Schweigen statt reden?

Selten werden in der Schweiz wohl so viele Reden gehalten wie um den Schweizer Nationalfeiertag. Und was bleibt davon?

«Der 1. August ist Bundesfeiertag. Er ist arbeitsrechtlich den Sonntagen gleichgestellt und bezahlt.» Mehr steht nicht zum schweizerischen Nationalfeiertag in der Bundesverfassung. Immerhin regelt Letztere, wie es arbeitsrechtlich um den 1. August steht, schliesslich findet sich dieser Artikel in der Bundesverfassung auch unter dem Kapitel «Arbeit».

Unpolitisch politisch

Und überraschen tut das nicht, denn damit der 1. August zu einem freien Tag wurde, brauchte es erst eine Volksinitiative. Vor deren Annahme musst die Schweizer Bevölkerung an einem Arbeitstag die Gründung der Eidgenossenschaft feiern. Da mochte nicht so richtig Feststimmung aufkommen.

Seither hat sich der Umgang mit diesem Tag gewandelt: Man trifft sich mit Freunden oder der Familie, grilliert zusammen und feuert bei Dunkelheit vielleicht noch etwas Feuerwerk ab.

Dieses «Programm» lässt sich so allein durchführen oder in Kombination mit einem Besuch der offiziellen Bundesfeier in seinem Wohnort. Dort gibt es vor allem eine Rede zu hören, vielleicht sogar noch etwas traditionelle bis folkloristische Musik von einer zumeist örtlichen Musikformation, dem Lokalpatriotismus soll schliesslich auch etwas gehuldigt werden.

Die Festredner hingegen stammen schon längst nicht mehr nur aus der näheren Umgebung. Die Zeiten, als man noch den Stadt- oder Gemeinderpräsidenten eine Rede schwingen hörte, sind vorbei.

Als Festredner am Gefragtesten ist heute wohl ein Mitglied des Bundesrats, dicht gefolgt von einem national Politisierenden oder einem höheren Bundesbeamten. Das ist keine objektive, sondern eine subjektive Hitliste. Je spannender der Referent, desto grösser der erhoffte Zulauf seitens Organisatoren.

Das macht deutlich, dass am Bundesfeiertag zwar keine Politik gemacht wird, dass er aber etwas Politisches an sich hat. Dementsprechend sind auch die Reden. Sie unterstreichen zwar häufig irgendwelche typisch schweizerischen Tugenden.

Doch zu allem, worüber geredet wird, fehlt meist selten der Bezug zur aktuellen Politik. Zumindest fehlt dieser im Mittelteil einer Rede nicht.

Nutzlose Aufrufe?

Zuerst bekommen die Anwesenden nämlich einen Rückblick zu hören. Da werden Traditionen und traditionelle Werte herauf beschworen. Natürlich nur die Guten. Über die Schlechten wird hinweggesehen oder sie finden bestenfalls in einem Nebensatz Platz.

Dann folgt der Sprung zur aktuellen Lage mit dem erwähnten Bezug zur aktuellen Politik. Er ist meistens verbunden mit einem verbalen Mahnfinger über die mögliche zukünftige Entwicklung der (politischen) Schweiz. Typisch hierfür ist der Satzbeginn «Wenn die Schweiz…» oder «Die Schweiz sollte» oder «Würde die Schweiz nicht …, dann…»

Schliesslich folgt – der Mahnfinger immer noch in der Höhe – der Aufruf an die Bevölkerung, in Zukunft irgendetwas so-und-so zu tun. Vom unverdächtigen «die Schweiz» ändert dann die Sprache zu «Wir alle…» oder «Sie können…» oder «Sie sollen…»

Kaum ist der zukunftsgerichtete Aufruf verklungen, folgt der Abschluss der offiziellen Feierlichkeiten. Das kann natürlich nur der traditionelle und damit irgendwie auch rückwärts gewandte Schweizerspalm mit seinem träumerischen und Gott verherrlichenden Text sein.

Zum Glück berichten jeweils am 2. August die meisten Lokalzeitungen darüber, was am Tag zuvor für schöngeistige Worte ausgesprochen wurden, denn die meisten haben diese am Tag danach bereits wieder vergessen.

Vielleicht sollten wir am 1. August einfach besser schweigen statt Reden zuzuhören. Oder erinnern Sie sich noch, wozu uns letztes Jahr die damalige Bundespräsidentin aufrief?

8 Antworten auf „Schweigen statt reden?“

  1. Ich war in den Bergen, in dem kleinen Dorf, das so ganz langsam zu meinem zweiten Zuhause heranwächst. Herr Ehemann und ich beschlossen, endlich auch einmal an einer 1. Augustfeier teilzunehmen, nicht unbedingt wegen des 1. Augustes, aber man möchte ja die Menschen näher kennenlernen, mit denen man zusammenlebt.

