genannten Entwicklungs- und Schwellenländer, damit deren CO2-Ausstoss tiefer ausfällt, sodass wir weiterhin beispielsweise unsere Ölheizungen betreiben können. Das ist etwa so, wie wenn man in fünf Jahren unsere alten, nach Afrika exportierten Kühlschränke auswechselt, damit wir unseren hohen Strombedarf ebenfalls im Ausland kompensieren können…

    Beides zeugt von einer unglaublichen Arroganz, weil damit diesen Ländern (indirekt) nicht der gleiche Standard zugestanden wird, wie er bei uns vorherrscht, weil damit unser Klima- und Energieproblem zu anderen exportiert wird und weil gewisse Engagements nicht irgendwie aus humanitären Überlegungen erfolgen, sondern um unsere Energiebilanz zu beschönigen. Darum wird das gelegentlich auch als neuer, moderner Ablasshandel bezeichnet. Insofern stimme ich Dir absolut zu.

    Den Sommerroman im Tagi kenne ich nicht, aber gemäss dem, was Du erzählt hast, scheinen die den richtigen Nerv getroffen zu haben. Gut wäre dabei, wenn sich die Geschichte an möglichst wahrscheinlichen Szenarien orientiert. Da der Stromverbrauch abends und in der Nacht, wo die Maschinen und die Dienstleistungsunternehmen still stehen, am geringsten ist, zweifle ich daran etwas, wenn ich vom Nachrichten-Verlesen im Letzigrund lese…

  3. als Konsequenz müsste Ate einen neuen Kühlschrank kaufen und diesen gleich nach Afriaka weitergeben…. 🙂
    Ich frage mich eher, wo Afrika den Strom hernimmt, oder ob die Kühlschränke einfach als dichten Wandschrank verwendet werden, oder ob diese in Afrika billiger entsorgt oder ausgeschlachtet werden können … jedenfalls steckt Kohle dahinter.

  4. es ist schon längst bekannt, dass das Flicken und Gebrauchen einer Ware bis zum Ende der erträglichen Lebensdauer weniger Energie benötigt als (frühzeitiges) Wegwerfen.

    Allerdings sind auch die Kosten zu berücksichtigen, und da sieht es in der Schweiz eben miserabel aus, wenn wir die hohen Reparaturkosten anschauen.

    So gesehen macht es Sinn, die noch brauchbaren Gegenstände zu exportieren.

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