Aussprechen, was niemand auszusprechen wagt

Verschiedene Vorfälle der letzten Tage zeigen, dass die Grundrechte und eine gewisse staatliche Ordnung selbst in vermeintlichen Rechtsstaaten keine Selbstverständlichkeit sind. Um sie muss nach wie vor und immer wieder gekämpft werden.

Es ist ja manchmal schon interessant: Da schaut man sich im Laufe seines Lebens unzählige Filme und Serien an, welche sich in irgendwelchen amerikanischen Gerichtssälen abspielen – und dennoch trat auf keinem dieser Bilder je der Straftatbestand «Rowdytum» in Erscheinung.

Die wahren Rowdys

Dabei deutet der Begriff auf eine englisch/amerikanische Herkunft hin. Gemäss Duden handle es sich bei einem Rowdy um einen «[jüngeren] Mann, der sich in der Öffentlichkeit flegelhaft aufführt und gewalttätig wird». Was passt da besser dazu als irgendein flegelhafter, ungepflegter Cowboy aus dem amerikanischen Wilden Westen, der sich in einem Saloon nach dem fünften Whisky mit einem anderen Rowdy schlägt?

Erstaunlicherweise muss dieser Begriff aber vielmehr mit Ländern in Verbindung gebracht werden, welche zu den ehemaligen kommunistischen Ostblockstaaten gehörten. So findet sich im Strafgesetzbuch von 1968 (!) der ehemaligen DDR ganze sieben Mal dieser Ausdruck «Rowdytum».

Und wie wir heute wissen, wurden jüngst drei Mitglieder der russischen Punkrock-Band Pussy Riot zu je zwei Jahren Straflager wegen «Rowdytums» verurteilt.

In der Wikipedia wird angedeutet, dass damals Rowdytum als «westlich gesteuert» galt. Vielleicht wurde gerade deshalb dieser Ausdruck nur eingedeutscht, nie aber durch einen vollständig deutschen Begriff ersetzt; man sollte wohl noch erkennen können, womit dieser Straftatbestand in Verbindung gebracht wird.

Auf jeden Fall kann man – je nach Standpunkt – die Aktionen von Pussy Riot durchwegs als «westlich gesteuert» verstehen. Es sind ja schliesslich vor allem die westlichen Länder, welche sich immer wieder für die freie Meinungsäusserung einsetzen, ergo kann man Pussy Riot unterstellen, sie – welche ebenfalls nach diesem Grundrecht rufen – wären «westlich gesteuert».

Für uns, die wir es uns gewohnt sind, unsere Meinung frei zu äussern, ist schnell klar, wer im Fall von Pussy Riot Recht hat und wer Recht hätte bekommen sollen. In diesem Sinne kann oder muss man sich auch fragen, ob die wahren Rowdys nicht die sind, welche direkt oder indirekt gegen die freie Meinungsäusserung sind – und eben nicht jene, welche kein Blatt vor den Mund nehmen.

Mutige Menschen

So ähnlich ist es auch mit anderen Menschen: Sie werden von offizieller Seite her verteufelt oder sogar als eine Art Staatsfeind betrachtet. Dabei halten sie den Finger auf wunde Stellen und leisten Grossartiges für die Gesellschaft oder ein korrekt funktionierendes, politisches System.

Zu ihnen kann man auch den Wikileaks-Mitbegründer Julian Assange zählen. In Russland würde man ihn vermutlich als «Rowdy» bezeichnen, in den USA gilt er für viele als Landesverräter. Dabei sorgte er ja lediglich dafür, Missstände publik zu machen, welche bisher unter dem Deckel gehalten wurden.

Von diesen Missständen und allfälligen Massnahmen zu deren Verhinderung spricht heute niemand mehr. Die Medien, denen es in der Vergangenheit oblag, Missstände aufzudecken, wurden zu Zuschauern. Sie scheinen sich darum heute mehr für die Person Assange und das Kräftemessen mit den staatlichen (Auslieferungs-)Behörden zu interessieren als für die aufgedeckte Sache selbst.

Menschen, welche bestehende Praktiken kritisieren oder in Frage stellen und dabei nicht selten selbst in die Bredouille geraten, gibt es überall, selbst in der beschaulichen Schweiz. Sie verdienen mindestens unsere moralische Unterstützung, denn ohne solche mutigen Menschen würde nur weiter ein Nährboden für noch mehr Missstände geschaffen werden.