    Die Feier war schlicht und einfach, man traf sich, man ass zusammen (vom Dorfwirt zubereitete Köstlichkeiten, organisiert vom Frauenverein). Irgendwann stand dann die Präsidentin des Frauenvereins mit dem Mikrophon in der Hand da und kündigte den Gemeindepräsidenten an (also einen Einheimischen). Der hielt seine Rede in Rätromanisch, nicht ohne vorher verkündet zu haben, dass er sie für die noch nicht Romantsch sprechenden ins Deutsche übersetzt hat und davon jetzt Kopien an die Gäste verteilt würden.

    Dann hörte ich die bodenständigste, kitschfreiste Rede, die ich je gehört habe. Ohne all den Gugus, der anderswo wohl wieder verzapft worden ist. Sie war bescheiden, sie hatte Gehalt, sie schaute zurück (zum Beispiel auf 20 Jahre früher, als der 1. August noch nicht gefeiert wurde und die Leute für Feuerwerk sowieso kein Geld hatten) und voraus (aktuelle Probleme von Berggemeinden). Die Rede schloss Einheimische, Zugezogene und Feriengäste mit ein. Sie war nüchtern und trocken und an manchen Stellen konnte man lachen oder staunen (zum Beispiel wird in dem Dorf pro Jahr ein Kind geboren … dafür steht das Verhältnis Feriengäste zu Einheimischen bei zwei Dritteln zu einem Drittel). Es wurde nicht gejammert und nichts verteufelt. Nach dieser Rede sass ich da und dachte: Ich bin zuhause. Hier will ich hingehören.

    Es lieft übrigens genial gute Musik (keine volkstümlichen Schmaldudler), das Feuer war gigantisch und faszinierend und so wenig Feuerwerk wie an dem Abend habe ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört und gesehen. Ach ja, wir haben uns dann auch alle zusammen an der Nationalhymme versucht. Auf Romantsch.

    Titus, komm doch nächstes Jahr zu uns rauf und guck dir an, was es auch noch gibt, abseits der hyperventilierenden Schweiz.

    Alice

  2. @ Alice
    Vielen Dank für die Einladung! Du wirst sicher verstehen, dass ich ein Jahr zum Voraus nichts versprechen kann. Ich werde versuchen, mich frühzeitig an Dein Angebot zu erinnern um dann eine definitive Antwort zu geben.

    Und: Es gibt bei Deiner zweiten Heimat Pläne für eine Zusammenlegung der Gemeinden. Es bleibt nur zu hoffen, dass – falls das tatsächlich kommen soll – dies der Sache keinen Abbruch tut…

  3. Ja, die Zusammenlegung der Gemeinden war ein Thema der Ansprache und dann auch in den persönlichen Gesprächen.

    Ich habe an dieser Feier übrigens auch erfahren, dass die Gemeinde Lumbrein in Sachen Windpark (40 Windräder in meinem Lieblingswandergebiet) die umliegenden Talgemeinden im Val Lumnezia nicht oder zumindest nicht gross in den Entscheid einbezogen hat. Das fand ich dann doch sehr befremdend, betrifft er doch das ganze Tal. Ist also nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber trotzdem gefällt es mir dort (nur die 40 Windräder um den Um Su machen mir noch ein wenig zu schaffen – wobei: dass es dort oben Wind hat, weiss ich aus Erfahrung 😉 )).

  4. und dann gingen alle heim, die Bratwurst verdauen …und machten weiter wie bisher!

    Apropos Windpark: Aus Erfahrung weiss ich auch, dass es in den bergen viel Sonne hat, und man dort kaum Sonnenkollektoren sieht …. im Gegnsatz zur duetschen Seite des Bodensees, wo es wohl im Winter eher neblich ist.
    Komisch, nicht?
    Und wer die Preise einer Anlage hier und in DE vergleicht, der merkt auch gleich, wo die Abzocker hocken.

  5. @Raffnix:

    Zitat: „und dann gingen alle heim, die Bratwurst verdauen …und machten weiter wie bisher!“

    Na ja, selbst wenn das so wäre, wäre das nicht unbedingt verkehrt :-). Es kann jedoch auch anders sein. Wer sieht das den Menschen von aussen schon an? Und wer weiss schon, ob das „vorher“ so schlecht war oder ob ein „nachher“ besser wäre? Gedanken sieht man nicht, (sehr) kleine Veränderungen auch nicht. Was wissen wir, was die Einzelnen aus diesen Feiern mit nach Hause nehmen (selbst wenn oder gerade weil den Reden der Schmalz unten raustropfte)?

  6. Es gibt sie ja schon, diese Beispiele!

    Es müsste aber bereits „flächendeckend“ sein, wenn der Wille vorhanden wäre und die Preise stimmen würden.

    Und die Preise sind nicht einfach hoch, sondern werden künstlich hochgehalten.

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