Kennen Sie solche Menschen? Und noch viel wichtiger: Sehen und hören Sie sie auch? Oder glauben Sie, dass es hierzulande keine Missstände gäbe, die man aufdecken könnte beziehungsweise müsste?

13 Antworten auf „Aussprechen, was niemand auszusprechen wagt“

  1. Die Girls von Pussy Riot (deutsch „Fotzenaufstand“) mögen gewisse soziale und politische Schwachstellen in Russland anprangern. Die Art und Weise, wie sie dies tun, kann ich aber auf keinen Fall gutheissen. Hätten sie das Gleiche in einer Synagoge anstatt in einer russisch-orthodoxen Kathedrale getan, würden sie als antisemitische Terroristen bezeichnet werden. Aber in einer Kathedrale scheint dies gemäss unserer Mediengehirnwäsche in Ordnung zu sein. Religionsfreiheit ist ein ebenso hohes Gut wie Meinungsfreiheit und beide gehören sogar zusammen. Die Religion und die religiösen Gefühle anderer mit Füssen zu trampeln, ist hingegen unterste Schublade und keinesfalls eine grossartige Leistung für die Gesellschaft. Das ist schlicht nur respektlos und pöbelhaft – oder in diesem Fall „fotzenhaft“. So etwas hat auch in unserem freiheitlichen Rechtssaat keinen Platz. Wieso soll das in Russland geduldet werden?

    Und Julian Assange kann man nun wirklich nicht mit Pussy Riot vergleichen oder gar gleich setzen. Diesmal bin ich etwas irritiert und enttäuscht ob Deiner undifferenzierten und für mich etwas schrägen Weltanschauung zu diesem Thema.

  2. @ LD
    Vielleicht ist mir ja etwas entgangen, aber der Inhalt dessen, was Pussy Riot propagierte, richtete sich nicht gegen eine Glaubensgemeinschaft, sondern gegen Putin.

    Darf man nun eine religiöse Stätte zu politischen Zwecken (miss)brauchen?

    Meiner Meinung nach sollte ein Glaube nicht bloss in einer religiösen Stätte gelebt werden, sondern vor allem ausserhalb. Manchmal habe ich den Eindruck, dass eine solche Stätte sogar dazu führt, dass viele darin zwar ihren Glauben bekräftigen – und kaum haben sie die Türen hinter sich gelassen, lassen sie auch ihren Glauben hinter sich. Für mich sind darum Kirchen, Kathedralen, Synagogen, Moscheen, Minarette oder ähnliche Stätten vor allem beeindruckende Bauten aus früheren Zeiten, welche nicht selten mit ziemlich viel Blutzoll bezahlt wurden. Aber nicht mehr.

  3. Du scheinst ein Opfer der Mainstreammedien geworden zu sein. Die Fotzen-Protestaktion war eine obszöne Pussy-Show im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie haben nicht nur die russische Regierung Putins beschimpfte sondern gleichzeitig den Glauben der Kirchenbesucher mit vulgären Sprüchen vor dem Hochaltar verhöhnt und dabei ihre Pussys gezeigt. Nein, eine religiöse Stätte ist nicht für so etwas da und darf auch nicht dafür missbraucht werden. Zuwiderhandlungen dagegen sind auch nach unserem Recht ein Straftatbestand.

    Unsere Medien haben daraus einen politischen Protest mit „künstlerischen Mittel“ gedreht und die Bestrafung der Punk-Girls als Verletzung des Rechts auf „freie Meinungsäusserung“ gewertet. Zum Schauprozess geworden ist die ganze Geschichte erst durch die „Berichterstattung“ in unseren Medien, denn diese Fotzen-Aktion war klar auf die westlichen Medien ausgerichtet. Wieso waren die westlichen Medien überhaupt zu diesem Zeitpunkt in der Kathedrale anwesend? Das ist eine üble, orchestrierte Reality Soap, wie sie uns zu anderen Themen täglich im Dutzend auf den Privatsendern zu sehen ist. Willst Du so eine Scheisse wirklich verteidigen?

    Ich bin auch gar kein Freund von Ex-KGB-Chef und Obermacho Putin. Er verteidigt seine Macht auch mit illegalen und sogar kriminellen Mitteln. Trotzdem ist er aber zugleich ein „wertvoller“ Widersacher des internationalen Finanzkartells, das nach den Schätzen Russlands trachtet, um es auszubeuten. Ohne die Grossmacht Russland wären die Amis schon lange mit der Erschliessung der Erdölfelder rund ums das Kaspische Meer beschäftigt. Die Geschichten der Menschheit sind immer die selben seit Tausenden von Jahren.

    Ja, klar sollte Religion vor allem auch ausserhalb einer Kirche gelebt werden, aber das hat mit dem Thema ja nun gar nichts zu tun. Und übrigens wurden lange nicht alle Kathedralen mit viel Blut bezahlt. Woher nimmst Du Deine Aussage?

  4. @ LD
    Ich kann in diesen oder anderen Bildern im Internet keine obszöne Pussy-Show sehen. Damit wir uns nicht auf die Mainstreammedien abstützen müssen: Kennst Du denn den vollständigen (und korrekt übersetzten) Wortlaut, den die vier Damen bei ihrem Auftritt von sich gaben?

  5. Wenn Du ca. 10 Meter rechts von der Kamera gestanden wärst, hättest Du freien Blick auf die Mösen durch die Löcher in ihren Strümpfen gehabt, als sie ihre Röcke gehoben haben. Die jungen Frauen nennen sich nicht umsonst Pussy Riot. Es wurden auch nur die drei vor Gericht gestellt, die ihre Pussys gezeigt hatten. Den exakten Wortlaut des Auftritts kenne ich nicht. Du etwa? Aber auch die Anklage wurde in unseren Medien nie vollständig zitiert. Die „Berichterstattung“ ist sehr ähnlich wie damals bei Michail Chodorkowki.

    Putin hat sich übrigens sogar öffentlich (zumindest für die Kameras) dafür ausgesprochen, dass die Punk-Girls nicht zu hart bestraft werden sollen: Video ab 2:44.

    Wieso regt sich eigentlich kaum noch jemand auf, wenn in den USA Menschen von der Polizei zu Tode geprügelt werden? Wo sind da die Medien? Wieso macht die Medienwelt so ein Theater um den infantil-pubertären Aufstand von ein paar Mösen? Wer auf diese Weise provoziert, muss sich auch bei uns nicht wundern, wenn er in den Hammer läuft.

  6. @ LD
    Eine Verurteilung an sich, weil sie unerlaubterweise ein Gebäude zu einem anderen als den dafür bestimmten Zweck verwendeten, hätte ich zwar für angebracht gehalten. Hierzulande hätte es dafür aber wohl höchstens eine Geldstrafe gegeben – und nicht gleich zwei Jahre Straflager. Die Höhe der Strafe sagt viel darüber aus, was die Regierenden haben wollen und was eben nicht.

    In diesem Sinne scheint mir eben auch, dass Du den Gesamtkontext vergisst. Russland hat erst kürzlich erneut die Schraube in Sachen Oppositionsbewegung angezogen. Dass sich über diesen Fall Putin äussert, macht einmal mehr deutlich, wer hier das Sagen hat. Er hätte es ja in der Hand, dass solche Auftritte nicht zu hart bestraft würden. Insofern war seine diesbezügliche Äusserung ziemlich heuchlerisch. In anderen Ländern hätte sich der Staatschef nicht zu einem laufenden Fall geäussert.

    Das schliesst nicht aus, dass man dennoch über Menschen berichten kann, welche in den USA zu Tode geprügelt werden. Dort brauchen aber Journalisten oder Blogger nicht zu fürchten, festgenommen zu werden wenn sie über das Versagen eines staatlichen Organs berichten. In Russland sieht das etwas anders aus.

  7. Wow, euer Wortgefecht gefällt mir, gibt mir ganz neue Aspekte zum Fall Pussy Riot.
    Das macht Bloggen aus, hingucken, Thema breit diskutiern.

    Fazit: Der Tatbestand ist unbestritten, allein das Strafmass wird, abhängig von der politischen Landkarte, recht unterschiedlich festgelegt. Auch die Presse kann mit den Fakten spielen und sie meinungsbildend in Form kneten. Es bleibt dem Medienkonsumenten überlassen, ob er es einfach runterschluckt oder eben noch ein bisschen drauf rumkaut.
    😉

    (Die zeigten tatsächlich ihre Mumus? Name ist demnach Programm.)

  8. @ Bobsmile
    Genau, jeder Beitrag hier ist einer „Prüfung“ unterworfen. Erst im Falle einer Diskussion zeigt sich, ob die anfänglich eingenomme Haltung Bestand hat oder nicht – sofern es zu einer Diskussion kommt.

    Apropos Disussion: Gratulation zum 3’333. Kommentar (dies hier ist der 3334.)! Ich geb‘ Dir eine Runde Mineralwasser aus! 😀

  9. warum ein Staatschef die contenance verliert (oder zumindest die entsprechende Härte oder Rache übt), ist doch ab der Bedeutungslosigkeit ziemlich peinlich, aber auch erstaunlich.
    Nur zuletzt dies besagt, dass solche Staatschefs nicht zu dem taugen, was sie sollten.

  10. Irgendwie verstehe ich LDs Unmut nicht wirklich. Zwar bin auch nicht vollumfänglich einverstanden mit der Aktion – ich sehe schon eine (für die konservativ Gläubigen) kaum nachvollziehbare Brüskierung. Aus meiner – unserer – Perspektive ist die Aktion vielleicht schon gerechtfertigt, da die Kirche durch die politische Macht korrumpiert ist; bei den Angesprochenen kommt die Botschaft aber nicht an, weil zu viel Geschirr zerschlagen wird.
    Dennoch hatte die Aktion Erfolg – das Thema ist in der russischen Gesellschaft diskutiert worden oder hat überhaupt erst breitere Wahrnehmung erfahren.
    Man kann sich (also LD) auch ruhig überlegen, was denn die Alternative wäre – was wäre die Alternative zu einer kreativen, harmlosen um blosse mediale Aufmerksamkeit haschende Aktion? Die Antwort ist nachzulesen bei Albert Camus‘ „Les Justes“.
    Würde das LD besser gefallen?

  11. Jeder müsste eigentlich wissen, dass durch die Strafaktion dem Fall viel Aufmerksam geschenkt wird, und entsprechend Empörung heraufbeschworen wird.
    Dass es nun trotzdem soweit gekommen ist, lässt darauf schliessen, dass das Regime deutlich machen will, dass es dies nicht duldet, als zeigt es Härte, um die Schwäche zu überdecken.

    Auf lange Sicht ist das der Untergang jeden Regimes.

  12. Wer keine Religiosität kennt, für den ist es natürlich sehr schwer nachzuvollziehen, was ein rücksichtsloser Angriff darauf bedeutet. Und das lediglich, um etwas Aufmerksamkeit in den Medien zu erhaschen. Gewisse Teile der russisch-orthodoxen Kirchenführung mögen vielleicht korrupt sein, aber das rechtfertigt wohl kaum eine solche Aktion! Wenn ein Mitglied einer Sippe kriminell ist und eine Straftat begangen hat, soll man dann gleich die ganze Sippe in Haft nehmen? Sippenhaft hat in einem Rechtsstaat keinen Platz und daher erstaunt mich die Haltung einiger hier doch sehr. Haben das nicht auch die Nazis bei ihrer Judenverfolgung praktiziert? Kein Zweck heiligt die Mittel. Solches wird nur von totalitären Gesellschaften gutgeheissen.

    Wir machen den Fehler, die russische Gesellschaft ausschliesslich an unseren eigenen Wertvorstellungen zu messen. Die Russen ticken etwas anders – in vielen Bereichen sogar ganz wesentlich. Putin mag ein rücksichtsloser und machtgeiler Despot sein. Doch die Russen brauchen einen solchen starken Führer. Mit Demokratie nach dem Vorbild der Schweiz können sie nicht umgehen. Hätte Russland keinen Herrscher mit starker Hand, wäre das Land schon lange unter dem Joch der westlichen Finanzmafia. Für die Russen wäre das viel schlimmer als ein herrschsüchtiger Putin, der sich aber immerhin um sein Land kümmert. Würde Putin nicht für ein Gegengewicht der Kräfte im Nahen Osten sorgen, hätten Israel und die USA den Iran und Syrien schon lange angegriffen und wir hätten dort das grösste Blutbad des Jahrhunderts. Aus diese Medaille hat zwei Seiten.

  13. Gerade die Religion sollte wissen, was Vergebung bedeutet ….
    Und @LD, wenn man schlechtes mit schlechtem vergleicht, wird die Sache nie besser.
    Was die Finanzmafia betrifft, bin ich gleicher Meinung. Darum rechtfertigen Spekulanten und Abzocker ihr Dasein damit, dass sie viel Steuern zahlen (einige wohl nicht mal das).

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